Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 14 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- Seite 148 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haifa 1× ep/1047930
- Hebron 1× ep/1047559
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Seite 148. Selbst-Emancipation Nr. 14. denn, wie die „A. Z. d. I." ganz richtig sagt, „der Geist des Judentums ist derselbe, in allen jüdischen Gemeinden". Bemerkt die Zeitung hiezu: „wir sagen das mit Stolz und unbeschadet unserer innigen Anhänglichkeit an die thcuere deutsche Heimat" so ist das eine nebensächliche und im Grunde ganz löbliche Bemerkung. Ja aber, wer Bohnen cinsetzt, kann doch keine Orangen ernten. Wenn man den Leuten jahraus, jahrein die Köpfe mit „Cultus", „religiöser Gemeinschaft", sowie mit deutschem Nationalgcsühl verrückt macht, dann darf nian sich nicht wundern, wenn ihr Wahn Conscquenz annimmt; dann darf man sich nicht auf das hohe Ross der Moral setzen und über die spöttisch „Biedermänner" und „brave Knaben" genannten Sicbenundscchzig aburthcilen; man packe sich lieber gleich selbst bei der Nase. Die Siebcnundscchzig sind sicher weder Mustermenschen noch Musterjudcn, aber wer ist schuld daran, dass ihr Charakter unhonnet, ihr kollegiales Gefühl schäbig, ihr Solidaritätssinn rissig wurde, wenn nicht zumeist die entsittlichende Schule der Assimilatton mit ihren unausgeglichenen, weil unausgleichbaren Wiedcrsprüchcn. mit ihrer unwahren Grundlchre Wir bettachten die Enuntiatton der „A. Z. d. I." gegen die Siebenundscchzig als einen Fortschritt des jüdischen Empfindens, aber wir hätten freilich lieber gesehen, worauf wir wohl noch lange werden Watten müsien, dass sie die Dinge beim rechten Namen genannt hätte. Eisenbahn Arro-Darnasrus. Herr I. R. Pilling in London hat wie uns mitgetheilt wird, von der Pforte die Concession zum Bau einer Eisenbahn Acco (bezw. Haifa)- Damascus erhalten. Ocstlich von Haifa werden sich beide Bahnlinien vereinigen, und von dort wird die Bahn über den östlichen Fluss des Karmel, durch die Ebene Esreel zum Jordan führen, denselben übersetzen und am östlichen User des galiläischen Meeres nach dem Hauran und durch diesen sowie die Ebene von Damaskus eilend, am Südthore der Stadt anlangen. Es ist für späterhin geplant, Damascus zu einen Eisenbahnknotenpuncte zu machen, von welchem Abzweigungen nach Süden, Norden und Osten gehen sollen, zu einer Hauptstaüon auf der Linie, welche Europa mit Indien in nicht allzuferner Zukunft verbinden wird. Abgesehen von dieser weitreichenden Perspective, hat der geplante Bahnbau Acco-Damascns für die jüdische Colonisation im Hinblicke auf die eben geplante Ansiedlung in Ostjordanicn eine eminente Wichtigkeit. Eisenbahn Iaffa-Ier«salenr. Der in Beyruth (Syrien) erscheinenden Wochenschrift „Lesoliir" wird vom 22. Juni d. I. aus Jaffa berichtet: „Die Eisenbahnstrecke zwischen Jaffa und Jerusalem ist jetzt bis Battir, der letzten Station vor Jerusalem fertig. Diese fertiggestellte Strecke hat die Länge von 72 km. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Eröffnung der genannten Eisenbahn und ihre Uebergabe für den öffentlichen Verkehr Anfangs September l. I. erfolgen. I. Rosenberg. peesonatuachricht. Unser Gesinnungsgenosic Herr vr. Gregor Balkowsfly in Odessa, hat sich mit Fräulein Klara Sussmann, - ebendaselbst vermählt Recenstonen Pardess. literarisches Sammelwerk, herausgegeben von I. Ch. Rawyitzky. Odeffa 1692. (Schluss der Recension). In dem Aufsatze „Lsattutüsnu hajafah Vassidotheha“ klagt Herr I. Ch. Tawiew über die Armut der hebräischen Sprache und meint, dass diese Armut der Grnnd für die Dürfttgkeit unserer schönen Literatur ist. Dass Herr Tawiew nicht Recht hat, beweisen unsere auserlesenen hebräischen Schriftsteller, ttvelche unsere Sprache wie der Künstler den zarten Ton zu behandeln wissen. Ich kann nicht leugnen, dass unsere Sprache Reformen und Ettveitcrungen bedarf, aber ich glaube, dass Herr Tawiew übertteibt und die Dürftigkeit unserer schönen Literatur noch viele andere Ursachen hat, als die Armut der hebräischen Sprache. Der Attikel „Llassa l'erer Israel bised'natd 5800" von A. L- Lewinsky ist das Phäntasiegebilde einer Reise nach Palästtna im Jahre 5600. Der Verfasser sieht nach 150 Jahren Europa in allen Dingen, wesentlich aber in der Bodencultur von Palästtna überflügelt. Wir stehen vor großen Veränderungen, kein Mensch freut sich seines Loses, so oass es kein Wunder ist, wenn in der letzten Zeit in allen Literaturen die Zukunstsphantasien so beliebt geworden sind. Die Gegenwatt ist böse, bitter und traurig, darum suchen die Menschen den Trost in der Zukunft. Wir Juden haben nun bis jetzt denselben in der Vergangenheit gesucht, haben nach rückwärts und nicht nach vorwätts geblickt und uns mit bloßen Hoffnungen begnügt. Im vergangenen Jahrzehnt aber haben auch wir begonnen, uin unsere Zukunft besorgt und um die Beschleunigung unserer Rettung bemüht zu sein. So kommt es, dass auch wir es erlebten, in hebräischer Sprache eine Zukunftsreise durch Palästina zu lesen. Doch der Unterschied dieser Reisebeschreibung von ähnlichen literarischen Erzeugnissen anderer Völker ist folgender: Letztere, z. B. „Bellämy's Rückblick", zeichnen die Zukunft als Ergebnis und auf Grund des gegenwärtigen wittschastlichen Lebens, der Beschaffenheit des Landes und seiner Bewohner, der Entfaltung des wissenschaftlichen Lebens, der civilisatorischcn Entwicklung, so dass wir beim Lesen vergessen können, dass uns blos eine Vision vorliegt; ist es ja bekannte Tatsache, dass erleuchtete Männer die Zukunft vorhersehen können. Bei Lewinsky ist cs anders. Sein zukünftiges Palästina ist eine freie Erfindung seiner Phantasie. Er setzt sich über die Gesetze der Völkerentwicklung und die einander bekämpfenden und um den Vorrang ringenden natürlichen Kräfte hinweg und schafft mit seinem Kommandowort eine neue verbessette Welt. Ich mag vielleicht die Zukunft Israels in Palästina noch rosiger sehen; dennoch kann mir die neue Welt von Lewinsky nicht gefallen, weil sie in der Luft hängt. Er deutet nicht auch noch so leise an, woher er den Stoff zu seiner Phantasie genommen hat. Es sind schöne bunte Seifenblasen, die vor einem leichten Hauch zerfließen. Das Bild „daoaelmm" von „Leo Avigdor“ (L. Schalkowitsch) ist eine dichterische Leistung voll Anmut und Plastik. Der Verfasser enthüllt mit hohem Talente die Schätze der jüdischen Seele. Der Attikel „Ojebh umitlinakem“ von Elicser Schulmann ist eine Abhandlung über die jndcnfeindliche Literatur der alexandrinischcn Zeit. Herr Schulmann, ein scharfblickender Forscher, zeigt das antisemittsä)c Schrifttum in seinem Ursprung. Sein Ausdruck ist schneidig und kurz, seine -Gnindlichkeit einegroße: Dtt Sprache des kleinen wissenschaftlichen Aufsatzes, welcher eine Zierde des „karäess" ist, ist eine klare und leichte. „Lstarim oliadasedim", eine vom Herausgeber verfaßte Kritik von sechs neuen hebräischen Werken, macht durch ihre Gediegenheit und Gewissenhaftigkeit dein Verfasser Ehre und ist eine wertvolle Erscheinung in unserer Literatur. Herrn Rawnitzky ist es auch gelungen, seinem „Uarckess" zwei hervorragende Mitarbeiter zu gewinnen, welche bisher nur russisch geschrieben haben, und zwar die Herren M. Margolis und S. Dubnow. Die Genannten haben sich nun in der hebräischen Literatur vorteilhaft eingesühtt. Im Allgemeinen ist der „Uardass" ein höchst schätzenswettcs literarisches Wett und Herr Rawnitzky hat sein redactionelles Talent in glänzender Weise erwiesen. Es wäre zu wünschen, dass der materielle Erfolg des „kardess" ein besserer sei, als der seiner älteren Brüder, welche in jungen Jahren gestorben sind. R. Brainin. Scliiwath Zijou von A. I. Slutzky, 1893. Der Verfasser hat es unternommen, durch Veröffentlichung der Gutachten der hervorragendsten sttcnggläubigcn Rabbinen (6aonim) unserer Zeit, jenen Angriffen, welche von einer kleinen Clique innerhalb des otthodoxen Judenthums gegen die Zionsidee immer wieder gerichtet werden, die Spitze abzubrechen. Wir werden das für die Verbreitung der Zionsbewegung hvchwichtige Werk demnächst einer genauen Besprechung unterziehen. Miscellen. Die Meinstocke non Kanon«. Im „Deutschen Hausfreund", der illustrirten Sonntagsbeilage der „Berliner Neuesten Nachrichten" vom 26. März d. I. ist unter obiger Aufschrift folgende interessante Notiz zu lesen: „In der Umgebung des Hebron sind die Weinstöcke zahlreich; bald lässt man die Reben am Boden sich hinziehen, bald unterstützt man sie durch gekreuzt ausgestellte Stäbe; einige Besitzer reinigen den Boden sorgfältig, andere kümmern sich gar nicht darum. Kenner versichern, dass die Trauben dieses Landes von derselben Art seien, wie die vom Rhein*). Die Beeren sind außerordentlich groß, die Trauben werden oft mehr als ein Kilogramm schwer, die ersten reifen schon im Juli und sind zu dieser Zeit Gegenstand eines lebhaften Handels nach Jerusalem. In Jerusalem gibt es einen ausgezeichneten Wein, der von den Abhängen des Hebron gesammelt wird. Der Tradition nach soll es das Thal Hebron gewesen sein, in welchem Kaleb und Josua die berühmte Traube Kanaans gefunden haben. Wenn die Traube nur *) Uns schien Palästtnawcin ähnlich wie spanischer Wein zu schmecken. Die Redaction.