Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 13 (2.7.1892)
- Date
- 1892-07-02
- Page
- Seite 135 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Selbst-Emancipation Seite 135. ständigkeit die Existenz der Völker nicht beruht; denn wenn auch eine Nation, welche ihre Selbstständigkeit verlor und in Folge dessen an ihrer Fortdauer verzweifelte, sobald sie nur ihre geistigen Kräfte-zur höchsten Potenz entwickelte, sobald nur ihre geistigen Errungenschaften gewichtiges Civilisationsmatcriai darstellen, in jedem Augenblicke mit Muth ausrufen kann: co'gifci er»o sum, — so kann doch eine territoritell coneentrte Nation ihre Lebenskräfte zur Bildung einer höheren Cultur, zur Hebung ihres moralischen und geistigen Niveauseher benützen, als wenn sie zerstreut auf dem ganzeu Erdboden lebt. Es heisst also schon heute, da noch die Knute und das rauchlose Pulver unser richtiges Urtheil.nicht verdunkeln, da wir noch nicht der Todesgefahr entrinnend hineilen, wo uns das unfreundliche Schicksal hintreibt, das Land zu wählen, welches unserer Kinder neues Vaterland sein soll. Dieses Land systematisch fruchtbar zu machen, vorzuberciten, damit unsere Kinder frei und sicher leben sollen, sei unsere Aufgabe. Aber auch heute ist ein solches Land nötig, dringend nötig für die Blutzeugen Russlands urd Rumäniens. Die Großmut des Menschenfreundes Baron Hirsch ist kaum im Stande, alle Vertriebenen vor Noch zn schützen. Hier hilft nur gemeinsames Handeln, Selbsthilfe! Das Land, das wir suchen, soll nicht von Ariern bewohnt seiu. Das Land muss zu einer rationellen Ackerbauwirtschast und zur Ernährung einer größeren Menschenzahl geeignet sein. Das Land muss fern von der europäischen Fäulnis und -doch nahe genug den Culturcentrcn sein. Dieses Land ist Palästina. Palästina ist frei von der europäischen Fäulnis, andererseits aber der Brennpunkt, wo die europäische Culturwelt von der chinesischen und indischen gekreuzt wird, ist also ziemlich nahe, um wahre Culturerrungcnschastcn >n sich aufzunehmen. Palästina wird, wenn es von einer intelligenten Bevölkerung bewohnt wird, zu einer Pflcgcstätte der Cultur und Brücke zwischen Europa und Asien werden. Palästina, rationell bebaut und bewirtschaftet, wird wieder zum Lande werden, wo Milch und Honig fließen, und wird mehrere Millioneu Menschen ernähren können. Palästina, bewohnt von verwandten semitischen Stämmen wird nie zum Schauplatz von Racenkämpfen und Religionskriegen werden. Palästina verlangen die heiligen Ueberlicferungcn unseres Volkes, dort ist seine Wiege, dort die Zeit seiner größten Macht, dort wirkten unsere edelsten Männer, dahin sehnen sich unsere erhabenen Geister, dort ist unser altes; gegen alles Recht uns geraubtes Vaterland, Dort wird uns das schaurige Gespenst, „Judenfrage" genannt, nicht erreichen, dort wird es für immer unwiderruflich untergehen, dort wird der ewige Jude zum erstenmal seit zwei Jahrtausenden auf eigenem Boden ausruhen, Jahrhunderte alten Schmutz abschütteln und zu neuem Leben auferstehen. Dort nur kann unser nationales Leben eine feste und für seine fernere Entwicklung gedeihliche Grundlage finden. Nur Palästina kann die Centrale des verjüngten jüdischen Volkes werden, dort ist unsere Zukunft. Unser ausländisches Prograinnr verpflichtet uns demnach: a) zur Initiative bei der Organisation der Einigration und Leitung unserer Emigranten von Russland und Rumänien nach Palästina, um sie dort anzusiedeln; d) Ackerbäu-Colonien im h. Lande zu gründen, und dort unser dem Hungertode preisgegebencs Proletariat anzusiedeln; e) das nationale Bewußtsein unter den Colonisten zu wecken, das jüdisch-deutsche Gemauschel zu verdrängen und die hebräische Sprache als Umgangssprache der Colonisten in Palästina einzuführen; ck) Industrie- und Ackerbauschulen, so wie auch eine Universität und hebräische Bibliothek in Palästina zu errichten; e) Colonisationsvereine, die miteinander in Verbindung stehen, welche Gelder zur Erreichung obiger Postulate sammeln sollen, in von Juden bewohnten Städten zu gründen. Dies ist im Auszuge unser zionistisches Programm, es vertheidigt sich selbst. * Dieser Tage wurden die Statuten des Vereines „Admath Jeschurun" in Lemberg eingereicht; die Anwerbung von Mitgliedern geht bisherziemlich träge vor sich. * Auf Anregung unserer Gesinnungsgenossen, der Herren Gerson Zipper, Adolf Stand, und Dawid Malz versammelten sich die hiesigen jüdischen Hörer der Universität und der polytechnischen Hochschule zu einer vertraulichen Unterredung, welche eine zionistisch gesinnte Majorität ergab. Dawid Malz. Deutsches Reich. Kretin, den 24. Juni 1892. Der neue Verein „Jung- Jsrael, Jüdisch-nationaler Verein" in Berlin hat in seiner letzten Sitzung auf Antrag des bekannten Herrn Willy Bambus einstimmig beschlossen, sich der Wiener Parteiorganisation anzuschließen. Ferner beauftrage der Verein den Vorstand, dem Organisations-Comitö davon Mitteilung zu machen und zugleich dem Comitö die Versichenrng auszusprechen, dass der hiesige Verein sich mit allen Beschlüssen, die das Comitö im Parteiinteresse fassen sollte, von vornherein für einverstanden erkläre, soweit es nur mit den Statuten und dem Vereinsgesetz in Einklang zu bringen sei. Hoffen wir, dass auch die Vereine draußen in Oesterreich bald dem von Berlin gegebenen Beispiele folgen mögen. England. London, 15. Juni 189 Die hiesige „Chovevei-Zion- Society" hat int Ostjordanlande einen Grundcomplex von 2400 Acres angekauft, auf welchem vorläufig 50 Familien angesicdelt werden sollen. Der Kaufpreis beträgt 2000 Pf. Sterlings — 2400 fl.) Das erworbene Land ist gut bewässert und für die Colonisation besonders geeignet. Da noch ein Theil des Kaufpreises geschuldet wird, da ferner weitere Geldmittel für den Häuserbau, den Ankauf von Vieh, Saaten und Gerätschaften und zur Erhaltung der Colonisten während der ersten Zeit nothwendig sind, wendet sich die „Chovevei- Zion-.^ociety“ in einem Aufrufe an alle Freunde des palästinischen Gedankens, um unterstützende Beiträge. „Wir brauchen Hilfe", so heißt es in dem Aufrufe, „zttr Gründung dieser Heimat in einem Lande wo die Einsiedler zum ^Ackerbau zurückkehren, und von dem Gedanken, der ihnen stets drohend vorschwebenden Verfolgungen befreit, ein würdiges Dasein fiihren können. An alle Diejenigen, welche glauben, dass Israels Schicksal unlösbar mit den Stätten verknüpft ist, welche durch die Geschichte einer ruhmreichen Vergangenheit und durch die Verheißung einer noch ruhmreicheren Zukunft geheiligt ist, und an alle diejenigen, deren Menschlichkeitsgefiihl sie auffordert, dem Unterdrückten beizustehen, richten wir die Bitte, uns in der Förderung dieses großen Unternehmens beizustchen". Der Aufruf ist von Samuel Montagu, Parlamentsmitglied, als Cassier, Elias d'Avigdor, als Präsident und Dr. S. A. Hirsch als Secretär unterzeichnet und wird hoffentlich gute Früchte tragen. Was die Frage betrifft, ob die türkische Regierung die Erlaubnis zur Ansiedlung geben wird, so ist das Beste zu hoffen. Uord-Amerika. Uew-Uork, den 3. Juni 1892. Gestern Abends, am Ausgange des Zeü'bliuotü-Festes, hielt die Genossenschaft „Sehowe Zion“ in ihrem Locale ihre 76. Versammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt A. Rosenberg eröffnete dieselbe. Nach Verlesung des Vorprotocolles wurden die Berichte des Finanzcomitüs und der übrigen ßomiteä entgegengenommen und genehmigt. Sohin wurden jene Artikel des „Hamelitz“ vorgelesen, welche über den von der Genossenschaft im Ostjordanlande gekauften Landstrich handeln, und in welchen sich die antizionistischen Einwände, welche sich namentlich auf die angebliche Beduinengefahr beziehen, durch die autoritativen Gutachten des bekannten Herru Scheid und des Secretärs der englischen geographischen Gesellschaft widerlegen. Das Ostjordanland sei ungemein fruchtbar, und habe schon jetzt, im uncultivirten Zustande, eine jährliche Getreideausfuhr von 2 Millionen Mark. Die Beduinen seien