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Selbst-Emancipation · 1892-10-09 · Heft 19 (9.10.1892) · p. Seite 188

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 19 (9.10.1892)
Date
1892-10-09
Page
Seite 188 (sequence 6)
Language
German
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Seite 188. Selbst-Em ancipation Ar. 19. Kassüw, 14. September. Am 11. d. M. fand hier die Eröffnung der ncugcgriindeten Baron Hirsch'schcii Stiftungsschule statt. Die Eröffnung nahm einen höchst würdigen Verlaus. Nebst den Mitgliedern des hiesigen Localcomites,. Herrn Sicgmund Weiser, Herrn Stadtarzt Bienenwald und Herrn Wachtel, waren auch viele Väter der in der Schule eingeschriebenen Kinder anwesend'. Nach einer schönen Vorlesung des Schuldircctors, Herrn Rottner, hielt auch der hebräische Lehrer dieser Schule einen Vortrag, in welchem derselbe aus die hohe Bedeutung der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte für die Erziehung der jüdischrn Jugend hinwies. Hcrvoizuhebcn sind die Bemühungen der vbcrwahnten Comitümitglieder, dass diese Schule im jüdischen Geiste geleitet werde. Aus diesem ihren guten Willen schöpfen dieselben auch die Kraft, allen Anfechtungen von Seiten der hiesigen jüdischen Obscuranteu welche dieser Neugründung Entjudungszwccke in die Schuhe schieben, Stand zu halten. Gesegnet sei auch das edle Wirken der Frau^lP«^ Weiser, die sich in mütterlicher Weise der ärmeren Schulkinder annimmt. Uentra, 2. Octobcr. Bekanntlich herrscht fast in allen europäischen Armeen die Gepflogenheit, die jüdischen Soldaten während der hohen Feiertage sreizulaffcn, ein Usus, der selbst in Kricgszciten nicht verletzt wird. Nun hat sich in Nagy-Szombat (Tyrnau) eine für das Golusschicksal unserer)'Brüder bezeichnende Episode zugctragcn. Der Oberst des dort stationircnden Regiments schien den usuellen Urlaub der jüdischen Soldaten vergeffen zu wollen. Ein jüdischer Corporal, der als Canzlist von der Absicht seines Vorgesetzten noch rechtzeitig Kenntnis erhielt, machte den dortigen Rabbiner darauf aufmerksam, ihm zugleich den Rat erteilend, den Oberst/persönlich um den Urlaub für die jüdischen Soldaten zu ersuchen Wol oder übel musste dieser nun erteilt werden, der Corporal erhielt aber eine fünftägige Einzelhaft zudictirt — wegen „Einmischens in Sachen des Dienstes, die ihn nichts angchen". kivta den« fiel der Versöhnungstag „zufällig" auch in diese fünf Tage. — Des Contrastes wegen sei noch angeführt, dass im benachbarten Neutra die jüdischen Soldaten jeden Freitag Abends und Samstag Vonnittags in dir Synagoge zum Gottesdienst commandirt werden. Im Sommer dieses Jahres erregte im ungarischen Reichstage die Rede des jüdischen Abgeordneten Visontai einiges Aufsehen. Er fnhr darin gegen das zu crcircnde jüdische Gymnasium los, und behauptete, dasselbe werde nur von reichen Juden zum Zwecke der Separirung des Judentums gegründet. Dass die reichen Juden Ungarns das Judentum zu isoliren trachten, erscheint uns, die wir sie bisher nur von der allerschlechtesten, d. h. von der Seite der Affimilirungs-Manic kennen gelernt, haben, allerdings etwas neu. Weffen aber unsere Söhne in den nicht-/, jüdischen, . :b. h.' der Mehrheit nach christlich-confcssioncllen Schulen ge-/ wärtig sein müssen, zeigen z. B. die Zustände, die im hiesigen Piaristcn- Gymnasium herrschen. Laut des Berichtes der „Ncutraer Zeitung" flickt Katechet K m e t y k 6 in den Religionsunterricht stets auch das „Dogma" vom jüdischen Blutritual ein; ein jüdischer Schüler einer höheren Claffe wurde unlängst in Gegenwart aller seiner Mitschüler von einem Profeffor vollkommen grundlos mit den Kosen men „jüdischer Betrüger", „gemeiner Jude" je. tractirt; was ans Indolenz, Abgestumpftheit gegen Beleidigungen, Furcht vor den Profefforen, verschwiegen wird, kann man sich leicht denken. Zu bcmcrkeu ist, dass wir cs dabei mit durchaus gcbefferten Zuständen zu thuu haben. Bor circa einem halben Dcccnnium war. der officiclle Titel der jüdischen Schüler seitens der Profefforen stets nur. „stinkender Jude", so dass dieser Ausdruck gar nicht mehr für eine Beleidigung galt. Ein einziger Professor nannte die Judcnjungcn nur kurzweg „Schmüle"; das war aber ein ausgesprochener Philoscmit, der sich beim Unterricht nur kurze Slphorismcn über „jüdische Gaunereien" erlaubte; die anderen Herren pflegten über diesen Gegenstand eiustündigc Stand- und Brandreden zu halten. Herr Visontai, was halten Sie von der Separirung der jüdischen Schüler? Zwi. Deutsches Deich. Hridelborg, 26. September 1892. Wie die heutige „Heidelberger Zeitung" nach den Berichten sächsischer Localblätter meldet, hat am 17. und 18. d. Mts. zu Freiberg in Sachsen eine Versammlung der Vertrauensmänner der deutschsocialen (antisemitischen) Partei stattgefunden. Auf ein Begrüßungstelegramm an König Albert von Sachsen ging folgende Antwort ein: „Für den mir zugcgangcnen stcundlichen Gruss sage ich herzlichen Dank. Albert." — Zur Erläuterung mag bemerkt werden, dass Ahlwardt in einer anttiemitischen Versammlung zu Leipzig den König von Sachsen als Förderer des Antisemitismus gefeiert hatte, weshalb die sächsischen Nationalliberalcn, die ausdrücklich auf ihrem Parteitage eine weitgehende Bcrechttgung des Anttsemitismus anerkannt hatten, über die Inanspruchnahme der Person des Monarchen für eine einzelne Partei scharf hergczogcn waren. Die auttsemittschen Blätter hatten damals selbst jene Stelle in der Rede Ahlwardt's unterdrückt: kein Wunder, wenn, wie man meldet, der Verlesung des erwähnten Telegrammes des Königs ein unendlicher Jubel der Versammlung folgte. Russland. Odessa, 16. September 1692.. Gestern überreichte der Chef der Handelsfinna H. I. Weinstein dem hiesigen Palästina-Comitü 14.600 Francs mit dem Aufträge, 5000 Francs sofort für die neu eingerichtete hebräische Schule in Jaffa' und 9600 -Francs nach eigenem Ermessen zu verwenden. Die an sich nicht unbedeutende Gabe gewinut dadurch noch mehr an Bedeutung, dass Herr W e i n st e i n vor nicht langer Zeit noch Assimilant gewesen ist und zu einem warmen Zionisten bekehrt wurde. Türkei. Irunsaleur, 16. September 1892. Herr Jehuda Grasowsky, ftüher Lehrer des Hebräischen in den Schulen der Colonien Ekron und Sichron Jacob, ist zum hebräischen Oberlehrer der neuen Schule in Jaffa ernannt worden. Diese Wahl ist als eine vorzügliche zu bezeichnen. — Aus Aegypten wurde hier eine große Anzahl vvn Exemplaren einer arabisch und französisch geschriebenen judenfeindlichen Brochiire importirt, welche jedoch über Anregung der leitenden jüdischen Kreise confiscirt wurde. Der eben erschienene dritte Bericht des Vorstandes der Jaffaer Israelitischen Gemeinde über die letzten 8 Monate gestattet einen Einblick in die reiche Thättgkeit dieser Köperschaft. Amithi. Nord-Amerika. New-Uork, 10. September 1892. Herrn Dr. Mintz, dem verdienten Präsidenten der „Schowe Zion" II ist es gelungen, in Montreal eine Ortsgruppe zu begründen. Er erzielte bei seinem dortigen öffentlichen Auftreten einen großem Erfolg. Die. entgegengesetzte Behauptung des zionsfeindlichen Windbeutels Sarahsohn in seinem Blatte „Jüdische Gazetten" ist einfach, wie der Inhalt dieses Organs überhaupt erlogen. Auch in Clcveland ,'gelang es Dr. Mintz eine Ortsgruppe in's Leben zu rufen. Der Verein „Chowewe Zion" in Boston beschloss bei seiner letzten Versammlung, zur Erbauung einer Schule in der- Colonie Mischmar Hajarden 250 Dollar zu spenden. '- ' - Der „Hapisgoh" wird gemeldet, dass der Verein „Chowewe Zion" in Chicago erfreuliche Fortschritte mache. Ernst Renan ist am 2. d. M. in Paris im 70. Lebensjahre gestorben. Zum Geistlichen erzogen verließ er bald diesen Stand und wandte sich ausschließlich den semitischen Sprachen und der Philosophie, welche Studien er schon früher eingehend betrieben hatte, zu. Renan war einer der auf hebräischem Gebiete tüchtigsten christlichen Gelehrten. „Die Geschichte Israels", von welcher die zivei letzten Bände posthum erscheinen werden, interessirt uns wohl am meisten. Populär wurde Renan durch sein „Leben Jesu" (1863). Renan hat in seinen Werken viele Stellen, welche von derJn feriorität der jüdischen Rasse sprechen, und demgemäß gerne von den Anttsemiten benützt werden Er selbst sprach sich in den letzten Jahren oft gegen den Antisemitismus aus, und soll auch obenerwähnte Stellen bedauert haben. Iudenhetze. In Kerecke in Marmoroser Comitate in Ungarn, fand am 21. v. M. seitens der dortigen ruthcnischen Bevölkerung eine. Judenhetze mit den obligaten Plündenmgen und Mißhandlungen statt. Statistisches. Die Volkszählung vom Dezember 1890 ergab für das Deutsche Reich eine jüdische Bevölkerung von 567,834 Seelen unter einer Gesammteinwohnerzahl von 49,428,470. In Damaskus wurde letzthin christlicherseits der Versuch gemacht,, eine Blutbeschuldigungsgcschichte zu fabriciren. Die Kcvöllreeung Jerusalems hat sich den, „Standard" zufolge innerhalb der letzten sechs Jahre hauptsächlich durch die Einwanderung ruffischer Juden von 30.000 aus 60.000 Einwohner gehoben.. Kaxar Krodsky, der bekannte jüdische Millionär in Kiew hat dem „Pester Lloyd" zufolge die Theilnahme an -der Hirsch'schen Colonisationsgcscllschaft zurückgewiesen und gleichzeitig 100.000 Francs für aus Argentinien zurück- . gekehrte Familien behufs Ansiedlung in Palästina gespendet. Bisher war uns LazarBrodsky nicht als warmer,'freigebiger Jude bekannt. Sollte nun die erwähnte Gabe nicht die einzige bleiben, was im Verhältnisse zu seinem riesigen..

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