Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 20 (23.10.1892)
- Date
- 1892-10-23
- Page
- Seite 196 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 196. Selbst-Emancipation Nr. 20. Umstand verdient umso mehr hervorgchobcn zu werden, als Herr Rabb. Dr. Caro von einigen Gesinnungsgenossen cingeladen, irit Tcnipel eine' Trauerscier für Gordon veranstalten zu lassen, diese Einladung ablchnte, indem Hochwiirdcn erklären, sich nicht von bcr „Przyszlosc“*) „hoftncistcrn" lassen zu wollen. Wie dem „Freien Blatte" zu entnehmen ist, kündigt Mechaniker Schneider eine galizische Agitationsreisc an. Die Statuten des jüdisch socialistischcn Vereines „laä hachasuku“ haben bereits die behördliche Genehmigung erlangt. Zur Charakteristik unserer/jüdischen Socialisten möge cs dienen, dass die constitnirendc Generalversammlung von einem gewissen Herrn I . i . ., der noch vor nicht allzu langer Frist in k. k. staatlicher Versorgung weilte, die ihm seineiHcit auf acht Monate fest zugcsichert worden war, einbernfen wurde. In vertranten Kreisen wird sogar gemunkclt, dass die k. k. staatliche Versorgung dem Manne nicht wegen politischer Umtriebe, sondern wegen Thcilnahnic an einem Diebstahle gewährt Ivorden sei. Russland. Elrsabrthprad, 16. October 1892. Nach den russischen Zeitungen cxistirt ein Projcct, die Apotheken zu verstaatlichen. Nachdem in den von Juden bewohnten Gegenden dieselben meistens die Äpothekenbesitzer und Provisoren sind, andererseits aber Inden nicht in Staatsdiensten stehen können, so würde die Verwirklichung dieses Projektes einer neuen/ Katastrophe glcichkommen. Ueber Antrag des hiesigen Arztes Dr. K u t s ch e r s k y haben die jüdisckien Acrztc unserer Stadt, beschlossen, jeden Sabbat Nachmittag in der Synagoge über das .Verhalten gegenüber der Cholera — dieselbe herrscht in unserem Gouvernement — zu halten. Den ersten Vortrag hielt Herr Dr. K u t s ch e r s k y selbst. Er sprach gut und gemeinverständlich. Bekanntlich darf die Zahl der jüdischen Universitätshörer in Russland nur 5 °/0 der Gesammtzahl der Stndircndcn ausinachen. Biele absolvirte Gymnasialschülcr wissen daher nicht, was beginnen. Einige wandten sich an eine argentinische Universität mit der Anfrage, ob dort russische Maturitätszeugnisse Geltung hätten. Sic erhielten unter.Hinlvcis ans das Rcciprocitätsprincip — Russland erkennt auch nicht argentinische Maturitätszeugnisse an — eine verneinende Antwort. Zxri. Frankreich. Karls, den 10. October 1892. Hier veranstalteten die „Zionsstcunde", der „Verein russisch-jüdischer Studenten" und der Verein „Safah berurah" Trancrkundgcbnngcn für den großen dahingcgangcnen hebräischen Dichter Jehndä Leb Gordon. Spcciell im. letzten Vereine, sprach unser Gesinnungsgenosse, Herr Universitätsprofessor Josef Halevy. Jerusalem, den 3. October 1892. .Am 26. v. M.' wurde hier die neue Eisenbahn Jaffa - Jerusalem eingeweiht und dem Verkehre übergeben. Nicht blos die „Alten", auch die „Jungen" hatten nicht mehr daran geglaubt, dieses Ereignis . erleben zu können. Nach einander hatten zwei Conccssionäre das Projekt aufgegcben, indem sic die der Regierung geleistete Caution verfallen ließen. Was die Einweihungsfeicr selbst betrifft, so verlief sic glänzend. Aus der türkischen Residenz waren hohe Würdenträger gekommen, mit ihnen zusammen der Conccssionür der Bahn, unser Stammcsgcnosse Josef Effcndi Nav on, der leider, bezeichnend genug, trotz der größten Bcmüh'ungen, die jüdischen Finanzkreisc Europas nicht für die Bahn hatte intcressircn können. Unter den Klängen der Militärmnsik fuhren Züge, aus Jaffa ko,umend, ein. Am Abend fand ein Banquett statt, zu welchem der Pascha von Jerusalem die Einladungen aussandte. Die Nachricht, dass Baron Edmund Rothschild die Erlaubnis zur Anlegung von 27 neuen Colonieu in Syrien erhalten habe, ist gänzlich aus der Luft gegriffen. Amithi. Chronik. Urr Drffinrrvrti, welchen deutsche und österreichische Officicre imigst zwilchen Berlin und Wien ausgeführt haben nnd wobei scchsundzwanzig edle Racenpferde jämmerlich zu Tode geritten ivurden, veranlasst den Mainzer „Israelit" zu einer gerechtfertigten und scharfen Parallele *) Die „P.“ forderte in der ersten Nummer, ohne den Namen des Nabb. Dr. Caro zu nennen, die Tcinpelvcrwaltung zur Veranstaltung einer Feier für G. auf. Der B e r i ch t e r st a t t e r. zwischen dem sächsischen Verbot des jüdischen Schächtcns als einer an- , geblichen Thicrqnälcrci . und den begeisterten Jubel über den „Gewaltritt" von Berlin nach Wien und vice versa, Assimilations-Früchte. Die „Ocstcrr. Wochenschrift" theilt mit, dass der Ledergalanterie - Waaren - Erzeuger B u ch w a l d im VII. Wiener Bezirke seinen Lehrling, welcher bereits das dritte Jahr bei ihm ' in Arbeit steht, aus dem Grunde aus seinem Gewölbe hinauswarf, well, er am 2. Tag des Neujahrsfestes nicht bei der Arbeit erschien. Der „gamagid," welche 36 Jahre.in Lyck (Ostpreußen) - zuletzt in Berlin unter Leitung des Herrn Samuel Fuchse erschien, wird demnächst nach mehrmoiiatlicher Unterbrechung unter der Leitung desselben Herrn und unter deni geänderten ■ Titel „Hamagid hachadasch" in Krakau erscheinen. Nedactions- Adresse: Josef Fi scher, Buchdruckerei, Krakau, Grodgasse 62. Ans Russland. Nach der „Neuen Freien Presse" soll in der Judenfrage zwischen Pobed onoszew und Witte eiu Gegensatz der Anschauungen bestehen. Letzterer widersetze sich Bedrückungen, die auf den Volkswohlstand in ungünstiger^ Weise zurückwirken. Ans Argentinien, Audiatur et altera pars. Wir sind in voriger Nummer entschieden gegen die Colonisation russischer Juden' in Argentinien, namentlich unter Baron Hirsch'scher Patronanz, aufgetreten, und werden noch Gelegenheit nehmen, diesen Standpunkt zu vertreten. Nichtsdestoweniger sind wir auch bereit, Meinungen und Nachrichten von entgegengesetzter Tendenz zu registriren. Unser rühmlichst bekannter Gesinnungsgenosse, der Führer derLondoner Zionisten, Herr Elim d'A.vigdor erhielt von Colonel Golsmid folgendes vom 31. August datirtcs Schreibens: „Der Kolonisationsplan des Baron Hirsch nimmt immer mehr, wenn auch nur langsam nnd Schritt vor Schritt, eine greifbare Gestalt an. Die Schwierigkeiten und Hindernisse, gegen die ich anzukämpfcn. hatte und noch habe, auch nur annähernd zu beschreiben, fehlen mir die ., geeigneten. Worte. Leute/ die zuverlässig und zugleich arbeitsfähig sein sollen, sind leider. selten zu finden. Trotzdem sind, in den Coiouicn' bereits Häuser erbaut, die von ■ arbeitsamen, dem Ackerbau obliegenden jüdischen Colonisten bewohnt werden. Als ich hier anlangte, fand ich, Maarizia als eine von circa hundert Familien a bewohnte Stadt vor. Leider befanden sich unter denselben viele Faulenzer und Nörgler, die/ ihren schädlichen Einfluss auch auf biif Nüchternen nnd'Strebsamem geltend zit machen suchten. Es gelang mir aber, insofern Remednr zu' schaffen, als ich die Familien getrennt von einander ansiedele, damit.sie nicht allzu oft mit einander verkehren können, und sie zur-Arbeit , anhalte.' In einem jüdischen Blatte las ich eine abfällig, gehaltene Kritik über die Administration der Colonien sowie eine Mittheilnng von/ hier, „dass 600 Familien nach Europa zuriickgekehrt seien, das religiöse^ Leben ließe noch viel zu wünschen übrig,, cs seien leine Schächter in den. Colonien und die Colonisten wären darüber sehr anfgehaltcn." Diese Mittheilungen aber beruhen zum Theil auf Uebcrtreibungcn und zum' Theil ans Lug nnd Trug.. Wahr ist nur, dass 120 Familien nach Europa zurckgekehrt sind, und zwar nur solche,, die in Argentinien zu - bleibcn keine Lust hatten oder nicht arbeiten lvollten, oder solche, welche ihren rebellischen Cinflnss ans die Soliden nnd Arbeitsamen anszuüben, bestrebt lvarcn. Schächter sind hier eine Menge vorhanden; manche von ihnen sind hochanständige Leute, viele aber machen ans ihrem Amt ein' schmutziges Gewerbe und verursachen durch ihr «irreligiöses Leben ein- „Chillul Laschem“. — Der Bau von Gotteshäusern und Schulen wird/ recht bald in Angriff genommen werden. Ich hielt es l»r meine Pssicht,. znfördcrst für die' Fertigstellung von Häusern für die Frauen und Kinder der Colonisten, die sich früher in Zelten nnd Hütten aufhielten, Sorge zu tragen. Leider sind hier Leute, die selbst die spätesten rabbinischen Gesetze mit peinlichster Sorgfalt ausüben, die göttlichen Gesetze der zehn/ Gebote aber. geradezu mit Füssen treten. Was die mich betretenden Aiischwärzungcn und Bcrlänmdnngen anbclangt, so wundere ich mich gar. nicht darüber. Jeder Aufseher, den ich, gewiß, weil er cs verdient, seines. Amtes entsetze, und jeder Colonist,.den ich wegen seiner Faulheit und' wegen lnderlichen Lebenswandels ans den Colonien verweise, sind selbstverständlich nachher meine Feinde." Aus Persien. DaS geistliche Oberhaupt von Hainadan hatte ■ die Nieder,netzimig der Juden angcordnct. Dieselben hielten sich versteckt.- Am 24. September erhielt der Londoner Oberrabbincr Dr. A d l e r von einem Lehrer in Bagdad eine Depesche, welche ihm die gefahrdrohende Situation der Hamadcner Gemeinde mit Berufung auf ein Telegramm, derselben mitthcilte, und um Hilfe bat Daraufhin wandten sich die Vorstände der Londoner Israel. Gemeinde und der' Anglo-Jcwish- Association solvie Lord Roth s ch i l d an Lord R o s e b e r r Y mir der, Bitte nur Intervention. Der Minister veranla'ste das Nothwcndige, und. der Erfolg >var, dass der Schah die strenge Weisung gab, die Verfolgung der Juden cinznstcllen und ein halbes Bataillon Militär nach Hainadan kam, um die Ordnung aufrecht zu crhaiten.