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Selbst-Emancipation · 1892-08-29 · Heft 16-17 (29.8.1892) · p. Seite 172

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 16-17 (29.8.1892)
Date
1892-08-29
Page
Seite 172 (sequence 10)
Language
German
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Seite 172. Selbst-Emancipation Nr. 16 u. 17. Der Jubel mancher jüdischer Blätter über dieselbe, ist geradezu unverständlich und verräth viel Gedankenlosigkeit. Da weist die „Jüdische Presse" in Berlin besser Bescheid. „Der Papst hat gesprochen", sägt sie, „aber das unzweideutig entscheidende Wort ist dabei keinesfalls gefallen. Auch diesmal gestatten seine Aeußerungcn eine doppelte Auslegung, bei der beide Thcilc, die Anhänger und die Gegner der Judenhetze, zu ihrem Rechte kommen." Die. „Jüdische Presse", resp. ihr römischer Berichterstatter, weist auch viel davon zu erzählen, wie seit Jahr und Tag die Judenhetze in der päpstlichen Presse mit ungeheuerem Eifer betrieben wird, — „sicherlich nicht aufs Geradewohl und ohne besondere Ermächttgung der leitenden vatikanischer Kreise." Im Frühjahre wurde Don Albcrtario, der Director des antisemitischesten „Osservatore Cattolico" vom Papst in stundenlanger -Audienz cinpfangen und mit polittschen Vertraulichkeiten beehrt. Denselben Mann hat, wie das genannte Blatt jüngst meldete, der Papst bei der, „Segen-Spendung" versichert, dass ihn nichts mehr erfrische, wie die Lectüre seines Blattes. „Bst. auf Weiteres haben wir mit der Thatsache, dass Rom bis zu einem gewissen Punkte mit dem Antisemitismus Hand in Hand geht, ernsthaft zu rechnen", sagt der Correspondcnt der „Jüdischen Presse." Er weist aber auch zu erzählen, dass liberale italienische Blätter antisemittsche Müren zeigen.' — Die Assimilation verliert ihre letzten Paradiese. Midjau. Herr Paul Fried mann hat sich veranlasst gesehen, gegen den Redacteur des in Mainz erscheinenden „Israelit" die Beleidigungsklage anzustrengeii, indem er einen Teil der in den seinerzeitigen Berichten dieses Blattes enthaltenen Behauptungen als der Wahrheit nicht entsprechend in Abrede stellt. Da nun in Folge dessen die Redaction genannten Blattes genöthigt ist, den Beweis der Wahrheit fürdie -mitgeteilten- Vorgänge zu erbringen, sorichtet sie die Bitte an alle Jene, denen über den gegenwärtigen Aufenthalt der ehemaligen Friedmann'schen Colonisteu irgend etwas. bekannt sein sollte, dies freundlichst ihr sofort mitzutheilen. . Aus Rvßlaud. Der Gouverneur von Nischnh-Nowgorod, General Bara n ow, hat nachstehenden Tagesbefehl vcröffcntticht: „Heute verstarb im Hospital an der Chaussee der Arzt Jakob Jdelsohn an der Cholera. Der Verstorbene war Einer der Ersten, die bereitwilligst nach Nrschny-Nowgorod kamen, um den Kranken zu helfen. Mit Selbstverleugung für das . Wohl Anderer wirkend, wurde er selbst ein Opfer der Krankheit und musste sein! Leben für seinen Nächsten lassen. Er bewies rein christliche Eigenschaften, obgleicher zu den Befolgen! des mosaii scheu Gesetzes gehörte. Ich werde das Andenken dicsss .würdigen Mannes zu ehren suchen, indem ich seiner Beerdigung bei. wohnen werde. — Ein am 3. August veröffentlichtes Gesetz gestattet der „Jüdischen Colonisattons-Gescllschaft" des Barou Hirsch die Eröffnung ihrer Thätigk,it in Rußland. Aus Rumänien. Der Buchdrucker und Buchhändler, Leo Goldschläger, in Bottuschan und zwei seiner Angestellten,, wurden angeblich wegen Theilnahme an der socialistischen Agitation landcsverwiesen. In Wahrheit liegt ein Act administrativer Willkür vor, der auf den Einfluss eines rumänischen Concurrenten des Goldschläger zurüchuführrn ist. Dieser Concurrcnt ist der Bruder eines Subpräfectcn und eines höheren Polizeibeamtcn der Stadt. Der „Socialismus" des Herrn Goldschläger aber bestand darin, dass er das Maimaniscst der socialistischen Arbeiter in seiner Officin herstellte. — Goldschläger ist in Rumänien geboren und hat seiner Militärpflicht im rumänischen Heere Genüge geleistet, als Jude aber kein Staatsbürger. Bemerkt muss noch werden, dass das erwähnte Manifest nicht' wiifiscirt werden konnte, da in Rumänien die schwankenloseste Prestfreihcit besteht. — Das ist die vielgerühmte Garantte des Verfassungsstaates gegen den Judenhass. Dem König non Rnmänien wurde während seines Besuches in London von den Repräsentanten der englischen Judenheit — Arthur Cohen, Präsident des „Jewi.-h Bo rdof Deputies“, Julian Golsmid, Präsident derAnglo Jewish Association“, Rothschild, Vicepräsident der „Anglo Jewish Association“ eine Adresse überreicht Nach einer Einleitung, worin der König begrüßt und zur Verlobung des Thronfolgers beglückwünscht, sowie der Meinung Ausdruck gegeben wird, dass „unsere rumänischen Glaubensgenossen, Männer, die von demselben Volke abstammen und denselben Glauben bekennen, wie wir, dieselbe Liebe für König und Reich fühlen u. s/w.« — kommt ein Passus der die ganze Leidensgeschichte des rumänischen Ziveiges unseres Stammes in wenigen dürren Sätzen erzählt. Es heißt da: ..Wir lvagen gehorsamst, Euer Majestät in Erinnerung zu bringen: l. dass der Oberste Gerichtshof Rumäniens entschieden hat, dass sogar im Lande geborene Juden Ausländer sind, auch wenn bereits, ihre Eltern nicht mehr Unterthanen anderer Macht waren; 2. dass Juden, wiewohl gezwungen, Militärdienste zu leisten, in Folge eines von beiden Häusern des rumänischen Parlaments angenommenen Gesetzes,vowje.der höheren militärischen Stellung ausgeschlossen sind; 3. dass sie von jeder staatlichen Anstellung, sowie von der Ausübung vieler freier Berufsarten ausgeschlossen sind; 4.) dass der Eintritt in alle technischen Schulen ihnen versagt ist, obwohl diese Einrichtungen von den Steuern erhalten werden, zu welchen die Juden beittagen müssen; 5. dass von mehr als 3000 Gesuchen um Naturalisirung, die von Seiten der Juden den Kammern in den letzten 10 Jahren überreicht wurden, nur zehn erfolgreich waren.; 6. dass :'50.000 rumänsche Juden eine ganz gesetzlose Existenz führen". Nach dieser Aufzählung schliefst die Adresse unter Hinweis auf die Beschlüsse der Berliner Conferenz mit der Bitte um die Ausübung der königlichen . Autorität zu Gunsten der Juden. — Die Adresse wird jedenfalls den großen Nutzen haben, den Juden des Westens neben den russischen auch die rumänischen Juden wieder in Erinnerung zu rufen, sowie ein authentisches Docnment dafür zu sein, wie wenig Vorzug in Dingen des Judenhasses die verfassungsmäßigen vor den absolutistisch regierten Staaten haben. . - =—-Zionismus itt Rumänien. Die-Zion?bewkgl»ig hat bekanntlilh vor einem Jahrzehnt in Rumänien große Fortschritte gemacht, und in den jetzt bestehenden palästinensischen Colonien ist viel rumänischjüdische Arbeit niedergelegt. Leider behauptete sich aber die Bewegung in Rumänien nicht, .und alle Versuche, auch hier wieder den Stein ins Rollen zu bringen, misslangen. Nun gehen die Zionsfreünde von Bacau neuerlich an die Arbeit, hoffentlich endlich mit Erfolg. Sie haben einen Colonisationsverein in ihrer Stadt gegründet, dem nun bereits hünderttMitglicder angehören. Aber sic wollen auch die Bewegung den anderen Städten niittheilen, üiid habeii beschlössen, zwei Delcgirte eine Agitationsrcise durch das ganze Land machen zu lassen. Dieselben sollen trachten, dass in allen Städten Colonisationsvereine gegründet werden; außerdem aber haben sie die Aufgabe, hunderttausend Lose anzubringen. Von dem Erlöse wird, dann Grund und Boden angetanst werden,--derschließlich -unter hundert Gewinner-vertheilt-werden wird. Die Idee ist nicht schlecht und verdient Nachahmung. . In Jaffa sind nach einer Meldung der „Reuen Freien-Presse" 400 judischc'Auswanderer aus Rußland mit Erlaubnis der Pforte gelandet; ebcnsoviele in Salonichi. In Jaffa und Smyrna werden weitere Zuzügler erwartet. Berichtigung. Im Leitartikel der vorigen Nummer soll es gleich zu Beginn desselben statt 2315 richtig 2478 heißen. Miscellen. Friedrich.Nietzsche» der bekannte deutsche Philosoph. schreibt an einer Stelle seiner Aphovismen-Sammlung: „Das, was heute in Europa „Nation" genannt wird und eigentlich mehr eine res facta als nata ist (ja mitunter einer res facta et picta zum Verwechseln ähnlich sieht) ist in jedem Falle etwas Werdendes, Junges, leicht Verschiebbares noch keine Rasse, geschweige denn ein solches aere pereunins, wie es die Judenart ist." Nietzsche profezeit den Juden, dass sic, ohne übrigens „darauf hinzuarbeiten und Pläne zu machen" ttaft ihrer großen kulturellen Vorzüge einst die Herrschaft über Europa haben werden. Die „Culturdünger"- Rolle in einer anderen Gestalt! Doch wir sind zufrieden, dass ein namhafter Gelehrter ohne „Philosemit" von Beruf zu sein, soviel Anerkennendes und geradezu Bewunderndes über den jüdischen Stamm zu sagen.weiss, als Nietzsche an verschiedenen Stellen seiner Werke. — Derselbe Philosoph sagt anderwärts mit großer Offenheit: „Ich bin noch keinem Deutschen begegnet der den Juden gewogen gewesen wäre und so unbedingt die Ablehnung der eigentlichen Antiscmiterei von Seiten aller Vorsichtigen und Politischen sein mag, so richtet sich doch auch diese Vorsicht und Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefühls selber, sondern nur gegen seine gefährliche Unmäßigkeit, insbesonders gegen den abge-

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