Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 16-17 (29.8.1892)
- Date
- 1892-08-29
- Page
- Seite 166 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3092672-3092717-3092732--0990-3093995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 166. Nr. 16 n. 17: Selbst-Elnancipatioil jetzt möchten wir alles das lieber nicht glauben, allein leider liegen die übereinstimmendsten Berichte vor. Die antizionistischen Blätter machen sich ein Vergnügen daraus, über den als Zionisten bekannten Goldsmid derlei mitzuthcilcn und die zionistischen Blätter wissen leider auch.nichts Tröstliches über ihn zu berichten. Geradezu sensationell ist in dieser Richtung ein von dem in den argentinischen Colonien beschäftigt gewesenen, von seinem Posten aber freiwillig zurückgctretencn, in Russland vorteilhaft bekannten Dr. Jaffe an Colonel Goldsmid gerichteter offener Brief, den das Petersburger hebräische Tageblatt „Hamelit/.“ an leitender Stelle veröffentlicht. Zuerst werden die grauenhaften Zustände in den Colonien vor der Ankunft Goldsmids geschildert; wird erzählt, wie die mit Mord, Todtschlag, Plünderung, Raub, Diebstahl, Veruntreuung und Notzucht gegeißelten, ausgehungerten, herabgekommcnen Colonistcn sehnsüchtig die Ankunft des Oberst Goldsmid als Erlösers erwartet; dann wird aber berichtet, wie fürchterlich die Enttäuschung gewesen, wie sich Goldsmid vom ersten Augenblicke ab unlcutselig, unfreundlich und herrisch beuommen — so reichte er z. B. alten Männern die Hand zum Handküsse — und sich durch seine „Disciplin"-Manie verhasst und lächerlich gemacht habe. „Herr, ziehen Sic sich von der Komödie zurück!" ruft Dr. Jaffe dem Obcrstliicutcnant Goldsmid zu. Um aber die Colonisten auch gegen falsche Nachrede zu schützen, constatirt Dr. Jaffe vor der Ocffentlichkcit, dass man den Ansiedlern noch gar keine Ackcrgeräthe gegeben habe, so dass sic gar nicht in die Lage gekommen seien, sich als arbeitsscheu zu erweisen; dass sie ferner nicht, wie verbreitet 'wird, aus Argentinien fortgcschickt werden, sondern, dass sie fteiwillig gehen, ja, dass die Administration sogar Wächter bestelle, die sie zurückhaltcn sollen. Gegenüber diesen und ähnlichen Berichten gibt nun eine in verschiedene jüdische Zeitschriften eingerückte Corrcspondcnz von „bestunterrichtcter" Seite die Mangelhaftigkeit der bisherigen Verwaltung und Colonisation zu, hebt aber \ hervor, dass die nun in.Russland autorisirte „Jüdische Colonisations-Gescllschaft" auf Grund umfassender Studien an die Lösung ihrer Aufgabe gehen werde. Zu gleicher Zeit macht ein Herr D. F. Fein berg, bevollmächtigter Vertreter des Baron Hirsch im „Woshod" bekannt, dass die Ucbcrsiedlung der Personen, welche unter dem Schutze der- Hirsch'schen Comitös auszuwandern wünschen, nicht vor Januar 1893 beginnt, da vor diesem Zeitpunkte die Colonien noch nicht fiir die Ankunft vorbereitet sein werden. Im Herbste d. I. eröffnet das Hirsch'schc Ccntralcomite in Petersburg seine Wirksamkeit. Dahin haben die Auswanderungslusttgcn ihre Anmeldungen zu richten. Wir aber können nach Allem, was geschehen ist, heute nicht mehr umhin, vor der Auswanderung nach Argentinien unter dem Schutze des Hirsch'schen Unternehmens zu warnen. Ein Mann, er mag der edelste der Menschen sein, der für ein jüdisches Ackcrbaugemeinwesen nur zum größten Theil nicht jüdische oder g etauftjüdischc Jndustrieritter And Banditen, im besten Falle aber einen ehrlichen, unpraktischen Nurmilitär als Verwalter zu finden und anzustcllcn weiß, — bietet nicht die mindesten Garantien, dass er seiner Aufgabe gewachsen ist. Herr Baron Hirsch hat Geld, viel Geld, wohl auch ein gutes Herz. Aber das ist auch offenbar Alles. Jedenfalls ist er nicht der „providentielle" Mann, als den ihn verschiedene Tagesblätter priesen, und das müsste er sein, um ein Unternehmen, wie das von ihm begonnene, mit Erfolg durchführen zu können. Von ihm würde erst etwas zu erhoffen sein, wenn ihm die Vorsehung wohlmeinendere und fähigere Berather zuführen würde, als er noch immer zu haben scheint. Die Talliswrbrr von Kolomea. (Stellungnahme und Mahnung.) Vierhundert Talliswcber von Kolomea striken. Die Socialdemokraten - veranstalten Sammlungen für die Strikcnden. Wieso das gekommen, - erzählt die Wiener „Arbeiter-Zeitung". Nach dem Berichte dieses Blattes verdienen die erwähnten Weber sammt Familien bei fünfzehnstündiger Arbeitszeit im Tage bloss 1 bis 3 fl., in kleineren Fabriken nur. 1 bis. 2 fl. wöchentlich. Dabei find die Räume der kleineren Werkstätten unzulänglich und daher äußerst gesundheitsschädlich. Diese ihre jammervolle Lage veranlagte nun die Talliswebcr, sich, 200 an der Zahl, am 24. Juli d. I. im Bcthause des Rabbi zn versammeln und Beratung zu pflegen. Nach längerrr im Jargon geführter Debatte wurde beschlofien, vorläufig keinen allgcnieincn Strikc zu veranstalten, dagegen vom 25. Juli ab die Arbeit in de» kleinen Fabriken einzustellen. Außerdem wurden noch einige minderwichtige Beschlüße gefasst. Hierauf wurde eine.Thorarolle aus der Bundeslade genommen und jeder der Anwesenden leistete einen feierlichen Eid, dass er den Strike nicht brechen werde. Dem Socialismi's kommt dieser Talliswcbcrstrikc sehr gelegen. Er kann auf die Ausbeutung durch „Stammesbrüder" Hinweisen und triumphircnd ausrufen: „Das Kapital hebt.jede Zusammengehörigkeit zwischen Mensch und Mensch in religiöser, wie nationaler Beziehung auf." Ucbrigens dürfte die socialistische Agitation an dem Kolomeaer Strike nicht ganz unbethciligt sein. Wir sind weit davon entfernt, daraus dieser eifrigen und kühnen Partei einen Vortvurf zu machen. Es fällt uns nicht bei, in das Gezctter der Liberalen und Clericalcn über.die umstürzlerische, Thättgkeit der Socialdemokratcn einzusttmmen. Wir müssen anerkennen, dass die Socialdemokraten von dem ehrlichen Wunsche beseelt sind, den Armen und Elenden zu helfen, — einem Wunsche, den wir so heiß und wahr bei keiner anderen der europäischen Parteien wiederfinden. Wir selbst können europäische Partei nur im räumlichen Sinne , genannt werden -- in diesem aber nehmen wir den Ausdruck hier nicht. Erstens sind wir überhaupt noch keine geschlossene, einheitlich vorgehende Partei, vielmehr noch immer unvereinigte und nugeeinigte Schäaren eines künftigen Parteiheeres, zweitens keine europäische Partei, weil sür uns ganz andere in der eigentümlichen Stellung und Natur unseres Volkes begründete Gesichtspunkte gelten, als für eine solche. Wir wollen den Fortschritt und die Freiheit und sind nicht liberal, wir sind ein Volk des Glaubens, der Pietät, des Familiensinnes und sind nicht c lerical, wir wünschen die Gleichheit und die Wohlfahrt aller Menschen und sind nicht socialistisch, wir lieben unser Volk, unser Ahncnland, unsere heilige Sprache und sind nicht national. Liberal, clencal, socialisttsch, national sind Parteibencnnungen, die über unseren Horizont gehen, oder über welche vielmehr — wolkig wir etwas weniger bescheiden sein — unser Horizont weit hinausgeht. Ja, auch nicht national. Wir haben den Ausdruck „Jüdisch'national" nur deßhalb zu unserer^ : Partcisirina gemacht, weil uns der ari'che Sprachstamni zur Bezeichnung! des Gegensatzes zu den Assimilationstendcnzen kein geeigneteres Wort bot. Vielleicht hätten wir mit demselben oder einem größeren Maße voll Richtigkeit „Jüdisch-social" sagen'können, aber um die Wahrheit zu gestehen, uns schien eine missverständliche - Vergleichung mit den „Christlich-Socialen" beschämender zu sein, als eine ebenso missverständliche Parallele etwa mit den „Deutsch-Nationalen". Man mag über die Art, Unart und Ausartung des Nationalgefühls bei den europäischen Völkern denken wie man will, so wird man zugcben müßcn, dass es nationale Verschiedenheiten unter ihnen gibt, die derjenige, der sich nicht von vorncherein auf den Standpunkt des socialifrischen Weltbürgertums, stellt, wird berücksichttgeu müßen. Unbegreiflich aber, ja geradezu lächerlich scheint uns, eine innerhalb aller Nattoncn Europas stark vertretene Partei, die nicht etwa aus verschiedenen, ihnen allen gemeinsamen Elementen eine gemeinsame Weltanschauung zusammensetzt, sondern eine ihren Anlagen gänzlich widersprechende und deßhalb von ihnen carrikirte Lebensauffassung eines fremden Volkes als ihre Weltmoral. proclamirt und dabei noch auf Grund derselben eben jenes Volk anfeindet und verfolgt. Mit den „Christlich-Socialen" vergliche» zu werden, das durften wir also keinesfalls riskiren. Wir haben nun, um zur Hauptsache Hurückzukommen, ausgeführt, dass wir keine europäische Partei sind. Der Wunsch, den wir unter den europäischen Parteien nur bei der Socialdcmokratte als heißen und wahren vorsinden — der Wunsch, die Armen und Elenden zu erlösen — er Ie6t in unserer Brust ebenso heiß und wahr, wenn nicht noch heißer und wahrer. , . Die Socialdcmokratte befasst sich publicistisch mit un,erer Parier nur in den socialisttschen Jargonblättern Amerikas. Aber auch auf dem Brüsseler Congress war von uns die Rede.. Man behandelte da den Zionismus ziemlich glimpflich, bezeichnete ihn jedoch als eine Bourgeois- Bewegung, dem die jüdischen Socialisten ferne zu stehen haben.. Wrr können diese Warnung gut begreifen, denn es kann dem Socialismus nicht schmecken, seine begeistertsten Känrpfer, seine ausgesprochentsten Anhänger einzubüßen. Aber mit dem Worte „Bourgeois", thun sie uns dennoch nicht ab, es ist für unsere jüdischen Zwecke ein Schall ohne Klangfarbe. Soweit die Juden „Bourgeois" auf der einen Seite und „Proletarier" 'auf der anderen Seite geworden sind, sehen wir nichts anderes in diesem Vorgang, als eines der vielen Angebinde der euro-