Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 13 (2.7.1892)
- Date
- 1892-07-02
- Page
- Seite 129 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Selbst-Emancipation Seite 12!). lich dem französischen Antisemitismus einen Stoss versetzt, so dass er ins Wanken' gerieth, und selbst D r n m o n t, ivie wenigstens berichtet wird, unter Zeichen der Reue seine Sache verloren gibt. Alan sollte sich's aber zweimal überlegen, ehe man in Fragen der Allgemeinheit, in Fragen nationaler und soeialer Zn- und Abneigung der flüchtigen, sentimentalen Regung der Volksseele am Grabe eines heldenhaft gefallene» Mannes eine bleibende Bedeutung beimisst, — namentlich, wenn Franzosen in Betracht kommen. Man sollte doch auch nicht zuviel darauf geben, wenn ein D r u m o n t aus Furcht, in den nächsten fünf oder zehn Jahren kein Geschäft zu machen, über den voraussichtlichen Untergang seines Antisemitismus winselt. Da hat schon Renan, über den Antisemitismus befragt, stichhaltigere Gründe für die geringen Aussichten des französischen Antisemitisnms anzuführen gewusst. „Vei uns", sagt er, „ist absolut kein Boden für die antisemitische Saat. In Frankreich ist erstens die Zahl der Juden eine verschwindend geringe, und zweitens sind sie durchaus assimilirt." Wir stehen nun dem „durchaus" im „Ziveitens" recht sceptisch gegenüber — Renan selbst gibt an anderer Stelle zu, dass die Inden ein Element für sich seien — und verzeihen Renan diesen Jrrthum, der ihm wie anderen edlen Männern, welche aus dunklem judenfreundlichen Drange den vermeintlich heißesten jüdischen Wunsch, die Assimilation, protegieren, passirt. Desto mehr gefällt uns das „Erstens", welches das Schicksal Israels auf seiner Weltwanderung wunderbar beleuchtet. Auf Grund dieses „Erstens" könnte es Frankreich einfallen, Jndcneinwandcrnngsverbote zu erlassen; nach diesem „Erstens" kann man auch mit mathematischer Genauigkeit den Zeitpunkt berechnen, wo bei der unter dem Schutze Sr. Majestät zu gründeil wäre und ihren Sitz in Konstantinopel hätte, — so dass, wie es bei der Ottomanischen Bank und anderen türkischen Gesellschaften der Fall ist, lvenn auch > das Kapital im Ausland beschafft werden würde, sie doch die Anteilscheine durch angemessene Garantie zum Schutze der Teilhaber sichern würde. Die nächsten Fragen, die sich mir von selbst aufwarfen, waren — erstens der Ort, der zu dem Versuche gewählt werden sollte, und zweitens die Volksclasse, die eingeladen werden sollte, sich dort niederzulassen. Der Einwand, betreffend Ausländer, die zugleich Christen waren, schien unwiderlegbar, da cs durch das bestehende Colonisationsgesetz zum sine qua non geworden war, dass alle in der asiatischen Türkei dauernd wohnenden Colonisten ottomanische Untertanen werden sollten, eine Vorkehrung, der sich ausländische Christen sehr ungern fügen würden, da sie hiebei aller Vortheile des consularischen Schutzes verlustig und die Wohltat der Capitulationen verlieren würden. Ueberdies würde der Wettstreit der einzelnen christlichen Seelen, der schon so viel Unheil in der Türkei gestiftet, und die Eifersucht der sie unterstützende Mächte alle Versuche einer friedlichen Colonisativn mißlingen lassen. Deshalb wurde die Idee, die Colonisativn mit europäischen Christen durchzuführen, bald aufgegeben. Die Möglichkeit unter dem Schutze einer solchen Compagnie ein Asyl für die tausende türkischen Flüchtlinge, die aus ihrer Heiinat in Bulgarien und Rumälien vertrieben, in verschiedenen Teilen des Reiches hungerten, zu finden, wurde ebenfalls erwähnt; doch ergab sich für diesen Fall die Schwierigkeit, dass es höchst unwahrscheinlich sei, im christlichen Europa das nötige Capital zu beschaffen, das zum Transporte von Tausenden mittellosen Männern, Weibern und Kindern nötig ist, und diese in den Stand zu setzen, in dem ersten Stadium der Entwickelung eines neuen Landes bestehen zu können: Häuser zu bauen, Wirtschafts¬ und Ackerbaugeräthe zu beschaffen, bequemere Communicationsstärkeren Vermehrung der Juden nnd der schivächeren der Franzosen die Zahl der Inden in Frankreich nicht mehr „verschwindend gering" und also der Hauptgrund für die Schwäche des französischen Antisemitismus wegfallen wird. Damals aber werden wohl Adel, Bourgeoisie und Proletariat von Paris nnd Provinz schon längst an die rührende Seene des Begräbnisses des Hauptinannes Mayer vergessen haben. Oder nicht? Und wenn es nicht so kommt, wenn Frankreich seine „verschwindend geringe" Judenanzahl und damit sein in angeblich reines Gewissen behält, was wird mit uns in den Ländern geschehen, wo wir nicht in „verschwindend geringer" Zahl wohnen, und wo z. B. noch obendrein Deutsche, dieses classische Volk des Judenhasses, zu Hause sind? Wird es uns da nützen, dass gegenwärtig irgend ein Wiener, Berliner oder Pariser Tageblatt einen billigen Vergleich zwischen den Schicksalen D r u m o n t's nnd A h l w a r d t's macht und das jüdische Volk dadurch veranbisst, sich die Verhältnisse Frankreichs und Deutschlands gleichartig zu denken. Wird den russischen und deutschen Juden ihr Gvlus dadurch leichter, dass eine „verschwindend geringe" Anzahl ihrer Brüder in Frankreich freier athmet? Ist es daher nicht eine Verletzung der pnblicistischen Pflicht, welche ja auch in der Unterweisung und Ermahiinng des Volkes besteht, wenn unerfüllbare Hoffnungen in seine Seele gepflanzt werden? Wird schon mit der Verurtheilung D r u m o n t's und dem Begräbnisse M a ye r's — es thut uns leid diese beiden Namen in einem Athemzuge aussprechen zu müssen — über Gebühr geflunkert, so sollte doch auch wenigstens daraus hingewiesen werden, dass es an allen anderen Punkten der Erde nicht so angeblich vielversprechende Symptome der Wendung zum Besseren gibt. Und wenn es schon die Tagespresse nicht thut, welche ja. wiemittel zu errichten, das alles würde ausschließlich der Compagnie zur Last fallen. Deshalb konnten Aussichten auf Gewinn die Capitalisten nicht locken, solange europäische Sympatien gegen arme Muselmänner nicht so innig wurden, daft das wohltätige Publikum mit einem hinreichenden Betrage einem solchen Unternehmen entgegenkommen würde. Es gab in der That nur ein reiches Volk in Europa, das nicht christliche Capitalisten um Geld zur Ausführung des ganzen Unternehmens angehen musste, es waren nicht Christen, ans die also der Einwand der Pforte bezüglich der Einwanderung von eifersüchtigeren Christensecten keine Anwendung fand; die durch nationales Streben nie die Regierung beunruhigt hatten, die sich im Gegenteil immer als loyale und friedliche Unterthancn Sr. Majestät bewährt hatten, die überdies durch historische Bande mächtig an ein Land der asiatischen Türkei gefesselt waren, nnd welche aus dem Anlässe, noch einmal Besitzer seines heiligen Landes zu sein, mächtig genug bewogen sein würden, sich den eventuellen Bedingungen der türkischen Regierung zu fügen, umsomehr, als die Verfolgung der sie unter mancher christlichen Regierung ausgesetzt waren, auf's Ungünstigste gegen die Toleranz, mit der sie in der Türkei selbst behandelt wurden, contrastirte. Auf diese Weise kam ich durch Schlussfolgerung dazu, mich, rvas den Ort der Colonisation betrifft nach Palästina, und was die Colonisten betrifft, nach den Juden umzusehen. Je länger ich das Project von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete, desto wünschenswerter schien es mir aus politischen Gründen zu sein. Die Gründung einer jüdischen Colonie in Palästina unter des Herrschers Schutz, könnte nicht leicht den Verdacht oder die Feindschaft der europäischen Mächte erregen, noch weniger die des Sultans. Im Gegenteil hätte Se. Majestät durch die Gewährung eines Asyls an dieses Volk, das durch manche christliche Regierung unterdrückt wurde, Gelegenheit, seine Milde gegenüber jener Härte ins rechte Licht zu stelle», die Sympatien für die Türkei in jenen Ländern zu wecken.