Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 19 (9.10.1892)
- Date
- 1892-10-09
- Page
- Seite 186 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3092672-3092717-3092734--1012-3094019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 19. Selbst-Emancipation Seite 186. wäre das trotzige und unwürdige Vorgehen dieser sonst so erprobten Männer gegen den grössten Mann unserer Zeit nicht erklärlich, sonst würden sich „Jüdische Presse", „Hamclitz" und „Selbst-Emancipation" nicht bemühen, Misstrauen gegen das wohlmeinende große Herz im Volke zu säen. Haben uns doch die letzten zehn Jahre deutlich gezeigt, dass der Weg nach Palästina über Amerika führt, dass mindestens ein halbes Jahrhundert die Erziehung unseres Volkes in Landwirtschaft und Bürgerfrciheit dauern muss, und dass cs dann möglich sein wird, mit frischem Material das heilige Land zu bevölkern. Inzwischen können wir nur ganz kleine nnbcmerkbarc Schritte in der Colonisation Palästinas machen. Ein größerer Schritt wäre möglicherweise mit Verlust des bereits Errungenen gleichbedeutend. Aber die russische jüdische Masse kann nicht warten. Die Nvth ist zu groß und cs ist klar, dass uns die Vorsehung in Baron Moritz Hirsch einen Retter und Führer zugesandt hat. Als Volksfrcundc müssen wir ihm und seinen Thatcn huldigen. Es thut nichts, dass seine ersten Schritte auf Dornen stießen, - dass Verwalter und Ansiedler schlecht, ja gar nicht gewählt wurden, dass Willkür und Unordnung herrschte, dass ein Millionenschaden verusacht wurde. Durch Schaden wird man klug. In Palästina ging cs Anfangs nicht besser; seine Erfahrungen kosteten Edmund von Rothschild nicht weniger an Willenskraft und Geld. Sind auch , die Administration und die untauglichen Colonisten Argen- ■ tinicns mit Recht der ihnen gemachten Vorwürfe wert, so muss die Person des Baron Hirsch von jedem Tadel frei bleiben; er ist und bleibt gross und glänzend wie die Sonne. Die Blindheit unserer besten Volksführer, welche Schimpfartikcl gegen ihn schreiben, ist tief zu beklagen. Wenn wir Zionisten unter die Gegner des Baron Hirsch'gehen, so wird unser langjähriges Streben in den Augen des Volkes und vor unserem eigenen Gewissen wertlos. Denn nach Palästina können Baron Hirsch und > Rothschild und noch solche zwei Riesen die große Massei der gegenwärtig zur Auswanderung Gezwungenen nicht schicken. Das erlaubten die Natur des Landes und andere Umstände nicht. Daher müssen wir, wie gesagt, vorerst durch 50 Jahre in den amerikanischen Prairien eine landwirtschaftliche Erziehung genießen, müssen dort unsere Sclavcndcnkart abschüttelu, unseren Geist und unseren Körper verjüngen, und erst dann das heilige Land unserer Väter aufsuchcn. Bis dahin wird auch ein Theil unserer Brüder Palästina vorbereitet haben. Kurz, vorläufig ist in Amerika für uns Platz genug, nur Mittel, Wille, Einheit, Disciplin sind notwendig. . Ja, wir müssen unsere Colonisationsansichtcn ändern. Für die Volksmassen niuss ein Ausgang geschaffen werden. Baron Hirsch , arbeitet ganz im Sinne des seligen Doctor Pinsker. Wir müssen und sollen Ackerbauer und freie Bürger in einem freien Staate werden, .möglichst ferne von arischen Sitten und christlicher Liebe. Darum Ehre dem stolzen Aar, welcher uns unter seinen gewaltigen Fittigcn aus schutziger Niederung in reine Höhe cmporhcben will. Jacob K o n st a n t i n o w s k y. Nachlrrmerlrmrg der Redaktion. Wir haben auf das Vorstehende, welches wir, als von einem geschätzten Freunde kommend, aufnchmen zu müssen glaubten, vorläufig in aller Kürze Folgendes zu erwidern. 1.) Wir haben Baron Hirsch nicht „beschimpft", sind nicht „trotzig" und „unwürdig" gegen ihn vorgegangen, und bemühten uns nicht, „Misstrauen gegen ihn zu säen". — Wir haben ihm vielmehr blos den Beruf zur Volkserrettung, also die Genialität abgcsprochen. Es ist tief beklagenswert, wenn Zionisten den Zcitungslobhudclungen der Assimilanten auf den Leim gehen, und sich vor dem Golusgötzen Geld gedanken- und recheuschaftslos beugen. Uns besticht das Geld nicht. Wir sind der Meinung, und sagen sie heraus, dass es Hände geben könnte, welche die Millionen des Baron Hirsch rationeller und, von höheren Impulsen geleitet, verwenden würden. Damit wollen wir aber Baron Hirsch persönlich gar nicht nahe getreten sein. 2. ) Es ist richtig, dass man Palästina nicht übereilt colonisiren dürfe und es ist ebenso richtig, dass, wenn cs mir möglich ist, ein Abfluss für die russischen Juden? müssen geschaffen werden müsse.. Es ist aber ebenso klar, dass einerseits eine große jüdische Persönlichkeit von epochaler Bedeutung, von dem Einflüße Hirsch's große Ländcrstrcckcn Türkisch-Asicus, die das 'Centrum Israels umgeben und deren Erwerb eine wirkliche nationale Bedeutung hätte, für die Rettungs-Colonisation gewählt und zu erwerben gewusst hätte. Und ebenso klar ist, dass eine „providentielle" Persönlichkeit, wenn sie schon Argentinien wählte, ihren Beruf zu dem gewaltigen Werke ganz anders hätte beweisen müssen, als dies Baron H i r s ch gethan hat. 3. ) Es ist unrichtig, dass in Palästina so trübe Erfahrungen gemacht wurden, als in Argentinien, und unrichtig ist es, das Vorgehen Baron R o t h s ch i l d' s , eines von Ideen geleiteten Mannes, mit dem des Baron Hirsch vergleichen zu wollen. 4. ) Tiefbcdauerlich ist es, dass Zionisten so wenig in den Geist des Nationaljudcntums cingelcbt sind, dass sie die Lobpreisungen Americas, seiner „Freiheit" und „Cultur", wie sie die sog. „Judenpressc" in ihrer materialistischen Flachheit bringt, nachschreibcn. In dem tollen, abenteuerlichen Wirbel jenes verwilderten hyperarischen Erdthciles, gegen den Europa ein Tempel Gottes ist, sollen die Juden ihre „Sclavcndenkart abschütteln, an Geist und Körper sich verjüngen?"Zngrunde gehen an Geist und Körper, Peddlars, Komödianten, Raufbolde und Mädchenhündlcr werden, das können sie dort bei weitem eher. Wer Uationaljude. Rede, gehalten in der ersten Sitzung dejüdisch-nationalen Vereins „Jung-Jsracl" in Berlin am 30. Mai 1392. Von Heinrich Loewe, Cand. inst. (Fortsetzung.) Schon in seiner Wiege hat unser altisraelitisches Volk eine Litteratur geschaffen, auf deren kümmerlichen Resten noch heute der größte Teil der modernen Kultur beruht. Die Geschichte unserer Bibel ist der glänzenste Triumphzug unseres jüdischen Volkes. Soll ich erzählen von jenen Jdealgestaltcn eines Mose, Jesaja, Maimonidcs oder Spinaza, von den Dichtern Gabirol, Ilm Esra, oder Jehudah Halevi, um das Selbstgefühl des jüdischen Volkes zu wecken? Es ist unmöglich in kurzen, ja in kürzesten Zügen hier jenen gewaltigen Titanenkampf unseres Volkes zu skizziren, in dem es gezeigt hat, dass cs noch lange nicht daran denken will, von der Weltcubühne abzutretcn, ich erinnere nur an die geistige Aristokratie unseres Volkes in heutiger Zeit, die mit leuchtenden Sternen wie Mendelssohn, Heine, Börne, beginnt, und in deren Reihe Namcil wie Heß, Grätz, Ludw. Aug Frankl, Steinthal, Cremieux, Beakonsfield u. a. unzählige leuchten und glänzen. Die ganze jüdische Geschichte von Anbeginn an bis. auf unsere Tage ist einerseits roth von unserem Blute und andererseits eine ununterbrochene Kette leuchtender Geistesheroen. Unsere ganze jüdische Geschichte ist der glänzendste Beweis für unser Recht auf Selbstbewusstsein, für unsere Pflicht zum Nationalstolz. Ein wenig..jüdische Geschichte ist mehr wert als Hunderte von salbadernden Pre^