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Selbst-Emancipation · 1892-10-23 · Heft 20 (23.10.1892) · p. Seite 197

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 20 (23.10.1892)
Date
1892-10-23
Page
Seite 197 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 20. Selbst-Emancipation Seite 197. Professor Dr. Kampf, k. k. Regierungsrat, gewesener Professor der orientalischen Sprache an der Prager Universität, Rabbiner und Prediger der Israelischen Cultusgemeinde Prag, ist am 16. d. M. in Prag im 79. Lebensjahre gestorben. Kämpf war ein glänzender Kanzelrevner, ein hervorragender jüdischer Gelehrter, und ein fruchtbarer Schriftsteller und Dichter.. Aus dem Lager der Socialdemollratie. Es fällt uns nicht bei, den deutschen Sncialistenführcr Liebknecht als Gewährsmann fiir die Berechtigungnationaler Gesinnung zu führen, — aber eine Aeutzerung desselben möchten wir doch unseren jüdischen Socialisten zur Beherzigung enipfehlen. Liebknecht lvar jetzt in,Frankreich und wurde dort über den eventuellen deutsch-französischen Krieg interviewt. Er meinte die deutschen Socialdemokraten würden sich im Falle eines deutschen Angriffskrieges gegen die Regierung erheben; im Falle eines französischen Angriffes' würden ■ sie sich erinnern, dass sie Deutsche seien und das Vaterland vertheidigcn. — Vielleicht würden sich unsere jüdischen Socialisten bei dem Angriffskriege, den die ganze Welt gegen uns führt, nach ein wenig erinnern wollen, dass sie Juden seien. | Michael Erlanger. | Die Judenheit hat wieder einen großen Verlust zu verzeichnen. Erebh Jom Kippur starb in Avray bei Paris Michael Erlanger. Er war Vicepräsidcnt des Pariser jüdischen Consistoriums und bekleidete noch andere jüdische Ehrenposten. Unzählig sind seine Verdienste um sein jüdisches Volk, dem er mit heißer Liebe zngethan war. Einen unsterblichen Namen hat ihm aber insbesondere seine Thätigkejt fiir die Sache der Colonisation Palästinas gesichert. Wenige gibt es bisher, die sich rühmen können, so Vieles für den praktischen Zionismus gethan zu haben. Er wußte Baron Edmund Rothschild für die Colonisation zu interessiren, als Vertreter desselbeil ist er für die Zionssache bis zu seinem Lebensende unermüdlich thätig gewesen. Die Spitzen des französischen Judenthums gcleiteien ihn auf seinem letzten Wege. Er hat cs verdient. Secher Zadik libhracluih. Recensionen. Iawiü's neueste Schriften.*) — P’ri haarez (1. Theil), Klänge aus der Vorzeit. — Der Psiff der Locomotive in Jerusalem hat jüngst den Blick der Europäer auf ein kleines legenden- und poesieunttvobenes Land in Asien gelenkt. Die Meisten freuten sich über diesen Psiff als den Verkünder der Verbreitung enropäifcher Cnltur im Lande Israels. Anderseits gab cs Gemüthsmenschen, welche bc>orgten, da,s die Blüten des Landes der Poesie und der Majestät vor dem Rauche der Danipfmaschine welken würden, dass der Schlaf der Tobten durch den Lärm des unruhigen Europa, welches durch den Dampf Palästina genähert wird, gestört werden könutc. Aber cs besteht kein Grund zur Freude der Eiiwn und zur Sorge der Andere». Beide habe» eben nur. den grellen Psiff der Locomotive gehört, doch sie haben nicht die leise Stimme der hebräischen Sprache vernommen, welche im Munde der besten Schriftsteller des Landes zu neuem Leben ersteht. Nicht das Rädergeraffcl der Eiseubahnwaggons wird die Civilisatiou nach Palästina bringen, sondern in der Wiederbelebung, Verjüngung, Erweiterung und Stärkung der hebräischen Sprache liegt die Quelle einer wahren Civilisation für das heilige Land. Sowie im Altertum die Sprache unserer Profeten das Wer'zcng der palästinensischen und später einer Weltcivilisatron wurde, so ist sie auch heute bestimmt, neues Leben und Bewegung im Lande Israel zu schaffen. Während die jüdischen Gelehrten im Abendlande die hebräische Sprache als eine Mumie betrachten, deren Platz einzig und allein in den Museen ist, ist sie in Palästina lebendig worden. Wer die Arbeiten Ben-Jehuda's und Jawitz's liest, mutz über die gewaltigen Fortschritte staunen, welche das Hebräisch im heiligen Lande gemacht hat. Der _Grj"te hat in unserer Nationalsprache einen einfachen leichten Stil geschaffen; er hat sie für den Alltagsgebrauch geeignet gemacht, so dass sie, wie alle anderen Sprachen, mit Menschenschritten über die Erde wandeln kann; BenJehuda's Sprache ist reich, stark, lebendig, annmtig. Er flickt sie nicht ans Bibel- Versen zusammen, er jagt nicht nach einer albernen, unnützen Poesie. Sein Hebräisch ist originell, aus einem Gutze, einfach. Bei der Lectüre seiner Artikel wird man nicht durch das Geklapper des grammatischen *) Diese Besprechung ist im Original-Manuscript hebräisch. und philologischen Rädcrtvcrks gestört, welches sich bei hebräisch schreibenden jüdischen Gelehrten Europas, namentlich im Westen, recht lästig vernehmbar niacht und ein lächerliches, verderbtes Hebräisch verursacht. Ben Jehuda's Sprache lebt und wirkt belebend aus Hirn und Herz. I a w i tz wiederum hat die Majestät und Schönheit der hebräischen Sprache vergrötzert, er hat ihre Zartheit und Lieblichkeit erhöht, ihre Kraft genichrt. Der Thau des Hermon ist über den Liedern Jawitz's ausgegossen, der Tust der Libnnonsblumen, der Rosen in den Thälern, der Lilien von Saron, weht aus ihnen. Klar wie die Jordansivogcn, und sachte wie die Wässer des Siloahbaches fließen seine Worte dahin. Die Sprache J awi tz's ist voll dichterischen Schwunges einerseits und voll philosophischen Matzes anderseits. Echt orientalische tiefsinnige Poesie ist die Signatur seiner Werke. R. Brainin. (Schluss folgt ) Diblire j’me Jissrael.’) G e schichte d e r I u d e n, von Prof. Dr. H. G r a e tz ins Hebräische übersetzt, und mit Anmerkungen und Noten versehen von S. P. R a b i n o w i tz. 2. Theil. Warschau. Der Ucbersetzer hat alle Lücken, Mängel und Jrrthümcr, die sich in dem Werke des grotzeu Geschichtsforschers finden, auf eine geradezu bewundernswerte.Wense und mit grosser Genauigkeit, trotz aller Kürze, cmendirt. G r a e tz' s Geschichte ist in der Uebcrsetzuug von R a b i n o w i tz zu einem neuen Gebilde geworden. Die Spräche der Uebcrsetzuug ist rein, leicht, annmthig-. Wenn cs eine Seelemvanderung mit der Tendenz nach Läuterung gibt, dann kann gesagt werden, der Geist des grotzen Graetz konnte seine Wanderung nur nach der hebräischen llebcrsetzung R a b i - nowitz's antreten, welche der neu hebräischen Literatur zpr Ehre gereicht R. B. Eäritur-Kilder aus dem jüdischen Leben m Galizien. Nene Folge. Bon Nathan Samuel y. Leipzig 1892. Ter Verfasser ist schon, längst als ein fein beobachtender und stilvoller Darsteller der galizischjüdischen Berhältniffe bekannt. Das vorliegende Buch zeigt uns wieder den Meister in der Vollkraft seines Talentes. Es hält schiver, aus den 25 Bildern der neuen Folge die besten heransznsucheu,' sie sind alle Perlen >ch,lderndcr Klcininalcrei. Gerne zollen wir Samuely'S hohem Talente die gebührende Anerkennung, aber noch lieber danken lvir ihm für seinen ivarmcn, jüdischen Patriotismus, der ans jeder Zeile seines Werkes hervorlugt. Sticht, als ob sich der Verfasser in den Culturbildcrn als bedingungsloser Nationaljude entpuppen würde — davon ist er noch sehr weit entfernt, er ist eben ein Kind aus der guten alten galizischjüdischen Culturkampfzeit, jede Zeile seines Buches verräth das — aber cs zeigt sich bei ihm bereits ein leiser Ansatz zu neueren, nationaleren, von nicht blos culturkampslich'N Gesichtspunkten , ausgehenden Anschauungen. Der jüdische Patriotismus dringt in Samuel >> niik elementarer Gewalt durch, —;a, Patriotismus, nicht „Pflicht der Pietät als Sohn und Jude", wie eine deutsche — übrigens lobende — Recension das genannt hat. Dieser Patriotismus ivird wohl auch Schuld daran haben/ dass sich der Autor „nicht schon, längst einem anderen weniger einseitig begrenzten Stoffgebiete zugewandt hat". — Nur so ist cs zu verstehen, wenn Samuel y sich nicht scheut, die assimilatorischen Berreukuiigen der Modelnden in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu zeichnen. Wir kennen ihn von dieser Seite schon aus seinem „Rur nicht jüdisch", das vor einigen Jahren in unserem Blatte besprochen ivurde. „Die Göthetorte" in der neuen Folge der „Ciiltnrbilder" ist in dieser Beziehung auch recht köstlich. „Fräulein Olga" schämt sich ihrer „abscheulichen Alanin", weil diese sie „Olgaleben" nciint, singt am „litterarischen Abend" „die Hand an das Herz gedrückt und die verdrehten Augen gegen die Zimincrdccke gerichtet, mit schmachtender Stimine" und sinkt am Tage nach dem durch die Persidie einer Köchin so jämmerlich abgeschlossenen Göthc-Abend mit dem Hilferufe „Herr Jesus und alle Heiligen" halbohnmächtig hin, als sie das Localblatt liest, das sich über die „G h e t t o torte" und sie selbst lustig macht. — Fräulein Olga, ihr Vater, jetzt Heinrich, ehemals Herschku,' in welchem „kein Bröserl von Aufklärung da ist", wie Olga's Mutter behauptet, und diese selbst, auf ihren „tartarischen" Abend so stolz, — sie sind ein prachtvolles Trio. Diesem humoristischen Bilde stellen wir am liebsten ein recht ernstes Bild, „Verstellt", zur Seite, welches, das einzige im Buche, nebst dem reinen Schildcrungszwccke auch noch einen allegorischen Zweck verfolgt. Es ist Purim. Jakob, Jankicl, da-s Kind einer armen Matrone, die in einem Dachstübchen wohnt, Ivill hinunter, sich „verstellen", um von gtücklichcren Leuten einige Kreuzer z,c bekommen, Jacques will er fortan heitzcn. „So lass cs doch, mein Kind", wehrte die Mutter, „Tu bist-nicht dafür geschaffen, Deine Eltern und Urcltern haben sich nicht verstellt, bleibe nur lieber, was Tu warst — ein Jakob!" Jakob gehorcht aber nicht. Er eilt weg. „Wir können Deine Ainttcr nicht ausstchcn", muß er draußen hören, „die alte und stolze Bettlerin, die sich absondert und sich mit uns nicht mengen ivill". „Aber ich will ja Euch gehören, Euch überall mithelfcn und mit Euch Eins sein", ruft er. „Dann sage Dich ganz von Deiner Mutter los, die uns ein Dorn im Auge ist, und wir nehmen Dich mit Freuden auf." Das bringt er doch nicht über sich, er zieht weiter. „Wovon er jetzt ganz beherrscht war, war das Verlangen, Geld zu sammeln, recht viel Geld, damit es zu Hause nicht gar so trüb und traurig anssehe...." „Du bekommst gar *) Diese Besprechung ist im Original-Manuscript hebräisch.

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