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Selbst-Emancipation · 1892-10-09 · Heft 19 (9.10.1892) · p. Seite 187

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 19 (9.10.1892)
Date
1892-10-09
Page
Seite 187 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19. Selbst-Emancipation Seite 187. digten, die von unfern den christlichen Geistlichen nachahmenden Rabbinen von Stapel gelassen werden. Ja, wohl! nur ein wenig jüdische Geschichte! Erzählet unseren schwachen, entnervten Geschlechte von ihren Vätern, den Makabbäern, erzählt ihnen von dem Todes- und Vcrzweiflungskampfe um Jerusalem, „den Josephus laßt sie lesen", erzählt ihnen von dem Ringen eines Barkochba, von den Tausenden und Abertausenden Blutzeugen unserer Nation) erzählet ihnen auch von dem Sänger der Klagelieder, von dem Dichter des hohen Liedes, von einem Chasdai Jbu Schaprut, einem Gabirol, einem Jehudah Halevi und vergeßt auch nicht einen Jesajah, einen Maimonides, einen Spinoza. Ja wohl! Nur ein bischen jüdische Geschichte, und ihr werdet Wunder sehen, wie die jüdischen Patrioten aus dem Boden hervorwachsen werden. Wo ist der jüdische Historiker, der nicht bei seiner Arbeit ein jüdischer Patriot geworden wäre? Reinster, klarster, krystallisirter jüdischer Patriotismus ist die jüdische Geschichte. Und wir sollten nicht stolz sein, einem solchen Volke anzugehören, das die größte Hälfte der modernen Kultur geschaffen und dieselbe in jeder Weise hat fortentwickeln helfen, sollten nicht Alles daran setzen, diese große und herrliche Nation zu achten, zu lieben und zu erhalten? „Nichtswürdig ist das Volk, das nicht sein Alles freudig setzt an seine Ehre." Was liegt dem guten Menschen näher als die Seinen? Gibt's schönere Pflichten für ein edles Herz, als seines eigenen Volkes Schirm zn sein? Wir, die wir jedes Volk bewundern, und ihm unsere wärmste Sympathie entgegcnbringen, wenn es sich aus sich selbst besinnt und fremdes Joch von seinem Nacken schüttelt, wir sollten dies nicht auch unserem eigenen Volke gegenüber können? Wir sollten doch bedenken, dass wenn Juden heute in einem Lande und in einem Staate beisammen wohnen können, cs auf der ganzen Erde kein besseres Kultnrelement, keine gebildcre Nation geben würde. (Schluß folgt.) Originat-Correspondrnren. Grsterreich-Ungarn. Wien, den ö.October 1892. DerMechanikerSchneider hat sich selbst übertroffen. Im niedcrösterrcichischcn Landtage beschuldigte er die jüdischen Aerzte, dass sic die Christen in die Choleraspitäler schicken, um sie dort sterben zu lassen; zu gleicher Zeit beschimpfte er die jüdischen Frauen auf das Gemeinste. Diese Auslassungen sollten doch endlich unsere österreichischen Juden belehren, wie im Golus ihre Ehre und die Ehre ihrer Weiber von jedem tollen Hunde mit Füßen getreten werden können. Solche Vorkommnisse sollten bessere Wirkungen haben, als blos die a n t i antisemitische Siedehitze steigern. Die „Ocsterreichisch-Jsraelitischc Union" beginnt wieder mit ihren Versammlungen, die vorläufig wohl wieder nur dem faden Wiener Parteigezänke. — anlässlich der Reichsrathswahl in der inneren Stadt — gelten werden. Sie wird uns wohl nicht recht begreifen, wenn wir die Meinung äußern, dass sie mit der Herausgabe eines „Kalenders für Israeliten" in diesem Jahre, dessen Reincrträgnis für Stipendien an arme Schüler der hebräischen Sprachlind Bibelschule, sowie der Talmud-Thora-Schule bestimmt ist, ein weit nützlicheres Werk gethan hat. Kralmn, 25. September 1892. Im hebräischen Sprachvereine, von dessen Gründung ich Ihnen berichtete, hielt Herr Fuchs, Redacteur des „Hamagid", einen hebräischen Vortrag über Don Jsak Abarbanel. (j. B. (A. L.) Lemberg, Tischrl 5653. Der in der letzten ordentlichen Generalversammlung des Vereines „Zion" angenommene Statutenentwurf, demzufolge es dem Vereine zusteht, Filialen außerhalb Lembergs zu gründen, hat bereits die Genehmigung der hohen Statthalterei erlangte — Die diesjährige ordentliche Generalversammlung findet noch im Monate Tifchri statt, — Im Laufe des Sommersemesters fanden im Vereine „Zion" blos zwei Vorlesungen statt und zwar las Herr Juda L. Landau über „Unsere Hoffnung" und Sr. Ehrw. Rabb Dr. Jos. Kodak über „Historische Parallelen". Die hiesigen Gesinnungsgcnossen projectiercn eine Trauerfeicr im größeren Massstabe für de» am 24. Elul v. I. in Petersburg verstorbenen hebräischen Dichterfürsten Juda Leb Gordon. Die „Przyszlosc“. das neue polnische Organ der Nationaljuden, dcffen erste Nummer unter redactioneller Leitung unseres Gesinnungsgenossen Herrn Adolf K o r k i s am Ercw-Sukkoth erscheint, wird dem Verblichenen eine besondere Beilage widmen. In einer der nächsten Nummern wird wahrscheinlich auch das Porträt Gordon's veröffentlicht werden. In den Halbseiertagen des Sulkoth-Festes reist unser Gesinnnngsgenosse Herr stud. phil. Marcus Ehrenpreis nach K o l o m e a, um dort für die Begründung eines Colonisationsvercincs Propaganda zu machen. Am 18. Tischrl findet in Stryj die Generalversammlung des Vereines „.sdmatli Israel" statt, bei welcher Herr Mayer Stern, der erst unlängst von seiner Reise nach Palästina zuriilkgekehrt ist, über den Stand der Colonicn refcriren wird. In der Generalversammlung wird auch ferner der Standpunkt des Vereines zu unserem Schwesterorgan „Pri-ysiilese" besprochen werden. — „Die Arbeiterstimme", das Organ unserer jüdischen Socialisten, hat in der dritten Nummer so laut zu schreien begonnen, dass sic ganz hekser geworden ist und zu erscheinen aufhören musste. Lemberg, den 4. October 1802. Sie werden, sich wohl »och der denkwürdigen Phrase des Präsidenten des „Szomer Israel" und Reichrathsabgeordneten Dr. Emil Byk: „Der Antisemitismus ist eine specifiische Wiener Pflanze und gedeiht nicht auf polnischer Erde" erinnern. Ich bin in der Lage einige kleine Illustrationen zu diesem Ausspruche zu geben: 1.) Die Frau eines der angesehendslen autonomen Würdenträger wird bei Nacht Plötzlich krank; der um den Arzt ausgeschickte Diener verirrt sich zu einem jüdischen Toctor, der sofort ans Krankenbett eilt. Aber kaum betritt er mit dem Diener die Schwelle des Hauses, als er vernimmt, wie die Tochter des Hauses den Diener in unllebenswurdigster Wc>>e zur Rede stellt, dass er einen jüdischen Arzt zur Mutter geholt. Der Doctor that das Vernünstigste, was er thun konnte — er entfernte sich. — Der Abschluss dieser Geschichte ist ziemlich gleichgiltig, bcmerkenswerth ist jedoch die Stellung, welche der „Israelit" Organ der „Altassimilation" zu dieser Geschichte nimmt. Nachdem er die ganze Geschichte mit scrupulösester Genauigkeit erzählt, schließt er mit dem klassischen Satze: „Darüber bleibt uns nun nichts übrig als zu seufzen." Das Seufzen ist also das neueste Actionsprogramm des „Hüter Israels", des energischen Wählers jüdischer Interessen in Lande Galizien. — 2.) Dem Beispiele der Hauptstadt folgt die Provinz. Kreisstadt Wisniowczyk und die nmliegenden Gemeinden überreichten an den Landtag eine Petition, in der sie sich darüber beschwerten, dass bei dem Kreisgerichte in Wisniowczik zwei jüdische Kanzlisten angcstellt seien. Dieser Umstand sei — heißt es in der Petition — die Queue vieler Uebelstände; die Kanzlisten verhelfen der dortigen Judenschajt zu verschiedenen unsauberen Rcchtsumgehungen, entwürdigen die Bedeutullg des Gerichtes u. s. w. In der Petition heißt es: „Zwei Verwandte dürfen nach den, Gesetze nicht bei derselben Behörden verwendet werden, zwei Juden bei demselben Gerichte bedeute eine noch größere Gefahr, als zwei Verwandte". Die Petition schließt mit der Bitte, der Landtag möge seinen ganzen Einfluss dahin verwenden, dass diesem Uebelstände abgeholsen und wenigstens einer der Beamten versetzt werde. Die Regierung versetzte auch wirklich einen Kanzlisten nach Trembowla. Sapienti sat. 3.) Wir haben also doch in Galizien emcit Autlsenntismus und zwar einen ebenso schrägen wie in Wien. Es fehlt uns sogar der Mechanicus Schneider nicht. Ihn vertritt nämlich ein Beruss- und Gcsinnuiigsgenoye, Herr Mechaniker Josef Jwanicki, welcher in der Annonce, in welcher er seine Maschinen empfiehlt, auch Folgendes verlautbart: „Manche jüdischen Agenten aus jüdischen Winkelsirmen kriechen von Haus zu Haus, verbreiten daselbst Krankheiten — und ihre Maschinen. Es wäre daher zweckmäßig, solche Agenten beim Kragen zu packen, hinauszuwerfen, sich die Hände mit Carbol zu reinigen ilnd hierauf bei Josef Jwanicki Maschinell zu kanfeu." Facta loquuntnr. Wie Pilze nach dem Regen schießen bei uns die „socialdeiilokratischen" Parteiorgane hervor. — Jeder „socialdemokratische" Pascha muss nämlich ein eigenes Organ haben, welches er, der Setzer und wenn es hoch geht seine nächsten Angehörigen lesen. — Zu den vier ernsten und einem humoristischen (eigentlich sind alle fünf humoristisch) Parteiorganen kommt nun das sechste: „üllor", „der Hammer", welches zur Abwechslung und, um sich würdig einzuführen, ein bischen in Antliemlilsinns macht. — Bei Besprechung der von mir schon erwähnten famosen Anticholera- Mittel des Herren Diamand, erzählt dieses Organ der arbeitenden Klaffen, dass „das Judengesindel" — hiebei wird ein Epitheton gebraucht, das sich zu Deutsch nicht wiedergeben lässt — das Gcsalbader des Herrn Diamand mit Entrüstung aufnahm. — Das wäre also die vielgepriesene Gleichheit und Brüderlichkeit! Vielleicht ist es anderwo anders, bei uns können die „Socialdemokratcn" nur schimpfen. Der Petersburger „Kraj" meldet: Der Generalbevollmächtigte des Baron Hirsch, D. Feinberg, sammelt in Beffarabien und auch theilweise in Podolien Gruppen von Colo nisten, welche Delegaten zu wählen haben. Die letzteren begeben sich sofort nach den Feiertagen nach Argentinien. Dawid Malz.

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