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Selbst-Emancipation · 1892-08-05 · Heft 15 (5.8.1892) · p. Seite 160

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 15 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 160 (sequence 10)
Language
German
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Seite 160. Selbst-Emancipation 15. eigentlicher Antisemit wird sich doch nicht durch eine solche Einstimmigkeit, wie es der einstimmige Entscheid eines Schwurgerichtes ist, in seiner Ueberzcugung beeinflussen losten, demnach erklärt er Gericht, Richter, Sachverständige und Geschworene fiir Dummköpfc oder verkappte Juden und darum sind die Redensarten von der Aufklärung des 19. Jahrhunderts und von der christlichen Liebe in mancher Hinsicht nichts anderes als eine leere Phrase." Das scheint endlich auch die „Neue Freie Presse" cinznschcn, nachdem sie kie Frage austvirst: „Ob die verblendete Menge, die sich nicht scheute, mit den: ihr eingcprägtcn Wahnwitze bis zu den Schranken des Gerichtes zu dringen, durch den Ausgang des Procefles, durch den Wahrspruch der Geschworenen eines Besicren belehrt, zu menschlichen Denken und Fühlen bekehrt werden wird — wer darf dies nach den betrübenden Beobachtungen, zu denen der Proccß Gelegenheit bot, so rasch hoffen und erwarten?" — Wie schwach diese Hoffnung ist, zeigen wohl die Vorgänge in Grevenbroich, einem Städtchen in der Nähe von Xanten. Der jüdische Friedhof ist dort zerstört, die Scheiben von Privathäusern und der Synagoge sind cingcworfen worden; schließlich durchzogen um die Mittagsstunde des 19. Juli etwa 200 Arbeiter die Sttaßen und johlten: „Der Buschhoff hat es doch gethanl", Juden raus!". — So denkt das Volk. Dass einige edle Männer anders denken, ihre Name» unter einen Aufruf gesetzt haben, lvclchcr den Zweck hat, für Büsch hoff und in zweiter Linie für einige andere geschädigte jüdische Gcwcrbslcute von Xanten Geld zu sammeln, ändert daran nichts. Die während der Abwesenheit der Buschhoffschcn Familie von der Xantencr Bevölkerung ins Werk gesetzte Verwüstung des Bnschhosi'schcn Häuschens und seiner Einrichtung — dieser Vandalismus ist Volkesstimme, wiegt nichr als zwanzig Gelehrtcnnamcn. Ucbrigcns ist cs auch Thatsachc, dass Sammlungen in den Tagcsblättern für jüdische Zwecke mit ihrem Ergebniffe weit hinter anderen Sammlungszwecken zurückblcibcn nnd von den Spendern mindesten drei Vierthcilc wieder Juden sind. Buschhoff hat am vorletzten Sabbat in Köln in der Synagoge öffentlich „Gomelgebcnscht", was von ihm, dcni Individuum recht schön ist. — Das jüdische Volk thut aber auch seit zwei Jahrtauscndcndcn nichts anderes und von einem ganzen Volke kann mehr verlangt werden. Die Leipziger Juden scheinen eine weniger dicke Haut und einen klareren Blick zu haben, als unsere Assimilattonsjudcn sonst besitzen. Das ergibt sich aus einem Aufruf, den kürzlich jüdische Bürger von Leipzig an ihre christlichen Mitbürger erließen, und worin es heißt: „Aus der Bethätigung polittschen und communalcn Wirkens verdrängt, gesellschaftlich zurückgesetzt, von allen Acmtcrn und Würden ausgeschlossen, obwohl die Staatsverfassung volle Gleichberechtigung der Staatsbürger ohne Unterschied des Bekenntnisses fordert, im Erwerbe auf das Empfindlichste ge-' schädigt, ist cs bei uns in Leipzig thatsächlich so weit gekommen, dass der Verkehr an öffentlichen Orten für die Inden die Gefahr enthält auf das gröblichste persönlich insulttrt zu werden." „Ausländer." Wir haben in der vorigen Numnicr des entschiedenen Auftretens der „Mg. Zcittmg des Judentums" gegen jene jüdischen Cultusbcamte, welche beim preußischen Ministerium um Nichtanstellung von Ausländern pctttionirten, Erwähnung gcthan. Den Abonnenten dieses Blattes, welche wohl päpstlicher als der Papst sind, scheint nun der Standpunkt ihres Licblingsorgancs in dieser Frage nicht zu Gesichte zu stehen; wenigstens hält sich einer derselben in der letzten Nummer besonders darüber auf. Er meint, die Kantoren, namentlich jene, welche auch Religionslchrer seien, hätten den Beruf, „Bertteter des deutsch-jüdischen Geistes und der zu unserem hervorragenden Kulturclcment gewordenen, historisch entwickelten deutsch-jüdischen Auffaffung und Anwendung unserer heiligen Lehre zu sein." Die deutschen Juden haben das Judendcutsch in der Sprache aufgcgeben, sie haben sich ein anderes, ebenso carrikirt aber tausendfach fader, in ihrer Religion geschaffen — und daran hängt der Mann offenbar mit rührender Treue. Edel. In Berlin gibt cs, wie bekannt, zwei Rabbinerseminaricu. Eines derselben ist die „Lehranstalt für die Wisienschast des Judentums". Nu» hat die Frau Stadttäthin N. Meyer dieser Schule 600 Mark behufs Stellung von Preisaufgabeu zugcwendet Beide Preise ä 350 Mark und ä 250 Mark wurden von Nattonaljuden, und zwar den Herren Dr. A. K a m i n k a und stuck. Max Joseph, gewonnen. Wie seltsam nimmt es sich nun aus, wenn die „Allgemeine Zeitung des Judentums" im Anschluss an diese Nachricht, wobei sie natürlich der Gesinnung der beiden Prämiirtcn nicht erwähnt, folgende Nachricht bringt: „Was den in Nr. 29 dieser Zeitung besprochenen Verein „Jung Israel" betrifft, so hat dem Vernehmen nach die Verwaltung der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" diejenigen Hörer - der Anstalt, welche dem genannten Vereine angehören, vor die Alternattve gestellt, entweder aus der Lehranstalt o d e r aus dem Vereine „Jung-Jsracl" zu scheiden." Wenn sich diese Mitteilung bcstättgt, so wird ein solches Vorgehen, so hoffen wir, die Gcmaßrcgeltcn nur mit verdoppelter Verachtung der Assimilation erfülle», die freiheitsliebend zu sein vorgibt, in Wahrheit aber von fanatischer Unduldsamkeit ist. Das mögen sich aber die jüdischen Deutschtümler an der Spree merken: Wir werden nicht ruhen, bis wir ihren erheuchelten deutschen Patriotismus in's rechte Licht gerückt haben werden. Dlelthrs Glück! ' Die von Juden geleiteten Tagesblätter verkünden lubclnd der Welt, dass die Besttebungen des französischen Antisemiten Drumont am russischen Hofe.Geringschätzung genießen, was dadurch bewiesen wird, dass das Exemplar der „Libre Parole", welche Drumont dcm Czar nach Petersburg gesendet, nncröffnct wieder zurückgeschickt wurde. — Wir glauben, dass cs einen alberneren Jubel nicht geben kann. Was die russischen Juden davon Huben, dass der Czar das Geschreibsel Drumonts nicht lesen will?! Aus Rom wird berichtet, dass der gegenwärtig daselbst weilende bekannte Financier Jessc Seligmann aus Ncw-Iork eine Audienz beim päpstlichey Eecrctär, Kardinal Rampv.lla hatte, und ihm die Bitte um Intervention des heiligen Stuhles zu Gunsten der in verschiedenen Ländern verfolgten Juden vortrug. Der Kardinal habe bemerkt, dass das Papsttum noch zu jeder Zeit die Juden beschützt habe, und wo immer dieselben verfolgt wurden, sie stets in Rom sicher gewesen seien. — Wir würden gerne den etwas zu volksthünilicheu wienerischen Ausdruck vermeiden, aber cs geht nicht. Die Bemerkung des Kardinal cntpresst uns wider Willen ein protestircndcs „Aber schwach!" Siehe auch Verhalten der päpstlichen Blätter gelegentlich des Xantener Proccsies! Aus Russland. Es wurde eine Geldstrafe von 300 Rubel für diejenigen Juden nonnirt, welche religiöse Handlungen in ihren eigenen, oder in besonders dazu bestimmten Häusern ohne Erlaubnis der Behörde vornehmen. — Nach einer Bekanntmachung des Rectors darf die Zahl der jüdischen Studenten an der Petersburger Universität 3 Proccnt der gcsammtcn Studcntenzahl nicht überschreiten. — Der Gouverneur des kaukasischen Gouvernements, Tersk, hat verordnet, dass von Juden nur die im Kaukasus hcinmtsbercchtigten die kaukasischen Curorte besuchen dürfen, doch auch diese Bestättgungen des Leiters des Gesundheitsamtes in Piatigorsk, dass sic die Cur benötigen, vorweisen müsien. — Für das Zahlcnvcrhältnis der jüdischen Frequentanttnnen der Hebaminenschule an der Kasancr Universität zu den nichtjüdischcn, wurde ein Maximum von 10 Proccnt festgesetzt. — Bezüglich des seinerzeit behördlich sistirten Baues einer großen Synagoge in Moskau ist die definitive Entscheidung eingetrosien, welche dahin geht, dass das Gotteshaus bis Neujahr enttveder verkauft oder in eine Wohlthätigkeitsanstalt umgcbaut werden solle. — Ein jüngst promulgirtes Gesetz ermächtigt diePolizei, die Juden aus den Dörfern, in denen ihnen der Aufenthalt verboten ist, ausznweisen, und dieselben zu nöthige», nach den für ihren ständigen Aufenthalt bestinimten Ortschaften zu übcrsiedclu. Aus Constontinoprl. Der amerikanische Gesandte Hirsch hat während der fast cinstiindigen Abschiedsaudicnz beim Sultan diesem wärmsteus für den seinen Glaubciisgenosscn gewährten Schutz, nnd für die milde Behandlung der ans Rußland ausgewiescucu Juden gedankt. Der Sultan antwortete, es freue ihn, diese Worte zu vernehmen, Hirsch möge seinen Landsleuten erzählen, dass der Sultan sich bemühe, allen Bewohnern seines Landes ein, gerechter Herr zu sein und seines Glaubens- Wegen in der Türkei niemand der Verfolgung ausgcsetzt werde. Gegen die Niedcrlasiung von jüdischen Einwanderern habe er nichts einzuwendcn. . r Iu Holland wird nach eiugelaufcncn Meldungen neuestcns eine starke antisemitische Agitation bctticben. Zum Serrctiir der Alliance ist nach dem Tode Isidore Locb's Herr Jacob B i gart, ein Elsässer, ernannt worden. Argentinien. Mit dem Postdampfcr „Baltimore" kam wie die „Bremer Nachrichten" mitthcilen, eine große Anzahl russisch-jüdischer Colouisten, Männer, Frauen nnd Kinder, im Ganzen 137 Personen, aus Argentinien zurück. Die Leute erzählen die ftirchtcrlichsten Dinge von der unbeschreiblichen.Ausbeutung, der grausamen Behandlung, den unmenschlichen Misshandlungen, deren Gegenstand sie ein Jahr lang in der Colouie Mauricio gewesen. Sie sind endlich ans ihrer Lage befreit worden, indem Baron Hirsch durch Herrn Löwcnthal veranlasst wurde, die Colouisten nach Europa zurückzuschickcn. Die Rückwanderer wurden vom Bremer Comite fiir die russischen Juden empfangen und nach Hamburg begleitet, von wo sie theils nach Russland, thcils nach Nordamerika befördert wurden. Der Mainzer „Israelit" bringt folgende aus Buenos Ayres, 15. Juni datirten und mit Eugenio Sommerfeld, dentiste, Unterzeichnete Nachricht: Die Zustände in den Colouie», wenn auch seit der Ankunft des Obersten Goldsmid wesentlich gcbeyert, sind immer noch sehr traurig. Dies werden die in ihre Heimat oder nach Nordamerika zurückkchrenden Colonistcn bestätigen. Ani 13. Aiai haben 16 Familien, am 23. Mai 46 Personen und am 5. Juni 150 Personen sich nach Hamburg und Bremen eingcschifft; am 20. sollen wieder 200 Personen abgehen. Diese Arincn mit ihren Frauen und Kindern verlassen also nach einem Jahre schwerer Leiden, fast alle krank, ein Land, in dem sie nichts als das Grab ihrer Kinder und Verwandten zurücklasscn. Die Ethrogim. Bekanntlich haben im Vorjahre die größten rabbinischen Autoritäten die griechischen Ethrogini zum rituellen Gebrauche für das Ssuckoth-Fest verboten. Dieses Verbot, resp. Gebot ist in diesem Jahre mit großen! Nachdruck erneuert worden. Im vorigen Sommer hat nun die israelitische Gemeinde von Jaffa, welche für das palästinensische Hilfswerk sehr viele Opfer bringt, den Ethroghändlern eine Abgabe auferlegt, welche aber nur von einem derselben bezahlt wurde. Sie beklagt sich nun mit Recht über dieses Vorgehen und verlangt in einem Auftufe, dass nur bei jenen Stammesgcnosien gekauft werde, welche-sich über die geleistete Abgabe ausweisen können. Der Jerusalemer „llaor" fordert die Ausdehnung des Verbotes (lssur) auf solche nichtverzehntet gebliebene Ethrogini aus Palästtna.

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