Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 14 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 140. Selbst-Emancipation Nr. 14. werden. Wie lange wollen wir noch unser Schicksal in die Hände von Völkern legen, unter welchen wir vor dem entehrendsten und schimpflichsten Vorwurf nicht sicher sind? Ist es nicht schon endlich an der Zeit, dass wir uns ein eigen Plätzchen aufsuchen, um Herren unserer Geschicke zu werden und den Ausbrüchen arischer Gaststeundlichkeit mit Ernst cntgegentretcn zu können? Gegen unausrottbare Böswilligkeit und Dummheit nützt Widerlegung nicht, da frommt nur ciue feste Position. Die Zionisten wollen sic schaffen. B. Hebräische Sprache. Schon öfters fanden wir Gelegenheit zu betonen, .dass wir Zion als das erste, wichtigste und nie zu verschweigende Ziel der nationaljüdischen Bewegung ansehen, dagegen ein glücklicherweise immer seltener gefordertes „Nationaljndentum ohne Palästina" für einen bedauerlichen Irrtum halten. Besonderen nationalen Ansprüchen des Judentums auf . europäischem Boden mangeln die natürlichen Vorbedingungen und der praktische Wert für unser Volk; anderseits verheisst uns Zion, und nur dieses die dauernde gesellschaftliche, -"wirtschaftliche und sittliche Hebung Israels. Wir sind aber auch wiederholt gegen das Missverständnis ausgetreten, als ob zionistische und Cvlonisationsthätigkeit sich vollständig decken würden. Das Zionswerk darf nicht vom Standpunkte eines geschäftlichen Unternehmens oder einer privaten Wohlthätigkeitsaction angesehen werden, muss vielmehr von großen und allgemeinen Gesichtspunkten ausgehen und ein Werk des Volkes sein. Das setzt aber eine Erziehung dieses Volkes zum Zionswillen voraus, — eine der vollständigen und dauernden Läuterung in Zion vorausgehende : teilweise und vorläufige Läuterung, ohne welche letztere die erstere eine Unmöglichkeit ist. So, wie die Juden jetzt sind, sind sie noch nicht reif für Zion; sie dazu zu machen, ist gegenwärtig Hauptaufgabe der Zionisten. Welcher Art die Erziehung des jüdischen Volkes zum Zionswillen sein soll, darüber haben wir gelegentlich schon gesprochen. Erziehung in Europa, Vorbereitung in Palästina, in dem ersten durch Agitation und Organisation, .in dem zweiten durch praktische Unternehmungen, in beiden durch Verbreitung der Kenntnis der Geschichte des jüdischen Volkes und der hebräischen Sprache. Was den ersten Teil dieser Erziehungs- oder Vorbercituugsarbeit betrifft, so bleibt noch vieles zu wünscheu übrig; sowohl die praktischen Unternehmungen, als die Agitation und Organisation, namentlich die letzteren, wegen ihrer reineren erziehlichen Natur wichtigeren Arbeitsfächer, stehen noch auf der unterstell Stufe der Entwicklung. Noch trüber ■ aber sieht es mit der Kenntnis der jüdischen Geschichte und . der hebräischen Sprache aus, insoferite sie sich nämlich noch keine neuen Kreise zu erobern vermochten. Es ist wahr, dass specieü die hebräische Sprache in den letzten Jahrzehnten in Russland ungeahnte Fortschritte gemacht hat, dass sie dort für hunderttausende Inden zur Sprache ihrer Tageszeitungen, zur Sprache wissenschaftlicher und unterhaltender Bücher geworden ist. Aber sind diese hunderttausende wirklich für das jüdische Volkstum neu erworben; bewegten sie sich nicht vielmehr schon seit jeher in einem jüdisch-volklichen Jdeenkreise, der für sie nur einen etwas bestiinmten nationalen Gehalt annahm, als die hebräische Sprache sich ausbildete? Gelang es, selbst in Russland, auch nur einen Angehörigen der dem Judentum entstcmdeten jüdischen Kreise dazu zu veranlassen, sich die so sehr emporgeblühte Sprache anzueignen? . Und erst in Deutschland? Da weiss nicht einmal der Zehn- . tausendste etwas von der großartigen Enffaltung des Neu- . hebräischen, und die deutsch-jüdischen „Theologen" sind fast durchwegs nicht im Stande, einen guten hebräischen Brief, geschweige denn eiwm gediegenen Artikel für eine hebräische Zeitung zu schreiben. - > Und die Nationaljuden? Man weiss, dass ein Teü* von ihnen in Russland, fast alle aber in den anderen Ländern von der hebräischen Sprache sehr wenig oder gar nichts wissen. Sie brauchen sich zwar dieser Unwissenheit nicht zu schämen, für die sie vielmehr ihre Erzieher verantwortlich machen können, aber die Thatsache besteht. Diese Thatsache ist eine unangenehme, und hat oft zu Erörterungen darüber geführt, ob man hebräisch kennen müsse, uni Nationaljude zu sein. Die Einen bejahen die Frage, indem sie demjenigen das Verständnis des jüdischen Wesens absprechen, der die hebräische Sprache nicht versteht, die anderen geben eine verneinende Antwort, darauf hinweisend, dass oft gerade die thätigsten und hervorragendsten Zionisten des Hebräischen unkundig sind, während es im Gegentheil ausgezeichnete Hebräer gibt, welche, ausgesprochene Assimilanten und Antizionisten sind. Beide Parteien haben Recht. Die zionistische Bewegung der letzten zehn Jahre hat den ersten Anstoss nicht von innen, sondern von außen erhalten. Aus den Ereignissen heraus entstand durch Erwägungen des Kopfes und Regungen des Herzens das uationaljüdische System. Seine Entwickler brauchten zu dieser Gedanke»- und Gemütsarbeit, welche ein jedes andere Volk in gleicher Lage in ganz derselben Weise hätte leisten müssen, keine specifischeu hebräischen Kenntnisse. Brachte sie einer mit, umso besser, und Thatsache . ist es, dass die damit Ausgestatteten fast durchwegs von der Zionslehre mit elementarer Gewalt erfasst wurden, die antizionistischen Hebräer dagegen vereinzelte Ausnahmen darstellen, welche nur die Regel bestätigen. Was jedoch für den Anstoss genügte, das kann für die Dauer zur Erhaltung der Kraft der Bewegung nicht ausreichen. Zunächst ist es die wechselnde Intensität des Judenhasses, welche gebieterisch fordert, dass wir den Zionismus von ihm unabhängig machen. Ein Nachlassen des Antiseinitismus könnie sonst die Bewegung vernichten, so dass wir beim Wiederbeginn der Verfolgungen auch mit unserer nationalen Arbeit von vorne anfangen müssten. Doch abgesehen davon, erscheint es unmöglich, die Erziehung unseres Volkes zum Zionswillen durchzuführen, wenn das Nationaljudentum nicht auch eine innere, selbstständige Begründung erhält, wenn die jüdischen Ideen, die jüdische Welt und Lebensanschauung, von unserem Volke nicht wieder ganz Besitz ergreifen. Das jüdis he Volk muss sich selbst wieder finden, wenn es eine Heimat suchen soll. Aus diesem Grunde erscheint es dringend notwendig, dass endlich etwas für die Verbreitung der hebräischen Sprache unter den Volksschichten geschehe. Während der Geschichtsunterricht nur auf die gebildeten Elasten in höherein ■ Maße zu wirken geeignet, und auch hier ohne hebräisch der Erfolg nur ein unvollständiger ist, ist das hebräische Idiom ein unübertreffliches Erziehungsmittel. Nur durch seine alte großartige Sprache, kann sich Israel wieder in seine ureigene Gedankenwelt einleben; sie kann besser als alle logischen Schlüsse und wissenschaftlichen Beweise das jüdische Volk zum Nationalbewusstsein führen; sie, die Sprache Zions, wird in der Nation einen unwiderstehlichen Drang nach Zion erzeugen. Aber wie die Kenntnis der hebräischen Sprache neuen Kreisen erschließen? Wir haben, gesehen, dass sie sich auf die Kreise beschränkt, welche von altersher in jüdischen Traditionen erzogen waren, nnb fügen hinzu, dass sich bisher eher eine Abbröcklungsals eine Erweiterungstendenz zeigte. Der Vater war noch ein ausgezeichneter Hebräer, der Sohn versteht kein hebräisches Wort mehr, gleichgiltig, ob er unter die Assimilanten gegangen und dort geblieben ist, oder im letzten Jahrzehnt zur Fahne des Zionismus geschworen hat. Die Kenntnis der hebräischen Sprache erwies sich bisher als auf diejenigen