Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 13 (2.7.1892)
- Date
- 1892-07-02
- Page
- Seite 134 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3092672-3092717-3092729--0955-3093957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 134. Selbst-Emancipation Nr. 13. giftig, ob die Raserei der Antisemiten ein wenig steigt oder fällt. Die officiellen Antisemiten sind ja gar nicht die gefährlichsten. Sic lärmen, toben und missfallen. Dagegen waltet ruhig fort, ohne sich zu erhitzen und ohne sich blosszustcllen, — die unausrottbare philiströse Abneigung gegen den jüdischen Stamm. Sie ist die treibende Dampfkraft, der Antisemitismus als solcher ist nur der Rauch, der aus der Locomotivc „Judenhass" cmporsteigt. Diesen Rauch fängt man ab und bildet sich dann ein, die Maschine zum Stehen gebracht zu haben. Da prüfen sie den Schönerer auf seinen Stammbaum, den Schneider ans seine Stampiglien, den Stöcker auf seine Wahrheitsliebe, den Lueger auf sein Herz und Beuschel, verkünden die Prüfungsresultate dem harrenden Volke, — und dieses jubelt ihnen dankbar zu, und entfernt sich glücklich lächelnd mit den Worten: „Der hat's ihnen gegeben!" •— Den Antisemiten ncmlich. Der Antisemitismus ist nun todt, ganz todt, mausetodt. Tags darauf aber gibt es in diversen Staaten Hunderte erschlagene und beraubte, tausende von Haus nnd Hof vertriebene, und wo die Cultur besonders hingeleckt hat, wo es also schon besser geworden ist, tausende verspottete und zurückgcdrängte, in die Ecke gedrückte Juden. „Oh, todter Antisemitismus!" (Fortsetzung folgt.) Original-Corrrspondrnzen. Gesterrerch-Ungarn. Wien, den 28. Juni 1891. Bismarck in Wien. Das hat zwar an sich für uns jüdische Nationale keine Bedeutung. Auch, dass die Anwesenheit Bismarcks von den Schöncriancrn zu Demonstrationen ausgenützt wurde und diese wieder der Polizei Veranlassung gaben, mit der Waffe einzuschreiten, wobei es zu Verwundungen gekommen sein soll, intcrcssirt uns wenig. Wir wollen hier nur die Genugthuung registriren, mit welcher die Wiener Blätter die Massrcgelung der Schöncrianer bcgrüssten, indem sie glauben machen wollten, dass die Lcction dem Antisemitismus erthcilt worden sei. Eines dieser Blätter sprach von dem „Abhub" der Wiener Bevölkerung als Veranstalter der Demonstrationen. In Wahrheit waren cs die Wiener deutsche Studentenschaft, welche mit den „Heil Bismarck!"-Rufen auch die „Hoch Schönerer!" und „Nieder mit den Juden!"-Rufen verbanden. Aus diesem „Abhube" werden einst die Führer des deutschösterreichischen Volkes hervorgehen, welche um Carriere zu machen, höchstens ihr miessliebiges „Altdeutschtum,,, nie aber den ganz und gar nicht polizeiwidrigen Antisemitismus werden ablcgen müssen. Also, das mit dem „Abhub" ist ein höchst fragwürdiges Mittel, die Situation zu bessern. Keursterg. 26. Juni 1892. Die vom Vereine „Zion" herausgcgcbenc Broschüre wirkte in weiten Kreisen, besonders aber in der polnisch lesenden studircndcn Jugend sehr anregend und bildete sowol in Lemberg als auch auf der Provinz den Gegenstand eifriger Erörterung. Sie entlarvte rücksichtslos die Lügenhaftigkeit und das Posscnartigc der assimilatorischen Phrase und entzog derselben den durch das Eingehen der „Ojczyzna" erschütterten Boden völlig, wirkte andererseits tzclebend auf das schlummernde nationale Gewissen unserer Intelligenz. Besonders glücklich war der Umstand, dass das Erscheinen der Broschüre mit der Reise des Herrn ,Dr. Nathan Birnbaum zusammcntraf. Auch die polnische Presse, sowol die galizische als die in Russland erscheinende nahm von der Broschüre Notiz; namentlich druckte der radikale „Kurjer Lawoski" die ganze Abhandlung ab, während der Petersburger „Kraj" eine umfangreiche Inhaltsangabe darbot. Das trug wol nicht wenig zur Zerstreuung der in christlichen Kreisen unserer Strömung gegenüber bestandenen Vorurthcile bei. , . Nicht so verhielt sich die hierortige „jüdische" Presse. Während außer den großen polnischen Zeitungen, auch so hoch achtbare Blätter wie die „Allgemeine Zeitung des Judentums" und der „Hamagid" nicht genug Worte der Anerkennung finden konnten, spie die jüdisch-antisemitische „Ojczyzna" ihren durch eine geraume Zeit gehemmten Geifer gegen uns aus. Dieses Blatt befand sich eine kurze Zeit hindurch unter der Rcdaction eines ehrlichen And ernsten Mannes,.' des Herrn Joachim Fränkel, welcher sich der Hcrculesarbeit unterzog, diesen Augiasstall zu reinigen; jedoch bald musste er einsehen, dass nach Wcgschaffung des Unraths eigentlich nichts mehr zurückblcibc und'so zog er sich denn zurück. Es rückten nun wieder die alten Männer vor, doch das Gebäude war schon erschüttert. Um aber die elfjährige Thätigkeit würdig abzuschließcn, hat in dem letzten Blatte ein sicherer Herr F.... ein Pamphlet unter dein Titel „der jüdische Chauvinismus" verbrochen. In diesem Machwerk zeiht er uns eines schrecklichen Verbrechens, er meint, „dass wir einen Kampf gegen das Leben und seine Anforderungen gegen die factischcn Verhältnisse unternehmen, die gesunden Glieder der jüdischen Gesellschaft zu vergiften streben und unsderganzenjüdischenGesellchaftgegenüber stellen". Es hieße Herrn F.... zu viel Ehre anthun, wenn wir ihn einer Polemik würdigen wollten; wir verzeihen ihm und der ganzen Meute ihr Gekläffe. Der siegreiche Stern des Zionisnms ist im Aufftcigcn begriffen; ihn hindern weder das servile Gebell der Hunde, noch das feige Quacken der Frösche, noch auch das altersschwache Keifen des senilen „Israelit". * In der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes im Artikel „Parteiprogramme" hören wir trotz aller Aner-- kennungen,die unseren Bestrebungen namcntlich,unscrerBroschüre zu Theil wurde, einen leisen Vorwurf hindurchklingen, dass wir gewisse Verstösse gegen die Grundpricnipicn des Zionismus, gegen die Zionsidee gemacht haben. Aus der eindringlichen Mahnung, „Zion" ja nicht in den Hintergrund zu stellen, fühlten wir den Vorwurf heraus, als ob wir nicht genug diese Quintessenz unseres Programmes betont hätten. Wir glauben, dass dieser Vorwurf auf^einem Jrrtume beruhe, der theilweisc auf Rechnung des Aufsatzes des Herrn E. Frisch aus Brody zu setzen ist und. vermeinen'denselben am besten zu beheben, wenn wir die Broschüre selbst reden lassen.*) In manchen wol in Europa gelegenen, aber nach Asien gehörenden Ländern vcrlicss die Judenfrage das Feld der theoretischen, mehr oder weniger leidenschaftlichen Discussioncn, entzündete sich und führte auch hie und da zum Blutvergießen. In den rohen Massen der Mongolen Russlands und Rumäniens erwachte das blutdürstige Thier und stürzte sich auf die Juden .... Die unmenschlichen Machthaber, breiten über ihr edles Barbarentum den schützenden Flügel der Pfaffen und vertreiben unsere Brüder, während die rohe, fanatische Menge, die dünnen Hüllen der Cultur zereissend, ihr Hab und Gut raubt, ihre Weiber und Töchter schändet. Das Schicksal unser so schrecklich heimgesuchten unglücklichen Brüder muss und soll uns am Herzen liegen, um so mehr als die Zukunft auch uns solche Ucbcrraschungcn bringen kann. Die Geschichte lehrt uns, dass die Juden nie länger als einige Jahrhunderte mit den Ariern Zusammenleben konnten; zu weit ist der Abstand als dass eine stetige Eintracht möglich wäre. Auch lvir werden ewig hier nicht verbleiben können. Seit Jahrhunderten werden wir erinnert, dass wir gastfreundlich und selbstlos aufgcnomnieu wurden uud dass wir Dank schuldig sind. Unsere Dankbarkeit mögen wir documentircn, indem wir unser „Ich" verleugnen und einen Selbstmord an unserem Volke begehen. Nein und niemals! Und wären wir noch tiefer gesunken, als es thatjächlich geschehen ist, mit dieser Münze bezahlen wir unsere Schulden nicht. Unsere Existenz im Lande wird immer schwieriger, cs wüthct ein Kampf ums Brok, in dem der Schwächere früher oder später unterliegen wird; Schwächer sind die Juden. Wenn nicht wir so werden unsere Kinder, unsere Enkel den Boden unter den Füßen verlieren und werden gezwungen sein den polnischen Staub von ihren Füßen zu schütteln und ein neues Vaterland zu suchen. Ein neues Vaterland müssen wir suchen aus ethischen und materiellen Rücksichten; denn wenn auch auf äußerer politischer Selbst- *) Unser geehrter Herr Correspondent wirft uns mit Unrecht eine tadelnde Absicht im Artikel „Parteiprogramme"'vor. 'Dieselbe ist uns wahrlich ferne gelegen. Die Redaction.