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Selbst-Emancipation · 1892-09-19 · Heft 18 (19.9.1892) · p. Seite 176

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 18 (19.9.1892)
Date
1892-09-19
Page
Seite 176 (sequence 2)
Language
German
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Seite 176. Selbst-Emancipation Nr. 18. 1882, als 5 Männer die palästinensische Hafenstadt Jaffa verließen, nnd auf Eseln reitend landeinwärts zogen, jenem Boden zu, den sie erworben hatten, um auf demselben mit vollem Zielbewußtsein eine neue Aera zu inauguriren. Sechs Tage vorher, am 9. Abh, dem unglücklichsten Tage der jüdischen Geschichte war der Kaufbrief ausgestellt worden sind dieses Zusammentreffen war ihnen als von .guter Vorbedeutung erschienen. So ritten sie denn in gehobener Stimmung ihres Weges und befanden sich nach einundeinhalb Stunden am Reiseziele. Eine mit weißem Sande bedeute Steppe, reichte bis an den Fuss des unkrautbesäeten.Felsens, auf welchem sie Halt gemacht hatten, vor ihnen breiteten sich unbekannte Ebenen aus, im Hintergründe erhoben sich die ncbelumslortcn judäischen Berge. „Fortan heiße dieser Ort Rischon l'Zion" sagte einer der Männer mit zitternder Stimme. Alle fiihltcn ihre Augen feucht werden. \ Nachdem sie die Rührung überwunden und von der zwar kurzen aber in der brennenden Hochsommcrhitze dennoch beschwerlichen Reise sich erholt hatten, gingen sie an die Arbeit, welche freilich für diesen Tag nur in der Aufstellung eiües Zeltes bestand, das sie mitgebracht hatten. Am nächsten Tage kamen wieder fünf Colonisten nnd brachten Zelte und andere Gerätschaften mit. Von da ab entwickelten die Ansiedler die regste Thätigkeit. Sie begannen eine Straße zur Colonie anzulegen und einen Brunnen zu graben. Die Bauern her benachbarten würtembcrgischcn Colonie „Sarona" waren neugierig herbeigekommen nnd hatten versichert, dass im Mittelpunkt der Colonie, auf dem Berge, Wasser zu finden wäre. Die gänzlich Unerfahrenen schenkten dentückischen deutschen Bauern Glauben und mühten sich wochenlange vergebens ab. Endlich sahen sie ein, dass man sie irrcgeführt habe, und begannen am Fuße des Berges zu graben. Inzwischen musste das Trinkwasser aus dem 10 resp. 15 Kilometer entfernten Dorfe Vet-Dejan oder der Allianz-Ackerbauschule gebracht, Moritz GoMieb. (Aus Anlass der Grabsteinsetzung in Krakau). Es war im Jahre 1878, als der damals im 23. Lebensjahre -stehende junge Mann nach Lcnibcrg kam um sein herrliches Gemälde, „die betenden Juden" auszustellen, sowie auch, um sich auf den Assentplatz zu stellen. Von seinem Onkel, dem Dr. Philipp Mansch, dem unvergeßlichen Präsidenten des „Schomcr-Jsracl", mir vorgestcllt, lud ich ihn in den genannten Verein als Gast ein. Er erschien und wurde mit Auszeichnung empfangen. Zum Andenken an seinen Besuch spendete er eine größere phothographische Copie seines letzten Gemäldes (Betende Inden). Von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an knüpfte sich fast unvermerkt ein intimes Frcundschaftsband zwischen uns, welches an Herzlichkeit zunahm, als es mir gelang, einen tieferen Blick in die Seele des ausgehenden jüdischen Gestirns zu werfen. ' Für Diejenigen Ihres geehrten Leserkreises, welche sich von der Persönlichkeit Moritz Gottlicb's eine Vorstellung machen wollen, möge hier zunächst diese knappe Pcrsonbeschreibung dienen. Moritz Gottlieb war von grazilem Körperbau Sein Gang entbehrte nicht einer gewissen Anmuth, welche sich, auch dem Mienenspicl mittheiltc. Auf wenig breiten Schultern ruhte ein mehr langschädliger Kops, welcher von dichten und glänzendschwarzen Locken bedeckt war. Die mittelbreite Stirne war von einer sorgfältig gepflegten krausen Haarkrone cingerahmt. Aus dein schwarzen Hintergründe der großen offenen Angen leuchtete cs so energisch und doch auch -fo schwärmerisch mild hervor. Zu diesem orientalischen Augc'ngcfunkel paßte wunderbar das bräunlich-blasse Colorit seines und Melonensaft als Nutzwasser gebraucht werden. Es ist leicht sich vorzustellen, was solcher Wassermangel besonders im Sommer bei 35 bis 40grädiger Hitze bedeutet. Zum Durste kam die Entkräfgung in Folge ungenügender Ernährung. Die Familien der Colonisten waren nemlich in Jaffa zurückgeblieben, und letztere so gezwungen, nur kalte Speisen: wie Brod, Käse, Melonen, Oliven und dgl. zu sich zu nehmen, welche Speisen zum Ueberfluss noch mit Sand vermengt waren, da die Zelte auf dem bloßen Erdreich standen. Den Entbehrungen des Tages entsprach die nächtliche Angst vor den Beduinen, die man sich als „furchtbar" vorstellte, und vor welchen man das Vieh und die andere Habe durch eine aufteibende Wachethätigkeit schützen zu müssen glaubte. Der Brunnen hatte bereits eine Tiefe von 18 Metern erreicht, als ein Einsturz erfolgte und die Hoffnung auf eigenes Trinkwasser wieder zunichte wurde. Die Lage der Colonisten wurde äußerst kritisch. Die zehn ursprünglichen Gründer — nebst der Seele des Unternehmens, Herrn Salman David Lcwantin, die Herren: Josef Feinberg. Ahron Mordechai Freimann, Schräge Heißmann, Levi Eisenband, Sebh Abramowitz, Jehuda Chankin, Rüben Judelewitz — erhielten nemlich sechs Genossen, indem Herr Lcvantin an sechs arme Familien je 60 Dunam Bodens gegen Ausbezahlung während fünf Jahre abtrat und jetzt wurde die Colonie auf einer ganz eigenthümlichen Grundlage eingerichtet. Jeder Colonist zahlte monatlich für jeden Dunam seines Grundeigenthums je 1 Franc an die Gemeindecasse und erhielt aus derselben l1/? Francs täglich. Außerdem wurden aus der Gemeindecasse die Gemeindespesen bestritten. Der Ertrag sollte dann zwischen den Colonisten im Verhältnisse zur Größe ihres Grundeigenthnms getheilt werden. Diese Ordnung der Dinge erwies sich als unhaltbar. Die Gemeindecasse hatte sich gerade zur Saatzeit, wo der größte Bedarf war, geleert. Die. Vermögenden waren beim Antlitzes, das ich nie sich röthcn sah. Neben alledem verriethen seine Nase, sein lebhaftes Lippenincarnat, von dem sich beim Mundöffnen ein Gehege perlen weißer Zähne abhob, sein lebhaftes Gespräch, das in etwas schwärmerischer Weise ausklang, den Abkömmling Judas, den Sohn des sonnigen Jordanlandes. Er wusste auch, dass er ein typischer Jude sei, und nahm daher ein eigenes Porträt unter die Figuren seines Gemäldes auf. Seine weichgestimmtc jüdische Seele schien oft von bangen Ahnungen beschlichen zu sein, die der Künstler manchmal durch Unterhaltung mit geistreichen jungen Damen insbesondere mit jüdischen Schönheiten, die er während der Conversation förmlich studirte, zu verscheuchen suchte. Eine derartig bange Ahnung beschlich ihn als er an seinem Bilde „die betenden Inden" arbeitete. Damals, etwa ein Jahr vor seinem Heimgänge, bemächtigte sich seiner der Gedanke des frühen, vorzeitigen Todes. Diesem unheimtlichen Gefühle gab er dadurch ewigen Ausdruck, dass er auf dem Mäntelchen der Thorarolle, welche ein Jude des Gemäldes in Händen hält, die hebräischen Worte schrieb: „Spende zum Gedächtnis an die Seele des Moritz Gottlicb. — Das Andenken des Gerechten zum Segen, — 5638." — Als ich den jungen Maler darüber beftagte, was ihn bewogen habe, sich unter die Todten zu rechnen, erzählte mir Moritz Gottlieb fast wörtlich: „Genau an dieser Stelle meines Bildes angelangt, empfand ich ein Gefühl, dass ich dieser Welt entrückt bin nnd nicht weiter leben kann; da wollte ich wenigstens mein Andenken an dieser Stelle verewigen." Kalt überrieselte es mich, und ich versuchte sein verklärtes von tiefer Wehmuth ergriffenes Wesen durch Ablenkung auf ein froheres Thema heiterer zn

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