Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 18 (19.9.1892)
- Date
- 1892-09-19
- Page
- Seite 177 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Selbst-Emancipatiou Seite 177. dritten Franc überdrüssiig, die Armen konnten ihn einfach nicht mehr geben. Dazu litten alle Durste, die Armen auch Hunger, da sie von bloßen Hoffnungen nicht satt werden konnten. Die Colonisten suchten nun auswärts Hilfe. Von Rußland kam für die Mittellosen in der Colonie eine geringfügige Summe — gegen 1000 Rubel — wofür sie Vieh kauften und sich Häuschen bauten — die Wohlhabenden waren diesbezüglich bereits versorgt. Sonst fanden die Colonisten keine Unterstützung. Im Lande selbst eröffneten die „Chalukah "-Männer, welche die Concurrenz in verschiedenen Aufrufen einen förmlichen Feldzug gegen Rischon l'Zion und die Colonisationsidee überhaupt; in Europa wiederum fand der Abgesandte der Colonie, Herr I. Feinberg nicht die geringste Theilnahme. Auch die „Alliance Jsraclite Universelle" stellte sich der Palästina-Colonisation feindselig gegenüber. Endlich jedoch gelang es einen Mann zu einer weitgehenden Hilfeleistung zu veranlassen. Baron Edmund Rothschild in Paris erstand der Colonie als Retter nnd spielt seitdem in der Geschichte der jungen palästinensischen Colnnisation überhaupt eine bedeutende und segensreiche Rolle. (Fortsetzung folgt.) Origmal-Correspondenzen. Gcstcrrcich-Ilngarn. Wien, den 13. September 1892. Die Gründung des Verbandes der österreichischen Palästina-Eolonisationsvereine ist im vollen Zuge. Der von dem Statuten-Ausarbeitungs- Comitö in Wien fertiggestellte Entwurf wurde den verschiedenen Vereinen und Gründungs-Coinites in den einzelnen Städten zur Begutachtung vorgelegt. Im Ganzen und Großen erhielt nun derselbe die allgemeine Zustimmung; ^die voraebrachten, Bedenken wurden möglichst berücksichtigt, und wird der mödistimmen, allein vergebens; unsere diesmalige Zusammenkunft blieb unter dem Eindrücke dieser Offenbarung. Gottlieb war kein Assimilant, als welchen ihn unsere Feldsteine und Feldmanne hinstelleu wollen. Schon der Hinblick auf seine Vorliebe für jüdische Stoffe genügt, um ihn zu kategorisiren. Doch ich kann noch mehr anführen. Mein Verkehr mit Moritz Gottlieb, ein halbes Jahr vor seinem Tode, also zu einer Zeit, da derselbe seine Lebens- und Arbeitsideale wohl schon concipirt haben musste, brachte es mit sich, dass wir Zeit fanden, auch über dessen Programm für die Zukunft zu sprechen und da gab er mir folgende Aufschlüsse: „Ich will meinen Pinsel ausschließlich der jüdischen Geschichte weihen". Auf meine hingeworfene Frage: „Wie wäre es, wenn Sie die Judenverfolgungen der Inquisition in Spanien zum Vorwurfe Ihrer Arbeit nähmen?" antwortete er: „Gut, der Vorschlag ist schön, erheischt aber bedeutende Vorstudien; ich will diese nicht scheuen. Nächsten Sommer reise ich nach Madrid und in andere Städte Spaniens und Portugals, um alles in Augenschein zu nehmen und dann der Welt ein möglich reines Bild von den Gräuel- und Mordthaten zu liefern, deren sich die spanische Christenheit gegen unsere Vorfahren schuldig machte. Mittlerweile will ich darangehen, das biblische Bild Königin Esther, Ahasverus und Mordechai zu malen, wobei mir Ihre Cousine, Frl. CH. P., das ich für den durch Reitz und orientalische Treue ausgezeichnetsten Typus halte, als Königin Esther sitzen wird." Wenige Tage nach diesem Gespräche nahmen wir von einander herzlichen Abschied, ich übersiedelte nach Wien, er reiste nach Krakau ab. Seine bange Ahnung' gieng rasch in Erfüllung. — Sein Pinsel gehörte von nun an dem jüdischen Volke — keinen Strich an einem anderen Bilde ficirte Entwurf noch diese Woche der Behörde vorgelegt werden. Nach Herablangen der behördlichen Genehmigung werden sich die einzelnen Vereine und Gründnngseomitc-s als Ortsgruppen des „Zion", „Verbandes der österreichischen Vereine für Colonisation Palästinas und Syriens" zu constituiren haben. Wien, 6. September 1892. 5>r von der Wiener Cültusgemeinde für heute einberufen gewesenen Delegirtentag de,r jüdischen Großgemeinden, wurde verschoben. Krakau, 1. September 1392. Sonntag, am 23. August wurde hier der erste Schritt zur Gründung eines neuen jüdisch - literarischen Vereines gcthau. Herr Fuchs, der Rcdacteur des „Hamagia", der in unserer Mitte weilt, und hier in Krakau den ,, Hamagia" weiter herauszugeben beabsichtigt, will sich nicht blos mit der Thätigkeit für sein Blatt begnügen, sondern auch ans andere Weise für unsere Literatur wirken, ytuf seine Veranlassung kamen gegen fünfzig allen Parteien ungehörige Personen zusammen. Herr Fuchs hielt eine Eröffnungsrede in hebräischer Sprache, worait sich eine Debatte kiiüpfte. Schließlich wurde eine Conrmission von neun Mitgliederit geivählt, die mit der Ausarbeitung der Statuten des neu zu griindenckcn Vereines betraut wurde. Dieselbe besteht aus den Herren Samuel Fuchs, Aron Faust, Abrahum Guntzler, Israel Krasucki, Leon Leser, Benjamin Spira, Max Jnfeld, F. H. Wetstein und Alter Weinstein. - Am Schlüsse will ich noch meine Corrcspondcnz in der vorigen Nümmer berichtigen. Die Thalmud Thora ist ohne Zweifel gleich nach der ersten Ankunst der Juden in Krakau gegründet worden, nur die ersten Statuten derselben rühren aus dem Jahre 1638 von Rabbiner Joel Serkis (Bach genannt) her. G. 15. Lemberg, den 5. September 1892. Mitten unter all' den kleinlichen Menschen, welche an der Spitze unserer jüdischen Gemeinde stehen, ragt die edle Gestalt des Dr. Wilhelm Holzer hervor. Unberührt von dent alle Ideale zersetzenden Manchesterthuin stistet er überall Gutes. Auch jetzt, wo aus dem Lande des weißen Czaren der schivarze Tod heranrückt, bewährte sich sein Ruf. In einem mit seinem Herzblute geschriebenen Aufrufe forderte er die jüdischen Bürger auf, znsammenzukommen, und über Mittel zu berathen, um die Gefahr wenigstens theilweise von den Juden abzuwenden. Dem Aufruf folgten willig viele strebsame junge Leute — insbesondere Zionisten — welche aber, wie Dr. Wilh. Holzer anerkennend hervorhob, zwar vieles leistcn wollten, aber_nicht könnten. Wo waren da alle die Stützen der jüdisch.'» Gesellschaft; Wo unsere Reichsraths- und Landtagsabgcordneten, unsere Berthat er mehr, allein der Sensenmann drirchschnitt seinen Lebenssaden nur allzufrüh, die gottbegnadete Hand des Künstlers erstarrte. Unser Volk aber, das in ewigen Kampfe gegen die feindliche Brandung sich befindet, hat leider keine Zeit, um die herrlichen Talente seiner Söhne zu würdigen und die Gewürdigten einer würdigen Unterstützung thcilhaftig werden zu lassen. Wie viele Millionen jüdischen Geldes gehen unserer unterstützungsbedürftigen lernenden und strebenden Jugend deshalb verloren, weil die Generosität unserer Großen mit vollen Händen an internationale, interconsessionelle Institute spendet. — Wann wird die Ernüchterung eintreten! Vielleicht werden die geballten Fäuste Esaus, auf die jüdische Brust gesetzt, unsere Tonangeber daran mahnen, dass es Zeit ist, den Hartbedrückten und Zurückgesetzten zu Hilfe zu eilen, dass ferner die Zeit gekommen, dass unsere Ritter und Barone die Ritterpflicht an ihrem eigenen Volk erproben und erhärten. Mögen die Manen unseres Freundes Moritz Gottlieb daran mahnen, wie viel auf diesem Gebiete brüderlicher Nächstenliebe zu thun. Unser Volk wird in seinem internationalen und inneren Werthe steigen, so es sich entschließt, eine Institution zu schaffen, welche die Aufgabe übernimmt, Heranwachsende Kräfte, in welchem Zweige des menschlichen Wissens und Könnens immer, zu unterstützen, sie zu sammeln und auf diese Weise dem Verfalle und dem Abfalle zu entreißen. Um Moritz Gottlieb aber hat sich die christliche Welt mehr gekümmert als alle jüdischen Kreise — umso höher ist es anzuschlagen, dass er mit allen Fasern seiner enipfindungsvollen Seele an seinem jüdischen Volke festhielt. ’ Dr. R. Vierer.