Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 18 (19.9.1892)
- Date
- 1892-09-19
- Page
- Seite 178 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 178. Selbst-Emancipation Nr. 18. waltungs- und Handelskammerräthe, wo die ganze.haute finance und „alf die glänzenden Hcroengestalten"? — Der Herr Reichsrathsabgeordnete und der Herr Landtagsabgcordnete, die laßen im Wiener Kaffeehause und stritten, ob Labouchcre oder Roseberry, und über dgl,. wichtige Dinge mehr. ' ' Drr Herr Handelskammcrrath, der seine Cur unterbrach und nach Wien eilte, um dort über den Stand der Saaten in Galizien zu sprechen,, wollte nicht sein Mittagsschläfchen stören, nm über Judenelend etwas zu hören oder zu thun. Der Herr Verwaltungsrath aber betrachtete wohlgefällig im Spiegel seinen neuen Orden. Jndcgen sprach in der hiesigen Borstädtsynagoge Dr. Wilhelm Holzer: „Etwas ist in mir," sagte er, „das mich nicht ruhen lässt, wenn ich sehe, wie andere lcidcu, das mich antreibt, mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln das Elend zu lindern". Cr versprach, nicht vor. dem augenblicklichen Misserfolge zurückzuwcichcn und schwur bei der heiligen Thora, dass er die Herren in ihren Palästen auffuchcn und ihren tauben Ohren so lange predigen werde, bis Hilfe geschaffen wird) denn Hilfe müsse geschaffen werden. Dem Hoffnungsaccord, in den die Rede Dr. Holzers ausgcklungcn war, solgw leider ein schriller Mission. Es ergriff nämlich Herr Hermann Diamand, früher Zionist, derzeit Socialdemokrat Adler'scher Fractton, das Wort. Er ließ eine Philippika gegen die Gesellschaft und den Staat vom Stapel. Selten ergibt sich die Gelegenheit, so confuses Zeug in einem Athem zu hören. Weil nicht allen und. nicht andauernd geholfen werden kann, so soll gar nicht geholfen werden und weil das Elend besonders von den hohen Steuern herrühre, so sollen die Juden vor die Regierung treten und die Herabminderung der Steuern (ttv!), die Auflösung des stehenden Heeres (sie!) u. f. w. verlangen. Ein probates Mittel gegen die Cholera und ihre Folgen! : Dawid Malz. Nachschrift vom!). September. Wie ich crsahre, hat Doctor Holzer sein Verspreche,: gehalten; cs ist seinen Bemühungen gelungen, für anne Untcrstandslosc Mittagessen zu den billigsten Preisen in . der. Volksküche zu erwirken und er errichtete eine Theeanstalt, in welcher Thcc beinahe umsonst an anne Juden verabreicht wird. Es werden auch künfttge Woche den Armen Wohnungen zur Verfügung gestellt werden.*) N^czcniiya (bei Kvlvmea). Die Bemühungen unseres Gesinmmgsgcnoffen, des Herrn Löbl Taubes, hierorts eine,: jüdischen Schulverein „Talmud-Thora" zu grüudcn, worin zum Unterschiede von den Echedarim die hebräische Sprache und die Nornralschnlgcgcnstände unterrichtet werden sollten, scheiterten vorläufig an dem Widerstande der ultrazelotischcn Majorität der Stadt, welche das Gründungscomitä ein? schüchterten. **) . Z. 5 Deutsches Deich. Magdeburg, den 7. September 1892. Wenn sich jetzt augenblicklich aus Deutschland nicht viel Erfreuliches melden lässt, so hat das weniger in der tobten Zeit als darin seinen Grund, dass, wie unser Heidelberger Gesinnungsgenoffc richtig in voriger Nummer ausführte, die österreichischen Gcsinnuiigsgenoffcn nicht eifrig genug voranschreitcn. Wir in: Reich sind allzusehr auf die Oesterreichcr angewiesen. Dennoch thun die binnenländischen Freunde All>s, was in ihren Kräften liegt. So wird der Verein „Jung-Jsrael" in Berlin, wie wir hören, zu Beginn des Wintersemesters einen jüdischen Turn- und Fechwerein begründen, um ein neues Agitationsfeld zu erhalten. Die österreichischen Gesinnungsgenossen haben vorzügliche Felder der Agitation, wenn sie tapfer Vorgehen. Ich erinnere nur an Kolomca. Aber auch Wien ist viel günstiger als Berlin! Die Wiener Freunde mögen das nie vcrgeffen, dass der größte Sieg für die Jüdisch-Nationalen im Deutschen Reich eine nationaljüdische Rcichsrarhswahl in Oesterreich wäre, da wir in ganz Deutschland nirgends die Aussicht auch nur auf relative jüdische Wahlmehrheit Haben, geschweige denn auf eine zionistische. Deshalb Zionsfreunde in Oesterreich, arbeitet mit allen Kräften an der Ausbreitung, unserer heiligen Idee bei Euch, und Ihr dürft versichert sein, dass den: *) Wir müffcn hier auf den Gedanken — den wir bereits in) voriger Nummer ausgesprochen haben — nochmals verweisen. Die' natioualjüdischc Partei muss zur wirtschaftlichen Beraterin der armen Juden und zu ihrer Beschützerin gegen die Ilebergriffe der reichen Ässimilationsgecken werden. Sie muss cs werden, wenn sie wirklich' national sein, d. h allen Schichten der jüdischen Nation mit gleicher)) Liebe gegenüber stehen will. Diese sociale Thätigkeit der zionistischen' Partei darf aber keine blos zeitweise, sondern muss eine fortdauernde) immer gleich intensive und zugleich eine von höheren Gesichtspunkten' geleitete sein. Sonst wird sie mit der Socialdenwkratie nicht erfolgreich concnrriren können. Die Redaction. **h Unserer Meinung nach dürfen wir Nattonaljuden es nichts riskiren, gleich den Affimilanten die Masse gegen uns aufzubringen und es so für die Dauer unmöglich zu machen, sie für Licht und Cultur;u gewinnen. Wir müssen vielmehr zuerst ein gemeinsames Arbeitsterrain, schaffen, das Zionswerk, wir müssen sie ferner materiell besser zn stellen trachten. Bei der Zionsarbcit und ihrer Hände Arbeit werden biese Armen' das wirkliche Leben, seine Bedürfnisse und Schönheiten, allmälig von selbst kommen kann, und auch der Culturzwcck wird erreich! sein Die R.'daction. mühevollen Siege in Oesterreich ein glänzender, aber müheloser Sieg im Reiche von selbst folgt. __ ' L. Türkei. Jerusalem, 27. August 1892. Der längst ersehnte Augenblick ist gekommen. Fast alle Bewohner der Stadt, Alt und Jung, Jude und .Muselmann und Christ, Orientalen und Europäer strömten hinaus, um einen th euren Gast zu bewillkommnen. Sonntag, den 21. d. Mts. hat die erste Eisen bahn-Locomotive vor den Thoren der uralten judäischen Residenzstadt Halt gemacht. Sehr gut nennt der „Haor" den Pfiff der Dampfmaschine den Posaunenklang der Aufklärung. Möge die erste Eisenbahn Palästinas auch dem Colonisations-. werke förderlich sein, was übrigens zu erwarten ist. — Dem Betriebe wird die Strecke Jaffa-Jerusalem erst nach dem Eintreffen einer Specialcommission aus Constantinopel, ungefähr in einem Monate, übergeben werden. Das Comits des Odeffaer „Vereines zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina" hat beschlossen, die hebräische Schule in Jaffa, deren Unterrichtssprache die hebräische ist, jährlich mit 4000 Francs zu unterstützen. — Dasselbe Comito hat auf Betreiben seines Vertreters in Jaffa, Herrn Bienstock, der Colonie Mischmar ha-Jarden 15000 Francs zugewendet. In Rischon l'Zion wurde am 21. d. M. die Lese abgeschlossen. Die Colonisten hoffen das Veste. Jede Unterstützung hat aufgehört, da der Werth der von den Colonisten in die Kelter gebrachten Trauben den Betrag der empfangenen Unterstützungen weit übersteigt. — In Anbetracht dieser Erfolge ist es um so schöner, dass sich die Colonisten von Rischon l'Zion entschlossen haben, den zehnjährigen Bestand der Colonie gegen die ursprüngliche Absicht nicht zu feiern. In Sichron Jacob hat die Lese begonnen. Die Kelter ist nachtsüber geöffnet und. werden unaufhörlich Traubenladungen gebracht. Bei Tag wird der Wein bereitet. Der „Haor" rügt mit Rxcht die unverantwortliche Nachlässigkeit der jüdischen Gemeinde Jerusalems, dass sie seit mehr als einem Jahre die ihr gesetzlich zustehenden zwei Sitze im Stadtrathe unbesetzt lässt. Das Elend der von der Regierung nach Smyrna in Kleinasien geschickten und von hier auf die umliegenden Städtchen vertheilten 35 russisch-jüdischen Fainilien ist hier eingetroffenen Nachrichten zu Folge sehr groß. Die.dortigen kleinen jüdischen Gemeinden sind zu arm, um Erhebliches für sie leisten zu können, und von anderer Seite fließen keine Unterstützungen.. Hier wäre eine Hilfsaction von Europa aus und zwar sowohl eine solche zur Linderung der augenblicklichen Noth als auch eilte weitergehende, welche die Einwanderer dem Ackerbau znführt, dringend geboten. Amithi. Nord-Amerika. Uew-Uork, den 20. August 1892. In Amerika macht die Zionssache von Tag zu Tag Fortschritte. In Chicago ist eine neue Genossenschaft, „Schowe Zion" gegründet worden. Jedes Mitglied zahlt durch 6 Jahre jährlich 50 Dollar. Es müssen , wenigstens 25 und dürfeil nicht mehr als 30 Mitglieder sein. Nach zwei Jahren werden Abgeordnete nach Palästina geschickt, um für die Genossenschaftsmitglieder Boden zu kaufen. — In der Wochenversammlung der hiesigen „Schowe Zion" Nr. 1 vom 28. Juli d. I. wurden wichtige Beschlüsse gefasst. Es werden drei Administratoren für das Besitztum der Genossenschaft in Palästina bestellt. Zwei derselben sollen zunächst nach Paris gehen, .um daselbst gemsnsam mit den Vertretern der außeramerikanischen Genossenschaften,? welche in Compagnie mit den „Schowe Zion" Boden im heiligen Lande gelaust haben, Rath z« pflegen. | Ein anderer nicht minder wichtiger Beschluss sprach die Subven-