Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 14 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- Seite 147 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir. 14. Selbst-Emancipation Seite 147. solcher, in Kurzem ein den Thatsachen entsprechendes Bild der realen Verhältnisse, dazu diente, die Durchführbarkeit der Idee der Colonisation Palästinas und der Vorzüge derselben vor derjenigen in anderen Ländern unwiderleglich darzuthun. Da, wie ich gehört, die Absicht vorliegt, diese Vorlesung in toto in Druck erscheinen zu lassen, so enthalte ich mich Auszüge aus dieser Rede aus meinen Notizen hier wicderzugeben. Der Vorlesung wohnten auch bei, der bekannte Zionsfreund und Präsident der „A<judath haelef" („Tausendgenossenschaft") in Minsk, Herr Gregor Syrkin und Herr- Di se uh of aus Palästina, der in Begleitung des Herrn Syrkin sich befindet. Herr Syrkin sowie auch Herr D i s e n h o f begeben sich noch in dieser Woche nach Paris zurück, wo Herrn Syrkins wichtige Geschäfte in unserer Sache harren. , l'en-Arj I,. gonbvtti 18. Juni 1S92. Hier wurde vor einige» Wochen eine Gesellschaft von Knaben von 13—1t> Jahren gegründet, die sich den Namen „Pirehej Zion“ (Blüthen Zions) beigelegt und sich zur Aufgabe gestellt haben, die hebräische Sprache zu lernen. Vor einigen Tagen hielt diese Gesellschaft in der großen Halle des „Jewish Working Mens Club“ unter dem Vorsitze von E. Goldman, Obmann des Vereines, ein „Public Meeting“ ab, an welchem viele Mitglieder der „B’nej Zion“ teiliiahmen und sprachen. Der Vorsitzende crögnete die Vcrsaminlnng mit einigen pasienden Worten, in welchen er dcir Zuhörern die Notwendigkeit der hebräischen Sprache an's Herz legte. Nachdem die Herren von den „B’nej Zion“, Bril, Cohen unb Don pagende Reden über die Aufgabe der Gesellschaft und die nationale Idee im Allgemeinen gehalten hatte», schlug Herr Schneider die Resolution des Abends vor, »ach welcher sich diese Versammlung verpflichtet, die „Pirehej Zion“ zu unterstützen. Diese Resolution wurde von den Herren Epstein und Rnbinstein unterstützt »nd einstimmig angenommen. Rev. Maccobi, der populäre Volksrcdncr, hielt dann eine einstündige Rede, welche mit Begeisterung anfgenoininen tvnrde. Tic Versammlung schloss niit einem Tankesvotnin an den Vorsitzenden und die Redner. S. Schneider. Türkei. Constantinopel,!». Thamns 5051. Ter Verein „Dorsche I'schon Zion" macht große Fortschritte. In der letzten Zeit sind demselben die Angesehensten unserer hiesigen Stammesgenvssen beigetreten, so Elia Pascha, Leibarzt des Sultans und Divisionsgeneral, I s a ck Pascha, Brigadiergeneral u. s. w. Die Schule des Vereines besuchen gegenwärtig 150 Schüler, darunter 30 Aschkenasim, meistens unentgeltlich. Bald wird auch ein Kindergarten errichtet werden, und werden jetzt nur zwei Kindergärtnerinnen gesucht, welche einerseits der hebräischen Eonversation mächtig, andererseits zur Erziehung nach Fröbel'scher Methode befähigt sein sollen. Wir hoffen, dass wir hiedurch um einen bedeutenden Schritt unserem Ziele, die hebräische Sprache im Munde des jüdischen Volkes wieder zu beleben, näher kommen werden. — Viele russisch-jüdische Flüchtlinge wurden in der vergangenen Woche und gestern in den Bezirk von Salonichi geschickt, wo sie ans Grundstücken des Staates aufgenommen wurden. Die hiesigen Stammesgenossen leisten viel für dieselben. — Der judenfeindliche Geist regt sich hier in den Zeitungen. In Xiris, einerkleinen, durchaus von Griechen bewohnten Stadt, wurden zwei Juden beschuldigt, dass sie ein Christenkind gestohlen und in einem Sacke versteckt hätten, um es zu schachten; nur zwei Cirkassier hätten das Kind gerettet, welches selbst gegen die Unglücklichen aussagte. Die anfänglich verhafteten Juden wurden wieder entlassen, als es gelang, die betreffenden Cirkassier zu finden und diese gar nichts zu wissen erklärten. Haezioni. Jerusalem, 23. Juni 1892. Die Colonisten von Gadrah haben ihre Trauben an die Ackerbauschule der Allianz „Mikweh Israel“ verkauft. Die Kelter von Rischon l’Zion erwies sich nämlich zu eng, um auch die Trauben der anderen Gemeinden aufzunehmen. In Ekron ist der Weizen gut geraten. Die Colonisten bedienen sich jetzt eines stanzösischen Pfluges, um den Boden für die Saaten des kommenden Jahres vorzubereiten. Herr Bienstock, der neu ernannte Obmann des Jaffaer Exeeutiv-Comit-'s des „Odessaer Vereines zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina", hat, nachdem man ihn in Jaffa nicht landen ließ, in Chaifa das heilige Land betreten. Er ist im Besitze eines in Constantinopel geholten Aufenthalts - Erlaubnisscheines für 3 Monate. Herr Scheid, Oberleiter der Edmund Rothschild'schen Colonien ist nach einer wichtigen, angeblich erfolgreichen Mission in Constantinopel, woselbst er einige Wochen verweilte, in derselben Angelegenheit, über Palästina nach Damaseus gereist. Einige reiche, ungarisch-jüdische Familien sind hier zu bleibendem Aufenthalte aiigekommen. Amith. Chronik. „Fpeilrn»ig". Unsere Leser kennen die Geschichte der Kämpfe zwischen Teutschnationalen und „Freisinnigen" gelegentlich der Nen- Gründung des „Medicinischen Unterstütz»,igsvcreincs" an der Wiener Universität und gelegentlich der Ausschusswahlen dieses Vereines. Bekanntlich siegten die „Freisinnigen" und in den Ausschuss gelangten fast lauter jüdische Studenten Das Präsidiuin überließ man aber, wie dies in derartigen Situationen traditionelle Taktik ist, einem Nichtjude», Herrn Stockma'ier vom studentischen Corps „Aleinania". Nicht lange sollte sich aber der jüdische Ausschuss des „Medicinischen llnterstützung-Bereiiics" seines „Renommier-Ariers“, wie die „Unverf. deutschen Worte" sagen, oder „Parade-Goj's" wie wir uns auszudrücken pflegen, erfreuen, lieber Beschluss des Corps „Aleinania" musste Herr Stockmaier sein Präsidium niedcrlegen. Wie kurzlebig der „Freisinn" ist, wenn er sich manchmal zu Richlinden verirrt! Au« dem Lager der Socialdemokratir. Tie „Arbeiter- Zeitung" antivortet einem Anonymus, der sich über den Gebrauch des Wortes „Judenpresie" in diesem Blatte aushält, unter Anderem folgendes: „Die Thatsache, dass der Großteil der Wiener Schandpresse von Jude» gemacht wird, mag für die Inden nicht ehrend, für die Presse unangenchm sein — ist aber eine Thatsache und wir begreifen absolut nicht, warum man von einer Judenpresie nicht ebenso reden sollte, wie von einer tschechischen, polnischen u. s. w. Presse. Mit der Jnternntionalität hat das nicht das Geringste zu thun. Wir sind derselben Meinung, hätten aber doch zwei Vorbehalte zu machen: Erstens dürfte dann die Juternationalität nicht in eine unnatürliche und daher unberechtigte Antinationalität ausarten, wie sie von der „Arbeiter-Zeitung" ost genug gepredigt wird, und zweitens müßte eine eventuelle jüdische Nationalpresie doch etwas anderes sein, als die „Judenpresie". Jedoch ist jedenfalls die Anerkennung des Judentums als Natioir durch das österreichischsocialistische Parteiblatt interessant. „Ausländer". Siebenundsechzig zum Theile stellenlose zum Theil in kleineren Stellen sich besindende jüdische CultuS-Beamte, welche deutsche Reichsangehörigc sind, haben sich an den preußischen Minister des Innern' mit der dringenden Bitte gewandt, fortab der Wahl eines Ausländers zum Rabbiner die Bestätigung zu versagen. Daraus berief sich der genannte Minister, als sich zwei Delegirte der Gemeinde Altona bei ihm einfande», um die Bestätigung der Wahl des Rabbiners 2r. Rosen selb aus Oroshaza in Ungarn zu erbitten. Die schmähliche Handlungsweise der siebenundsechzig „Deutschen" hat sogar die „Allgemeine Zeitung des Judentums" zu einem geharnischten Proteste veranlasst, den sie in einen „Ausländer" bczeichneten Leitartikel ausspricht. Merkwürdig sind freilich die Gründe, die dieses Blatt für seine Entrüstung findet. „Wir halten das Hineintragen der Nationalitäten- Frage in die inneren Angelegenheiten des Judentums für ein wahnwitziges Beginnen. Die Rassen- und Nationalitätenidee ist die Nährmutter des Antisemitismus, und dessen Geschäfte besorgen diejenigen, welche derartige Fragen bei unS auflvcrfen." Ten zweiten Satz haben wir in verschiedenen Variationen schon unzählige Riale gehört, ohne dass wir uns je etwas Klares darunter vorstellen konnten; wir halten es auch daher für überflüssig, weiter über seinen tiefen Sinn nachzudenken. Umso lohnender scheint uns eine Beleuchtung bc»_ ersten Satzes zu sein. In die „inneren Angelegenheiten" des Judentums soll die „Nationalitäten-Frage" nicht hineingetragen werden. Es muss also „äußere“ Angelegenheiten des Judentums geben, in welche die „Nationalitäten-Frage" hiueingetragen werden soll. Das heißt: Gegenüber der Außenwelt, liebe Juden, müsset Ihr Eure Münder weit aufsperren und beharrlich betonen, dass Ihr da Deutsche, dort Ungarn, hier Franzosen, dort Polen seid. Nach innen aber dürfet Ihr diesen Unterschied nicht zur Anwendung bringen.