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Selbst-Emancipation · 1892-07-18 · Heft 14 (18.7.1892) · p. Seite 144

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 14 (18.7.1892)
Date
1892-07-18
Page
Seite 144 (sequence 6)
Language
German
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Seite 144. Selbst-Emancipation Nr. 14. dennoch der Mittelpunkt derjenigen Litteratur, die sich mit dem Judentum selber befasst, noch immer das hebräische Idiom. Wenn aber dennoch der Judenheit in historisch-sprachlicher Beziehung durchaus die Besonderheit und Einigkeit nicht abgeht, so gibt es aber andererseits thatsächlich Fälle genug, die zeigen, dass auch von dem Begriffe der Sprache derjenige der Nation sehr wohl unabhängig sein kann. Erstens gibt es ursprünglich verschiedene Nationen, welche dieselbe Sprache reden, wie z. B. Engländer und Schotten, Dänen und Norweger, die Araber, Marokkaner und Syrer und viele andere. Dann wiederuln haben sich häufig Volksstämme in zwei verschiedene sprachliche Gruppen geschieden ohne darum anszuhören, sich national geeinigt zu fühlen; so die baskischen und romanischen Spanier, die sich nur in dem einzigen Punkte unterscheiden, dass die letzteren unter dem Einflüsse der Romanisirung ihrer ältesten Sprache verlustig gegangen sind, dagegen ist im Volkscharacter, Naüonalgefühl, Stammesfitten und Solidarität keinerlei Aenderungen eingctreten, und trotz des geradezu uncrinesslichen Abstandes zwischen der beiderseitigen Sprache ist auch nicht im Geringsten von einer nationalen Spaltung zwischen den verschieden redenden Theilen des Volkes ettvas zu verspüren. Ja, die romanischen Spanier haben doch, gemeinschaftliche Wohnsitze mit ihren baskischen Stammesgenossen, während die Juden über alle Länder der ganzen Welt zerstreut sind. Aber die absolute Gemeinschaft des Landes und Wohnsitzes haben nur die allerwenigsten Volker und es gibt noch andere Nationen außer den Juden, die sich in der Diaspora als Nation erhalten haben. Es ist dabei gar nicht nötig, dass tvir auf die Zigeuner etwa Hinweisen sollten, obwohl diese noch ganz anders zersplittert sind, als die Juden. Haben denn etwa im Altertum die Phönicier, im Mittelalter die Normannen, Syrer oder Araber sich aus einer Nation in eine Neligionsgesellschaft verwandelt, weil sie sich über die ganze alte und mittelalterliche Welt zerstreut haben. Oder in der Neuzeit die Armenier? Rechnen wir nicht auch jetzt noch die Deutschen' in Siebenbürgen, an der Wolga, in Paraguay oder gar die 9 Millionen Deutschen in den 'Vereinigten Staaten Nordamerikas nicht zur deutschen Nation. Ziemlich die Hälfte aller Deutschen wohnt außerhalb der Reichsgrenzen und etwa 15 Millionen wohnen direct von dem Volksganzen völlig getrennt. Es gibt übrigens eine Nation, die, wie in vielen anderen Beziehungen, so auch in Bezug auf Wohnsitze, Sprache und Nationalgefiihl der jüdischen so ähnlich ist, dass sie unbedingt als Analogie herangezogen werden darf, nämlich die griechische. Vor dem Jahre 1823 hat niemand die griechische Nation für noch am Leben gehalten. Man sah mit dem Untergange des - griechischen Altertums die Nation der Griechen für abgeschlossen an. Es gibt zwar noch im Anfang dieses Jahrhunderts etwa 6 bis 7 Millionen Griechen, die aber über alle Länder des ganzen , türkischen und theilweise auch des russischen Reiches zerstreut sind. Wie wenig man daran gewohnt war, die . Griechen noch als Volkseinheit zu betrachten, mag man aus deni Umstande ersehen, dass in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit", wo Herder auch nicht die kleinsten Nationen und Ratiönchen zu erwähnen vergessen, wo unter den modernen europäischen Nationen auch noch die Juden Armenier, Zigeuner, Basken, Gälen und noch manche andere als Nationen zu finden sind, — hier in dieser gewaltigen Fundstätte europäischen Völkerlebens, sage ich, Herder nicht ein kleines Plätzchen, ja nicht ein Sterbenswörtlein für die moderne griechische Nation gefunden hat; sie war für ihn ebenso als Nation verschollen, wie für unsere Zeitgenossen vielfach die Juden. Und als die Griechen, aufgerüttelt von dem Eifer und der Begeisterung europäischer, besonders englischer, Idealisten aus ihrer Lethargie erwachten und Nation sein wollten, da waren sie eine und sogar eine freie Nation, für deren Bcftciung ganz Europa mitfühlte, glühte und kämpfte. Jetzt aber, wo die Griechen einen Staat haben, wohnen nicht mehr als eineinhalb Millionen in ihrem eigenen Staate, aber etwa fünftnal so viel begeisterter Nationalgriechen außerhalb desselben, allenthalben zerstreut im Orient, wie die Juden im O c c i d e n t. Bekannt ist es, dass die etwa 2 Millionen Griechen indem türkischen Kleinasien die eiftigsten Patrioten geworden sind, aber weniger bekannt dürfte es sein, dass diese kleinasiatischen Griechen größtenteils kein Wörtchen Griechisch außer dem Vaterunser und dem Glaubensbekenntnis verstehen und auch das vielfach nicht, dass sich die Griechen von den Türken nur in Religion, Abstammung, Typus und Stammesgefühle unterscheiden. 'l?out comme cheznous. Alles wie bei uns! Und ebenso wie die Juden noch vor Kurzem zwar .Deutsch sprachen, aber dieses Deutsch mit hebräischen Buchstaben schrieben, so reden die kleinasiatischen Griechen ein reines Türkisch, das sie aber vielfach mit griechischen Buchstaben schreiben, und es ist ganz und gar keine Seltenheit, dass man ein Neues Testament mit griechischen Lettern aber im türkischen Idiom erhält. Was wir aber daran zeigen wollten, ist das, dass sich sehr wohl eine Nation in der Diaspora erhalten kann, auch ohne Nationalsprache, Territorium, ja sogar Nationalgefühl, wenn sie nur in uralter, ererbter Cnltnr und Stammesgenieinschaft ihr Solidaritätsgefühl behalten hat, und mag sie es unter irgend welcher beliebigen Form erhalten haben. (Schlufs folgt.) Original-Korrespondenzen. Oesterivich-Ungarrr. Men» den 14. .Juli 1892. Der bekannte deutschliberale Abgeordnete vr. Eduard Herbst ist gestorben und dadurch das Rcichsratsmandat fiir die innere Stadt Wien erledigt. Dem Wiener Judentum, spcciell der so thätigen „Ocsterrcichisch-israclitischcu Union", bescheert halt der liebe Gott zit allen Zcitcir ein Plaisirchen. Jetzt wird wieder fleißig agitirt und gewählt werden können. Mehrere Eandidatcn werden genannt, darunter der Demokrat Ur. Kronawetter. Es ist selbstverständlich, dass wir, wenn wir auch die kosmopolitischen Schwärmereien desselben nicht theilen, so doch auch unsererseits cs besonders gerne sehen würden, wenn dieser bewährte Volksmann in's Parlament käme. Die Behörde hat 16 deutschnationale Burschenschaften wegen Uebergriffe auf das politische Gebiet aufgelöst. Unmittelbare Veranlassung sollen die Vorgänge beimBismarck- Empfang gewesen sein. Eine wegen der antisemitischen Richtung der erwähnten Vereine erfolgte Maßregelung derselben ist in der Auflösung nicht zu sehen. Krakau, 3- Juli 1292. Dreizehn Jahre mufste» vergehen, bis der bescheidene Betrag von einigen hundert Gulden fiir die Errichtung eines Grabsteines für den so jung verstorbenen, genialen, jüdischen Maler Moriz G o t t l i e b gesammelt wurde. Eine hölzerne Tafel mit einfacher Aufschrift bezeichncte bisnuu jene Stätte vernichteter Hognungen — als Zeichen der Anerkennung seitens jener „Glaubensgenossen", die, mit irdischen Gütern versehen, zwar bei jeder Gelegenheit ihr angebliches Verständnis für die schönen Künste zur Schau tragen, sobald cs sich aber darum handelt, einen j ü d i s ch e n Maler nicht nur zu ehren, sondern auch sein Andenken dcrZuknnst zu bewahren, ihr Gesicht abwenden und ihres Taschen verschließen. Werdas heuchlerische Strebertum und den gesinnungslosen Servilismns unserer Großen und soi-disant Repräsentanten des Judentums kennt, den lvird auch das nicht Wunder nehmen. Die Herren haben uns schon seit Langem gewöhnt, auf fie nicht zu rechnen. Krenzcrweise., sechserweise wurde gesammelt, bis endlich nach dreizehn Jahren ein bescheidener Betrag zur Errichtung eines Grabsteines—nicht etwa eines Denkmals— sich ergab; unsere Reichen hatten cs nicht nottvendig, die eventuellen Beiträge auf das Maximum eines Guldens einzuschränken, >vie cs die Polen anlässlich der Uebcrreichung eines National-Geschenks an den Meister M a t e j k o thatcn, sie gcmrten sich nicht und gaben gar nichts. Der Tod Moriz Gottlicbs bedeutet für das Judentum einen großen Verlust. Seine Individualität und sein Subjectivismus, diese nach Renan wesentlichsten Eigenschaften der Semiten; seine innere Intuition, die nur nach jüdischen Themen griff; die echt orientalische Phantasie, die

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