Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1892-11-15 · Heft 21 (15.11.1892) · p. Seite 202

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 21 (15.11.1892)
Date
1892-11-15
Page
Seite 202 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3092672-3092717-3092736--1030-3094039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 202. Selbst-Emancipation Nr. 21. Darum gönnen wir den Anderen das Kritisircn, Verspotten nnd Auslachen. Wir aber wollen die Glaee-Handschuhc ausziehen und unseren doppelt unglücklichen Brüdern die Bruderhand reichen. Sic werden dieselbe mit innigstem Dank erfaffen, sie werden uns trauen. Wir aber gewinnen daun einen breiten Boden zur Entfaltung unserer Thätigleit und unser Ziel, das vorderhand noch entfernt ist, wird uns dann nähergerückt sein. Daß ich nicht vergebens die Anregung gegeben haben möge! Z; im Marcheschwan 5653. Der Nationaljude. Rede, gehalten in der ersten Sitzung des jüdisch-nationalen Vereins „Jung-Israel" in Berlin am 36. Mai 1892. Von Heinrich Loewe, Cami. liist. (Schluss.) Unsere Nationalgcschichte ist ein ehrenvolles Blatt der Weltgeschichte. Und anderseits könnten wir viel und mancherlei von der materiell, ideell und inoralisch unwürdigen Stellung unseres Volkes in der Jetztzeit erzählen. Wir übergehen diese traurigen Erscheinungen, obwohl wir gerade zeigen könnten, wie die Nationalidee des jüdischen Volkes hier Besserung schaffen wird und teilweise sogar schon geschaffen hat. Wir wollen vielmehr hier ganz kurz zusammenfasien, was wir von Jung-Jsracl zu verlangen haben. Einigkeit der Gesammtjudenheit, ist der erste Punkt unseres Programmcs, Einigkeit und Einheit ohne Rücksicht auf Staatsangehörigkeit oder religiöse Uebcrzcugung, Einigkeit nach innen und Einigkeit nach außen, Einigkeit in den Zielen, denen unsere Nation zustrcbcn muss, und auch Einigkeit gegenüber den Feinden unseres Volkstums. Mit der Pflege unserer Volksgeschichtc muss die Belebung unserer schönen hebräischen Nationalsprachc Hand in Hand gehen. Wir wollen ferner nicht mehr etwas von dem ureigenen Wesen unseres hebräischen Volkes von uns abwcrfen, ehe wir uns nicht durch genaue Untersuchung überzeugt haben, dass es wirklich mit der Fortentwickelung der Civilisation keinen gleichen Schritt gehalten; wir wollen dahin wirken, dass unser Volk als Volk unentwegt auf der Bahn fortschreitet, durch die es in den Stand gesetzt wird, als selbstständige Nation mitzuwirken an der großen Kulturarbeit der Menschheit. Wir wollen dahin wirken, dass unser jüdisches Volk endlich einmal aufhören kann, sich vor sich selbst zu graulen, dass es endlich einmal anfängt, sich selbst zu betrachten und sich selbst zu achten. Wir stehen mitten in unserem Volke mitten in der Menschheit. Abschließu.ng und Absonderung kennen wir nicht und wollen wir nicht kennen! Ebenso wie wir einen Kosmopolitismus, der den von der Natur gegebenen Boden des Nationalismus verläßt, für Schwärmerei halten, ebenso stehen wir auch nicht an, jenen Nationalismus zu verdammen, der anderen Nationen die Existenzberechtigung abspricht. Kosmopolitismus ohne Nationalismus ist Schwärmerei, und Nationalismus ohne Kosmopolitismus ist Chauvinismus. Mögen andere Nationen ihren falschen Nationalismus im Hass gegen das Fremde bcthätigen, wir wollen unseren wahren Patriotismus in der Liebe zu unserem eigenen Volke zeigen. Und wir vergessen auch dabei nicht des Staates, dem wir angehören, nnd der Pflichten, die er uns anferlegt. Wir sind treue deutsche Staatsbürger jüdischer Nationalität. Wir haben die gleichen Rechte erhalten, das ist eine billige Förderung. Und so wie wir selber national sind und auch Patriotismus haben, so ist es das beste, wir gestehen auch ein, was wir sind. Wir können und sollen stolz darauf sein, dass wir einer Race wie der semitischen, einem Volke wie dem jüdischen angchörcn, die einen großen Teil der modernen Kultur geschaffen und dieselbe in jeder Weise fortentwickelt haben. Wir müssen bedenken, dass wenn die Juden heute in einem Staate und in einem Lande vereinigt wären, sic das kultivirteste und intelligenteste Element unter allen Menschenrassen wären. Wir brauchen nicht erst eine vieltausendjährige, ehrenvolle Nationalgeschichtc, noch die Blutsverwandtschaft mit Tausenden und Abertausendcn Blutzeugen des jüdischen Volkes zu leugnen, damit die schlanken Taillen gewisser jüdischer junger Leute offizicrfähig werden. Wir brauchen nicht für einige kleine und kleinliche, äußerliche und und materielle Vortheilc an der höchsten und heiligsten und herrlichsten Idee Felonie und Fahnenflucht zu begehen, um doch nichts zu erreichen. Unsere Kulturgeschichte, unsere Nationalliteratur und gar erst unsere politische Geschichte sind beredte Anwälte und Zeugen, die uns anklagen würden, wenn wir sie verrieten. Das ist keine Absonderung von anderen Völkern — dergleichen kennt die jüdische Nation nicht — wir errichten durch das Hcrvorkehrcn des nationalen Gedankens keinerlei Schranken zwischen der Jndenheit und ihren WirtsvölkerN; aber wir vernichten ein für alle Male die schivarz-wciss-roten Grenzpfähle, die falscher Eifer und Opportunismus zwischen uns nnd den Juden verschiedener Länder errichten wollen. Meine Herren, die Idee, die wir vertreten, ist gross und herrlich und edel, möge unser Verein, möge das ganze Junge Israel, möge die hohe nnd heilige jüdische Nationalidee und die ganze jüdische Nation wachsen, blühen nnd gedeihen! Die Heilung des jüdischen Volkes. Vortrag, gehalten am 2. Juni 1892 in Lemberg von Dr. Nathan Birnbaum über Wunsch des Vereines „Zion" im Locale des Vereines „Lelx-mer Israel." (Schluss.) Palästina liegt im Morgenlande, und auch das ist nt. Denn schämen wir uns nicht, seien wir vielmehr stolz ärauf: Wir sind auf unserer Europawanderung so ziemlich Orientalen geblieben, mit unserer glühenden Einbildungskraft, mit unserem regen Gemüthsleben, unserem warmen Temperamente; unserem Sinne für die sittliche Seite des Lebens. Wir hören uns aber gerne als Europäer bezeichnen und rühmen die europäische Civilisation. Wie viel Unheil richtet dieses Schlagwort in gewissen Köpfen an. So mancher junge, übrigens auch so mancher alte Jude, sieht verächtlich auf das „abgelebte" und „ausgelebte" Judentum, auf diesen angeblichen Typus einer versunkenen Zeit hinab, und weiß gar nicht, dass er das Schöpfervolk der europäischen Civilisation vor sich hat. Denn nicht Entdeckungen und Erfindungen sind Civilisation — übrigens haben auch an diesen die Juden hervorragenden Antheil genommen, — sondern die Durchsittlichung der Menschen- und Volksseele sind Civilisation, und diese Civilisation, welche identisch ist mit den Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hat der jüdische Geist auf die Welt gesetzt. Sie sollte eigentlich morgenländische und noch genauer hebräische Civilisation heißen und wenn man sie dennoch die europäische nennt, so geschieht dies wohl deshalb, weil sie von den europäischen Völkern nicht ganz erfasst, nicht vollkommen durchgcführt ist. Die Juden brauchen also nicht zu besorgen, dass sie im Oriente die europäische Civilisation einbüßen werden; im Gegeutheile, dort an der Geburtsstätte derselben, deni Orientalismus wieder völlig zurückgegeben, werden sie wieder reinere Formen derselben schaffen und diese unter sich und — als die geeignetsten für diesen Culturträgerberuf — auch unter den anderen Völkern des Ostens verbreiten. Gegen diese leuchtende Mission, im Dienste des Fortschrittes halten die angeblichen Missionen, welche es als geknechtetes und verkümmertes Golus- und Ghcttovolk in Europa angeblich erfüllen soll, keinen Vergleich aus. Alle Gründe sprechen für Palästina. Die von manchen Seiten gegen dieses Unternehmen ins Treffen geführten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.