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Selbst-Emancipation · 1892-08-05 · Heft 15 (5.8.1892) · p. Seite 159

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 15 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 159 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15. Selbst-Emancipation Seite 159. volle nationale Eigentümlichkeit -zu -bewahren." - Zuunserem größten Leidwesen sind wir gezwungen, Herrn Dr. I a q u e s, den man schon auf Meilen sein Judentum ansieht, für unsere, die jüdische, Stammesgenoffenschaft zu reclamiren. Er wird doch nicht leugnen wollen, dass er Mischen Stammes ist, und wie will der Mann zwei Stämmen zugleich angehören? Wie sagte nur der Obmann des „Arion": „Mit großem Vergnügen haben wir lvahcgcnommen, dass Wien ungeachtet der Kämpfe, welche das Deutschtum in Oesterreich zu bestehen hat, den deutschen Charakter bewahrt. Wer sein Deutschtum verleugnen würde, wäre ja auch nicht wert, von einer deutschen Mutter geboren zu sein. So halten wir Deutsche es auch in Amerika, und so soll es i m m e r bleiben." Also Assimilationsbesttebungrn sind immer schmählich,HerrDr.J aques. Doch wir haben gut, dem Manne predigen. Wir erinnern uns noch seiner, als er sich vor den Reichsrathswahlen in die „Oesterreichische Israelitische Union" verirrte, wie er da eine halbe Stunde lang das Publikum in seiner gezierten Weise über das denkbar fadeste Thema, die Errungenschaften seiner, der deutsch-liberalen Partei, unterhielt, und hiebei eine Enge des Gesichtskreises, eine Beschränktheit des Standpunktes oerrieth, die uns geradezu empörte. Der Vorstand der Wiener Israelitischen Cultusgemeinde hat ein Circular an die großen Gemeinden Europas gerichtet, worin er dieselben bittet, ihve Delegirten zu einer Berathung den 6. September d. I nach Wien zu entsenden. Zweck der Conferenz ist, „Mittel auszusuchen, um das religiöse Bewußtsein der Glaubensgenogen, welches im Schwinden begriffen sei, zu heben". In der Einleitung des Schriftstückes wird beklagt, dass der heutige Religionsunterricht und Gottesdienst nicht genüge — die Schüler hätten zu wenig Zeit und die Andächtigen an den Samstagen Berussgeschäftc. Da nun der Gemeindevorstand weiter erklärt, theologische Fragen nicht lösen zu wollen, so ist es unklar, wie er sich die Action denkt, und auch die Worte: „Unsere Aufgabe kann nur ausschließlich sein, Mittel zu schaffen, mm die Mission des Judentums, sowie deffen glorreiche Vergangenheit unseren Glaubensgenoffcn zum Bewußtsein zn bringen", machen uns die Sache nicht klar. Jedenfalls ist der Schritt des Wiener Vorstandes ein Fortschritt gegen die frühere Gleichgiltigkeit zu nennen. Wir würden schließlich nur das noch bemerken; „Gebt einen Tropfen nationalen Salzes in Euer Glaubensjudentum und Euere Noth wird ein Ende haben." Krakau, 15. Juli 1892. Das hier erscheinende clericale Stanczyken-Organ „Czas". welches auch in jüdischen vornehmen Kreisen gehalten wird, bringt in einer seiner letzten Nummern eine Corrcspondenz aus Berlin, welche sich bemüht, die Jncorrectheit des Xantener Proceffes nachzuweisen,- in welchem man so mir nichts dir nichts den „Mörder" Buschhösf freigesprochcn habe. Dieselbe Haltung hat der „Czas" seinerzeit zum Proceffe Tisza-Esslar und zur Affaire Ritter eingenommen. Er pflegt auch sonst kleine haarsträubende Geschichten über die Juden, welche er der „Kreuzzeitung" oder gar der „Nowoje Wremja" entnimmt, zu veröffentlichen. Und doch wird dieses Blatt, wie gesagt, in vielen Mischen Häusern gehalten und gelesen; die jüdischen Blätter aber haben um ein paar Abonnenten zu längsten. G. B. Lemberg, den 26. Juli 1892. Die Magcnfrage, welche im Westen Europas zu einem eminent politischen Faktor geworden ist, ist auch in unser Halbasicn gedrungen; auch in Galizien, wo cs noch keine Fabriken und auch kein Capital in der europäischen Bedeutung des 'Wortes gibt — bilden die Socialisten eine stattliche Partei. Während aber im westlichen Europa der Begriff „Socealist" mit dem Begriff „Arbeiter" mehr oder weniger zusammenfällt, liegen bei uns die Dinge anders. An der Spitze unserer socialistischen Bewegung stehen Leute, deren gesellschaftliche Stellung nur schwer zu qualisiciren ist: Söhne vermögender couponschncidender Borgeois. umgeben von einem Troß verunglückter Studenten, halbwüchsiger Gymnasiasten, bräutigambcdürftiger langer Danien und hie und da unzufriedener Handwerker. Natürlich führen als heißeste Internationale das große Wort — Juden. — In diesem gemütlichen socialistischen Lager kam es zu Spaltungen, welche rein persönlichen Motiven entsprangen. Die christlichen Socialisten wurden bald der Juden überdrüssig und gaben denselben den Laufpass. Anstatt aber den richtigen Schluss zu ziehen, dass das socialistische Universalrecept nicht für die Juden passe, separirten sie sich zwar, aber um eine besondere jüdische Socialistenpartei zu bilden und brachten sogar die Herausgabe eines Zweiwochenblattes „Arbeiterstimme" .zu Wege.- Es ist jedoch zu verzeichnen, dass die jüdischen Arbeiter sich von diesem Unternehmen fernhalten und in ihren Fachvereinen wie „lack •Charuzim" u. A. auch idealen Zwecken nachhängen und nicht in den seichten Materialismuss der Socialisten versinken. An der Spitze dieser modernsten Species der jüdischen Sozialisten steht ein übelbeleumdetcs und sogar abgestraftes (sie.) Subject und ein sit venia verdo Dichter. 'Wenn die Herren es wirklich mit der Sache ernst meinen, so sollten sie sich doch zurückziehen, makellosen Leuten Platz machen und nicht die Sache von vorneherein discreditiren. Ihr Herren in Wien wiffet gar nichts von der neuen Heilslehre, ' welche aus den Spalten des „Israelit" in Lemberg hervorstrahlt! Wisst Ihr, warum man die Juden hasst? Ihr Verblendeten wollet den Hass auf ökonomische, religiöse, Racen-Conflicte zurückführen? Nichts von alledem! Da geht zu Herrn L ... im „Israeliten", er wird's Euch genau erzählen: Man hasst uns weil —wir Lehrer der Völker sind, und dass die Schüler die Lehrer hassen, könnt Ihr dem'Herrn L . . . auf's Wort glauben, denn er weiß es am Besten, da er selbst Lehrer ist. Ockers paedagogum! Welch' ein herrlicher Geistesblitz! Und welch' ein glücklicher Zufall, als man einige Tage hierauf einen nahen Verwandten des Herrn L ... aus einem Restaurationsgarten herausgebeten, weil er Jude ist. Ja, ja Herr L . . . Ockers paeckagogam! Wie wahr! Nur schade, dass man davon nicht satt wird. Malz. Deutsches Deich. Heidelberg, 22. Juli 1892. Angesichts der Thatsache, dass die Assimilation unter den Juden des Deutschen Reiches am weitesten in akademischen Kreisen vorgeschritten ist und dort zuweilen sogar zu den widerlichsten Formen des Selbsthasses geführt hat, muß die Aistenz der hiesigen nur aus Juden bestehenden akademischen Verbindung „Bad en i a", die den Don Quixote-Kampf gegen den Antisemitismus aufgcgeben hat und nur das jüdische Selbstbewusstsein pflegen will, uns Nationaljudcn mit freudigen Hoffnungen erfüllen. Schon der im Gegensatz zu unseren „freisinnigen" Studenten, die in Wahrheit fast lauter Juden sind, ausgesprochene Grundsatz der Verbindung, sich nur um jüdische, nicht um allgemeine Verhältniffe zu kümmern, ist eine bedeutende Annäherung an's Nationaljudentum. Es zeigen sich eben heute allenthalben unter den Juden nationaljüdische Regungen. Uebrigens sind der frühere Vorsitzende der „Badenia", Herr Dr. Oppenheimer, der in einigen Tagen nach Berlin gehen wird, sowie der jetzige Vorsitzende, Herr stuck, weck Mainzer, bewußte Nationaljuden. Gelingt es, die Verbindung fiir Geschichte und Literatur zu intereffiren — es wird darauf hingearbeitet — so wird sie wohl sicher allmäligvollständig unserer Idee gewonnen werden. ** Türkei. Jerusalem, den 6. Juli 1892. Aus Ungarn hat Rabbiner S. B. Schreiber den Bettag von 20.000 fl., welcher er daselbst zur Unterstützung der nothleidenden. Juden in Palästina gesanimelt hat, eingesendet. Von dem Gclde erhielt der Kollel Ungarn den zehnten Theil. Um 1320 Napoleond'or wurden 16 Häuser in einiger Entfernung von der Stadt für die Nothleidenden errichtet. Der Rest wird durch ein zu diesem Zwecke gewähltes Comits vcrtheilt werden. Von Constantinopel sendete das dortige Comits zur Unterstützung der russischen Juden zweihundert Auswanderer nach Salonichi (europ. Türkei) und zweihundert nach Smyrna (Kleinasien) woselbst sie nach Abgabe der Erklärung, in den türkischen Unterthanenverband zu ttete», vom Staate unentgeltlich Grund und Boden zur Bearbeitung erhalten. In nächster Zeit wird wieder ein Trupp nach den genannten Bestimmungsorten abgehen. Natürlich sind' Gelder nöthig, um die Ankömmlinge zu installiren. Es ist Pflicht jedes Juden, besonders aber jedes Zionisten, gerade diese Hilfsaction zu unterstützen. Amithi. Nord-Amerika. Uew-Dork, den 6. Juli 1892. Die amerikanischen Zionisten haben ein äußerst freudiges Ereignis zu verzeichnen. Gestern erhielt die Genoffenschaft Schowe Zion die Kabelnachricht, dass der Bodenlauf derselben im Ostjordanlande von der türkischen Regierung bestätigt und der Grundcomplex auf den Namen der Käufer als Besitz der Genossenschaft eingettagen worden sei. Hier haben die „Choveve Zion" den Bezug palästinensischer Ethrogim mit großer Thatttast in die Hände genommen und dem rabbinischen Verbote der griechischen Ethrogim die größte Publicität gegeben. Chronik. Der Zkaniener Mardproeeß hat eine tiefe Bewegung in der deutschen Judenheit hervorgerufcn; sie fängt an, den Ernst ihrer Lage einzusehen. Der Optimismus gegenüber dem Judenhasse wird immen schwächer und bricht nur ganz selten hervor. „Die Tragödie von Tisza- Eszlar ist noch unvergessen und neben manchen kleinen Zwischenspielen auch die Affaire von Korfu. Nun folgt das Drama von Xanten. Ist damit die Blutlüge abgethan? Wir wiffen es nicht und wagen es kaum zu hoffen, sagt die „Allgemeine Zeitung des Judentums"; wenn sie aber sich selbst verbessernd weiter meint: „Unverwüstlich wie unsere religiöse Existenz, ist auch unser Optimismus. Selbst die trübsten Erfahrungen vermögen ihn nicht zu beugen," so können wir eine solche Furcht vor dem Selbstgeständnis ttauriger Aussichten nur ebenso bemitleiden, als den Geschmack dieses Blattes nach einer Xantener Affaire auszurufen: „Der deutsche Geist ist groß und frei wie kein anderer." Und wenn die „Allgemeine Zeitung des Judentums" wehklagend ausruft: „Es ist ttaurig, dass wir gerade in dieser Zeit leben, da der deutsche Geist ermattet seine Flügel sinken lässt — aber es ist eben unabwendbar", so constatiren wir dem gegenüber, dass uns der Niedergang des jüdischen Geistes viel weher thut. Der christliche Universitätsprosessor Pelmann, Sachverständiger im Proceffe Buschhoff, scheint seine Pappenheimer besser zu kennen, als die jüdischen Blätter, und an „Fortschritt" und „Aufklärung" verzweifelnd, schließt er einen Artikel in der „Kölnischen Zeitung mit den ttefflichen Worten: „Von dem rituellen Morde zu reden, ist ein eigentlich nutzloses Unternehmen. Die Einen haben nie daran geglaubt und die Anderen werden sich ihren Irrtum nicht nehmen laffen, und käme Gott vom Himmel herab, um sie eines Besseren zu belehren. Em

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