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Selbst-Emancipation · 1892-10-23 · Heft 20 (23.10.1892) · p. Seite 192

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 20 (23.10.1892)
Date
1892-10-23
Page
Seite 192 (sequence 2)
Language
German
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Seite 192. Sclbst-( Mid, Italienern noch eine neunte gleichberechtigte Nation bilden? Wenn aber einmal die Deutschen Oesterreichs sich daran gewöhnt haben, in den Juden eine besondere Nation zu sehen, zugleich aber dieselben deshalb nicht schlechter behandeln, so wird sich diese Anschauungsweise auch leicht auf die Deutschen des Reiches übertragen lassen können. Man wird hier dann allmälig begreifen, dass gerade die Nationaljudcn die besten deutschen Patrioten sind und das um so mehr, als ja unser politisches Ziel, die Schaffung einer jüdischen Kultur in Palästina, absolut außerhalb der politischen Interessensphäre Deutschlands liegt. Vor allem aber würde ein großer Erfolg in Oesterreich unsere Partei-- genossen im deutschen Reiche mit Zutrauen erfüllen und sie alle Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen sollten, mutig übcrivinden lassen. Innerhalb Oesterreichs selbst wird die Agitation abgesehen von denjenigen Strichen, in denen die Juden bei den Rcichsraiswahlen die Majorität haben, ganz besonders stark in Wien betrieben werden müssen. Und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens, weil in Wien das Centrum unserer Gcsammtpartei ist. Die Zionisten der verschiedenen Länder werden nur dann mit vollem Vertrauen auf Wien blicken können, wenn dortselbst große Erfolge errungen werden.' Zweitens aber, weil Wien die Hauptstadt Oesterreichs ist. Für die Gewinnung der deutsch-österreichischen Provinzen ist die vorherige Gewinnung Wiens von ausschlaggebender Bedeutung. Welche Wichtigkeit überhaupt die Leitung einer Partei lvon der Reichshauptstadt aus hat, lässt sich unter anderem an unserer ultramontancn (katholischen) Partei ersehen, die ihr Hauptorgan, die „Germania," in dem protestantischen, von verhältnismäßig nur wenig Katholiken bewohnten Berlin erscheinen lässt und von dort aus ihre Weisungen z. B. Stellungnahme ihrer Anhänger zu den Candidatnren anderer Parteien erteilt. Um wie viel mehr, bedürften die österreichischen Zionisten einer kräftigen Partei-! leitniig in Wien, das von so vielen Juden bewohnt wird? Und damit wären wir denn'zum dritten Grunde gelangt; schon wegen der überaus großen Zahl seiner Juden — keine andere deutsche Stadt weist hier eine annähernd große Ziffer auf —' ist in Wien an sich für uns ein höchst wichtiger Punkt. - Aber wie sollen wir in Oesterreich, wie spccicll in Wien agitieren? Wir glauben bei aller Ancrkenirung der Verdienste und Hochschätzung unserer Wiener Parteigenossen, dass ihre Methode bisher nicht die richtige gewesen ist. Es scheint uns hier fast, als wirkte die Assimilation bei denselben noch in der Weise nach, dass sie alles, was mit dem Judentum zusammcnhängt, als etwas Religiöses, also etwas Unpolitisches ansehcn und deshalb auch fast vor jeder -eigentlich, politischen Agitation zurückschcucn. Gewiß hatte die Entsendung des Dr. Birnbaum nach Galizien und der Bukowina durch den „Admath Jcschnrun" schon, einen politischen Beigeschmack; aber genügt denn das wirklich für eine politische Partei? Begnügen sich auch die Deutschlibcralen, die Jungczcchen, die Socialdemokraten. und die anderen Parteien in Oesterreich mit einer einzigen derartigen Action? Oder halten sie nicht vielmehr Volksversammlungen im großen Stile ab, um dort die Massen, bei denen ihre Gedanken auf fruchtbaren Boden fallen, fest an ihre Fahne zu ketten? Bei uns im deutschen Reiche sieht sich sogar die conscrvative Partei, der im Grunde nicht verhasster ist als die Demagogie, selbst genötigt, demagogisch zu werden und große Volksversammlungen zu veranstalten. . Volksversammlungen, große jüdische Volksversammlungen,. das ist es, was die Zionisten in Wien veranstalten müssen, wenn sie anders jemals auf einen grünen Zweig kommen wollen. Wie anders zündet das lebendige Nr. 20. Wort, wie ganz , anders dringt es durch Mark und Bein als es je der todte Buchstabe auf einer papierenen Zeitung vermag! Wie ganz anders fesselt eine Discussion von Mund zu Mund als ein bloße Prcssfehde! Und wie belebend wirkt nicht auf die Partei selbst der rauschende Beifall der Massen! Annoncen in den Tagesblättern, .große Placate. an den Säulen und Straßenecken müssen die in den größte» Localitäten Wiens abzuhaltendcn „großen jüdischen Volksversammlungen" mit Namen des Redners und Thema seiner Rede ankündigen. Die Versammlungen müssen, wie es bei einer jungen Partei nicht anders möglich ist, sehr zahlreich sein. Nur so werden wir uns in den Nahmen der übrigen österreichischen Parteien einrcihen können. Mit obigem soll aber nicht im geringsteu gesagt sein, dass unsere Presse irgendwie vernachlässigt werden dürfe. Im Gegenteil; die mündliche Agitation bedarf der Unterstützung durch die Presse als einer ganz notwendigen Ergänzung^ Der Mann, der einmal in der Volksversammlung unserer Sache gewonnen oder nahe geführt worden ist, will sich weiter über dieselbe orientieren; er will den. Stand und die Aussichten unserer Partei in anderen Provinzen und anderen Ländern kennen lernen, und das kann ihm einzig durch unsere Partcipresse vermittelt werden. So werden die Volksversammlungen auch unserer Presse einen größeren Leserkreis schaffen und hoffentlich die Verwandlung der „Selbst-Emaneipativn" in cinWochenblatt in nicht zu ferner Zeit ermöglichen. Unser Endziel in dieser Beziehung muss freilich die Schaffung eines „Jüdischen Tagblattcs" in Wien bleiben, das die assimilatorische, sogenannte „Judcnprcsse" bei unseren Stammcsgenossen in Wien und Oesterreich vollständig zu verdrängen imstandesein müsste. Sehr wichtig tväre übrigens auch die Unterstützung unserer Presse durch zahlreiche Inserate, natürlich auch seitens der Gesinnungsgenossen außerhalb Oesterreichs. Bei bevorstehenden Wahlen, aber auch bei anderen wichtigen Vorkenntnissen müssen besondere Flugblätter, die in knappen Worten und zündender Sprache die Ziele nnsexer Partei in Anpassung an den vorliegenden Fall zusammcnfassen, in . Masse ausgegeben und unter die gcsammtc jüdische Bevölkerung Wiens verbreitet werden. Auch ganze Broschüren müssen wir wie jede andere Partei erscheinen lassen.. Besonders der Gebildete wird eine genaue Kenntnis unseres Programmes und eine umfänglichere Darlegung der einzelnen Progranunpunkte in ihrem organischen Zusammenhänge verlangen. Noch mehr könnten gute belletristische Arbeiten unsere Sache fördern. Vor allem würden hierher Romane gehören, in denen dieZionssehnsucht unserer Besten und die Familienzusammengehörigkeit des ganzen jüdischen Volkes den Knotenpunkt des Ganzen bilden und die orientalische Phantasie und das jüdische Herz in gleicher Weise ansprcchen .müssten. Doch darf, hier nur arbeiten, wer spccicll in dieser Richtung befähigt ist! Uebrigens könnten hier die reichsdeutschen Zionisten die österreichischen sehr wohl unterstützen. Neben der allgemeinen politischen Agitation ist auch die in bestimmten Kreisen sehr wichtig. Solche Kreise bilden vor allem unsere Stndcntenvereine. Bei der einflussreichen Stellung, die zumal bei uns Juden die Intelligenz einnimmt, muss danach gestrebt werden, die gesammtejüdisch-österreichische Studentenschaft für unsere Sache zu gewinnen. - Das lässt sich freilich nicht mit jährlich einem glänzenden Makkabäerfeste und ein paar schönen Reden erreichen. Unsere Kadimahner müssten nicht nur wissenschaftliche, sondern auch parteipolitische Vorträge halten und dazu Massencinladungen an andere jüdische Kaminilitoiicn ergehen lassen. Gerade die „Kadimah" sollte cs sich doch angelegen sein lassen, Führer und Agitatoren unserer Partei auszubilden. Wir. hoffen zuversichtlich, dass wir an die Begeisterung gerade unserer studentischen Jugend

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