Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 18 (19.9.1892)
- Date
- 1892-09-19
- Page
- Seite 180 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 180. Selbst-Emancipation Nr. 18. wie an den Kciliuschristeu herumlaboriren, bringt unser Volk die genialsten neuhebräischen Dichter und Schriftsteller hervor; während sie über unser Altertum sprechen, bauen wir unsere nationale Zukunft. Das Corpus delicti. Die Lorberen der Magdeburger „Israelitischen Wochenschrift" lassen die „Allgemeine Zeitung des Judentums" nicht schlafen. In einem Artikel, „das Corpus delicti" überschrieben, nimmt sie die Gelegenheit wahr, über die Nationaljuden herzufallen und sie nach dem erwähnten berüchtigtem Muster „unreife Köpfe" zu nennen. Wir wollen diese Geschmacklosigkeit nur constatiren, ohne uns diesbezüglich zu einer Polemik mit dem „unparteiischen Organ für alles jüdische Jntercsic" zu erniedrigen. Was aber die genannten Artikel selbst betrifft! so ist der ihm zu Grunde liegende Sachverhalt in Kürze folgender: Herr Oberrabbiner Sa laut von Jerusalem hat einen Bittbrief an die europäischen Juden versendet, worin er von einer jüdischen Nation spricht. Die Antisemiten haben dies nun, dumm genug, aufgegriffen, und die „A. Z. d. I." nimmt dies zum Anlass, um den Obcrrabbinr. Salant zu desavoniren. Sie nennt ihn dabei den „guten Rabbi", der von einem Unterschiede zwischen „Nation und Religion" keinen klaren Begriff hat, wittert möglicherweise im Uebersetzer aus dem hebräischen Original den „auf keiner höheren Stufe als sein Meister" stehenden Sünder, und crtheilt schliesslich Herrn Salantdas Wohlvcrhaltungszeugnis, dass er mit uns Nattonaljudcn „herzlich wenig gemein" hat. — Man weist nicht, soll man am Schluffe der Lcctüre dieses Leitartikels über so viel Unvernunft und Unanständigkeit lachen oder weinen?' Wie naiv! Die „Populär-wissenschaftlichen Monatsblätter" in Frankfurt a. M. bringen folgende Notiz: „In Berlin wurde ein jüdisch-nationaler Verein unter dem Namen „Jung-Jsrael" in's Leben gerufen.' Derselbe bezweckt, das Bewußtsein der nationalen Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes zu wecken, jüdisches Leben und jüdische Wissenschaft zu pflegen. Von solch' unfruchtbaren Bestrebungen sollte nian doch endlich absehen!" „Endlich" ist gut! Wir fangen ja so recht eigentlich erst an. Aus Deutschland. Der Xantener Process. wirkt in dorttgcr Gegend noch immcrnach. Vorige Woche versuchte man in Grevenbroich die Synagoge durch ein mit Pulver, gefülltes Pumpenrohr in die Lust zu sprengen. In derselben Nacht, als dieses Attentat versucht wurde, schleuderte man einen schweren Pflasterstein in das Schlafzimmer eines jüdischen Einwohners der Stadt. Alles dies fand statt, trotzdem iw letzter Zeit von der Kanzel Mahnungen zu Duldsamkeit ergangen waren? In Gindorf wurden Juden gehörige Scheunen, in Frimmersdorf das auf: dem Feld stehende Getteide mehrerer Juden verbrannt. —Die „Jüdische Presse" berichtet über das Ueberhandnehmen des Antisemitismus bei einem Theile der Eentrumspartei, namentlich in Baiern. — In dem bei Witten liegenden Orte Hatttngcn verbreiten die Socialdemokraten Schriften von ausgesprochen antisemitischem Eharacter.; Ans Holland wird berichtet, dass in Oldenzaal die Bevölkerung eine drohende Haltung gegen die daselbst wohnende Juden annimmt. Aus Rußland. Der „Regierungsbote" erklärt alle ausländischen Zeitungsmeldungen über die Grausamkeiten, welchen die Juden in Rußland ausgesetzt seien, als rein erfunden. Marquis de Mores, der Dnellgegner des unglücklichen jüdischen Hauptmanncs Mayer, wurde von den Pariser Geschworenen freigesprochen. Unserem Principe getreu,, aus solchen Verbieten kejne Schlüsse auf die Volksstimmung zu ziehen, halten wir die Freisprechung Moros ebensowenig für eine Niederlage des Judentums, als wir die Freisprechung Buschhoffs für einen Sieg desselben erachteten. — Der, russische Gesandte in Paris, Baron Mohrenheim, hat eine vom Antisemitenblatte „Libre Parole" veranstaltete Sammlung: für die Nothleidenden Rußlands zurückgewiesen. Die Spenden; waren nemlich unter die Würde des Zaren verletzenden! Devisen eingeflossen. Marquis Moros erinnert nun Mohren-! heim an seine Beziehungen zu den Pariser Antisemiten.! Aber die „Neue Freie Presse" schwelgt einen ganzen Leit-: artikel voll in eitel Freude über die Zurückweisung. Der- Zar will von den französischen Antisemiten nichts wissen.! Welches Glück!; Golnsblnthen. In Litinia, einem galizischen Dorfe! bei Drohobycz, liess der dortige Ortsrichter Michailo Holnsch ka im ^Wirtshause durch einen Bauer den jüdischen Grund-' besitzer Abraham Roth ohne Anlass festnehmen und ihm Bart und Peies abschneiden. Tags darauf überfiel der Ortsrichter mit mehreren Begleitern das Haus des genannten Judeii, mißhandelte ihn sammt seiner Frau, vertrieb ihn sammt Familie von feinem Besitztums, und schleppte mit sich fort, was er vorfand. — Die Blätter bringen folgende Notiz: Die Rathskammer des Wiener Landesgerichtes hatte sich in den letzten Tagen über ein seltsames Ansuchen auszusprechen. Ein Häftling, Namens Nathan Schnürer, der gegenwärtig im Arreste des Bezirksgerichtes Alsergrund wegen unerlaubter Rückkehr eine einmonatliche Strafe zu verbüßen hat, wendete sich an die Rathskaminer uni die Erlaubniss, den amtlichen Eurszettel abonniren zu dürfen; er gab an, dass das Landesgericht, wo er sich drei Wochen in Untersuchungshaft befand, ihm dies ebenfalls gestattet hatte. Er sei Speculant in Effecten und würde möglicherweise einen bedeutenden Vermögensnachtheil erleiden, wenn er nicht jeden Tag vom Eurse Kenntniss erlangen und im Falle des Sinkens der Eurse Auftrag zur Veräußerung der Papiere ertheilen könnte. Die Rathskaminer gestattete dem Jnhaftirten, die k. k. Wiener Zeitung, welche den. amtlichen Eurszettel enthält, abonniren zu dürfen. Schnürer ist aus Preßburg gebürtig und wurde vor mehreren Jahren aus Wien ausgewiescn; bei seiner unerlaubten Rückkehr wurde er hier verhaftet. Kftimilatronsevfotg. Die „Neue Freie Presse" bringt einen Bericht über die Spielbank in Ostende, so einem Prachtstücke europäischen Eulturlebens; der Bericht enthält folgende Zeilen: „Die Söhne Arpads sind überhaupt in ^diesem Jahre sehr stark im Club vertreten. Links neben dem Croupier eine ganze Gruppe; freilich nicht Vollblutmagyaren seit Mathias Corvinus, aber jetzt sehr gute Patrioten und Chauvinisten. Antisemiten sind die Herren sicherlich nicht." Wer weiss? — würden wir der letzten vielsagenden Bemerkung entgegengehalten. Im Palästina leben gegenwärtig nach amtlichen statistischen Aufnahmen 61.000 Juden. - . . .. DasMitglicderoerxerchnisdesOdessaer„Vcreines zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palaestina" pro 1891, welches 60 Quartseiten umfaßt, weist 3914 Mitglieder in allen Theilen des russischen Reiches auf. Es sind dies, wie im „Hamelitz" berechnet wird, kaum 4 per Mille von der Anzahl der Juden in Russland. Trotz des jüdischen Elends im Zarenreiche könnten sich den Vermögensverhältnissen nach, meint das Blatt, mindestens 50 von 1000 Familien an dem Vereine betheiligen. Drr „llaor“ in Jerusalem bringt anlässlich des neunten Abh einen Leitartikel; wie ihn in so musterhaftem, modernen Hebräisch Und so packendem Stil eben nur Herr Bcn-Jehuda schreiben kann. Man höre folgende Stelle: „Was thut die große, weise, reiche, zähe Natton, was unternimmt sie, um sich zu helfen? Oh! Sie unternimmt ein großes, wunderbares Werk, ein Werk, das ihrem Rufe entspricht. Alljährlich an dem furchtbaren Tage, an dem vor einem Jahre, vor zehn, vor hundert, vor elf-, zwölf-, dreizehnhundert, vor achtzehnhundcrt, vor achtzehuhundertzwanzig, -einundzwanzig, -zweiundzwanzig, dreiundzwanzig u. s. w. Jahren ihre Helden den letzten Blutsttopfcn für ihre Freiheit verspritzten, — an eben demselben Tage fetzt sich die große, weife, reiche, gewandte, zähe Natton auf die Erde, sitzt und klagt, weint wie ein Kind, aber nicht etwa wie ein Kind, das gekränkten Hebens wahre Thränen vergießt, sondern wie ein Kind, dem man das Weinen anbcfohlcn hat, und das nur weint, um seine Pflicht zu thun". Zionismus in Rumänien. Wir haben schon in der vorigen Nummer über die wackeren Zionisten in Bacau berichtet, welche es unternommen haben, die Palästina-Bewegung in Rumänien wieder anzufachen. Derselbe Verein hat nun bereits auf einen Erfolg hinzüweisen. Wie der „Hajoötz" berichtet, haben vorige Woche sieben Familien, 45 Personen, Bacau verlassen, um mit Hilfe des Colonisationsvereines der Stadt nach Palästina zu ziehen und sich daselbst anzusiedeln. Drei dieser Familien haben Land gekauft, die vier anderen werden Arbeit suchen. Fast die ganze jüdische Bevölkerung Bacaus gab den Auswanderern das Geleite zum Bahnhofe und der Abschied erfolgte unter vielen Thränen. Bei der Durch»