Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 13 (2.7.1892)
- Date
- 1892-07-02
- Page
- Seite 137 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbst-Emancipation Seite 137. Nr. 13. wider alle Natur.verstoßenden Internationalismus, wie ihn die herrschende socialistische Partei auffasst, und dem Socialismus selbst, irgend eine innere, natürliche Verwandschaft bestünde, als ob zwischen Nationalismus und Socialismus uothwendigerweise ein Gegensatz bestehen müsste. Der deutsch-nationale, mit den Socialisten alliirte Reichsrath-Abgcordnetc Pcrnerstorfer hat auf dem letzten „Parteitag der österreichischen Socialdemokratie" sehr richtig über wahren und falschen Nationalismus gesprochen. Ja, cs giebt einen wahren Nationalismus, den Nationalismus der Liebe, und der unterscheidet sich vom falschen, vom Nationalismus des Hasses, wie Licht von Finsternis, wie Klarheit von Verworrenheit, wie Socialismus von internationaler Spielerei. Der „Gsservatore Romano" ist das Amtsblatt des päpstlichen Stuhles. Dasselbe benutzte die antisemitische Demonstrationen zu Ehren Bismarks, sowie die Verurteilung Drumonts zu einem beispiellos heftigen Ausfall gegen die Juden, welche er „die von Gott und den Menschen geächteten unverschämten Nachkommen des Judas Jscharioth nennt". Man sieht, selbst der religiöse Antisemitismus ist noch nicht todt, nnd rüstet sich, seinen Brüdern, dem socialen und nationalen, helfend beizuspringen. Der Sultan und Colonilation Dalnfliuas. Die in Paris? erscheinenden „Archive* Israelites“ veröffentlichten eine angeblich ans verlässlicher Quelle stammende Nachricht, die wenn sie auf Wahrheit beruht, im Stande ist, das größte Interesse hervorzurufen. Die in unserem Blatte bereits erwähnte „Scotish Society for Restoration of Jews to Palestine“ („Schottische Gesellschaft für die Restanration der Juden in Palästina"), welcher die angesehcndstcn Schotten geistlichen und weltlichen Standes und nunmehr auch viele englische und sranzösische Große angehören, haben jüngst drei hervorragende Mitglieder nach Constantinopcl geschickt, nm beim Sultan in Sachen der Colonisation Palästinas durch Juden Audienz zu nehmen. Der Sultan habe die Deputation auch wirklich, und zwar in liebenswürdigster Weise, cmpfangcu. Die Einzelheiten des gepflogenen Gespräches seien noch nicht bekannt, doch sei durch Bcnnittluug eines höhern jüdischen Beamten Einiges nach London berrichtet worden. Der Sultan habe die Herren ruhig angehört und dann gefragt: „Was gedenken Sic mit den Juden, welche in ihr Land zurückkehrcn,. zu. thun?. Soll des „Land Israel" auch das Eigentum Israels werden?" Auf diese Frage hätten die Dclcgirtcn geantwortet, es läge ihnen ferne, sich, in die Politik zu mischen. Vorläufig werde nichts anderes angestrcbt, als Israel nach Palästina zu führen. Sollte cs de-einst den Mächtigen gefallen, sie zu einem selbstständigen Volkes zu machen, so wäre dies freilich ein Glück. Aber unter allen Umständen sei ihr glühendes Verlangen, dass die Juden treue Unterthanen des osmauischen Sultans bleiben. Hierauf habe der Sultan seine Sympathie für die Juden ausgesprochen, die Deputation versichert, dass ihm ihr Vorschlag gefalle, dass er aber noch keine bestimmte Antwort geben könne, weil Palästina sehr nahe die Jntereffcn der christlichen Mächte berühre und er daher erst diese um ihre Ansicht fragen müffe. — Die diesbezüglichen Verhandlungen mit den Mächten sollen bereits begonnen haben. Ans den Tolonicn. Diejenigen palästinensischen Colonisten, welche unter dem Protcctorate des Baron Edmund Rothschild stehen, prangen nach dem Berichte eines Reisenden in der „llazeiirah“ in voller Blüte. Dagegen beklagen sich die Colonisten über den Administrator, der erst kurze Zeit, — seitdem der frühere Verwalter Ossawetzky, ein liebenswürdiger und tüchtiger Mann, nach Paris berufen wurde,— im Amte ist. Nach den Mitteilungen des erwähnten Correfpondenten hätten die Colonisten volles Recht zu dieser Klage; er erzählt drei Vorfälle, die er selbst während seines ^Aufenthaltes in „Jessud hamaaleh“ mit ansah und welche, wenn die Erzählung auf Wahrheit beruht, gebieterisch Abhilfe verlangen. Es wird doch möglich sein, sich bei Baron Rothschild Gehör zu verschaffen und etwaige entgegengesetzte Einflussstörungen zu paralysiren. Diese Berwaltergeschichten in Palästina und Argentinien — hier noch tausendfach ernster — sind ein Beweis dafür, dass ein Volk bei nationalen Unternehmungen sich nicht ganz auf die Güte und Capitalskraft Einzelner verlassen darf. Midjan^Herr Paul Friedmann hat sich am 8. Juni auf dem Loyddampfer „Poseidon" nach Triest eingeschifft. Eine Woche vorher klagte er die egyptische Regierung auf 25.000 Pfund Sterling als Schadenersatz wegen der Ausweisung aus Midjan. Uecensionen Pardes«, literarisches Sammelwerk, herausgegebe» von I. CH. Rawnitzky. Odessa 1392. Bor den Convent der großen französischen Revolution brachte ein Bildhauer ein wunderbares, in allen Beziehungen meisterhaftes Kunstwerk, und hoffte dafür Ehre und Ruhm einzuheimsen. Statt dessen wies ihn aber der Convent mit der strengen Begründung zurück: „Ihr Land und Volk ist in größter Gefahr, und da beschäftigen Sie sich mit solchen unnützen Dingen". Wenn die großen Franzosen sich erlaubten, zur Zeit, da ihnen Soldaten, Helden und Männer der That uothwendiger waren als Steinkritzer, diese von sich zu weisen, so können wir ihnen diese Rohheit verzeihen, denn die Franzosen sind reich an Bildhauern und Künstlern aller anderen Gattungen. Aber wir Juden, wiewohl wir heute mehr denn je gewaltige Männer der That uothwcndig haben, und auch nicht ohne leise Sorge sehen, dass unsere Besten gegenwärtig nur Feder und Tinte zu ihren Waffen sich erwählen, müssen dennoch jedes literarische Werk von künstlerischem Werte mit Freuden aufnehmen. Am Ende sind wir ja doch ein Volk des Geistes, dessen Kraft derzeit nur in der Schrift und in der Rede liegt. Freuen wir uns nun schon über die Arbeit berühmter jüdischer Schriftsteller auf dem Felde der allgemeinen Literatur, so ist unsere Freude umso größer, da wir ein Sammelwerk in die Hände bekommen, an dem unsere besten hebräischen Schriftsteller teilnehmen, die der Geist der Liebe zu unserem Volke und feinem Glauben und des Vertrauens auf seine große Zukunft einigt. Herr Rawnitzky ist uns durch seine ersten zwei Sammelwerke und seine vielen Artikel in den verschiedenen Zeitschriften als talentvoller Literat von Geschmack, vornehmem Styl, kritischen« Sinn und scharfem Blicke bekannt. Außerdem besitzt Rawnitzky, auch ein ausgesprochenes Talent zun« Redigiren. Der Raum gestattet uns nicht, viel und detaillirend von allen Artikeln des „Pardefs“ zu sprechen. Jedoch einige wollen wir erwähnen. In dem Artikel „Haehut ham’sclmhmdi“ spricht der Redakteur selbst über das „Land Israels" die „Sprache Israels" und „Israel". Der Verfasser zeigt in anmutiger und herzbezwingender Form das mächtige Band zwischen Israel, seinem Lande und seiner Sprache. Mit bewundernswertem Geschicke bringt er ihre gegenseitige Analogie zur A««- schauung. In der hebräischen Sprache findet er alle Eigcnheitcn und Eigenschaften wieder, die Israel besitzt, und in Palästina alle characteristischen Merkmale beider. Die Geschichte Jsrael's und die Geschichte seiner Sprache und seines Landes seien identisch. Alles was einen« von ihnen, sei auch den beiden übrigen begegnet. — Das Gedicht „Zidiik liadin“ vonL. Lewin („ >«->n>lIvI") zeichnet scharf und kräftig den Protest Israels gegen seinen Gott; die Bilder sind erhaben schön. Am Schluffe des ersten Abschnittes seines Poems sagt der Dichter solgei«de Verse, die wie hier in deutscher Uebersetzung wiederzugeben versuchen: Allniächt'ger, unsere Väter schrieen zu Dir, Du halfst Ihnen, wunderwirkender Streiter. Warum, trotz Tugenden, aber vergehen wir? Zu wenig der Tugenden, was sollen wir weiter? Deiner Wohlthaten Fülle oder die Pest uns sende! Allmächt'ger, trösf oder tödt' uns, nur mach' ein Ende! Die Erzählung „No nachath b’Jaakobli“ von „Wendete Mocher Ssforim" (I. M. Abramowitsch) ist ein Kunstwerk, rote seine früheren Erzählungen. Das Auge des Verfaffcrs ist stets mit einem Mikroskop bewaffnet, mit welchem er die kleinsten Wesen und Geschöpfe im Meere des Lebens herausfindet. Er schreibt mit seiner, beißender Ironie, welche in die Tiefen der Seele eindringt. — In dem Artikel „Pernrim“ von „Echad liaam“ sind schöne Gedanken über Israel, seine Nationalität, seine Vergangenheit und Gegenwart niedergelegt. Man kann wohl mit den Anschauungen des Verfaffcrs nicht einverstandei« sein, denn in der europäischen Literatur ist ein reiches Material über das nationale ,Jch" zusammengetragen, von dem der Verfasser spricht, womit inan die Hypothesen von „Echad haam“ widerlegen könnte, jedenfalls sind seine Ausführungen interessant und voll schöner und wahrer Gedanken. — Das Gedicht „Kinoth“ von Dr. I. Kaminer malt mit grauenhafter Wahrheit das Elend unseres Golus. Wie schön ist z. B. die Strophe, welche von unserem Volke sagt: „Ohn' Ruhpuukt im luftigen Nichtse, hangt es Im Wind, zivischen Himmel und Erde, schwebt es Nach innen — Elend, Gedrücktheit, so krankt cs Nach außen — die Hände gcfeffelt, so lebt es". (Schluss folgt) R. Brainin. fUattu» «ud Lieder aus dem Laude der Dätrr: W. Jawitz, Jerusalem. — Ohne Uebertreibung können wir es sagen. Entzücken ergriff u««s beim Ausschlagen des Albums, welches obigen Namen führt. Der originellste Gedanke in geschmackvollster Ausführung! Literatur, Aesthetik und — Botanik reichen sich hier die Hände, um den Schönheitssinn zu befriedigen und der Zionsidee zu dienen. W. Jawitz, der Redacteur des „Haarez“, jefct „Mi-Jeruschalem“, ber Verfasser oon„Dibhre