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Selbst-Emancipation · 1892-10-23 · Heft 20 (23.10.1892) · p. Seite 193

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 20 (23.10.1892)
Date
1892-10-23
Page
Seite 193 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20. Selbst-Emcmcipatlvn Seite 193. nicht vergebens appelliert haben werden, und wir glauben sicherlich, dass sie den Ernst dessen, was wir wollen, in jeder Veziehnng begreifen wird. Aber auch an unsere Mädchcnvercine richten wir unsere Bitte. Wendet sich doch unsere nationale Sache noch mehr an das Herz als an den Verstand, und sollten wir das „jüdische Herz" heute gar vergeblich bei unseren Mädchen und Frauen suchen? Doch gewiss nimmermehr trotz aller Schlacken, welche die Assimilation über das Gold des jüdischen Herzens gehäuft hat. Diese Schlacken wieder zu entfernen, wird die schöne Aufgabe derjenigen Jüdinnen sein, die bereits dem edlen Berufe, den dos jüdische Mädchen und Weib ini Kampfe um Ehre und Leben unseres Volkes cinnchmcn soll, in ihnen ans der Tiefe des Herzens qnillcndcn, in die anmutigste Form gegossenen Worten edelsten Ausdruck verliehen haben. Und so dürfen wir wohl auch dessen gewiss sein, dass die „Moria" die ausgedehnteste Thätigkeit in den weiblichen Kreisen des jüdischen Wien entfalten wird. Nehmen wir zu den genannten Arten der Agitation noch regste private Thätgkeit jedes einzelnen Gesinnungsgenossen, besonders in -Freundeskreisen hinzu, wohin auch insbesondere Verbreitung unserer Presse und Einladungen zum Besuche unserer Versammlungen gehören, so wäre damit unseren Erachtens das Programm unserer Thätigkeit in Oesterreich ungefähr erschöpft. Werden alle unsere Vorschläge von unseren österreichischen Parteigenossen befolgt werden, dann wird cs uns auch sicher bei den nächsten Reichsratswahlen gelingen, aus Ostgalizien und der Bukowina mehrere nationaljüdische Abgeordnete nach Wien zu entsenden, in Wien selbst aber und an anderen Punkten bedeutende Achtungserfolge zu erzielen. Die kommenden Reichsratswahlen, das muss das Ziel bleiben, das schon jetzt jedem treuen österreichischen Zionisten in seiner eminenten Bedeutung vor Äugen schweben muss. Der Gewinn, der sich durch diese Wahlen erreichen ließe, wäre ein ungeheuerer. Nicht allein, dass wir damit die Aufmerksamkeit. der europäischen Negierungen und aller besseren Arier auf unseren Plan. lenken könnten, wie in ganz Westeuropa und vor allem iin deutschen Reiches würde dann unser Kämpf gegen die Assimilation überhaupt erst zu einem erfolgreichen gestaltet werden können. Aber eins müssen wir ' noch unseren österreichischen Gesinnungsgenossen zurnfen: in den Kampf zu gehen und nicht wieder zu ermüden. Wenn wir glauben, dass wir mit einigen wenigen Volksversammlungen etwa in diesem und dem nächsten Jahre genugthun könnten, so werden wir auch, was wir in diesen Jahren gewonnen, ganz zweifellos wieder, verlieren. Unsere Agitation darf höchstens nach den Jahreszeiten eine verschieden starke sein, muss aber in den verschiedenen Jahreil stets eine gleich intensive bleiben und kurz vor den Wahlenoderbei besonderen Vorkommnissen anderer Art noch bedeutende Steigerungen erfahren. Oder sollte sich Prof. Mommscns Wort, dass die semitischen Völker bei dem regsten Stammcsgefühle und der glühendsten Vaterlandsliebe dennoch keinen politischen Sinn besitzen, wirklich und auch noch heute an uns modernen Juden erfüllen? Sollten wir noch nicht von unserer arischen Umgebung, der lvir ja so viel minder Gutes abgesehen, die Mittel und Wege der Selbsterhaltung als Volk endlich gelernt haben? Wir müssten schamvoll erröthen, wenn wir auch heute noch nicht wüßten, was uns frommt, wenn wir auch heute noch, praktisch als Individuen, in unserem Zusammenwirken das größte Ungeschick zeigten. Mögen wir daher alle Hebel in Bewegung sehen, um unserem großen Ziel endlich etwas näher zu kommen, und wögen wir nimmer auf unserem Pfade ermüden! Nimmermehr darf es geschehen, dass unsere Bewegung wieder im Sande verläuft, oder dass gar unsere heilige Zionssache zu bloßem Spiel und Sport herabsinkt! - Heidelberg, 28. August 1892. Ur. U. rkachbcmrrkungderRedartion.Mit Vergnügen veröffentlichen wir diesen Mahnruf eines wacker» ausländischen Gesinnungsgenossen, und erklären uns in den Hauptzngen mit demselben einverstanden. Drei Wahrheiten sind es, welche dem Artikel zu Grunde liegen: Die Nothwendigkeit des Auftretens des Zionismus als politische Partei ist die eine, die Nothwendigkeit der Gewinnung der west- und mitteleuropäischen Juden für die Zionssachc ist die zweite, und die vorzügliche Eignung Oesterreichs als Angriffs- und Mittelpunktes der Belvcgnng ist die dritte Wahrheit. Ter Umstand, dass diese Wahrheiten von den meisten unserer Gesinnungsgenossen leider noch nicht als solche erkannt sind, mag als Entschuldigung für die Saumseligkeit der Wiener Zionisten, eine lebhaftere politische Thätigkeit zu entsalten, dienen. Es fehlte an Ermutigung von außen, aber an Lust gewiss nicht. Und so tvird denn auch seht, >vo wir wenigstens der vollsten Zustimmung der deutschländischen Gesinnungsgenossen sicher sind, an die Stelle der Ruhe die That treten. Wir haben unseren Gegnern die längste Zeit das Vergnügen gemacht, eine „Privatpanei' Was die Details des obigen Aufsatzes betrifft, so scheinen sie nnS zum Theile einer Corrcctur zu bedürfen. Es ist auch nicht zu verwunder», wenn der Verfasser als Ausländer in manchen Dingen unrichtige Vorstellnngcn über die österreichischen Verhältnisse besitzt. Die Reise unseres Chcfredactenrs nach Galizien und Bnkvivina hatte mit Politik nichts zu thun, wie überhaupt der „Admath Jeschnrnn" kein politischer Verein ist. Auch der in Gründuiig begriffene Verband der österreichischen Palüstiiia-Coloiiisationsvereine >vird kein politischer Verein sein, umsoweniger, als in Oesterreich politische Vereine keine Zweigvereine haben dürfen. Tie Colonisationsvcreine können in Oesterreich nur den praktischen Zweck der Colonisation und damit in Verbindung die Propaganda für diesen Zweck betreiben. Wenn hiebei ein politischer Vortheil, z. B. durch Unterstützung einer oder mehrerer Tendemzeitnngen mtmrct erreicht wird, so ist das freilich mit Freude zu begrüßen.' Aber die eigentliche politische und als solche sich gebende Thätigkeit der-österreichischen und speciell WicnerZionisten wird außerhalb des Vereines „Admath Jeschuru n" und analoger Vereine betrieben werden müssen. Es wird sich zeigen, ob und wie lange hiefür ein loser Parteiverband genügen tvird, oder ob nicht gleich oder später eigene politische Vereine mit ausgesprochen politischen Zwecken zu bilden sein werden? Volksversammlungen sind ein treffliches Mittel zur Publikinachuiig einer neuen Richtung. Aber daS Mittel muss mit Vorsicht angctvendet werden. Es ist einige Vorarbeit notig, um von allem Anbeginn an mit einem geivissen Applomb anftreten zu können. Im geeigneten Zeitpunkte wird zu diesem Mittel gegriffen werden. . . Zn den. Ausführungen unseres Heidelberger Gesinnungsgenossen über die Agitation durch die Presse haben wir nichts hinznzusügcn. Ta ist alles einleuchtend und nmviderlcglich. Dagegen scheint uns der Punkt S t u d e n t e » v e r e i n e einiget Notizen zu bedürfen. Für Stndentenvereine besteht das gesetzliche Berbo der Beschäftigung mit Politik in besonderer Stärke. Wir halten cs daher nicht für möglich, dass Stndentenvereine und speciell die „K a d i m a h" eine directe politisch-agitatorische Thätigkeit entwickeln. Aber wir sind in Gemeinschaft mit dem Verfasser obigen -Artikels der Erwartung, dass die „Kadimah" „den Ern st dessen, was wir wollen, begreifen wird". Thur sie dies, so bleibt ihr — abgesehen von erlaubter politisch-agitatorischer Thätigkeit der Mitglieder als Einzelpersonen — noch ein weites Feld cultnreller Thätigkeit, durch welche sie indirect unserer großen Sache dienen kann. Es bleibt ihr die Erziehung ihrer Mitglieder in echt jüdischer Denkweise durch Pflege der hebräischen Sprache und der Geschichte und Literatur unseres Volkes, die Erziehung zum Hebrüertnm. Die M ä d ch e n v c r c i n e sind eine Form jüdisch-nationaler Agitation, in Bezug auf Ivelche noch recht spärliche Erfahrungen vvrliegcu, so dass sich nicht recht sagen lässt, wie sich hier die Dinge gestalten sollen und werden. Jcdensalls ist die Heranziehung des weiblichen Geschlechtes zu unseren Bestrebungen eine Rothwendigkeit, der wir jedenfalls in irgend einer Form werden Rechnung tragen müssen. Die moralische Pflicht jedes einzelnen G e s i n n u ngSge nassen zur privaten agitatorischen Thätigkeit steht außer allem Zweifel. — ■ Jnwicferne die Rcichsrat hswahlen für unsere Sache nutzbar gemacht werden können, hängt mit der Frage nach den Zwecken einer politischen Thätigkeit unserer Partei zusammen. Vor Allem ist sestzustellcn, dass eine polinsche »ationaljttdische Partei in Oesterreich oder auch andersivo, weil sie keinerlei politische Antvnoiniegclüste haben kan.n und darf, nicht den anderen, politischen Parteien des Staates in Zweck und Ziel gleichzuhalten ist. Gerade in Bezug auf ihre Nationalität, also ihren'Hauptinhalt, darf die jüdisch'nationale Partei sür das Gebiet des betreffenden Staates keine nationalen Aspirationen haben; sie kann daher im 'Reichsrath neben einer mehr allgemeinen mit anderen Elementen gemeinsamen Thätigkeit zur Wahrung der M e n s ch e n r e ch t e der jüdischen Bevölkerung, gerade in nationaler, z i o n i ft i s ch e r Richtung sich nur auf die Bortragnng unserer Wünsche vor der breitesten Ocffentlichkeit beschränken, was freilich von gewaltigem Nutzen sein kann. Die Zahl spielt daher bei unseren Reichsrathswünschen keine Rolle, weil wir ja weder in der Lage sind, noch den Wunsch anderer politischer Parteien zu haben brauchen, die Situation durch unsere Stimme»_;,u. beherrschen. Zwei, dreht ja unter Umständen nur ein Abgeordneter, sind fiir unsere Zwecke vollkommen ausreichend. Freilich ist, offen gestanden,

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