Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 21 (15.11.1892)
- Date
- 1892-11-15
- Page
- Seite 201 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3092672-3092717-3092736--1029-3094038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 21. Seite 20 l. Selbst-Emancipation unsere Kräfte sammeln, nur uns in Oesterreich, zunächst in Wien, anszubrciten und bekannt zu machen. Es sind Aussichten vorhanden, dass wir bereits diesen Winter den Weg der breitesten Ocsfentlichkeit werden betreten können; sollte aber wider Erwarten wieder ein Aufschub eintretcn, so kann von diesem das bekannte Wort gelten: „Aufgeschobcn ist nicht aufgehoben." Wir werden unseren jüdischen Gegnern noch recht viel zu schaffen geben, das mögen sie uns glauben. Der Skandal, wie sic eine Bewegung nennen, deren Triebkraft die Liebe und das Selbstbewusstsein ist, wird groß genug werden, um Juden und Nichtjudcn die klugen für die Wahrheit zu öffnen, welche ihnen so lange vorcnthaltcn wurde, für eine Wahrheit, die Friede und Segen stiften wird. Ja, den Herren, die sich in vertraulichen Gesprächen über den Zionismus scandalisieren und ihn vor der Welt verschweigen, werden wir schon die ungelenke Zunge zu lösen wissen. B. Arr die Ziarristerr Galiziens. Was soll in Galizien zunächst unsere Haupttätigkcit bilden? Bei welcher Fraktion winkt uns ein Erfolg? Ist wirklich zu hosfeii, das; die Pseudo-Intelligenz, der nichts über Kriecherei und Genußsucht zu gehen scheint, bald zu unserer Fahne schwört? Oder merkt Jemand Spuren der Empfänglichkeit für unsere heilige Sache bei unseren so cigentüinlichcn Orthodoxen? Sehen wir nicht hier wie dort die größten Hindernisse vor uns cmfgethürmt? Doch gibt es noch bei uns eine Gruppe, bei welcher innere Bemühungen von cincin sehr schönen Erfolg gekrönt sein könnten. Dieser Teil des galizisch-jüdische» Volkes, und er macht die Mehrheit ans, ist ebensowohl auf uns angewiesen, lvic wir vorderhand auf ihn. Ich meine den sogenannten „Pöbel". Wie das gcsammte neuzeitliche Kastenwesen unter den Juden, ist auch der jüdische Pöbel eine ocr traurigsten „Golusblüten", für deren Abschaffung wir thatkräftigst wirken müssen. Der Mann aus den niedrigen Volksschichten ist für das Gute und Wahre empfänglich, wie jeder Andere. maßgebenden Einfluß auf die Finanzen und die Presse erlangen konnten. Deßhalb ist cs klar, daß eine auf ihre Anregung gegründete Kolonie unter dem Schutze des Sultans auch einen ganz bcsondcrn Schutz genießen würde, und daß der Einfluß dieses Volkes auf die einzelnen Regierungen, unter denen sic bürgerliche Rechte genießen, ihr zum Vorteile gereichen würde. Es ist wahrlich zu beklagen, daß eine politisch und strategisch so wichtige Frage, wie die Zukunft Palästinas, in der öffcnrlichcn Meinung mit einer beliebten religiösen Theorie verbunden sein soll. Tic Wiederkehr der Juden nach Palästina wurde so oft aus Vernunfts- oder biblischen Gründen angeregt, daß jetzt, wo sic möglicherweise die praktische und vernünftige Lösung einer großen Zukunftsarbcit werden könnte, eilt Vorurteil gegen sie nur im Geiste Jener platzgreifen kann, die sie immer als ein theologisches Hirngcspinnst, das nicht leicht beseitigt werden kann, angesehen haben. Die bloße Möglichkeit einer Maßregel, die höchst wichtige internationale Folgen herbcifnhrcn wurde, wie dies ein großer Teil der christlichen Bevölkerung glaubte, darf — von einem rein biblischen Standpunkte betrachtet, dessen politische Bedeutung nicht abschwächen. Im Gegenteil: wenn ihre politische Bedeutung einmal zugegeben und nach Verdienst geschätzt wird, spricht die Thatsache, dass sie Sympatie und Unterstützung bei Allen, die in auswärtiger Politik nicht besonders bewandert sind, findeil wird, zu ihrem Gunsten. Ich selbst wollte mich bei dieser Gelegenheit herbeilassen, zu bemerken, dass, soweit es auf meine eigenen Bemühungen ankommt, sie auf Betrachtungen gegründet sind, d:c mit keinerlei religiösen, den Gegenstand betreffenden Theorien Zusammenhängen. Im Falle — der leider kaum zu erwarten ist — dass bei der Pforte weisere Anschauungen platzgrcifen, und solche Einrichtungen in Konstantiiiopel getroffen würden, die dem Kabinet Halt und Antchen verschaffen und die Anhänglich- Er ist weder der Rcligioilsfciiicitiker, der „ns mißtrauen und von sich lveisen sollte, noch ist er mit seiner jetzigen' Lage so ganz zufrieden, wie unsere Glücksritter, die deßhalb für Alles, außer dem Klange Manimons, taub sind Hcrabgckommcn ist er nur, der jüdische Mann aus dem Volke, nur unglücklich, nur elend ist er, dank den jüdischen Volkssührern in Galizien, von denen die einen ihm nur den Himmel sichern wollen, während die andern ihn europäisch gekleidet und deutsch oder polnisch sprechend haben möchten. Verdorben ist er aber nicht, ja auch nicht vorcingeiiominen. An das Volk laßt uns Herangehen und uns an dasselbe wenden! Wir sollen vorurteilslos sein, uns ziemt der unheilvolle Patrizicrstolz nicht. Jeder Jude, und seien auch seine soziale Stellung und sein intellektnellcr Zustand die niedrigsten, muß von uns als Sohn unseres Volkes betrachtet werden. Vor dieser Bruderschaft müssen alle anderen kleinlichen Rücksichten weichen. Doppelt ist unsere Aufgabe bei diesen unseren unglücklichen Brüdern: Die Verbreitung von Licht, Erkenntnis;, Kultur, Ordnung -c. als Basis des Wohlstandes einerseits und die Agitation für unsere interterritorialen Bestrebungen anderseits; diese beiden Thätigkcitcn müssen aber Hand in Hand gehen. Unsere Aufgabe ist schwer. Ich fürchte fast, daß wir sic nicht bcivältigen werden. Warum ich so verzagt bin? Weil ich unter den galizischen Gesiiinuugsgcnofscn, die zwar größtenteils mit Herz und Seele ihrem Lebensidcal ergeben sind, kann; solche zu finden glaube, die wirklich in; Sinne hätten, der falschen öffentlichen Meinung und den; sog. Anstand zu Trotze sich mit defekt gekleideten und auch nicht halbwegs modern aussehenden Leuten abgcben zu wollen. Hier ist die wunde Stelle! Denn, wen» >vir das Volk für uns gewinnen wollen, das; cs sich von uns leiten lasse, und für unsere heilige Sache sich begeistere, dann genügt es nicht, ihm von der Höhe herab, wie die Anderen es thnn. Gönnerblicke znziisendcn. Wir muffen vielmehr unter dasselbe gehen, seiner Gesellschaft nicht answcichen und ihnc eine brüderliche Hand zur Hilfe, keine Gönncrhand zum Kuffc, reichen. „Aber was wird die öffentliche Meinung dazu sagen?" Ja, die öffentliche Meinung, — der Tod alles Großen und Edlen! Wer aus diese achtet, der toird ein allgemein geachteter Mann, ein ehrenwertes Haupt bleiben. Aber auch nicht mehr. Wir aber wollen ja mehr sein oder erst werden: Bolksretter. In Uebcreinstimmung mit der jetzigen öffentlichen Meinnng können wir cs nie werden! kett der Minister an das Land festigen möchten durch die Gründltng einer vom Volke gewählten, wenn auch kleinen Kammer, ist es möglich, dass die von mir erwähnten Gefahren abgewendet werden könnten und daß ein neues und besseres Regierungssystem, unter dem die bestehenden Mißbräuche abgeschafst würden, eingeführt werden könnte. In diesem Falle würde das Umsichgreifen eines Versuches der Colonisation — wobei alle Ansiedler ipso facto ottomanische Unterthanen werden würden — eine Machtquelle für die Regierung des Sultans werden. In der That, wenn sich das System, nach dem die Colonie errichtet würde, bewähren möchte, könnte es als Milster für das übrige Syrien und Kleinasien dienen, ebenso als Mittel zur Beleuchtung der Nutzlosigkeit von Klassenunterschieden, die wirklich, wenn auch indirect, die Unterthanen Sr. Majestät in zwei Classen teilen helfen, so wie es jetzt geschieht, und ein ernstes Hindernis der Reform bilden. Dann gäbe es keinen Grund, warum Christen unter manchen Umständen Schutz und Vorrechte genießen, die den Muselmännern versagt sind, und unter anderen das Opferbesonderer Verfolgung sein sollten; denn dieselbe Behandlung sollte ihnen zuteil werden, die der Colonisten Regierung verbürgt, ohne consularische Einmengung. So lange die rivalisierenden christlichen Gemeinden — deren es in Syrien allein 14 gibt, 7 katholische und 7 nichtkatholische — mächtig genug sind, den ihnen zukommenden ausländischen Schutz anzurufen, wenn sie sich mit Recht oder Unrecht von der Regierung oder sonst jemand gekränkt fühlen, so lange wird jede Hütte die Pflanzstätte diplomatischer und religiöser Jntriguen sein, und das Ansehen der gesammten Regierung wird untergraben, bis schließlich das Schicksal, das die europäische Türkei infolge von Einmischung und Eingriff in seine innern Angelegenheiten getroffen hat, auch die asiatischen Provinzen seines Reiches befallen wird. (Fortsetzung folgt.)