Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 16-17 (29.8.1892)
- Date
- 1892-08-29
- Page
- Seite 167 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 u. 17. Selbst-Emancipation Seite 167. päischen Völker, als ciue der vielen Golusblüten, die wir abthun, und brechen müssen, wie alle anderen. Die Socialdemolratie ist uns aber leine Bürgschaft dafür, dass dies geschehe, ihr Weg scheint uns nicht der richtige zu diesem Ziele. Wir haben schon oft und ausführlich über dieses Thema geschrieben und wollen nur das Wichtigste hervorhebeu. Wie sich die Socialdemokratie zu den Gesinnungen, Anlagen und Bedürfnissen der anderen Völker stellt, interessirt uns weniger. Möglich, dass die europäischen Völker in diesen Momenten so viel Analogie aujweijen, dass für alle dieselbe Rettungs-Schablone passt, wiewohl wir es bezweifeln zu müssen glaube» und eine größere Diffcrenzirung der socialen .Bestrebungen für die einzelnen Nationen als das Richtigere ansehen würden. Möglich, dass die europäischen Völker für die Ideen: Kein Vaterland, keine Religion, keine Familie, bereits „reif" sind — wir haben zwar iwch immer eine bessere Meinung von ihnen. — Darüber wollen wir hier nicht weiter streiten. Für die Inden jedoch passt die Schablone sicherlich nicht, für sie sind die genannten Ideen nicht erlösend. Für sie ist der Weg des Socialismus einesteils zu unsicher, andernteils zu leichtfertig, gegenüber den Errungenschaften der jüdischen Civilijation. Doch vom letzterem Mangel wollen wir vorläusig absehen. Es ist nichts so heiß gegessen als gekocht, und der Socialismus, wenn er seinen Hauptgrundsatz, Aushebung des Privateigentums an den Productivnsmitteln dereinst durchführe» sollte, wird Vaterland, Religion und Familie, diese natürlichsten gesellschaftlichen Fornicn, überhaupt nicht oder wenigstens nicht auf die Dauer abschassen können. Insoweit könnte sich also ein jüdisch fühlendes Gemüt beruhigen und teilnehmcn an dem allgemeinen Kampfe für das Glück der Menschheit, gegen Armut, Elend und Ausbeutung. Aber da hindert ihm die Unsicherheit des socialistijchen Weges, besonders im Hinblicke auf seine eigene Erlösung. Erstens ist die sociale Gesellschaft nicht ein Werk des nächsten Jahres; bis sie dereinst wird, können noch tausende und aber tausende Juden, von ihren etwaigen proletarischen Leiden abgesehen, unter den Streichen der Judenfeinde vergehen. Jede einzelne Etappe auf dem Wege zum Ziele muss neue Ströme jüdischen Blutes kosten. Und zweitens, auch im socialistischen Zukunftsstaate wird die Judenhetze nicht aufhörcn, wenn die Juden wie heute anch damals allerwärts die abhängige und schutzlose Minorität sein werde». Es ist ja nicht wahr, dass die ökonomische» Verhältnisse alle Erscheinungen des Völker- und Menschenlebens zu erklären vermögen. Liebe und Hass können auch von anderen Dingen herrühren, als von einem satten oder hungrigen Blagen, Güte und Bosheit der Menschcnseelc die mannigfaltigsten Ursachen haben, Glück und Unglück aus den verschiedensten Quellen fließen. Und so wird auch der Judenhass, diese Wut gegen das wehrlose Fremdartige,nicht eher seinen Stachel verlieren, als bis dieses Fremdartige eine Wehre erhalten hat. Diese Wehre aber soll das eigene Vaterland sein. In seinem Lande, als selbstständiges Gemeinwesen, soll Israel seine alte Cnlturgröße wieder finden. Statt seine Mannen in einen Kampf zu führen, der ihm keine Rettung bringt und die wahre Völkerverbrüderung durch die Conservirung der Ruine des Judenhasses, durch die Verschleppung der antisemitischen Seuche ins Land der socialen Liebe anfhält — soll es an seiner eigenen Auferstehung arbeiten und kann überzeugt sein, dass es dann eher den Schlüssel des großen socialen Räthsels sinden wird. Was wäre heute der Socialismus ohne jüdische Denkbarkeit seit Jahrtausenden? Eine Null! Uud man denke sich nun diesen jüdischen Geist, frei von den schmählichen Fesseln des Golus, wieder in alter Größe und Reinheit walten. Das jüdische Volk hat schon im Altertum den starren Eigentumsbegriff nicht mehr gekannt; seine Traditionen werden zu Hause wieder aufleben, sich ruhig aber siegreich fortentwickcln und ansgestalteii, den neuen Verhältnissen lind Bedürfnissen entsprechend. Palästina wird das „Freiland" werden, aus welcher die Freunde socialer Gerechtigkeit uuter deit europäischen Völkern ihre Anregungen holen werden. Das sind unsere Ideale. Darunr verstehen wir im Gegensätze zu den europäischen Parteien das Streben der Socialdemokrane; daruin sind wir aber auch lveder „Bourgeois" noch „Proletarier"; darum müssen wir uns gegen die Socialdemokratie mehr vorsehen, mehr gegen sie wehren, als gegen die anderen. Wie weit diese Partei unter den Völkern vordriugt, ist uns am Ende gleichgiltig; jeder einzelne Jude aber, den sie gewinnt und zum ausschließlichen Kämpfer für ihre Sache macht, ist für uns ein unersetzlicher Verlust. Wir müssen daher alles aufwenden, um sie uns vom Leibe zu halten oder aus unserer Mitte zu verdrängen. Der Strike der Tallis Weber von Kolomea kann der Socialdcmokratie die schönste Gelegenheit geben, sich unter der galizischen Judenheit einzunisten, und, aus ihr zu machen, was sie, gewiss ohne Absicht, aus einem Teile der rrissischen und polnischen Juden in Nordamerika und England geniacht hat — eine Barbarenhorde, widerlich,' gemein, roh, böse. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir müssen unsere Kräfte sammeln. Noch haben wir den Vorsprung. .Die Leute, die ihren Ausstand bei der Thora schwören, stehen uns näher als den Socialisten. Wir begehen ein Verbrechen an unserer großen Sache, wenn wir den Vorteil nicht bald ausnützen. Die galizischen Nationaljuden sollten sich, da sie nun ziemlich viel Intelligenz um ihre Fahne gefchaart und vorläusig Führer genug haben, mehr um die jüdischen Massen kümmern, in welchen soviel jüdischer Idealismus wohnt, soviel jüdische Hingebung und Liebe schlummert, soviel jüdisches Unglück in stärkster Potenz verkörpert ist. Die galizischen Zionisten sind nebst der polnischen und deutschen Svrache auch des Jargons mächtig; so mögen sie hingchen in die Betstubc» und Klausen ihrer Brüder und mögen ihnen das Heil, welches von Zion, konnnt, predigen, der Freiheit Ruf aus dein Osten verkünden. Und sie sollen zugleich ihre Berathcr in der wirtschaftlichen Not sein, die Rolle übernehmen, welche die Socialisten sich anmaßen. Der wahre Nationaljnde darf die Ausbeutung des Juden nicht dulden; wer es anders hält, ist kein Nationaljude, sondern ein Schädling, der den bornirten Chauvinismus der europäischen Nationalen, dieses sociale Unkraut, auf unseren reinen jüdischen Boden verpflanzen will. Auf wen sollte man auch Rücksicht zu nehmen haben? Auf die nicht-ziouistische jüdische Jugend in Galizien? Die ist ohnehin fast durchaus jocialistisch gesinnt und wird nicht zärtlich um die Ausbeutung besorgt sein. Auf die großen und kleinen Geldprotzen, von welchen ohnehin kein Kreuzer für unsere Zwecke zu habe» ist? Mau säume nicht länger, das Vertrauen der Massen dadurch zu gewinnen, dass man sich ihrer annimmt. Was die Socialisten bei den Juden vermögen, können >vir auch; ja wir können niehr, weil wir im Judentum stehen.') Der Socialismus sieht auf die europäischen Parteien mit einem gewissen Hochmut herab. Er rühmt sich, dass sie alle nicht den Mut haben, seinen Lehren frei ins Gesicht zu sehen, dass sie alle das Bewusstsein drückt, dass er, der gefürchtete, verabscheute, denn doch Recht haben und behalten könne. Blag sein, dass dem jo ist. Mag allen den großen europäischen Parteien Selbstvertrauen und Innigkeit der Uebcrzeugung mangeln; uns der kleinen, nicht europäischen Partei, die wir eigentlich noch gar nicht Partei sind, mangelt sie nicht. Wir beugen uns auch innerlich nicht vor dem Socialismus, obwohl oder gerade weil wir in der Lage sind, nach außen keine Verabscheuung desselben henchelu oder uns in Wut gegen ihn hineinreden zu müssen. Wenn keine europäische Partei das gehörige Rückgrat gegenüber der Socialdemolratie hat, wir besitzen cs, und es ist, wenn wir nur wollen, fiir uns ein Leichtes, sie an uns — freilich nur, soweit es sich um den jüdischen Socialismus handelt — ihre blauen Wunder erleben zu lassen. ö. itit.itucwnrliung. Die neueste Nummer der „Arbeiter-Zeitung" bringt folgende 'Nachricht aus Kolonica: „Zum glücklichen Ausgange des Strikes trägt nächst der Hilfe, die geboten wird, viel das Verhalten des hiesigen Rabbinates bei, da den Arbeiten: unter religiösem Banne verboten wurde, die Arbeit wieder aufzunehmeu, falls die Fabrikanten nicht genau der Schwurfonnel bei der Thora die aufgestellten Forderungen bewilligen." Diese Thatsache spricht deutlich genug. „Home Mule und die Inden in England". Ende Juli 1902. Homc-Rule,-) das Schlagwort der letzten Wahle» ins englische Parlament steht nun auf der Tagesordnung, und alles betrachtet voll Erwartung den 83 jährigen Kaufmannssohn aus Liverpool, ob und wie es ihm gelingen wird, die verworrene irische Frage zu lösen. Nach sechs Jahren starrer Opposition kehrt Gladstone wiederum zur Macht zurück, berufen durch den Willen des größeren Teiles der englischen Bevölkerung. Darunter waren auch jüdische Wähler, ebcufo wie sehr viele jüdische Wähler auf Seiten Salisbury's standen. Sie wählten als englische Staatsbürger, und als solche wählten sie nach ihrer Uebcrzeugung und nach ihrer politischen Anschauung über den Einfluss eines irischen selfgovernement auf die größere Machtstellung und die iunere Consolidiruug des englischen Königreiches. Hatten sie aber nicht als Juden das .Recht und die Pflicht, sich einer Partei anzuschließen, dieselbe zu unterstützen, und deren Ideen weil sie ihre eigenen sein mochten, zum Siege zu verhelfen? Diese Ansicht verfocht der „I e w i s h W o r l d" in mehreren Artikeln, betitelt „Jews and politics“ (die Juden und die Politik)-! In denselben *) In Ncw-'Aork haben die Zionisten den Kamps mit dem Socialismus erfolgreich aufgenommen, sie haben eine zionistische Organisation geschaffen. Aus den Pennys der Aernisten legen sie hunderttansende Dollars zusammen, womit sie Boden in Palästina kaufen, der dann Eigentum der Einzahler wird, und diesen so die Möglichkeit bietet, aus dem amerikanischen Trödel auf die heilige Scholle Palästinas zu kommen. Warum sollte das bei uns nicht gehen? Bodenerwerb in fremden Lande ist ja keine Auswanderung, und diese selbst wird sich schon seinerzeit auf gesetzlichem Wege durchführen lassen; übrigens sind die leitenden Kreise, wofür ein thatsächlicher Beweis vorliegt, gar nicht abgeneigt, besonders Elende unter „diesen elendesten aller elenden Proletariern", wie die „Arbeiter-Zeitung" so richtig sagt, ziehen zu lassen. 'Abgesehen davon, kann man auch durch Ablenkung des russisch-jüdischen Einioaudererstromes Erhebliches wirken. Bor Allem aber ziemt den Zionisten eine große Thätigkeit auf den Gebieten der Arbeitsvermittlung, des 'Arbeitslohnes, des Arbeiterschutzes. Hier ist der Schlüssel zum Herzen des Volkes verborgen. 2) Bedeutet Heim-Gesetz, doch hier Selbst-Verwaltung (selfgovernement).