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Selbst-Emancipation · 1892-07-18 · Heft 14 (18.7.1892) · p. Seite 142

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 14 (18.7.1892)
Date
1892-07-18
Page
Seite 142 (sequence 4)
Language
German
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Seite 142. Selbst-Emaneipation 14. dem Club der Conservativen angehörende Abgeordnete Spinöic ebenfalls in der oben erwähnten Bersauimlung war, wurde seltsamerweise „unerklärlich" gesunden. Wie gesagt, uns wundert gar nichts, nicht einmal die Meinung der alttschechischen „Politik", die die Jnngtschechen folgendermaßen charakterisirt. In Nummer 103 von 14. Juni 1892 schreibt sie: „Das sind fürwahr sonderbare Verteidiger der Freiheit, welche dieselbe anderen verkümmern wollen und welche gegen Wehrlose zu den äußersten Mitteln des Terrorismus entschlossen waren". „Sv sehen die Anwälte der Freiheit in Wirk' lichkeit ans, so sehen diejenigen aus, die über Einschränkung der Freiheit klagen!" ruft die „Politik" aus, nachdem sie das Sündenregister der Jungtschechen aufgezählt hat*!. Und die Alttschechen? Lesen wir folgende Notiz des deutschen „Prager Tagblatt" vom 12. Juni d. I.: „Ein frommer Wunsch. Der „Cech", das Organ des tchechischen Clerus drückt in seiner gestrigen Stummer den Wunsch aus, dass in Oesterreich dieselben Vorkehrungen gegen die Ausbreitung der Juden getroffen werden sollen als in — Russland. Ja man könnte sagen der „Cech" ist elerikal und die Clerikalen sind in der ganzen Welt mehr oder minder antijüdisch gesinnt. Das ist ziemlich richtig, aber in Böhmen sind dieClerikalen alttschechisch, die Altschechen elerikal, so dass es nun ganz gleichgültig ist, ob dies oder jenes ein Clerifaler oder ein Alttscheche gesagt hat. Und die Deutschen? Nun diese sind in der Wahrung der nationalen Ideen auch nicht besonders wählerisch. Erst national, dann liberal fobwol sie auf ein liberales Programm gewählt wurden». Beweis dessen die prvjectirte — vielleicht schon zur Thatsache gewordene — Verbindung der „ liberalen" vereinigten deutschen Linken mit der „antisemitischen" deutschen Nationalpartei. Und die Moral? Siehe „Zar Lage in Böhmen" Nummer 1 n. 6—7, „Die Deutschen in Oesterreich und die Juden" in Nummer ü der „S.-E." d. Jahrg Und die Juden? Von ihnen kann man dasselbe sagen, was Ihr Berliner Correspondent in seinem „Berliner Briefe II" Seite 105 der „S.-E." von den deutschen Inden sagt „Verstoßen und vom zwecklosen verächtlichen Kampfe angewidert, wird er eine Zuflucht bei seinen selbstbewussten Volksgenossen finden" und „der Nationalisirungsprvzess wird langsam vor sich gehen, da sie (t)ic Juden» alle Stadien durchzumachen haben mit der Bekämpfung der Raeenhetze beginnend und bis zur Höhe des Nationalbewusstseins sich emporschivingend". Wie lange die Juden die einzelnen Stadien passieren werden? Wer weiß es? Wer kann in die Zukunft blicken? Den Juden eine Prognose stellen zu wollen, ist eine schwierige Sache. Vergessen die Juden doch leicht die Erfahrungen, — wenn sie auch traurige waren — der letzten Minuten und sind sie doch so gleich bereit, dem zweifelhaftesten Versprechen den festesten Glauben entgegenzubringen. Hoffen wir von der Zukunft ein würdigeres Verfahren, ein besseres Verständnis. Stein, hoffen allein dürfen wir nicht; wir müssen vielmehr immer und immer rvieder sagen und erklären, was es heißt. „Jude" sein. Juni 1892. Gustav Sei de mann. *» Die „Politik" hat übrigens seinerzeit, als die Antisemiten unter Führung des Abg. Schneider in der böhmischen LandeSaussteUung von den Jnngtschechen so herzlich begrüßt ivurden, kein Wort gegen das freiheitsschändcrischc Treiben der Jnngtschechen geschrieben, ja den herzlichen Empfang und die Verbrüderung der Tschechen mit den Antisemiten nicht nur gebilligt, sondern auch verteidigt und nicht unterlassen können, selbst in die antisemitische Trompete zu blasen. Warum sic heute den Freiheits- Verrat der Jnngtschechen verdammt? das ist wol Keschäftssache. Anin. d. Verfassers Der Rationaljude. Rede, gehalten in der ersten Sitzung des jüdisch-nationalen Vereins „Jung-Israel" in Berlin am 30. Mai 1892. Von Heinrich Locwc, Cand. hist. Verehrre Versammlung! Meine Herren! In Deutschland, wo z u e r st das Licht der nationaljüdischen Belvegnng geleuchtet hat, lvo zuerst die H e ß, G u t - m a ch e r und Kali s ch e r die Gedanken des Franzosen L a h a r a n n e über die Neubelebung der jüdischen Nation sich zu eigen machten und zuerst die Apostel jenes Jnng-Jsrael wurden, das sich Nationaljndentum nennt, in Deutschland, sage ich, hat die jüdisch-nationale Bewegung seit den sechziger Jahreil dieses Jahrhunderts keine nenilenswerten Erfolge mehr erzielt. Erst in den letzten Jahren gelang es, eine kleine Schaar Nationaljnden in Deutschland zu sammeln und auch die verspreilgten Reste jener ersten nationalen BewegtNtg lvieder zu einigen. Der Antisemitismtls, der inzwischen zu einer Bedeutung gelangt war, hat mit seinem rauhen Fuße innerhalb des Judentums alle die zarten Keime vernichtet, aus denen schon ein junges jüdisches Leben emporsprießen wollte. Die Inden, die eben noch daran denken durften, ihre nationale Ehre rehabilitieren zu wollen, sahen sich mit einem Schlage genötigt, sich ans die Abwehr der Angriffe von außen zu beschränken und die mühsam errungenen Vorteile zu verteidigen. Es »var wichtiger gelvorden, das schon Gelvonuene zu sichern, als an die Wiedererlangung der nationalen Ehre zu denken.*) Dazu kam, dass ein großer Teil der Nationaljnden selber sich von alten, eingewurzelten Vorurteilen nicht frei machen konnte und bald religiös-fortschrittliche, bald luieöer eonservativ- oder reaetionär-religiöse Bestrebungen, bald irgendivelche volksivirtschaftliche Gedanken in die jüdisch-nationale Belvegnng hineinzutragen sich bemüßigt fanden. In der jüngsten Zeit wiederum hat der nationale Eifer manche Anhänger unserer Jde dahin geführt, dass sie über die Emigrations- und Colonisationsfrage unserer russisch-jüdischen Brüder^zum Teil die Nationalidee selbst vernachlässigt haben, — ein bedauernswertes Missverständnis, von den» leider sehr viele von uns befangen waren. Und doch, trotz der veränderten, ungünstiger gewordenen Verhältnisse, trotz unserer eigenen Missgriffe und Fehler, hat in letzter Zeit unser Nationalismus gerade in Deutschland so an Ausbreitung gewonnen, dass Jung - Israel einer frohen Zukunft, einer reichen Ernte entgegensehen darf. Wir verzichten für heute darauf, eine Geschichte des jungen Israels selbst zu geben, wir verzichten auch ans die ebenso interessante, wie belehrende Darstellung des Verhältnisses von Altisrael zur Nation und Religion, obwohl wir zeigen könnten, wie der moderne Nationalgedanke sich gerade bei dem alteil israelitischen Volke vorgebildet findet. Für heilte mögen einige Andeutungen genügen und wir wollen uns lieber darüber unterhalten, was wir mit dem Worte „Nationaljude" bezeichnet wissen wollen. Nachdem die französische Revolution den Grundsatz des 18. Jahrhunderts zur Geltung gebracht hatte, dass die Freiheit des Einzelmenschen innerhalb der die menschliche Gesellschaft umfassenden Gesetze unantastbar sei, hat das neunzehnte Jahrhundert diese Daseins- und Freiheitsberechtigung auch auf jene Individuen ausgedehnt, die wir Nationen ilennen. Nicht mit Unrecht bezeichnet daher der dritte Napoleon dasselbe mit dem Nanlen siede de< . liat'.oiia ites. Jahrhundert der Nationalitäten. Ganze Nationen haben es in diesem Jahrhunderte zu einer nationalen Einigung oder zur Abwerftmg *) Die Thatsache, weshalb die schon einnial in Deutschland, bestandene nationale Regung — Bewegung kann man nicht sagen — wieder einschlief, ist hier in einer ganz neue» Weise begründet. Ob diese Motivirnng richtig ist, sei dem Urteile unserer Leser überlassen. (Die Redaction.)

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