Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1892-08-05 · Heft 15 (5.8.1892) · p. Seite 156

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 15 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 156 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3092672-3092717-3092731--0979-3093983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

(Seite 156. Selbst-Emaneipation Nr. 15. ■einer Verhandlung kam es jedoch nicht, da das Strafverfahren — eingestellt wurde. Von der Regierung verlangen wir, dass sie auf die strenge Einhaltung der Staatsgrundgesetze sehe. P. (Böhmen.) Gustav Seidemann. Der Assimilation letzte Worte. Aus Galizien. Nun ist sie todt, entschieden toi t, die seit Monaten todtgesagte, aber doch immer wieder sich mühsam zum neuen Fortsiechen sich aufraffende Assimilation. Sie starb an Blutmangel, an Mangel an kräftigen gesunden Prineipien, welcher erkaltend auf jede Partei wirkt. Klar und deutlich können wir auf dem Partezettel lesen: „Unter solchen Bedingungen wäre (war) die Fortexistenz unseres Vereines eine politische Lüge, denn es könnte scheinen, als nehme die Gesellschaft die Frage ernst, wie sie es in Wirklichkeit verdiente. Müde und todesmatt weichen wir." Obzwar der Verschiedene so lebhaft an einen Selbstmörder erinnerte, so wurde er doch nicht im Stillen begraben, sondern wie es bei assimilirten Juden üblich, die dabei Geld recht viel Geld haben, mit königlichem Pomp und Gepränge. Am Grabe sprach der obligate Lobredner und streute Weihrauch, wie es seit jeher am Grabe der theuren Dahingeschiedenen gebräuchlich, sprach von Verdiensten, die weder das Auge je gesehen, noch das Ohr je gehört hatte. Er entfaltete vor unseren Augen die herrliche Aufgabe, die sich' der Todte gestellt hatte, zeigte in bezaubernden Farben, wie es gewesen wäre, wenn die Polen und Juden sich gegenseitig in den Armen liegen würden, aber leider der Partner wollte nicht einschlagen und erwiderte jedes Schmeichelwort mit einem Schimpfwort. — „Wir täuschten un s." „Wir glaubten, dass die Polen uns ihre Hand zur gemeinschaftlichen Arbeit, zum gemeinschaftlichen Nutzen reichen werden." Wir täuschten uns! Diejenigen welche Dorfschänker heranbildeten und den Propinationszins einheimsend ihr „non"ölet“ sprachen, verachten die Judenftage, welche „ölet“; die gelehrten Männer, welche das Schiff der nationalen Politik lenken, begrüßten uns mit der These, das Polentum und der Katholieismus wären unzerreißbare Begriffe oder kühlten unsere Begeisterung mit der dem Feinde entlehnten Phrase: „Wir können warten." Nirgends wohin sich auch der Todte wandte, wurden ihm die Thüren geöffnet; der jüdische Handwerker wird verachtet und hat mit tödtlichem Aberglauben und Voreingenommenheit zu kämpfen, wenn ein Jude sich dem Ackerbau znwendet, wird in allen Blättern Allarm geschlagen dass: „ein Stück polnischer Erde in fremde Hände übergehe". Ueberall Verachtung, Verfolgung! Hier das Staatsgnmdgesetz, welches allen Bürgen: ohne Unterschied der Confefsion gleiche Rechte garantirt, dort auf allen autonomen Aemtern, in allen Landesinstitutionen die Worte „lasciate ogni speranza“. „Wir täuschten uns" M ü d' und m a t t t r e t e ft wir zurück. Wahrlich ein schmählicherer Bankerott dieser unethischen Strömung wäre gar nicht denkbar; überall zurückgewiesen, überall vertrieben. Die zwölfjährige Assimilationskrankheit in Galizien hat den Juden in Galizien gar nichts genützt — so sagt die in dieser Beziehung eompetente „Ojczyzna“ in ihrer letzten Nummer. — Hat sie aber vielleicht geschadet? Ja, sehr viel geschadet! Sie entfachte in den Gemüterit des-galizischen Judentums ein Verlangen nach Würden und Aemtern, welches nicht gestillt werden konnte und die Streber zum Taufbecken oder zur stupiden Resignation trieb. — Sie säete Zwietracht in der einigen Judenheit Galiziens, spaltete dieselbe in fanatische Orthodoxe und dem Judentum entftemdete Fortschrittler und schuf die widerwärtige Zwitterspeeies: internationale, eonfessionslose Juden polnischer Nationalität. Sie gab selbstsüchtigen Strebern die Gelegenheit unter der Maske der Idee ihren niedrigen Zielen nachzugehen um sich hiebei als Volksbeglücker und Stützen der Gesellschaft herauszuspielen. Nun ist sie hin. mag ihr die Erde leicht sein — die von ihr geschlagenen Wunden werden wohl schnell vernarben. — Ihre Waffen liegen am Boden zertrümmert, ihre Fahne in den Koth gezerrt. Die jüdische Jugend und die jüdische Intelligenz, wenigstens der Theil. der nicht von der apathischen Gleichgültigkeit fiir höhere Zwecke infieirt, noch vom Gifte der Selbstsucht mit oder ohne Maske der Assimilation befallen ist — hat nur einen Weg: an der geistigen, materiellen und ethischen Hebung des jüdischen Volkes zu ,,arb eiten, um es zum große nZionszielezu leite n,unddassowohl mit Rücksicht auf das Wohl der Inden als a u ch der Völker, unter denen sie wohnen. Hoch also die Zionssahne, welche wir nicht verlassen und niemals verlassen werden, denn ihr gehört die Zukunft, denn sie ist die Standarte, auf welche die geschichtliche, eivilisatorische Arbeit der Menschheit ihre erhabensten Losungsworte geschriebeit, denn sie ist die Standarte, unter welcher die jüdische Nation, wenn sie nicht nach jammervollen Elend vernichtet werdet: will, immer und immer vorwärtsschreiten muss, siegreich mit mächtigen: Fuße die. von Zeit zu Zeit erscheinenden Gespensterder reaktionären Selbstbefleckung und des streberischen D::nkeln:ät:t:ertun:s vertreibend. Lemberg, 26. Juli 1892. David Malz. Die galtzische Judenheit und die Zionsidee. An die östlichen Marksteine Galiziens braust die Brandung asiatischer Barbarei, dagegen wehen von Westen her über das schöne Karpathenland gelinde Winde abendländischer Cultur. Der Orient begegnet allhier dem Oeeident und ein intensives Ringen entsteht. Also ließe sich die interne Situation Galiziens kennzeichnen. Das belebende Fluidum moderner Civilisation zwängt sich durch die breiten Schichten des Volkes hindurch. Die conservative, elerikal-aristokratische Partei tritt wohl der neuen Strömung entgegen, allein vergebens! Die Demokratie gewinnt immer mehr an Boden. Je mehr das Volksbewusstsein gehoben wird, desto ausgeprägter gestaltet sich das Nationalgefühl bei den dieses Land bewohnenden Polen und Ruthenen. Das polnische oder ruthenische Bauernkmd, das die Dorfschule besucht, ist bereitsauf seine polnische, beziehungsweise rnthenische Nationalität stolz. Was auch Wunder, keitnt doch schon das Kind des Landmannes die Geschichte seines Landes. In Liedern werden die Heldenthaten aus der Vergangenheit verherrlicht. Im Zwieucht der untergehenden Sonne lagert die Bauernfamilie vor der Hütte und der junge Sprosse hält ein Bändchen einer Volksausgabe eiites seiner großen Rationaldichter in der Hand. Sowohl die Herren des Geistes, als auch des Schwertes werden von der kindlichen Seele bereits mit einer Gloriole nmwoben. Also durch den belebenden Hauch der Civilisation ist die Stupidität im Volke gewichen, das Selbstbewusstsein schlägt stets festere Wurzeln, das Volk wird aufgeklärter! Wie verhalten sich nun die Söhne Israels gegenüber diesen Richtungen? Ist das jüdische Volk endlich auch aus seiner Apathie erwacht? Diese Frage ist zweifach zu beantworten. Der größte Theil der galizischen Judeicheit verharrt nach wie vor, sozusagen in einer nationalen Denklosigkeit. Der befruchtende Theil aber, der die Saat der nationalen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.