Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 19 (9.10.1892)
- Date
- 1892-10-09
- Page
- Seite 184 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Seite 184.Selbst-l Im Jahre 5632 (1861) wurde Gordon von dem Vorstande der jüdischen Gemeinde in Petersburg zum Gemeindc-Sccrctär gewählt. Gleichzeitig erhielt er das Sccrctariat des „Vereines zur Vcrbreitiiiig von Aufklärung unter den Juden in Russland". In diesen Stellungen verblieb der Dichter sieben Jahre, worauf er sechs Jahre in der Rcdaction des hebräischen Blattes „Hamelitz" und zwar die ersten drei Jahre als ständiger Mitarbeiter, die letzten orci Jahre als Mitredacleur des Chefrcdacteurs A. Zederbaum, wirkte. Zuletzt arbeitete er an der russischen Ucbcrsctzung des Brockhaus'schen Conversationslcxon mit, wie er denn auch zahlreiche gediegene Artikel in russischen Zeitschriften und Sammelbüchcrn veröffentlichte. Außer den Gcvichten, welche in der von dem Petersburger „Vereine der Freunde der hebräischen Sprache" zur Feier des 25jährigen Jubiläums der hebräisch-dichterischen Thätigkeit Gordons herausgcgcbenen Sammlung enthalten sind, erschienen noch viele andere Gedichte in verschiedenen Zeitschriften und Sammclbüchern. Auch seine großen und kleinen Erzählungen erschienen in eigenen Ausgaben und in älteren und neueren Zeitschriften. Mehrere Jahre redigirtc G o r d o n den wissenschaftlichen und kritischen Theil der russisch-jüdischen Zeitschrift „Woshod". Auch für jüdisch: Zeitschriften in deutscher Sprache schrieb er. Ec übersetzte endlich die fünf Bücher Moses in's Russische und unter seinen Mauuscriptcn sinden sich auch russische Uebersetzungen einiger anderer Thcile der heiligen Schrift. Go rdon hat Aufklärung und Liebe zur heiligen Sprache überall, wohin er kam, verbreitet. Station Jerusalem. Das Dampfross schnaubt auf dem geheiligten Boden unserer Ahnen. Von der Küstcnstadt Jaffa, dein Centrum des ucnhcbräischcn Palästina, nimmt cs seinen Ausgang, an den Colonicn, den Stationen des Sicgcszugcs der Zionsidee, eilt cs vorbei, und im Ccntrum des althebräischen Palästina, in Jerusalem, macht es Halt. Wie ein Weckruf tönt der schrille Pfiff der Locomotive zur Tempclruinc hinüber und setzt sich fort dllrch das ganze jüdische Laild: Es ist Zeit zur Auferstehung. '* Freilich, ein beträchtlicher Theil unseres Volkes hat auf diesen Weckruf nicht gewartet, in den Herzen dieser Tausende jüdischer Männer und Jünglince ertönte schon längst die Stimme ihrer nationalen Pflicht, und dem Wirken dieser Wackcrn ist cs zuzuschrciben, wenn heute die neue Eisenbahn Iehuda Leb Gordons hervorragendste Dichtungen. (Fortsetzung des Leitartikels). Die großartigsten Leistungen des unsterblichen Dichters, namentlich auf epischem Gebiete sind: „Ahabhatli David u-Michal". in 12 Gesängen. Sein Stoff ist der Bibel entnommen. Dieses Lied wird so lange in unserem Volke leben, als die hebräische Sprache. In ihm sind alle Bilder plastisch und rein, die Farben richtig und zart, die Phantasie, die darin waltet, ist glühend, die Sprache ist laut.'r und anmutig. Ueber das Ganze ist der Geist des Morgenlandes ausgebreitet, jede Strophe erfreut Ms Herz. Wie ein Edelstein wird dieses Lied stets inmitten der ewigen Poesie erstrahlen; der Duft dieser Blüthc wird noch dauern, wenn die Dichterblumen anderer Völker schon längst.verwelkt sein werden. „Bath Potiphera.“ An richtiger Zeichnung der Natur, der Gefühle, der heftigen Leidenschaften der Töchter des Orients, an morgcnländischcm Colorit, an wilder Schönheit kann dieses Gedicht mit den bekanntesten Poömen dieser Gattung in der Weltliteratur concurriren. „Bim’zuloth jam“ nimmt seinen Stoff aus der Zeit der spanischen Judenvertrcibung. Das Erdicht schildert den Sieg eines heldenhaften jüdischen Mädchens über, eine Rotte von Eroberern und Unterdrückern. Die Verse, welche von den Jaffa-Jerusalem mit großer Aussicht auf Erfolg eröffnet wird. Der andere Theil unseres Volkes aber ist vorläufig noch taub gegen den Weckruf; ihm ist der neue Eisenbahnverkehr in Palästina höchstens eine interessante Episode der Tagcsgeschichte, welcher wegen man einige Jubelhymncn au die europäische Civilisation singt und etwas frivol witzelt. , Die „Neue Freie Presse" wird es uns verzeihen müssen, dass wir sie ein von Juden geleitetes Blatt nennen. Auch der Feuilleton „Station Jerusalem", den sie dem Ereignisse der Eröffnung der Eisenbahn Jaffa-Jerusalem widmet, ist aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Juden geschrieben. So gewisse kleine Anzeichen verrathen uns das. Umso bezeichnender ist der Tenor dieses Aufsatzes. Wir wollen es dem im christlichen Wien, an einem Brennpunkte christlicher Civilisation erscheinenden Weltblattc noch hingehen lassen, wenn es „die Heiligkeit des Ortes" so geschickt zwischen Judenthum und Christenthum zu vertheilen weiß — so ein armer jüdischer Schriftsteller muss ja vor dem Lesepublicum recht christlich erscheinen — aber den auch sonst gegen das Judenthum ungerechten, im Ganzen geradezu perfiden Ton des Artikels können wir uns nicht gefallen lassen. Wenn das assimilatorische Judenthum in seinem seichten Liberalismus zu befangen ist,, um die liberalen Beleidigungen gegen den jüdischen Geist zu' fühlen, so müssen wir Nationaljuden die Wächter unserer Volkschre sein. „Wie, und die Schatten der Profeten haben sich nicht erhoben, um die heilige Stadt gegen die cinbrecherische That der Neuzeit zu schützen'?" Wa§ sich so ein Zeitungsschwätzer unserer plauderhaftcn Neuzeit gegen die edelsten und genialsten Männer des jüdischen Altertums, was sich so ein Zwerg der Zwerge gegen Riesen, so ein Maulwurfshügel von Verbohrtheit gegen die höchsten Wahrheitsgipfcl der Menschheit hewnsnchmen darf! Darf, eine Unwissenheit sich nackt zur. Schau stellen, die so groß ist, dass sic die größten Fortschrittsapostcl aller Zeiten und Völker zu denvornehmsten Schutzheiligen des. Rückschrittes und des geistigen Dunkels stempelt? Ist es wieder nicht Unwissenheit, welche solche Lästerung verschuldet, so ist cs die denkbar stärkste geschichtliche Fälschung, die Verbannten und der Verbannung sprechen,, sind furchtbar erschütternd, fast wie die Verbannung selbst.. „Bon schinnej ara.svt.li" behandelt eine talmudische Sage aus der Zeit der zweiten Tempelzcrstörung. In Versen, scharf und schneidig, malt der Dichter die Grausamkeit des Feindes und die Nachlässigkeit der Großen, welche in den Tagen der äußersten Noth Nabulistik treiben, aber auch den Heldenmut und das traurige Ende eines Jünglings, der den Feinden in die Hände füllt, und die Liebe eines hebräisch en Mädchens. In „Kozo schcl jud“, einem epischen Gedichte, das seinen Inhalt aus der Gegenwart schöpft, gibt uns Go rdon das getreue Bild eines jüdischen Weibes im „Ansiedlungs-- rayon"; die Last des Erwerbes ruht auf ihr, die Pflege und Erziehung der Kinder obliegen ihr. Sic weint über ihr trauriges Loos, in den Händen, eines Mannes zu sein, der ihr Denken und Fühlen nicht versteht und ihr die ganze Sorgcnbürdc aushalst, während er selbst in der Welt umherirrt und nach Glück sucht. In diesem Gedichte geißelt Gordon mit einer eisernen Zuchtruthe die Eiferer. Es ist ein scharfer satyrischer Zug, der durch die Dichtung geht und sich mit Zorn und Spott gegen überlebte Bräuche richtet. Dagegen weht der Hauch liebenden Erbarmens mit der armen Jüdin, „einer Pflanze des Herrn, die auf dürrem Boden zu Grunde geht," durch das Gedicht. In „Schnej Jossefben Schimeon“ einem epischen Gedichte, dessen Stoff unserer Zeit entnommen ist, erklimmt Gordons Muse die höchste Stufe der Vollendung. Er