Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 14 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- Seite 141 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Selbst-Emancipation Seite 141. Kreise unübertragbar, welche sich dem jüdischen Volksgeiste besonders entfremdet haben, sei es. dass diese Entfremdung in einer weltflüchtigen falschen Orthodoxie, wie zum Theile in Galizien, fast dnrchlvegs in Ungarn und, in einem gewissen Grade auch in Deutschland, oder in der blanken Assimilation, wie zum Theile im Osten Europas fast durchaus aber im Westen unseres Welttheiles und in Ainerika besteht. Selbst diejenigen, bei welchen diese Entfrenidung unter dem Einflüße der Ereignisse der letzten Jahre in Nationaljudentum umschlug, haben bisher nicht die Gelegenheit, den Mangel ihres hebräischen Sprachwissens zu beseitigen, gefunden; wie sollte sie sich für die Blassen des hyperorthodoxen oder assiinilirten Judentums in Deutschland und anderwärts ergeben? Erst weim jene des Hebräischen kundig werden, können sie auf diese durch das Beispiel wirken; für jene existirt ein Ansporn zur Erlernung des Hebräischen — ihre zionistische Gesinnung für diese wird erst bestehen, wenn sie den gebildeten Ständen angehörige Juden ihrer Heimatsländer das Hebräische werden beherrschen sehen. Dem deutschen Juden wird z. B. ein hebräisch, wie eine moderne Sprache schreibender und lesender, vielleicht auch sprechender russischer Jude immer wie ein exotisches Gewächs Vorkommen, aber ein laudsmännischer jüdischer Arzt z. B., der die Sprache der Profeten in Wort und Schrift beherrscht, wird ihn nachdenklich stimmen und für die Ideen empfänglich machen, die ihm jener predigt. Die landläufige Verwechslung des Hebräischen mit dem Religionsunterricht wird dann aufhörcn und so dein berüchtigten Schlagworte von der „mosaiischen Religionsgenossenschaft" der Boden entzogen werden. Kurz, es obliegt den Nationaljuden die ernste Pflicht, sich mit dem Hebräischen in Wort und Schrift vertraut zu machen, eine Pflicht, der sie Genüge leisten müssen. wenn sie sich mit Berechtigung Nationaljuden nennen wollen. Wie soll dies aber geschehen? Anerkannt muss werden, dass sämmtliche Zionisten, welche nicht von vornherein mit hebräischen Kenntnissen ausgerüstet sind, den Wunsch hegen, hebräisch zu können. Diesem Wunsche stellen sich jedoch, wie sie entschuldigend sagen, unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Die zur Erwerbung des Lebensunterhaltes nötigen Studien oder sonstigen Arbeiten machen es, meinen sie, im vorgerückten Lebensalter schwer, an die Erlernung der hebräischen Sprache, welche keinen unmittelbaren Nutzen gewähre, zu gehen. Man werde bei den Kindern das Versäumte nachholen und trachten, dass sich die Unkenntnis des Hebräischen wenigstens nicht vererbe. Abgesehen davon, dass in einer solchen Vertröstung auf die Kinder eine unbedingt schädliche Hinausschiebung eines nothwendigen nationalen Schrittes liegt, ist auch das Ding nicht so leicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einem das Hebräische nicht verstehenden Vater gelingen werde, sein in assimilatorischer Schulumgebnng aufwachsendes Kind zum fleißigen Studium der hebräischen Sprache anzuhalten, ist äußerst gering. So wenig Werth also der Hinweis auf die Nachkommenschaft hat, so dürfen wir uns andererseits doch auch nicht verhehlen, dass die Schwierigkeiten der Erlernung des Hebräischen für einen Erwachsenen, der für sein Fortkommen zu sorgen hat, thatsächlich gegenwärtig geradezu unbesiegbare sind. Auf welchem Wege kommt man denn heute zu so viel hebräischer Sprachkenntnis, um sich in dieser Sprache, wenigstens schriftlich, mühe- und fehlerlos ausdrücken zu können, um einen für die modernen Verhältnisse zureichenden Wortschatz zu haben? Alle, die heute das Neuhebräische beherrschen, haben denselben Weg zurückgelegt. Sie haben die ganze heilige Schrift gelernt, die »iärnsclnni gelesen, den Talmud gründlich studirt, die mittelalterliche und neue hebräische Literatur betrieben, und aus alle dem, haben sie sich den Wortreichtum mühsam gesammelt, den eine moderne Sprache benötigt. Jeder von ihnen hat sich durch die ausschließliche Arbeit von einem oder zwei Jahrzehnten sozusagen selbst sein Hebräisch entwickelt, und erst im wechselseitigen Verkehre und durch das moderne hebräische Zeitnngswese.i ist in alle diese Sonderproduete ein einheitlicher Zug gekommen. Diesen Weg kann nun freilich der Erwachsene, der bereits seinen Berns hat, und in diesem arbeiten muss, nicht einschlagen; ja, hätte er nicht bloss eine dunkle Ahnung, sondern wüsste genau, wie man heute zur hebräischen Sprachkenntnis kommt, er würde dann sicher auch nicht mehr so eilfertig für seine Kinder bürgen, welchen unsere hastende Zeit für ein so geartetes Studium meistens zu kurz werden dürfte. Wir ftagen aber: Ist es nöthig, dass immer dieser Weg betteten werde? Ist es nicht möglich, auf Grund des gesammelten Materials dem Lernenden den größten Theil der Arbeit zu ersparen, — zu ersparen, dass er immer wieder finden müsse, was bereits von anderen gefunden ist. Das moderne Hebräisch ist eine Sprache, welche wie jede andere Cnltursprache für alle Verhältnisse unserer Zeit Ausdrücke und Formeln hat; man muss sie daher, wenn sie in einem guten Sprachwerke gesammelt, herausgeschält aus allen andcrswissenschaftlichen, theologischen und geschichtlichen, Zuthaten dargeboten wird, ebenso rasch und unmittelbar erlernen können, als jede andere Sprache. Diese Ueberzeugung hat den Entschluss in uns gereist, in dieser Richtung endlich einen entschiedenen Schritt zu thun, und hoffen wir auf die regste Unterstützung unserer Gesinnungsgenossen bei unserem Werke. Ein „brieflicher Sprach- und Sprechnnterricht zur Erlernung der hebräischen Sprache" wird fiir Deutschsprechcnde heransgegeben werden. Derselbe setzt sich folgende Ziele, die er, dies kann mit Bestimmtheit nach Analogie ähnlicher Lehrmethoden in anderen Sprachen behauptet werden, auch erreichen wird. I. Der Lernende erwirbt die Fähigkeit, sich in reineni Hebräisch, in Wort und Schrift fließend auszudrücken. II. Der Lernende erwirbt ferner die Fähigkeit, im Hebräisch der Bibel und der Mischnah geschriebene Bücher und Zeitungen zu lesen. III. Der Lernende kann dieses Ziel binnen längstens SY» Jahren bei täglicher einstündiger Arbeit erreichen. Zur Ergänzung dieses Lehrcurses, über dessen Erscheinen, Bezug u. s. w. man an anderer Stelle dieses Blattes Nachlesen wolle, ist auch für späterhin die Herausgabe eines alle Bedürfnisse des menschlichen Lebens umfassenden Wörterbuches geplant. Bei Vorhandensein solcher Lehrmittel wird es jedem Nationaljuden ein Leichtes sein, das Hebräische zu erlernen und er wird seine Gcsinnungstüchtigkeit damit documentiren können, wenn er diese Gelegenheit ergreift. B. Zur Lage in Böhmen. in. Der Reichsrats-Abgeordnete und Jungtschechenführer Dr. Gregr hat Sonntag den 12. Juni d. I. in Deutschbrod in einer vom „Svobodomyslny politicky spolek“ veranstalteten Versammlung eine Rede gehalten, die er jedoch nicht zu Ende führen konnte, da die Versammlung behördlich aufgelöst wurde. Alle Prager Zeitungen, welche den Bericht über diese Versammlung brachten, wurden confiscirt, so dass nur wenige Leute wissen, was Grvgr eigentlich gesprochen hat. Für uns ist es nur interessant zu wissen, dass auch Er. der „Gregr" es nicht unterlassen konnte, die Juden fiir einen Theil der allgemeinen und besonderen Misere verantwortlich zu machen, wodurch unsere Meinung über die Jungtschechen im allgemeinen und besonderen nur bestätigt wird; dass der