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Selbst-Emancipation · 1892-08-29 · Heft 16-17 (29.8.1892) · p. Seite 169

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 16-17 (29.8.1892)
Date
1892-08-29
Page
Seite 169 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16 u. 17. _• _ Selbst-Emancipation Seite 169. bei sich selbst. Wie kann man es denn verlangen, von andern als Jude geachtet zu werden, wenn man selbst keine Achtung vor dem jüdischen Volke hat? Freilich muss dieser Nationalstolz mit einer gewissen Demut gepaart sein, während es so häufig bei Juden ist, dass sie entweder Stolz ohne Demut besitzen, d. h. hochmütig sind/ oder wiederum Demut ohne einen gewissen sehr wohl berechtigten Stolz, so dass man sie wiederum Kriecher nennt. Derjenige Jude aber, der da sagt, ich bin stolz darauf,, daß ich ein Jude bin, ohne sich dessen bewußt zu werden, warum er auf sein Volkstum stolz Hinweisen darf, sagt nur eine hohle Redensart; wir müssen uns auch klar machen, inwieweit und ans welchen Gründen wir das Recht haben, uns auf unser Judentum etwas zu gute zu thun. Und fürwahr, wir haben ein gutes Recht darauf. Als die Völker noch im Dunkel der Unmoral und Gesetzlosigkeit herumtappten, ohne Zweck und ohne Ziel, da hatten wir schon einen Mose, den wir getrost den größten Mann des Altertums nennen dürfen, und den bis.jetzt auch noch niemand unter , den Spätgeborenen erreicht hat. Da hatten wir Redner und Philosophen wie Jnsaja, Jeremia, Koheleth u. a., wir hatten Gesetzgeber und Dichter, Helden und Propheten. An der Wiege unseres' Volkes wurden Lieder gesungen, die wir getrost unter die herrlichsten Poesien der Menschheit rechnen dürfen. Und als unser erster Staat zu Grunde ging, da wurde Jerusalem von einem Dichter und Sänger beweint, tvie nie gewaltiger und wehmutsvoller, aber auch nie herrlicher und erhabener geklagt worden ist. (Schluß folgt). Die Heilung des jüdischen Volkes Vortrag, gehalten , am 2.. Juni /892 in Lemberg von Dr. Nathan Birnbaum über Wunsch des Vereines „2io,>"'im Locale des Vereines „8elio»ler Israel." Doch lassen wir die Leute einstweilen moch silß lräumen und sehen wir uns nach positiven Leistungen für das Judentum um. Suchen wir Verhältnisse zu schaffen, welche für das Judenelend, wie es sich nun seit 18 Jahrhunderten etablirt hat, keinen Raum, vielmehr für die norniale Entwicklung unseres Volkes Gewähr bieten. Reißen wir das Übel mit der Wurzel aus, indem wir an die Wiederverjüngung unseres Volkes gehen. Diese ist, ich gestehe es gerne, kein leicht zu erreichendes Ziel. Ihre erste Voraussetzung ist die Einigkeit aller Juden, welche gegenwärtig nicht vorhanden ist, wiewohl sie von den Antisemiten behauptet wird. Auch denjenigen Juden, welche ein jüdisches „Volk" als nicht mehr bestehend oder wenigstens nicht als existenzbcrcchtigt ansehen und doch eine Einigkeit unter dem Titel der „Glaubensgemeinschaft" Herstellen wollen, gelingt das nicht und kann es nicht gelingen. Die „mosaische Glaubensgcnossenschaft", wie der technische Ausdruck lautet, kann nicht, verhindern, dass sich die Orthodoxen, Reformer und Chassidim einerseits, die sephardischen und aschkenasischen, die deutschen und polnischen Juden, andererseits in schönster Brüderlichkeit in den Haaren liegen und kein gutes Haar Einer am Andern lassen. Wie viel wildwachsender Unsinn strebt nicht z. B. in dem Hasse gegen die polnischen Juden und in denr Hasse dieser, gegen die deutschen Juden zum Himmel empor! Auf beiden Seiten wird so eine Art gegenseitigen Miniatur-Antisemitismus gebraut. Allgemein jüdische Untugenden, die ebensowenig vor einem Henrizuatre wie vor Schläfenlocken zurückschrecken, schieben sie sich gegenseitig in die Schuhe. Gemeinsame jüdische Vorzüge sprechen sie sich einander ab, — und doch schlägt das gute jüdische Herz sowohl unter dem Kaftan des „Polaken", als dem Salonrocke des sogenannten „Datschen." Tiefer noch ist die Kluft zwischen Strenggläubigen und Freigeistern. Hier kann die bloße „Glaubensgemeinschaft" doch gewiss nicht zur Brücke werden. Erst ein nationales Judentum kann hier zur gegenseitigen Duldung, zur Versöhnung der Gegensätze fi'chren. Es ist keine Zeit zum Bruderkriege, in welcher Gestalt immer. Nur Einigkeit kann unsere Schäden heilen, nur Einigkeit kann uns Einheit bescheeren, — reale Einheit. Wir sind bis jetzt nur eine ideelle Einheit, eine Nation in dem engsten und eigentlichsten Begriffe dieses Wortes, d. h. eine Gemeinschaft, verbunden durch gleiche Abstammung, gleiche Verstandesrichtnng, gleiche Gemüthsstimmung. gleiche Gesittung, gemeinsame Geschichte, gemieinsame Literatur, gemeinsame Zukunftsideale in volklicher und menschheitlicher Beziehung. Aus dieser ideellen Einheit müssen wir, wenn wir unser Elend beenden und zugleich die höchste Bestimmung der Nation erfüllen wollen, wieder wie einstmals, eine reale Einheit werden. Wir müssen wieder im Sinne der früher von mir angeführten Gleichnisse, Sitz und Stimme erhalten. Was besonders die Stimme betrifft, so wird selbst von den verbissensten Anhängern eines Aufgehens der Juden unter den anderen Völkern die Wichtigkeit der hebräischen Sprache als des letzten Bindemittels zwischen den verstreuten Bekennern der mosaischen Lehre hervorgehoben. Freilich verhält cs sich mit diesem Hinweis auf die Nothwendigkeit des hebräischen Sprachstudiums wie mit den aus derselben Quelle stammenden Einigkeitspostulaten überhaupt. Sie bleiben fromme Wünsche. Nur die wiedererwachende Liebe zum eigenen jüdischen Volke kann ein intensives hebräisches Sprachstudium herbeiführcn, — und ohne dieses keine Wiederverjüngung Israels. Man wird mir, wie es jetzt gegenüber ideellen Bestrebungen Mode ist, einwenden, dass hebräische Lectüre kein Brod verschafft. Solche Banalitäten machen keinen Eindruck auf mich. Die hebräischen Bücher sowohl die alte, als die neue Literatur, werden den Funken hebräischen Geistes im jüdischen Volke zur gewaltigen Flamme anfachen. Diese Flamme aber wird unserem Stamm aus gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Nöthen herausführen, sie wird uns zu dem zweiten und wichtigsten Attribute einer realen Volkseinheit hinzuleiten, in eine Volks Heimat. Die Sehnsucht nach diesem Heimathboden, auf dem man unantastbar zu Hause ist, ist seit dem Jntensiverwerden der russischen Judenverfolgungen im Jahre 1882 in der russischjüdischen Masse gar mächtig geworden. Diese Sehnsucht hat in der russisch-jüdischen Intelligenz eine greifbare wissenschaftliche Gestalt angenommen, ist zur zionistischen Lehre geworden, als welche sie auch in England, Deutschland und Oesterreich sich Anhänger zu verschaffen gewusst hat. Die Krankheit des jüdischen Volkes, sagt sie, ist das Golus „d. h. der Mangel eines eigenen Heims, welche sowohl diejenigen Volkssöhne schützen könnte, die es bewohnen, als auch diejenigen, die Ferne von ihr weilen. Dieser Mangel bedingt die Zerstreuung, welche aber wegen des zähen Volkstriebes den Juden nur eine gruppenweise, nicht eine atomistische ist. Durch diesen letzteren Umstand wird die Auflösung des jüdischen Volkes, die Erlösung durch den Tod, eine Unmöglichkeit, während er andererseits Judenverfolgungen hervorruft, welche das jüdische Volk materiell und moralisch schädigen. In Folge dieser Schädigung schcinnen neue begründete Verfolgungen und so weiter in ewiger Wechselwirkung. Aus dieser kläglichen Lage kann, so schliefst der Zionismus mit strenger Folgerichtigkeit, das jüdische Volk nur durch Retablirung eines Theils des jüdischen Volksstammes in seinem eigenen Lande, im Lande Israel befreit werden. Thatsächlich wurden daselbst im Laufe des letzen Jahrzehntes bereits eine Anzahl von Colvnien gegründet, welche schon mehrere tausend jüdische Bewohner aufweisen und nicht schlecht gedeihen. Doch darauf kommt es nicht an, vielmehr auf das Vorhandensein der Garantien dafür, dass auch die

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