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Selbst-Emancipation · 1892-10-09 · Heft 19 (9.10.1892) · p. Seite 185

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 19 (9.10.1892)
Date
1892-10-09
Page
Seite 185 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19. Selbst-Emancipation Seite 185. jemals vorgekommen sein kann. Alle die Stützen des heutigen Judenthums schweigen zu dieser entweder geistig oder sittlich erbarmungswürdigen Leistung; ihnen ist es ja gleichgiltig, wenn die jüdische Jugend, welche seit Jahrzehnten für derlei Phrasen gedrillt ist, durch diesen Angriff ans die Profeten noch weniger schmeichelhafte Vorstellungen vom Judenthum gewinnt, als sie bisher besaß. Der Feuilletonist der „N. Fr. Pr." lässt sich aber an dem Angeführten nicht genügen. Nachdem er den Ausdruck „Zionswächter," der neuestens zur Bezeichnung von Fanatikern in der Tagespressc beliebt worden ist, glücklich angebracht, durch ein eingestreutes „Wajomer Elohim“ seine Gelehrsamkeit zu beweisen gesucht und in einer Ansprache Elohims an den Satan Eisenbahn seinen Geist hat leuchten lassen, weiß er uns durch die Enthüllung zu überraschen, dass der Gott des alten Testamentes „achselzuckend cs geschehen ließ," während der „sanftere Gott des neuen Testamentes sogar beifällig ans den Wolken nickte". AnderleiaffectirtcHcrvorkehrungchristlich-civilisatorischcn Bewusstseins in einem notorisch von Juden geleiteten Blatte sind wir schon gewöhnt und hätten auch die vorstehende Tirade nicht weiter beachtet, wenn sie nicht in Anlehnung an einen ganz bestimmten Fall gebraucht worden wäre. An allen Ecken und Enden des besprochenen Feuilletons malt sein Verfasser den Gedanken aus, wie von der modernen Prosa der Eisenbahn die beschauliche, an Vergangenheit klebende Poesie des heiligen Landes zerstört wird. Er schwelgt in der Nüchternheit der Worte „Station Jerusalem. ''Alles aussteigen." Er berauscht sich an der Wassersuppe und alles dies der hochgebenedeiten „europäischen Civilisation" zu Liebe. Nun, ^das ist seine Sache, aber er soll seinen Rausch nicht dazu benützen, um die Thatsachen zu verdrehen. Wer ist in Palästina dafür, dass der mittelalterliche Bettel--und Betgeist der Bevölkerung zu den Todten getragen werde? Wer wünscht in Palästina productive Arbeit und Wissen an Stelle der verschiedenen frommen Beschäftigungeil zu setzen? Wer will Palästina aus einer nutzlosen Sehenswürdigkeit zu einem nützlichen Cultnrlande machen? Sind es nicht die I u d e n , die Bekenner des „achselzuckend cs zeichnet in demselben den grellen Gegensatz zwischen den Idealen der Besten unserer Jngend und der bitteren nackten Wirklichkeit. Erbarmungslos zergliedert er mit zweischneidigem Messer die Eigenschaften unserer Seele. Die Gemeindcvorstände und ihre Gewaltakte gegen die besten Gemeinden, itglieder schildert er nach ihrer ganzen Verderbtheit, Unreinheit und Widerwärtigkeit. In diesem Gedichte athmet Gord ons Genius loderndes Feuer, er tritt in furchtbarer Majestät ans. Wie ein verwundeter Löwe springt er aus dem Dickicht, los auf die Niederreißer und Zerstörer in unserer Mitte. Doch auch im Zorne und Grolle beherrscht er seine Feder und lässt sie Maß, Anstand und Form bewahren. Auch wechselt an einigen Stellen das Löwengebrülle mit dem sanften Girren der Taube, dort nämlich, wo er von den Leiden unserer Jugend und ihrer mächtigen Sehnsucht nach Lehre und Wissen spricht. Die „M’schalim k'tanim lij’loilim g’dolim“ sind Perlen, jede ein Meisterwerk. In diesen Gedichten hält er unserer Generation einen Spiegel vor, offenbart ihr ihre Schmach und züchtigt sie mit der Ruthe seiner Entrüstung. Es gibt in den europäischen Literaturen nichts den angeführten Dichtungen an Großartigkeit Aehnliches. Als hebräischer Dichter speciell ist er einzig an Schreibart, Inhalt, Geist und Character. Einsam steht er unter hebräischen Dichtern durch seinen wermuthbittern Spott, der aus den Tiefen der jüdischen Volksseele geschöpft ist, und alles was er schreibt, ist durchaus originell. geschehen Lassenden", dieselben, welche im letzten Jahrzehnt mehr für die Cultivirung Palästinas gethan haben, als die ganze europäische Christenheit zuscnnmengenoinmen seit den Tagen der Kreuzzügc? Freilich ist den jüdischen Culturtrügern in Palästina ihre Aufgabe etwas Hohes, Heiliges. Mit dem dem unverdorbenen Semiten eigenen sittlichen Ernste und im Bewusstsein des geschichtlichen Werthes ihrer Bemühungen gehen sie an dieselben. Sie haben daher auch gar nicht das europäische Bedürfnis, sich als Verderber alter Poesie zu fühlen. Vielmehr baut ihr feineres Empfinden eine Brücke von der Tempelinaner bis zum neuen Bahnhofe in Jerusalem, und ehrfurchtsvoll erschauernd beugen sie sich vor der erhabenen Unvergänglichkeit Jerusalems. Ja, dieses Jerusalem, sie wollen es wieder aufbauen, größer und herrlicher denn je; dieses jüdische Land, sie wollen es befruchten, dass es wieder von Milch und Honig überfließe; sie wollen es wieder bevölkern mit einer glückliche», sittlichen, aufgeklärten Einwohnerschaft. Ja, sie wollen, dass Eisenbahnen das Land durchqueren, dass ihm alle Erfindungen der Neuzeit dienstbar gemacht werden; aber sie wollen auch mehr als das, sie wollen, dass es nicht versinke in den seichten Materialismus des Abendlandes, dass es eine jüdische Civilisation entwickle, welche sich nicht mit Bahnhöfen und Telephonstellen begnügt, sondern ihren Hauptzweck in der Adelung des Menschenherzens, in der Verfeinerung des menschlichen Empfindens, in socialer Gerechtigkeit erblickt. Station Jerusalem! — Mögest bit dem alten Profetischen Worte gemäss der Ausgangspunkt einer höheren menschlicheren, die Herzen erwärmenden Civilisation sein! -- B. Zur Nrgentinienfrage. Es scheint, dass unsere besten und talentvollsten Volksfreunde in den Personen Dr. Hildesheimer, Zederbaum und Dr. Birnbaum in der brennenden Frage der jüdischen Emigration aus Russland plötzlich von kurzsichtigem Fanatismus ergriffen worden sind. Denn sonst Hier wurden nur einige von den Dichtungen Gordons aus den Theilen 3 und 4 der Sammlung genannt, aber aus Raummangel nichts von Gordon dem Novellisten, dem Publicistcn, dem gebildeten Kritiker, dem Gelehrten, nichts von seiner schriftstellerischen Thätigkeit in russischer Sprache erwähnt. Auch seine ''Artikel betreffs der Cvlonisation Palästinas und seine Mitarbeiterschaft beim „Hamclitz" wurden nicht zur Besprechung gebracht. Denn in einem kurzen Feuilleton über Gordon erschöpfend zu schreiben, ist ebenso unmöglich, als den Eiffelthurm auf einem Graupenkorne aufzuführen. Unsere hervorragenden Großen, Weisen, Dichter und Schriftsteller werden von Tag zu Tag weniger, Aber wir hoffen, dass auch speciell bei den Dichtern das Wort unserer Weisen: „Wenn die Sonne des Einen erlischt, erstrahlt die Sonne des Anderen" sich erfüllen, dass uns die Sonne noch leuchten und uns im Lande Israels Dichter Hervorbringen werde, — und zwar Dichter. - welche Länger (m,schov:rim)itnb nicht Wehklager (m'lcon'nim)*) sein werden.**) Rüben Brainin. *) Mit dem Verlust der nationalen Selbstständigkeit hörte die hebräische Poesie auf schir (Sieb) zu sein, und wurde zur Kinnah (Klage). Gordon selbst nennt sich einen m’kon’nen. **) Demnächst wird eine Reihe von Briefen Gordons an den Verfasser obigen Feuilletons, vielleicht auch die Ncbersetzung einiger Gedichte Gordons veröffentlicht werden.

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