Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 14 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- Seite 145 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Selbst-Emancipation Seite 145. au die Farbenpracht des Morgenlandes erinnert, alles das war geeignet, dein Manne, der schon mit 24 Jahren ein genialer Meister war, unter den Größten der. Kunst einen Platz zu verschaffen, aber auch durch die Darstellung großer Momente aus unserer Geschichte, die ihn so fesselte, das nationale Gefühl zu erwecken und zu stärken, das Selbstbewusstsein zu erfrischen und zu läutern. *) Der Verstorbene repräsentirt die Universalität der jüdischen Nation, die auch auf dem Gebiete der darstellenden Kunst ihre Genies zeugt, und wie der scl. Gottlieb trotz des Tadels seiner Professoren in München und Rom sich nicht irgend einer bereits bestehenden Schule anschloß, sondern in origineller Weise sich seinen eigenen Weg bahnte, so verfolgt auch der national gesinnte Theil des jüdischen Volkes nicht den alten, bequemen und abgetretenen Weg, sondern einen neuen, zwar beschwerlichen und dornigen, doch durch die goldenen Strahlen der Freiheit und Selbstständigkeit beschienenen. Dort eine Selbstständigkeit auf dem Gebiete der Kunst, hier auf allen Gebieten des Geistes! Die schöne Feier, die am 29. v. M. aus Anlaß der Enthüllung des Grabsteines am hiesigen isracl. Friedhofe stattfinden sollte, wurde von jenen, die gar keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um sich selbst in den Vordergrund zu schieben, in die Hände genommen; auch diese Leuchte zogen sie in den Staub ihrer eigenen Gesinnungen hinab. Diese assimilatorischen Faiseurs, darunter der bekannte „confepionslose" Herr Feld mann, verhehlten cs auch gar nicht, dass sie die Feier als „ihre Feier" betrachten, und haben einem Herrn, von dem sie befürchteten, dass er vermöge seiner Ucberzengung den Verstorbenen als jüdischen Maler ehren werde, nicht erlaubt, am Grabe zu sprechen. Dafür nahm sich Herr Feld mann die Freiheit, in seiner Rede auf die Stellung Gottliebs als Juden hinznweisen. — Armer Gott lieb! Nach Herrn Feldmann hielt Herr Prof. Luszcz kiewicz eine sehr interessante Rede, in welcher derselbe auf die Leistungen seines verstorbenen genialen Schülers hinwies. Zuletzt sprach wieder ein bekannter assimilatorischer Viclredner, der darüber klagte, wie sehr die Juden in Polen zu leiden haben, >veil man ihre polnisch-nationalen **) Gefühle nicht anerkennen wolle. Emes. Deutsches Deich. Berlin, 28. Juni. — Ein ganz eigenartiger Kampf dnrchlvogt feit einigen Wochen die Räume unserer Alma mate;: Hie Korporirte! — hie Unabhängige! — Der Ausschuß der Studentenschaft, der nach dem bekannten Duell Eichler-Bluhm aufgelöst wurde, soll auf Wunsch des Rectors, des vom Virchow-Helmholzcommerse her bekannten Gegners der studentischen Korporationen, wieder hergestellt werden, so zwar, dass die Wahlprivilegien, deren sich die Verbindungen ehemals erfreuten, abgeschafft würden. Wie leicht begreiflich ist dies nicht nach dem Geschmacke der „Bebänderten", insbesondere des „antisemitischen Vereines deutscher Studenten", welcher in den ausschusslosen Tagen an der Universität sowohl, als in der nkad. Lesehalle alleinherrschend war und die gesammte Studentenschaft terrorisierte; es wurde daher von dieser Seite die Parole „Wahlenthaltnng" ausgegeben, welcher Aufforderung die anderen Verbindungen auch gehorsamst nachkamen. Nur der antisemitische „evangelische Bund" und einige größtentheils aus Juden bestehenden wissenschaftlichen Vereine untergeordneten Ranges, die sich zu einem „Cartell akademischer Vereine" zusammenthaten, traten in den Wahlkampf und ervffneten ein Bombardement mit Wahlaufrufen in allen möglichen Druck- und Tonarten. Die Dienstmänner hatten gute Tage . . . Allein der 21. Mai, an welchem Tage die Wahlen abgeschlossen sein sollten, kam heran, und es waren anstatt des erforderlichen Minimums von 30 Wahlmännern, die, von je 50 Studierenden bevollmächtigt, ihrerseits den Ausschuss zu wählen, blos deren 13 gewählt worden (9 vom K a. V. und 4 vom ev. B ) Der Rector verlängerte nun den Wahltermin bis zum 25. Juni und ertheilte später sogar einigen Unabhängigen (sog. Wilden) die Erlaubniss eine Versammlung der Unabhängigen zur Besprechung über die Wahlbetheilungen nach item Auditorium maximum einzuberufen. *) Vollendeten Bilder Gott lieb s sind: „Akosta", „Shylock" „Betende Juden am Versöhnungstage" (darunter Selbstporträt), „Christus" Unvollendet blieb: „Kasimir der Große, den Juden Privilegien gebend." Die Rcdaction. **) Der Herr ist übrigens auch Socialist und spricht auf socialistischen Parteitagen. Internationale „Arbeiter-Zeitung", deine Blitze her. Die Redaction. Solche Versammlungen der Unabhängigen haben zwischen dem 16. und 25. d. M. drei stattgefunden, die alle das gemeinsame Charakteristische zeigten, dass die Herren vom Comite, die, löte einige von ihnen später öffentlich bekannten, selbst Antisemiten sind, sich ersichtlich Mühe gaben, der Jndenfrage aus dem Wege zu gehen, während die jüdischen Redner sich als die eifrigsten Verfechter des deutschnationalen Gedankens aufspielten, was indes nicht verhinderte, dass sie von den Antisemiten fast nach jedem Satze ausgezischt wllrden. Der einzige, der in der letzteil Versammlung den Muth hatte, Gleichberechtigung für alle Studirende der Berliner Universität „ohne Unterschied der Religion, Rasse und Nation" zu verlangen, war ein Christ, Herr M ühlford. Und was geschah hierauf? Ein jüdischer Redner betrat das Podium lind wies die „unerhörten" Forderungen des Herrn Mühlford mit echt semitischer Lebhaftigkeit zurück. Allein es half nichts mehr. Der Damm ivar durchbrochen und die erregten Gemüther Mussten sich Luft machen. Wie auf ein gegebenes Zeichen theilte sich die Versammlung in zwei Parteien, in Antiseiniten und — Juden, die sich gegenseitig zu überschreien suchten. Nachdem noch der Vorsitzende, so wie ein zweiter Herr vom Vorstand ihr antisemitisches Bekenntniss abgelegt, gieng die Versammlung rcsultatlos auseinander. Ob und in welcher Zusammensetzung der Ausschuss nun zu Stande kommen wird, ist vorläufig noch unbekannt, charakteristisch für die ganze Bewegung und den Geist, der an hiesiger Universität herrscht, ist aber der Umstand, dass der Rector Prof. Förster, dem wohl niemand antisemitische Gesinnung vorwersen wird, sich genöthigt sah, dem Kartell akad. Vereine aus Opportunitätsgründen den Rath zu ertheilen, möglichst wenig Juden als Wahlmänner zu beglaubigen, weil dadurch der Ausschuss an Ansehen verlieren Ivürde. — L. Oe. England. London, den 28. Juni 5052. Es ist jetzt gerade wenig niehr als ein Jahr, seitdem die Kunde von einem in unserem Lager hier stattgehabten Ereigniß allüberall bei den Zivnsfreunden die verschiedeiisten Vermuthungen, Erivartungeu und Betrachtungen wachrief. Als nun in Folge, wenigstens der zeitlichen, von diesem Ereigniß einige Wochen nach der großen Versammlung zur Unterzeichnung der bekannten Bittschrift an Lord Salisbury das Landungsverbot der Pforte erfolgte und der Schluß post hoc, ergo propter hoc nahe lag, da zögerte man auch nicht in Kreisen unserer Gesinnungsgenossen auf dem Conünente unsere hiesigen Freunde als Urheber jenes Verbotes hinzustellen und ihr „unbesonnenes Vorgehen"- zu verurtheilen. Allerdings geschah dies nicht in den Spalten der „Selbst-Emancipation", doch sind Ihrem Correspondenten derartige Äußerungen in der Presse, der zionistischen, wie auch in der wohlwollenden neutralen, noch recht lebhaft in Erinnerung. Um also einerseits mehr Licht über das vorjährige Ereigniß zu verbreiten, wodurch dasselbe vielen in einem neuen Lichte erscheinen und sie veranlasseil dürfte, ihr Urtheil darüber unter neuen Gesichtspunkten, also nicht mehr als über ein rein der zionistischen Sache gehörendes Factum vorzunehmen, anderseits aber auch den Gegnern eines solchen Schrittes, wie er im vorigen Jahre hier gethan wurde, Gelegenheit zu geben, jetzt ihre Bedenken öffentlich vorzubringen und zu begründen, theile ich ihnen mit, dass eine Wiederholung des in Rede stehenden Schrittes uns bevorsteht. Und zwar hat es mit der Sache folgende Bewandtnis: Mr. S. Montagu, der auch Haupt-Schätzmeister der Choveve Zion ist, ist der Vertreter des Wahlkreises Whitechapel im Parlament. Da nun dieser Wahlkreis derjenige Stadttheil Londons ist, in dem das Gros der eingewanderten ruffisch-polnischen Juden wohnt, gegen deren unbeschränkte Einwanderung von mancher Seite agitirt wird und die Wähler Withechapel's