Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1892-07-02 · Heft 13 (2.7.1892) · p. Seite 131

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 13 (2.7.1892)
Date
1892-07-02
Page
Seite 131 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3092672-3092717-3092729--0952-3093954
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13. Selbst-Emancipation Seite 131. t seine sittliche Integrität wohl nicht gewahrt ist. Der Antisemitismus würde überhaupt viel schnellere Erfolge erzielt haben, wenn nicht an seiner Spitze zu viel Leute von höchst zweifelhaftem Charakter und Rufe stünden. So stellte sich heraus, dass der Begründer der antisemitischen Agitation in Köln a. Rh., ein gewisser .Herr Grüner, ein mehrfach wegen Betruges vorgestraftes Subject ist, das auch jetzt wiederlnn steckbrieflich verfolgt wird. Das war die Veranlassung, dass die in Leipzig befindliche Centralstelle für die organisirte Judenhetze, folgende Erklärung erliess: „Die Centralleitung wolle Mittel erwägen, welche cs ermöglichen, die deutschsocialen Vereine vor dem Eindringen ungeeigneter Elemente zn schützen. Wir halten dafür, dass in unsere Partei nur Männer von durchaus tadel- und makellosem Vorleben, ehrbaren Ruf und lauterer Gesinnung gehören, zweifelhafte Personen aber im eigensten Lebensinteresse der Partei in derselben nicht zn dulden sind." Mag es den Antisemiten gelingen oder nicht, die unsauberen Elemente aus ihrem Parteiverbande auszumerzen, soviel ist sicher, dass infolge der antisemitischen Hetzagitation in manchen Kreisen eine ethische Begriffsverwirrung den Juden gegenüber entstanden ist. So hat sich z. B. in einer vor wenigen Tagen in Mainz stattgehabten Gerichtsverhandlung ein Lieutenant also ein Mann, den man gewillt wäre unter die Gebildeten zu rechne», folgendes Stückchen zu leisten gestattet. Er entschuldigte sich vor dem Gericht betreffs des Vorwurfes, anständige junge Danien auf der Straße durch Aufdringlichkeiten belästigt zu haben, mit dem denkwürdigen Worte, er habe geglaubt, dass die von ihm belästigen jungen Damen nur Judenmädels seien . . . Wir halten es für unnöthig, zu dieser Aeußerrung irgend welche Hinzufügungen zu machen, obwohl ein ganzer Commentar zu diesen wenigen Worten gegeben werden könnte. Wenn sich aber einerseits die äußere Lage der Judenheit dergestalt, immer rnehr und mehr verschlimmert, so kann und darf man sich der Tatsache nicht verschließen, dass in Bezug auf die inneren Verhältnisse des Judentums sich ebenfalls ein Umschwung bemerkbar macht, und zwar zum Besseren. Die Anfänge hiezu sind zwar gering und unscheinbar, dürfen aber keineswegs unterschätzt werden. Im Westen und Osten, in Norden und Süden des deutschen Reiches finden jetzt Conferenzen israelitischer Lehrer statt, welche sich mit den Bedürfnissen für die jiidische Bildung der Jugend befassen. Ueberall werden Aeußerungen laut, dass es nothwendig sei, den Stand des Unterrichtes der jüdischen Geschichte und des Hebräischen zn heben. Wir haben gesehen, wie die jüdischen Zeitungen ernster und ernster ihre Lage in Deutschland betrachten und mehr und mehr zur Ueberzeugung gelangen, dass nur durch innere Stärkung des Judentums eine Hoffnung auf eine Zukunft möglich ist. Noch sagt man zwar anstatt „Jüdische Nation" — „geschichtliche Mission der Inden", anstatt „jüdisches Nationalgefühl" — „jüdischer Idealismus" und will unter denen, die ihr Judentum für ein Linsengericht verkaufen, nur diejenigen verstanden wissen wollen, welche sich direct taufen lassen, während es doch noch sehr viele gibt, die sich nur deshalb der Taufe entziehen, weil sie sogar dazu zu feige sind. Eine ähnliche Umkehr zum Bessern macht sich auch in russischen assimilatorischen Kreisen bemerkbar. Als in Petersburg die jüdische Gemeinde beschlossen hatte, den Ban der Synagoge in Petersburg und die innere Einrichtung derselben zu vollenden, zugleich aber den jüdischen Religionsunterricht in Gynmasien und Realschulen — wegen Mangel an Mitteln (!) — eingehen zu lassen, da bezeigte der „Wos'chod" in seiner letzten Nummer seine höchste Entrüstung darüber, zwar, wie er sagt, „ohne den Chauvinismus, mit dessen Propaganda sich eine gewisse Partei beschäftigt." Dabei darf man natürlich nicht glauben, dass der „Wos'chod" sich ganz und gar zum Judentum bekehrt hat, denn wie wir aus derselben Numnier ersehen, ist er noch ein ganz guter Russe und äußert seine Freude darüber, dass auch andere Juden (in diesem Falle die jüdischen Bauern des Gouvernements Woronesh) vollkommene Russen werden. Bei diesen Bauern soll nämlich, wie der „Wos'chod" sagt, alles, außer dem Glauben, absolut alles — sowohl Kleidung, wie auch Sprache, ja sogar die Gesichter und Namen, rein russisch sein. Jedoch lassen wir diesem nicht gerade sehr großen Bruchteile russischer Juden das fragliche Vergnügen, sich mit den Russen identificiren zu wollen, so mag es doch immerhin noch einen oder den anderen Russen geben, der sich mit den Juden nicht identificiren will. So sagt der „Grashdanin", die russische „Staatsbürgerzeitung", dass es zum Interesse der russischen Nation gehöre auch dann, wenn man die Juden ans Rußland losgeworden sei, den Antisemitismus in Frankreich durch die russische Presse wachzuhalten. Je gefährlicher die Angriffe unserer Gegner sind, um so erstaunlicher ist es, dass nicht nur in Deutschland unsere Freunde die Gegnerschaft gegen das Judentiun mit ganz sonderbaren Waffen bekämpfen. So machen die „Nowosti," die doch von einem Inden redigirt werden, den interessanten Vorschlag, die Juden im Interesse des Staates doch nicht auswandern zn lassen, sondern lieber, für einen östlichen Ansiedlungsrayoii zu bestimmen und zwar für — Sibirien. — Jedoch schon ist das Project des Baron Hirsch eine vollendete Tatsache. Gemäss einer durch den russischen Reichsanzeiger veröffentlichten Verfügung des Ministerinins, sind jetzt die Projecte des Baron Hirsch in der schvn oft besprochenen Fassung genehmigt. Es soll schon ein gewisser Herr D. Feinberg von Baron Hirsch zum Hauptsecretär des in Petersburg zu begründenden Centralcomitös für die Auswanderung ernannt worden sein. Derselbe wird sich binnen Kurzem nach dem Süden Rußlands zum Zwecke des Werbens des ersten Emigrantentrupps begeben, der sich nach einer Zeitungsmeldnng am 8. September nach Argentinien einschiffen wird. In Argentinien ist der Oberst Goldsmith angelangt. Wie das stets zu sein pflegt, sollen viele in ihren hochgespannten Erwartungen enttäuscht worden sein. Derselbe, ein Soldat von echtem Schrott und Korn, scheint eine soldatische Ordnung mit soldatischer Strenge durchführen zu wollen. Gleich bei seiner Ankunft sind verschiedene größere Aenderungen in der Colonisationssache eingetreten. Der als brutal verschrieene Verwalter der Colonie Mauricio, Namens Gerbet ist sofort von Goldsmith abgesetzt worden und an seine Stelle trat der englische Jnde Arthur Bethel. Dr. A. Roth, von dem „Wos'chod" gemeldet halte, dass er auf seiner Stelle verbliebe, weil Goldsmith sein System der Colonisation billige, hat seine Stelle plötzlich verlassen. Demgemäss darf man annehmen, dass Oberst Goldsmith dieses System» welches darin bestand, dass die Juden in kleine» Gruppen zerstreut im ganzen Lande angesiedelt werden sollten, nicht billige. Neben der' Colonisation Argentiniens geht eine solche in den Vereinigten Staaten und Canada einher. Auch die Gesellschaft des Baron Hirsch bezweckt die Colonisation der Juden nicht nur in Argentinien, sondern auch in anderen Ländern. Es gibt jetzt kaum Länder, wohin nicht russische Juden auswandern. Haben sogar Australien und Marocco gewissermaßen eine russische Jndenftage! Kehren wir aber nach Europa zurück, so hören wir aus Paris die erfreuliche Nachricht, dass dort eine „Allg. jüdische Volkszeitung" in jüdisch-deutscher Mundart erscheint. Zwar glaubt „Wos'chod", dass es dort keine Juden gibt, die jüdischdeutsch verstehen, aber was glaubt der „Wos'chod" nicht alles! Auch in Oesterreich, in Galizien, soll eine jüd.-deutsche Zeitung ins Leben treten und zwar will die socialistische Partei das gesellschaftliche und wirthschaftliche Elend der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.