Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 16-17 (29.8.1892)
- Date
- 1892-08-29
- Page
- Seite 168 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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-Seite 168. Selbst-Emäncipätion 16 u. 17. weist er.zuerst hin auf die Pflicht der Dankbarkeit hin, welche die Juden : gegenüber der liberalen Partei für die Ihnen im Jahre 1858 gewährte Eniancipation hätten, und. setzt dann auseinander, wie die Juden das elastische Volk der Gleichheit und Freiheit, aber auch stetes Opfer der: Bedrückung und Verfolgung, die Pflicht hätten sich stets auf,bic_ Seite; der schwachen, kämpfenden Nationen (struggÜug na'ionality) zu stellen, und dieselben zu unterstützen. Daraus folgert nun der „Jewifch World", . dass die Juden als Juden-verpflichtet seien, für Gladstonc zu stinnnen. ■ '■•. 'Ein Brief von Mr. Claude Montefiorc an die Redaction der' 'a8 Anhänger der conscrvativcn Partei von Obigem nichts hören wollte,/ ftndeni sich im Allgemeinen auf den Standpunkt stellt, dass die Juden als englische Bürger rein nach, ihrer politischen Ueberzeugung zu wählen: haben, war Anlass zu einen neuen Artikel, der in höchst interessanter, Weise, und mit-nicht zu verkennender Deutlichkeit die jüdisch-, nationalen Anschauungen dieses Blattes und seiner — den höchsten. Londoner Kreisen angehörenden Hintermänner kundgibt. Es heißt da: „Wir denken, dass die Juden stets Mitglieder der liberalen oder Volks-: Partei sein sollen, denn ihre Religion befiehlt ihnen schon dieser Richtung, zu folgen .... Wenn die Juden in derselben Lage wären, wie die Irländer, würden sie nicht auch home-rule verlangen? denn die Juden' haben stets gekämpft und haben bewahrt ihre Rassen-Jtendität und ihre nationalen Aspirationen; sic sollten daher auch als. die Ersten sympathisircn mit einem Volke, dass sich in einer ähnlich bedrängen Lage befindet, das aber vermöge seiner territorialen Stellung befähigt-ist, seiner Stellung im practisch-politischen Leben Geltung zu bersch aßen".'— Es scheint, dass cs Männer wie Albert Goldsmid Mr, -als er sich in der „Chovevi Zion Society" verabschiedete, erklärte/ „die nationale Idee allein kann unsere morschen Gebeine aussrischcn" in. Lyndon viele gibt, und dass man von jüdischer Seite im politischen Leben als eigene politische Partei und Factor auftretcn lvill. ■ j : ■ Man wird da wider Willen angeregt zu .Betrachtungen über den Wert. dessen, was man bei uns gemeiniglich unter „Assimilation" versteht.' Denn „assiinilirt" im Sinne der englischen Juden d. h. modernisirt sind/auch wir; doch wenn, man wie es bei uns am Continent der Fall isi,. unter Assimiation die Zurücklassung loser Fetzen, genannt „religiöse Idee", „Mssion des monotheistischen Gedankcirs", vom Judentume versteht, so sind nicht nur wir, sondern auch die englischen Juden dafür nicht zu haben. , .... Im neuen englischen Parlamente werden 7 Juden sitzen. Hievon entfallen drei auf die liberale Partei, zwei auf die conscrvalivc und zwei auf die liberal-unionistischc Partei. Es sind dies die Herren: S. Montag» (1.), H. S. Leon (l.), S. Stern (l.), Baron de Worms (c.l, Untcr-Staatssecrctär für die Colonicn, B. L. Cohen (c.), Baron F. Rothschild (l-u.) uud Julian Goldsmid (l.-u.) Alle haben bereits dem früheren Parlamente angchört mit Ausnahme des neu- §ewähltcn Mr. Cohen, wogegen Mr. L. Jsaacs seinen Sitz verloren at, so dass die Zahl der jüdischen Abgeordneten unverändert bleibt. Interessant ist zu wißen, dass alle diese Abgeordneten miteinander sei es'verwandt, sei es verschwägert sind. Mr: Montagu der Abgeordnete für Whitechapel, hat sich in seinem Wahl-Aufrufe bereit erklärt, durch den Einfluß des Zukunfts-Ministers des Acußern, Lord Roseberry in Constantinopcl die Aufhebung des Einwanderungs-Verbotes nach Palästina herbeizuführen, um von London den Einwanderungs-Strom abzulcnkcn. Der Präses der „Chovcvei Zion Society" wird wol das Scinige thun, was aber der Rußenfrcund Gladstonc dazu thun wird, dass wird sich zeigen.' S. R. L—au. Wer Nationaljude. Rede, gehalten in der ersten Sitzung des jüdisch-nationalen Vereins „Jung-Israel" in Berlin am 38. Mai 1892. Von Heinrich Loewe, Cand. liist. (Fortsetzung.) ' Jedoch, mag dem sein wie es wolle, angenommen: die Juden seien-in der Jetztzeit keine Nation, so ist doch nnlcugbar, dass es eine gewisse Gruppe von Menschen gibt, die Juden heißen und als eine Einheit angesehen werden, also sozusagen, ein Collectipindividuum sind. Wenn diese Judenheit aber keine Nation wäre, so müßte sie doch irgend etwas anderes sein', wofiir lvir einen möglichst entsprechenden Namen suchen müssen. Die jüdische Theologen, haben erst in jüngster Zeit ein funkelnagelneues Wort erfunden, um so recht das Wesen der Judenheit zu charakterisircn, nämlich das Wort „Glaubensstamm". Es ist dies aber ein sehr quecksilbriger Begriff, der uns unter den Fingern entgleitet. Man kann ihn drehen und wenden, wie man will, je nach Bedarf. Und es niag daher gestattet fein, - dafür den' gebräuchlicheren und jedenfalls verständlicheren und klareren Begriff „Religionsgemeinschaft" einzusetzen. Die Inden sollen eine Religionsgemeinschaft sein. Eine solche setzt aber vor allem eine /Religion voraus und. wären demnach ohne Zweifel alle .nichtreligiösen Juden, — und es soll deren eine ganze Anzahl geben — von vornherein aus der Judenheit ausgeschlossen. Aber / auch bei den Religiynsjuden existirt keine Gemeinschaft der Religion. Der orthodoxe Rabbiner, der jedes noch so.kleine Ceremonialgesetz in dem'Lehrinhalte, der jüdischen Religion miteinbegreift, kann doch unmöglich derselben Religionsgemeinschaft angehören, wie der den Sorintag feiernde Prediger einer Reformgemeinde. Dieser letztere steht ja in der That einem Atigehörigen der deutsch-protestantischen Gemeinde, von dein ihn nur ein unbewußtes Gefühl trennen mag, viel näher , im Glauben als seinem jüdischen Glaubensbruder. Kennt doch auch z. B. Mendelssohn nur ein offenbartes Gesetz, indem er sich ausdrücklich dagegen verwahrt, dass das Judentum eine Religion sein soll. Es stimmt zwar,' dass in früheren Zeiten jüdische Nation und jüdische Glaubensgenossenschaft in vielen Beziehungen identisch waren, aber seitdem man vom Beginne dieses Jahrhunderts an darauf bedacht war, mit allen Mitteln die jüdische Nation in eine mosaiische Glaubensgemeinschaft iimzugestalten, hat man gerade diese Gemeinschaft mosaiischen Glaubens zerstört und nur die Einheit der Nation blieb erhalten. Ja, ich stehe nicht an, zu behaupten, daß selbst in dem Falle, dass die Judenheit früher nur eine Religionsgemeinschaft und nie eine Nation gewesen sei, sie dennoch gerade infolge dieser - Entwickelung im Laufe dieses Jahrhunderts aus sich heraus eine Nation hätte werden müssen, ohne dass es noch der Kittes von außen bedurft hätte, den der. Antisemitismus hinzugefügt haben mag. Zugegeben jene sonderbare Behauptung eines bekannten hiesigen Sprachforschers, die Juden seien auch in der altbiblischen Zeit keine Nation gewesen, zugegeben diese Behauptung sei ebenso richtig, wie sie falsch ist, so bleibt das aber unbestritten, dass die Juden wenigstens in der Jetztzeit eine Nation bilden. Es ist aber, wie wir ausgeführt haben, die Pflicht einer jeglichen Nation, national zu sein, daher dürfen wir auch getrost von unserem jüdischen Volke verlangen, dass es innerhalb seines eigenen Volksstammes national sei und vor allem dahin strebe, sein ureigenes Selbst zu verteidigen, zu erhalten und weiter auszubauen, um mitzuwirken in der Nationen Familie, die wir Menschheit nennen. Worin besteht denn aber dieses Wesen des jüdischen Volkes, wenn es sich nicht zeigen sollte in seiner Cultur und Sitte, Sprache und Tradition, Geschichte und Literatur? Daher ist es die Pflicht unseres Volkes Israel den Kampf mit seinen Gegnern aufzunehmen, um 'seine eigene Cultur, Sprache, Presse, Literatur uub Geschichte. Bekanntlich sind aber die allerschlimmsten Gegner des jüdischen Wesens und des jüdischen Volkes überall die Inden selber. Durch die zwcitausendjährige Geschichtsnacht und durch ihre entsetzlichen Leiden - sind die Juden ihres Selbstbewußtseins so sehr verlustig gegangen, so daß sie nur das noch für angemessen und ihrer würdig halten, was sie von Fremden entliehen und erborgt haben. Den Juden, der sein ganzes so ruhmreiches Volk verachtet, kann ein einziger freundlicher Blick eines ihm Volksfreinden in Entzückung versetzen. Wir-hören zwar oft, dass man uns sagt: „Ich bin stolz auf mein Judentum"! Uud doch wissen wir, dass dieselben Leute, die noch eben so stolz auf ihre Nation waren, sich nicht wenig geschnieichelt fühlen, wenn man ihnen sagt, man sähe ihnen den Juden nicht an. Diese auf ihr Judentum so stolzen Leute halten dasselbe also' doch für etwas, was einem besser nicht gleich an der Nase angesehen wird. Die Juden kämpfen und ringen, um die Achtung in den Augen der Welt wieder zu erlangen, und vergessen an der allerersten Thür anzuklopfen, nämlich