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Selbst-Emancipation · 1892-08-05 · Heft 15 (5.8.1892) · p. Seite 157

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 15 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 157 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15. Selbst-Emancipation Seite 157. Wiedergeburt in die aufkeimende Seele des Judenkindes streuen sollte, wurde fahnenflüchtig. Die jüdische Intelligenz Galiziens warf das alte Banner Jehudas in die Rumpelkammer und verkündete die neue Heillehre, deren Um und Auf die Assimilation bedeutet. In der Landeshauptstadt wurde der in diesem Sinne Propaganda machende Verein „Agudas Achim“ gegründet, welcher vermittelst seines Sprachrohres, der „Ojczyzna“, das Werk der vollständigen Verbrüderung bewerkstelligen sollte. Das Hauptziel war dahin gerichtet, alles jüdische Denken und Fühlen zu tödten, um nach der bekannten jesuitischen Devise „der Zweck heiligt die Mittel" allmählich die 700.000 Juden Galiziens in die polnische Mation aufgehen zu lassen. Jüdische Geschichte und jüdische Äreratur werden geflissentlich nicht gelernt. Diese Verleugnung seiner eigenen Vergangenheit wird gleichzeitig von dem Unterwühlen der Pfeiler der jüdischen Religion begleitet. Der galizische Schüler oder die galizische Schülerin jüdischer Confession machen sich über den graubärtigen Juden lustig und spotten zugleich über seine Religiosität. Es ist so weit gediehen, dass hebräische Schrift als lächerliches Hiroglyphengekritzel ausgeschrieen wird. Also weder Nation noch Religion, wir sollen ein eigentümliches Zwittergeschlecht bilden. Wir sollten Schleppenträger unserer arischen Compatrioten sein! Wir sollen uns mit den Brosamen begnügen, die uns von der reichen Tafel zugeworfen werden! Denn trotz aller Phrasen sieht der Nichtjude in uns nur den Juden. Ungeachtet aller Duckmäuserei und Kriecherei werden wir lediglich niit einer stolzen Herablassung traktirt. Gleichheit ist blos ein Hirngespinnst. Wir sind die Parias der Gesellschaft. Nichtsdestoweniger hängen wir uns an die Rockschöße der Nichtjuden. Ihr wollet also Sclavenseelcn heranbilden. Soll das die Frucht moderner Civilisation sein?! Natürlich jene Herren, denen Fortuna lächelt, wollen auch die flammende Schrift nicht sehen, welche als ein warnendes „meme tekel“ vor ihren Blicken im Osten Europas aufblitzt. Sie schnallen gleichsam eine Binde um ihre Augen und halten sich obendrein die Ohren zu. Mögen die russischen Juden unter der Knute wüstester Verfolgung zusammenbrechen, was ficht sie das an. Ihr Haus ist gut bestellt, sie erhalten den Händedruck eines arischen Großen oder stoßen gar schäumenden Champagner mit ihm an. „Mein Liebchen was willst du noch mehr?"!.Doch nein, streift den Staub der Schulbank von euren Kleidern, stoßt das weichgepolsterte Fauteuil weit weg von euch, werfet die wohlriechende Havanna in den Koth und steigt unter das jüdische Volk. Seid Juden unter Juden, so werdet ihr auch anders denken. Horch! In zwölfter Stunde scheint doch Rettung zu kommen. Die Donnerstimme eines Perez Smolensky soll nicht umsonst erhoben worden sein. Ueber sein Grab hinaus weckt sie begeistertes Echo. Ein Wunder geschieht, ein Leben, ein Regen geht durch die Gemüther — die Intelligenz Galiziens erwacht, sie fühlt, dass jüdisches Blut durch ihre Adern rieselt. Es läßt sich mit Freuden constatiren, dass ein großer Theil der gebildeten Juden bereits in's jüdisch-nationale Lager übergegangen ist. Die Thatigkeit des „Admath Jeschurun" in Wien und des „Zion" in Lemberg hat viel dazu beigetragen. Diese beiden Vereine haben bereits schöne Erfolge aufzuweisen. In erster Linie ist wohl die soeben erfolgte Auflösung des erwähnten Vereines „Agudas Achim“ und das Eingehen seines Organes, der „Ojczyzna“ zu verzeichnen. Andererseits find auch die an vielen Orten Galiziens in Bildung begriffenen Zionsvereinigungen dem Wirken des jüngsthin durch Galizien und die Bukowina gereisten Dr. Birnbaum zuzuschreiben. Großen Eindruck hat auch die vor einigen Wochen erschienene Brochüre „Zion" hervorgerufen. Wir sind also schon ziemlich weit, nun obliegt uns die Aufgabe, den Sieg auszunützen. Wir sollen und dürfen bei dieser Etappe nicht stehen bleiben. Vorrwärts! Vorwärts! Vas victis! Der Assimilation den Todesstoß! Stillstand hieße Zurückweichen. Das nächste wäre: In Galizien und der Bukowina literarische Frauen und Mädchenvereine, nach Muster der „Moria“ in Wien, in's Leben zu rufen. Bei allen großen Umwälzungen spielt das schöne Geschlecht eine große Rolle. Lassen wir nun dasselbe auch den Pionnier unserer heiligen Sache sein, mögen edle Frauen- und zartfühlende Mädchen uns ihre Hilfe leihen und der zionistische Geist wird Israel durchdringen. Krakau, 27. Juni 1892. Migdolaus. Briefe aus London. London, den 25. Juli 1892. Was auch immer die Gegner einer rührigen und kräftigen Agitation der jüdisch-nationalen Idee auf dem europäischen Continente für ihre Ansicht vorzubringen haben mögen — bei uns und bei demjenigen Teile unseres Volkes, der in Amerika und sonstigen überseeischen Ländern Zuflucht gefunden hat, läßt sich thatsächlich gar nicht sagen, warum wir von dem einzig zlveckmäßigen und bewährten Wege abweichen sollen, den jede Bewegung, die Vertrauen auf ihren Erfolg einflößt, auch geht, den Weg nämlich, das Volk für dieselbe zu gewinnen durch Popularisirung der zu Grunde liegenden Idee und unablässige Propaganda für dieselbe in Wort und Schrift. Läßt sich einerseits kein Grund angeben, weshalb wir uns Stillschweigen fteiwillig auserlegen sollten, bei einer Agitation, bei der wir nichts zu wagen und Alles zu gewinnen hoffen können, unter Umständen, die uns alle Vorteile der Oeffentlichkeit und Freiheit genießen läßt, ohne irgend welche Nachteile desselben mit in den Kauf nehmen zu müssen (da bei den russischen und anderen osteuropäischen Juden, auf welche allein wir hier Bezug nehmen, bei eirifcV richtig geleiteten mündlichen und schriftlichen Agitation nichts mehr in die Oeffentlichkeit kommen kann als uns erwünscht ist) — so ergeben sich andererseits für jeden mit den Verhältnissen der betreffenden jüdischen Volksmasse etwas intimer Vertrauten tausend Gründe für die äußerste No twenwend igkeit einer unablässigen zionistischen Agitation unter derselben, nicht nur für den Erfolg unserer zionistischen Bestrebungen, fiir welche dies einfach eine conditio sine qua non ist, sondern überhaupt fiir die Wolfahrt dieser Massen unseres Volkes selbst. Denn, während wir die Hände in den Schoss legen, sind andere Leute umso eifriger in ihrer Maulwurfsarbeit und suchen das Volk für sich zu gewinnen, dessen materielle Not es für die Lehren, die ihm gepredigt werden, empfänglich macht. Leider aber muss zugegeben werden, dass den Leitern der Choveve Zion das Verständnis der Sache abgeht. In Amerika isks nun in letzter Zeit damit besser geworden, seitdem die Lage in Russland auch die besseren und intelligenteren Kreise veranlaßte, ein neues Heim jenseits des Oeeans zu suchen, und steht zu hoffen, dass wir in Zukunft anders geartete Nachrichten als von dem Mordüberfalle eines Wilnaer Juden gegen einen Direktor, der einem im Ausstande befindlichen Arbeiterheere feindlich ist, hören werden. Thatsächlich ist dieser Fall, dessen Bedeutung für die russischen Juden in Amerika und für die weitere Einwandermng von unheilvollster Wichtigkeit sein kann, blos eine Frucht der Vernachläßigung seitens der leitenden Kreise unseres Volkes in Amerika und ihrer Haltung gegenüber dem Uebergreifen einer verdammenswürdigen höllischen Agitation destruetiver Lehren unter den Juden. Der Zionismus ist zwar kein Panacee, doch soviel Heilkraft dürfen wir ihm getrost Zutrauen, dass er der Wiederholung ähnlicher, dem jüdischen Interesse und allem menschlichen und göttlichen Rechte entgegengesetzten Handlungen, wie diejenige eines hirnverbrannten Emigranten in' der Umgegend Pittsburgs, Vorbeugen werde.

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