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Selbst-Emancipation · 1892-10-23 · Heft 20 (23.10.1892) · p. Seite 194

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 20 (23.10.1892)
Date
1892-10-23
Page
Seite 194 (sequence 4)
Language
German
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Seite 194. Selbst-Emancipation Nr. 20. auch diese Möglichkeit vorläufig uoch in weiter Ferne gelegen, und cs wird fortab die eifrigste Propaganda für unsere Ideen nötig sein, damit uns die nächsten Zteichsrathswahlen, wenn sic zur normalen Zeit stattfinden, genistet trcsicn. Als eine äußerst wichtige Voraussetzung einer erfolgreichen Propaganda erscheint uns die eingehendste und liebevollste Beschäftigung mit den wirthschastlichen Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung, wobei dieselbe aber nicht in Unklarheit gelassen werden darf, dass cs nur eine endgiltige und ausre.ichendc Hilfe für das jüdische Elend gebe: „Zion!" Zmn zehnjährigen Jubiläum von Rischon l'Zion. (Fortsetzung.) Bald erkannten die Colonisten, dass sich der Boden von Rischon l'Zion mehr für den Weinbau eigne und sic beeilten sich, ihre Aecker in Weingärten umzuwandcln. Durch den Fleiß und die Ausdauer, die sie entwickelten, sowie durch die unermüdliche Hilfe ihres Protcctors vergrößerte sich das nlit Weinreben bepflanzte Areal von Jahr zu Jahr. Im Jahre 5634 (1816 d. E. resp. 1884) erweiterte der Baron dieColonicdadurch, dass er ein Grundstück von 3340 Dnnam*) an der wcstlichcn Grenze derselben erwarb, Ajjnn, und dasselbe sowie Bauplätze für Hänserbauten um den Kostcnpreis an einige Kauflustige abtrat. 2 Gegenwärtiger Stand der Colonie. Nach dem statistischen Ausweise des Herrn Eisenstadt vom Marcheschwan 5652 (November 1891) zählt die Colonie 40 Bauernfamilien, 60 beständige jüdische Arbeiter,, 80, Beamte der verschiedenen Art, Handwerker und Kunsthandwerker. Rischon l'Zion bedeckt einen Flächcnraum vow 6700 Dunani. Die Zahl der Wcinstvcke der Colonisten, abgesehen von denjenigen der Beamten, beträgt 746,800, (Di Obstbäume ebenfalls abgesehen von denjenigen der Beamten- 10,030. Die')Baumschule zählt .17,000 -/Reben, 20,000/ Mandel-, Granatäpfel-, Aprikosen-, Feigen-, Birn-, Ethrog-, Limonen-, Orangen-, Welschnuss- und Oclbäume, sowie 6000 Maulbeerbäume. Die Colonisten wohnen in - 35' äufern und haben 30 Viehställe und einen Pfcrdestall zur' erfügung. Es giebt 7 Adnnnistrationsgebäude im Ortei und zwei Werkstätten, sowie eine große Kelter. Die Längen-' ausdehnung des Dorfes selbst, von Ost nach West, beträgt/ 540 Meter, in der Breite, von Nord nach Süd misst c§- 150 Meter. Vier Straßen führen durch dasselbe, an deren beiden Seiten Maulbeerbäume gepflanzt sind. Die Gebäude' find aus Stein, die Gartenwege und die Steige mit Ziegeln gepflastert. Der Gemüse- und Obstgarten bedeckt ein Areal von 03 Dnnam und Dampfmaschinen sorgen für die Bewässerung desselben durch ein Rohrnetz. Im letzten Jahre . haben nur sechs Colonisten Unterstützungen erhalten. Auf dem höchsten Punkte der Colonie befindet sich ein hohes schönes Gebäude, die Synagoge, welche der Baron hat aufsührcn lassen. Vorzüglich ist für den Kinderunterricht gesorgt. Namentlich ist die Pflege der hebräischen Sprache eine' ganz außerordentliche. Die zwölfjährigen Knaben und Mäd-, chcn drücken sich geläufig im Hebräischen aus, und es ist eine Freude, sie beim Spiele die hebräische Sprache gebrauchen zu., hören. Dieser gewaltige Fortschritt in der Erziehung einer echt national-hebräischen Jugend ist dem hebräischen Lehrer an der Colonieschulc, Herrn David Judilowitz, zu verdanken,' dessen Wirken in diesem Sinne, sich auch auf die anderen Colonie» erstreckt. So sehen wir Rischon l'Zion in blühenden materiellen und geistigen Verhältnissen. Die Aussichten der Colonie für die Zukunft sind die allerbesten. (Schluss folgt.) *) Ein Hcctar hat etwas über 11 Dunam. Przyszlosc, Organ der jüdisch-nationalen Partei. Unsere Idee wächst und verbreitet sich zusehends, wir möchten beinahe sagen, naturnotwendig, so groß ist die Wahrheit und die überzeugende Kraft, die derselben innewohnt. Allerorten ertönen nationale Mahnrufe, und die Gesammtansgabcn jüdischer Leiden, >vic sic in den feindlichen Journalen und Büchern in wachsenden Auflagen sich häufen, reden eine sehr verständliche, internationale Sprache, die unseres Erachtens von allen Juden sollte begriffen werden. Allein das bloße Begreifen, das ja am Ende schwer wird in Abrede gestellt wrden können, ist so unfruchtbar und thatenleer, wie - jenes famose Seufzen, mit welchem die in Lemberg tonangebenden. Judeir die Artigkeiten ihrer Mitbürger in Demut hinnehmen, und die andere Wange dem Verirrten entgegenhalten, der die eine schon gcohrfeigt. Demgegenüber ist es doppelt und dreifach erfreulich, dass die Herren nunmehr Gelegenheit haben, in reinem, guten Polnisch auch anderer Leute Ansichten über den kummervollen Gegenstand zu hören, und wir können ihnen nur rathen, das Seufzen aufzugeben und — zu lesen. Ob ihnen hiebei die Lichter aufgchen werden, die schon lange nicht mehr brennen, die im Golus alle ausgehen, ob sie das Schluchzen vernehmen werden, das hinter den klugen, braven Sätzen sich niederduckt, um den guten Leser im Denken nicht 'zu stören? Ja, ja, der Leser muss denken, denn das Fühlen : ist nicht mehr modern. Es müssen sich doch wohl Argumente finden lassen, tüchtig und standhaft der reinsten Vernunft gegenüber? Und solange diese Argumente Gründe, Beweise, Docnmente fehlen — was ist denn dann bewiesen?; : Die Zahl derjenigen, die halb gutmütig, halb sorglos j Belege heischen,. ist großer als. man glaubt. Eine Art i verschlafener Geistesabwesenheit, nervenschwacher Ruhesehnsucht' plagt die heutigen' .Juden zum weitaus. größtm Theilc, Und 'die'große Masse sieht den.Heilverfuchen zu, wie die Bauern- : einer - neuen Vermcssungskommision, die alle inveterirte Orientierung zu tilgen droht. Das Gesetz der Trägheit, das perpetnum immobile gebietet? über sie allgewaltig, und' es ist, als tönte ans ihrer Mitte der müde Ruf: „Stör' nicht unsere Kreise!" Schonend, sachte setzt darum der Leitartikel der neuen Nationalzeitung.„Lr^'sK äö".(Zukunft) ein, wie um die leicht zu verscheuchenden Zuhörer zutraulich zu machen, milde wie ein Arzt, der einem kranken Manne, zuspricht: -.Ist unsere Lage denn besser als die unserer Brüder in Russland? Blüht uns nicht Hass und Verachtung gerade der gebildeten Klassen in den größten Kulturcentre'n? Siur,. dass hier die Vertreter der Wissenschaft, die. Reflectorcn der öffentlichen Meinung den Judenhass zu einem vollendeten Systeme ausgestalten, indeß in Russland die Menge ohne System und Theorie, lediglich dem.inner» Drange folgend, sich auf die wehr- und. rcchtslosen Juden wutschnaubend stürzt. Ob nun gleich die Schale anders schillert —. der Kern ist ganz derselbe, und cs ist die Lage der Juden in Frankreich gerade so demütigend wie in Russland, die Ungewissheit des Morgen im Osten nicht größer als im Westen." Galizien, bis vor Kurzem, noch fiir die Juden das gelobte Land, über welches der Präsident des „Szomer Israel," Reichsratsabgeordneter . Dr. Emil. Byk, urteilte: . „Det Antisemitismus ist eine spezifische Wiener Pflanze und gedeiht nicht auf polnischer Erde," erweist sich nachgerade sehr aufnahmsfähig in Rücksicht auf den. Antisemitismus. Das letzte Zufluchtsinselchen der Assimilation, das Eldorado jüdischer Streber ist so judenfeindlich wie — alle anderen Brennpunkte der europäischen Civilisation. Der spricht dies - unverhohlen aus und wird darum einen schweren Stand haben. Diesbezüglich gibt sich die Zeitschrift auchkeiner Täuschung hin, die bei (einem solchen Unternehmen. einem

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