Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 13 (2.7.1892)
- Date
- 1892-07-02
- Page
- Seite 133 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Selbst-Emancipation Seite 133 nnchneh hanischor lifletoh, dass das Licht und Schatten verteilt werde! Wenn wir daher unter einer milden, gerechten Regierung uns aller jener Güter erfreuen, die ein menschenwürdiges Dasein erheischen, so dass wir das harte Joch des Golus nur in geringerem Maße verspüren, so haben wir dies nur dem traurigen Umstande zu danken, dass dafür unsere russischen Glaubensbrüder den bitteren Kelch des Golus nur in all' zu reichem Maße leeren müssen; es ist daher unserseits nur ein Gebot der ausgleichenden Gerechtigkeit, wenn wir mit vollen Händen ihnen wenigstens halbwegs schwachen Ersatz bieten für die Leiden, die sie statt unser zu ertragen haben. Ich rufe euch daher zuin Schlüsse die Eingangs erwähnten Textworte in dem Sinne zu; massas nidwas jodoch ascher täten, wohl sind es nur freiwillige Spenden zu denen Ihr aufgefordert werdet, es ist aber doch ein maß, eine Steuer, der zu entziehen, eine moralische Pflicht euch geradezu verbietet, denn kaaseber jevorecbecho d. elaukecho, nur wir sind gesegnet mit Frieden und Menschenrechten, während Jene dem Fluche des Völkerhasses zu erliegen drohen, lasset uns daher irnsere Schuld ganz und voll entrichten! Isch k’matnas jodau k’wirkas d. elaukecho ascher nossan loch U-Wo l’Zion gauel bim’heroh b’jomeiiu omen. Die Heilung des jüdischen Volkes Vortrag, gehalten am 2. Juni 1892 in Lemberg von Dr. Nathan Birnbaum über Wunsch des Vereines „Zion“ im Locale des Vereines „Zcliomer Israel." Die Symptome einer ernsten Krankheit des jüdischen Volkes sind so augenfällig, dass ein Zweifel an derselben fast ausgeschlossen erscheint. Und dennoch ist sich die Mehrheit Israels dieser Krankheit nicht bewusst. Gewisse Leidensgattungen sind bekannterinaßen mit einer optinlistischen Auffassung des Kranken über den eigenen Zustand verbunden. Während der Beobachter, besonders wenn er Arzt ist, das bedenkliche Krankheitsbild erkennt, welches sich aus den verschiedenen Krankhcitserscheinungen zusammensetzt, sieht der Leidende in den einzelnen Symptomen nur von einander unabhängige, wenig ernste Unpässlichkeiten. Der Arzt soll nun diesen Optimismus begünstigen, wo der Fall keine Hoffnung mehr bietet, er soll ihn dämpfen, wo noch Hoffnung vorhanden ist und Sorglosigkeit nur schaden kann. In dem Zweiten Falle befindet .sich derjenige, der Arzt Israels sein will. Worin besteht die Krankheit des jüdischen Volkes? Oder zunächst: Gibt es überhaupt ein jüdisches Volk, so dass man von seinem Gesund- oder Kranksein sprechen könnte? Viele, welchen selbst oft in unbewachten Momenten der Ausdruck „Jüdisches Volk" entrutscht, verneinen es. Ein Volk müsse einen Staat oder doch ein Land haben, um Volk zu sein. Das ist richtig oder unrichtig, je nachdem, in welcher Bedeutung man das Wort nimmt. Soll Volk „Staats-Volk" bedeuten, so ist es richtig, falsch dagegen, wenn es sich begrifflich mit dem Worten „Nation" deckt. Doch auch eine Nation seien die Juden nicht mehr, wird vielfach behauptet, dazu gehöre das Erfordernis der Sprache. Auch das ist unrichtig. Ich habe neulich ein sehr einfaches, aber treffendes Gleichnis gelesen. Wie ein Mensch nicht aufhöre, Mensch zu sein, wenn man ihm den Sessel fortnehme, auf welchem allein er sich niederlassen konnte, sondern nur fortan ein am Sitzen und Ausruhen verhinderter Mensch sei, so höre ein Volk nicht auf, Volk zu sein, wenn es sein Heim und damit eine Bequemlichkeit allerersten Ranges einbüße. Ein ähnliches Gleichnis könnte auf das Verhältnis von Nation und Sprache angewendet werden. Sowie ein Mensch nicht aufhört, Mensch zu sein, wenn er die Sprache verliert, sondern nur das Unglück hat, ein stummer Mensch zu werden, so hört auch eine Nation nicht auf, Nation zu sein, wenn sie ihre Sprache vergessen hat; sie entbehrt dann nur ihres edelsten Organes. Soviel steht freilich nach dem Gesagten fest, dass der heutige Zustand des jüdischen Volkes ein unnormaler ist, d. h. krankhafter ist Das für die einzelnen Glieder der Nation fühlbarste Symptom dieser Krankheit sind die Verfolgungen, welchen sie ausgesetzt sind. Man pflegt diese Verfolgungen auf den Judenhass als solchen zurückzuführen. Das ist ungenau. Als Israel noch wirklich groß und rein und makellos dastand, hasste man es ob seiner unbegriffenen Vorzüge, welche man in blinder Wuth zu Lastern stempelte; heute, wo es durch ein tückisches Schicksal von seiner stolzen Höhe herabgestürzt wurde, wühlt man mit Behagen in seinen künstlich gezüchteten Fehlern, uni den Hass zu begründen. Dieser Hass aber hat sich selbst zum Grunde, und alles Philosophiren über seine Natur ist eigentlich überflüssig. Es ist schließlich gleichgiltig, welche Motive der jeweilige Zeitgeist, die jedesmalige Mode der ewigen brutalen Thatsache des Judenhasses unterschiebt. Nicht gleichgiltig aber ist, ob er ein freies und geeinigtes oder ein gedemüthigtes und zersplittertes Israel trifft. Im ersten Falle ist er ungefährliche Theorie, im zweiten jene schreckliche Praxis, unter welcher wir nun schon an die achtzehnhundert Jahre leiden, ist er die Verfolgung selbst, ist er das Symptom jener schrecklichen Krankheit, deren Namen den meisten Juden noch ziemlich geläufig ist, wiewohl sie sich bei seiner Nennung nichts zu denken pflegen, des — Golus. Der grausamste Zug des Golus ist, dass kein erlösender Tod seinen Qualen ein Ende macht. Das Golus wird dadurch erst zum Golus, dass es mit einem Stamm von unverwüstlicher Lebenskraft und von trotz aller Treubrüche Einzelner beispielloser Zähigkeit zu thun hat. Das jüdische Volk fühlt den vorläufig noch unbewussten Drang in sich, sich ani Leben zu erhalten; gegen diesen Drang kämpfen einzelne Theoretiker mit ihren souveränen Todesurtheilen vergebens an. Was muss aber geschehen, um aus diesem Leben das gegenwärtig nichts Anderes ist, als das Leben des Kranken auf seinem Schmerzenslager, als ein endloses Hinsiechen in leibhaftigem oder gesellschaftlichem Ghetto — ein gesundes und kraftvolles Leben zu machen? Welche ist die richtige Heilmethode für Israel? Gewiss kann sie der nicht finden, der über das Wesen der Krankheit selbst im Unklaren ist. Aus unrichtiger Diagnose muss eine unrichtige Therapie hervorgehen. Das ist klar. Gegen Kopfweh gibt man unter Umständen Brausepulver. Was würde man aber zu dem Arzte sagen, der Gehirnerschütterung, in Folge deren bekanntlich auch Kopfschmerzen eintreten, blos mit Brausepulver behandeln wollte? Nicht vernünftiger tritt man aber gewöhnlich der großen jüdischen Krankheit entgegen. Man spendet und sammelt, verfrachtet und siedelt an, soweit es sich um vertriebene, man wählt und wühlt, soweit es sich um unsere hiesigen Juden handelt. Aber an den Stamm, an welchem alle uns treffenden Unglücksfälle, wie Brombeeren an der Hecke wachsen, an das Golus selbst legt man nicht die Axt. Es geschieht nichts, um das Elend unseres Volkes ein für alle Male aus der Welt zu schaffen. Nichts? Oh, doch! Man balgt sich nemlich mit den Antisemiten herum. Die an tiantisemitische Politik — so möchte ich sie nennen, — hat in den letzten Jahren innerhalb des westeuropäischen Judentums an Vertretern und Nachtretern gewonnen. Bände werden vollgeschrieben und Stunden vollgesprochen mit diesem Zeug, das die kargen Restchen jüdischen Bewusstseins, statt sie ernsten Werken zuzuführen, in einem Strohfeuer sich verzehren lässt. Man zeige mir die Antisemiten die durch derlei gebessert werden; höchstens kommen solche bekehrte Wunderexemplare in rührseligen Zeitungsskizzen vor, in der Wirklichkeit dürfte eher das Gegentheil," eine wachsende Verbitterung, der Erfolg sein. Doch ich will darauf gar nicht reflectiren, denn es ist ziemlich gleich.