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Selbst-Emancipation · 1892-11-15 · Heft 21 (15.11.1892) · p. Seite 200

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 21 (15.11.1892)
Date
1892-11-15
Page
Seite 200 (sequence 2)
Language
German
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Seite 200. Selbst-Emancipation Nr. 21. nichts weniger als liebenswürdigen Aufmerksamkeit seitens der maßgebenden jüdischen Kreise. Wir werden bereits, — wir sind darüber genau unterrichtet — als eine „Gefahr* betrachtet. Hart neben die Socialisten und Anarchisten stellt uns der fromme Sinn einiger Assimilantenchefs, und wenn sie ein Sibirien hätten, und das Recht, ihnen Missliebige dahin zu versenden, wir müssten in Ketten geschlossen den Weg dahin antreteu. Was will denn nur dieses Nationaljudentum, dieses i-utant terrible, das nicht zu allem Widersinn, den die Herren verbrechen, Ja und Amen sagt, in Wien? Dieses Häuflein, wenn auch noch immer ein Häuflein, zeigt leider doch eine wachsende Tendenz. Und ein Blatt haben sie auch, die Bösen. Das verführt so Manchen. Aber das wäre noch zu verwinden. Doch wie, wenn es einenl liberalen Christen unter die Augen käme? Könnte es ihm nicht den Appetit znm Philosemitismus verderben? Und dann, dann wäre ja alles gefährdet; dann könnte die antisemitische Woge zur Sintflut anschwellen, in welcher es — für die „mosaischen Deutschen" keine alberne Eitelkeit mehr zu befriedigen gäbe. Hat man das ja gehört: Tie „Unverfälschten Deutschen Worte" und das „Deutsche Volksblatt" citiren ein jüdisches Blatt, um Argumeiitc für ihre Thronen zu finden? Wohin soll das führen, gibt es kein Mittel gegen solche Schädlinge, ivie die Nationaljuden, welche die süße Ruhe und das behagliche Glück des Wiener Jildentums stören wollen? Soll mau den Leuten offen entgegentreten? Nein, das kann man denn doch nicht. Zuviel Beachtung darf man der Sache nicht zu schenken scheinen, es könnte ihr Anhänger verschaffen, überhaupt den Skandal — eine thatsächlich gefallene Bezeichnung — vergrößern. Man kann vorläufig nichts thun, als hoffe», die unliebsame, unbequeme Geschichte werde,von der Tagesprcffe todtgeschwiegcn, von selbst im Sande verlaufen. Das Tand Kilead; mit Ausflügen in den Libanon, von Lore»; Gtiphnnt. *) Ans dem Englischen übersetzt von Siegfried Glaser und mit Anmerkungen versehen von Dr. Moritz Grün Wald, Rabbiner, beide m Junqbunzlan. (8- Fortsetzung.) Wenn ich NUN in Folge der Weigerllng des Sultans, dieses zu thun, auf feine politische Handlnndsweise anspielc, geschieht es nicht, weil ich jenen Bestand schwächen wollte, sondern weil, während es ohne Zweifel in Englands Politik liegen sollte, alles mögliche zu thun, um den Sultan in seinen Bemühungen, betreffend die Reform in der Verwaltung seiner Regierung, zu unterstützen, und in seinem eigenen Interesse alle gesetzlichen Mittel gegen Se. Majestät in der Richtung zu gebrauchen, wir das Faktum nicht übersehen können, daß der Widerspruch gegen eine Reform in gewissen Gegenden ' so geartet ist, daß er die Aufgabe fast hoffnungslos macht, und' daß die Gefahr einer vorzeitigen Auflösung des Reiches mit jedem Tage wächst. Es ist höchst bedauernswert, daß die Bemühungen Englands, eine solche Katastrophe abzuwenden, in Konstantinopel als ein Wunsch nach dem Besitze von Kleinasicn mißdeutet werden konnten, eine falsche Auffassung, die sich in einigen offiziellen'Gemütern so fest eingebürgert hat, daß die wohlgemeinten Bemühungen, das türkische Reich zu festigen und zu stärken, dein Verdachte und Widerspruche begegneten, bis die Katastrophe schließlich dro'.cnd wurde, welche abzuwenden nicht minder im Interesse Englands als der Türkei lag. Wenn die Pforte unmittelbar nach dem Berliner Vertrag offen nach dem Rate Englands gehandelt und an die Aufrichtigkeit seines Wunsches, Klcinasien dem Sultan zu erhalten, geglaubt hätte, statt den Ver- *) London und Edinburg 1888. Es ist ein schwacher Hoffnungsanker,. an den sich die Herren anklammern, und sie werden es wohl selbst ahnen; daher ihre Unruhe, ihre Entrüstung. Wir wollen über die oberflächlichen und aus allem anderem als richtiger.Logik und wahrem Empfinden zusammengesetzten Urteile dieser Männer hier nicht viel Worte verlieren. Wer unser Blatt vorurteilslos liest, wer seine Ideen kennt, der weiß, was er von uns zu halten hat, der wird über, die bekannte Angst des Spießbürgers vor jedem Neuen, Großen nur lächeln. Der Fuhrwerksbesitzer, der gegen den Bau der teuflischen Eisenbahn agitirt und die jüdischen Honoratioren, welche den Zionismus als Umsturzgedankcn verdammen, sie stehen auf einer Stufe der Dcnkentwicklung und des Gemütszustandes. Solchen Leuten aber werden wir doch nicht den Gefallen thun, unsere Bewegung in Wien im Sande verlaufen zu lassen. Im Gegenteile, wir werden ihnen zeigen, dass sich die siegende Kraft der Wahrheit durchringt, trotz alledem und alledem. Die Wiener Presse verschweigt Alles, was ihr nicht gefällt, Gutes und Schlechtes, so lange sie kann. Sie hat aber damit noch nie einen Erfolg errungen, wenn cs nicht sein sollte. Das Böse kommt oft an die Oberfläche, um sich auszutoben, und das Gute, um sich auszugestalten. Fast noch nie. hat sic ihr Schweigen dauernd behaupten können; die Presse kann eben nicht Geschichte machen, so sehr sie es sich auch einbilden mag. Die Geschichte geht ihren Weg, und den Parteien, welchen, seien ihre Ideale wahre oder falsche, von der Geschichte eine Rolle auf der Weltbühnc zugedacht ist, finden endlich die Kraft, um dort aufzutretcn. Es ist kein Zweifel, dass wir diese Kraft finden werden, wir sind ja von der geschichtlichen Notwendigkeit unserer Betvcgnng durchdrungen. Darum wollen wir den Mut, trotz der augenblicklichen Schwierigkeiten nicht verlieren. Wir müssen dacht zu hegen, England wünsche cs für sich zu erobern, glaube ich, daß die im Mittelpunkte beginnende und bis an die Grenzen des Landes fortschreitende Reform gegeihlich hätte vvllführt werden können. Unglücklicherweise ist es nun zu spät, die Geduld Englands ist erschöpft, neue politische Bündnisse sind entstanden, und cs geziemt uns, den Verwickelungen, die aus den geänderten Beziehungen zwischen England und der Türkei entstehen können, zuvorznkommen. Die politischen Vorfälle im Osten haben sich so gestaltet, daß Palästina und insbesondere die Provinzen östlich vom Jordan ihrer geographischen Lage nach jetzt zur Achse geworden sind, um die sich jene schließlich drehen müssen. Zwischen den heiligen Stätten Jerusalem und der asiatischen Grenze Rußlands, zwischen dem mittelländischen und rothen Meere, zwischen Syrien und Egypten gelegen, muß ihre strategische Bedeutung und politische Wichtigkeit auf den ersten Blick einleuchten; und .der Tag mag wahrscheinlich nicht sehr fern fein, wo man cinschcn wird, daß die wichtigsicn Interessen der britischen Herrschaft gefährdet werden können, wenn außer acht gelassen wird, sich gegen Eventualitäten, die nun in der nächsten Zukunft erscheinen, vorzusehen. Ich habe dies im letzten Kapitel ausführlicher besprochen, als auch die Politik, von der mich meine einjährige Geschäftsführung*) zu Konstantinopel glauben läßt, daß sie wahrscheinlich die gewünschten Erfolge sichern würde. Auch dürfen wir mit Rücksicht auf dieses Projekt und die wahrscheinliche Zukunft Palästinas die große Veränderung nicht übersehen, die in den letzten fünfzig Jahren in der Stellung des jüdischen Volkes, die cs den europäischen Regierungen gegenüber cinnimmt, cingetretcn ist. In Folge der frcisinnigcrn Politik, gemäß der sic in den letzteren Jahren behandelt wurden, konnten sic an Gütern und Zahl znnchmcn, während sich ihre gesellschaftliche und politische Lage so verbesserte, daß sic in vielen zivilisirtcn Ländern einen fast *) Als politischer Agent. M. G.

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