Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 14 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- Seite 146 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 146. Selbst-Emancipation Nr. 14. eventuell von einer Concurrenz seitens der Immigranten zu leiden hätten oder nach Behauptung einiger Agitatoren auch leiden, so spielt nun bei dem jetzigen Wahlkampfe die Einwanderungsfrage, namentlich aber die russische Judenfrage, welche eigentlich die Frage der Einwanderungsbeschränkungen aufs Tapet brachte, eine Hauptrolle. Der conservative Gegner des Herrn Montagu und seine Nachfolger würden — das konnte man sich vorher denken — die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen, um den Liberalen mit Hilfe der Einwanderung-Beschränkungs-Maßnahmen den Sitz * abzngewinnen. Dies ist nun die Art, in welcher Mr. Samuel Montagu in seiner gedruckten Wahlansprache an die Wähler der Agitation seiner Gegner die Spitze abzubrechen versucht: Er erinnert sie daran, dass er immer bereit sei, anderweitige Länder für die verfolgten russischen Juden zugänglich zu machen und als Beweis hiefür ruft er ihnen den Umstand ins Gedächtnis, dass er im Vorjahre das Präsidium über ein großes Meeting von Ausländern führte, welche alle London verlassen und sich in Palästina ansiedeln wollten, wofür sie die Erlaubnis der türkischen Regierung durch die Vermittlung des englischen Ministeriums des Auswärtigen erlangen wollten. Er habe sich für sie in diesein Sinne verwendet, zu seinem Bedauern aber ohne Erfolg. Sollte er aber wieder als ihr Vertreter von ihnen für das Parlament gewählt werden, so werde er dem nächsten Minister des Auswärtigen, der wie er hoffe, Lord Roseberry sein werde, um seine Verwendung bei der türkischen Regierung im Interesse der Erinöglichung der Colonisation der Juden in Palästina angehen. Diesen Gedankengang äußerte Herr Montagu auch mündlich in verschiedenen Wahlversammlungen (unter andern auch in einer Versammlung, wo Lord Roseberry selbst als der Hauptredner zugegen war) und erntete dabei den Beifall der Wähler. Man sieht also, dass die vorjährige, denkwürdige Versammlung unter dem Vorsitz des Herrn Montagu auch noch Specialbedürfnissen, ich möchte sagen, localen oder mehr internen Verhältnissen der hiesigen russischen Juden und ihrer Lage inmitten der allgemeinen Bevölkerung diente, also keineswegs rein zionistischen (im weiteren Sinne des Wortes) Erwägungen ihren Ursprung verdankte. Zur Sache aber macht cs natürlich keinen Unterschied für die Zionisten in den beiden Hemisphären, und die Wichtigkeit und Bedeutung des Eindruckes, den ein solcher Schritt auf die tiirkische Regierung hervorbringen niag und seine Tragweite für alle Schritte ihrerseits bleibt dieselbe, aus welchen Motiven auch die Verwendung der englischen Regierung von unseren Brüdern nachgesucht wird. Und so wäre es höchst erwünscht und auch an der Zeit, da die Wiederwahl Mr. Montagu's und auch ein Wahlsieg der Liberalen nicht unwahrscheinlich ist, ) dass eine Discussion über die Opportunität eines solchen Schrittes, wie ihn Herr Montagu, der selber hervorragender Zionsfreund ist, in Aussicht stellt, in den Spalten der „S. E." eröffnet werde, und speziell diejenigen, die vielleicht ihre Stimme dagegen erheben wollen, die Gelegenheit haben, ihre Gegnerschaft zu begründen. Unsere Freunde in Constantinopel können uns vielleicht im Besonderen, was diesen Punkt betrifft, aufklären. * Was den Fortschritt der hiesigen Colonisationsvereine betrifft, so wissen Ihre Leser schon von dem Landankaufe im Iransjordanischen Gebiete. Es sind bis zum heutigen Tage 1600 Pfund Sterling vom Kaufgeld (welches im Ganzen 2000 Pfund ausmacht) von dein hiesigen Vereine abgezahlt worden. Da obige Summe von 2000 Pfund Sterling blos den Kaufpreis des Bodens ausniacht und also für die Bebauung desselben und Ansiedelung der Colonisten, für den Häuserbau rc. rc. noch erhebliche Geldsummen erforderlich sein werden, so richteten die hiesigen Vorsteher der „Ohoveve Zion" einen Appell an das Publikum, sie mit freiwilligen Beiträgen zur Förderung ihres Unternehmens zu unterstütze». Der Ausruf ist zwar mit der weitesten Rücksichtnahme und der größten Vor- und Umsicht abgefafst (wie ich höre ist Herr Josef Prag, der tüchtige Vicepräsident der Association, der Verfassender scheint aber bislang noch kein Echo im Herzen des jüdischen oder christlichen Publikums, an das es ebenfalls gerichtet ist, gefunden zu haben. Bei den Juden erklärt sich diese etwas reservirte Haltung durch die mehrfachen Ansprüche, die gerade in letzter Zeit an ihre Tasche für russisch-jüdische Zwecke gestellt und auch befriedigt wurden. Von unseren christlichen Engländern iväre es allerdings zu erwarten gewesen, dass sie ihrer Sympathie mit der jüdischen Colonisation Palästina's nicht nur in hellklingenden Phrasen, sondern auch vermittelst klingender Geldbeiträge Nachdruck verleihen werden. Doch bleibt es noch abznwarten, ob eine Enttäuschung in dieser Richtung uns wieder um eine Illustration des ehesgeck 1'urnim bereichern wird. — In Amerika haben die leitenden Juden endlich in diesein Jahre durch die gesteigerten Anforderungen, die an sie durch die ungeheure gewachsene Einwanderungsziffer herantraten, sich entschlossen, doch einmal auch an die christlichen Bürger des freien Amerika zu appellircn und hatten gar keinen Erfolg. Etwas besser ergieng es dem hiesigen „Russo-Jewisli Comite", dass auch ab und zu nicht unerhebliche Spenden christlicherseits zu verzeichnen hatte. In unserer Sache also scheint das Wörtchen auf der Fahne allüberall „Selbst- Emancipation" zu heißen. Letztgenanntes Comite für die Angelegenheiten der russischen Inden hat auch unlängst Stellung gegen Palästina als ein zur Colonisirung der russischen Juden taugliches Land, genommen. Auch wurde vor ^Kurzem in der jüdischen Presse eine Aeußerung eines Professor E u t i u g über die Gefährlichkeit der Beduinenbevölkerung für die Colonisation jenseits des Jordans wiedergegeben. Die Ohoveve Zion sind nun auch ihre Antwort nicht schuldig geblieben. Anstatt sich in eine unfruchtbare Polemik mit dem Gegner einzulassen, luden die Leiter der Association Herrn Major Cond er, einen christlichen Engländer, der durch vieljährigen Aiffenthalt in Palästina Land und Leute besser kennt, als irgend ein Mann im vereinigten Königreiche und allgemein als die erste Autorität über Palästina hierzulande gilt, ein, in einer öffentlichen Versammlung über das östliche Palästina zu sprechen. Major Conder ist aber nicht nur mit Palästina sehr vertraut, wovon seine Artikel in der klassischen „Encyelopaedia Britanniae“ über Palästina und dasselbe betreffende ' Angelegenheiten Zeugniß ablegen, sondern ist auch mit der jüdischen Bewegung der neuen Zeit zur Colonisation Palästinas bekannt, deren Entwicklungsgang er aufmerksam zu folgen scheint. In seiner gestrigen Vorlesung unter dem Vorsitz des Herrn Sebag-Montefiore gab er dess Zeugniß, als. er einen Ueberblick über alles, was bisher jüdischerseits in Palästina gethan wurde, bot. Auch im vorigen Sommer schon erschien von Major Conder in „Leottwh Review" ein Artikel, der warm die Colonisation Palästinas durch Juden befürwortete, und auch aus jenem Artikel konnte man schließen, dass sein Verfasser mit Juden und Judenthum mehr vertraut ist als ein anderer Christ in seiner Stellung. Um so größeren Werth ist auf sein Urthcil zu legen. Seine gestrige Vorlesung beschränkte sich jedoch keineswegs auf Ostpalästina, sondern war niehr als eine glänzende Rede für die Colonisation Palästina, in welcher Schilderungen des Bodens, des Climas und der Bewohner, sowie der herrschenden Sitten und Bräuche, der Gesetze resp. der Abwesenheit * Beides ist Thatsache geworden. Die Red.