Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 13 (2.7.1892)
- Date
- 1892-07-02
- Page
- Seite 128 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 128. Selbst-Emancipation Nr. 13. Fechtfertigkeit das Recht ableiten darf, einen Ehrenmann niederzuschießeu oder niederzustechen. Und sieht das Ding unschuldiger aus, stehen sich nämlich im Zweikampf gut verwandagirte und auch sonst mit allem Raffinement vor gefährlicheren Verletzungen geschützte Gegner gegenüber, dann sind wir wieder so heillos prosaisch, diese edle Jagd nach Schrammen schon ganz und gar nicht verstehen zu können, und die Idee ist uns unfassbar, auf deren Altar Hautstreifen, Nasenspitzen und Ohrläppchen geopfert werden. Doch genug des Humors. Die Sache, von der wir zu sprechen haben, ist viel zu ernst, als dass sie auf die Dauer oiese Behandlungsart vertrüge. Wir haben gewiss auch nicht, im Sinne, dem im Zweikampfe nnt dem antisemitischen Marquis de M o r e s gefallenen Juden Mayer, Hauptmann in der französischen Armee, einen Vorwurf daraus zu machen, dass er als Jude sich geschlagen habe. Er hatte kraft der ihm gewordenen Erziehung, kraft'der gesellschaftlichen Grundsätze, welche um ihn herum seit seiner Jugend die allein giltigen waren, das Recht, sich zu duelliren, und er hatte sogar das Recht, an das Recht des Duellcs zu glauben. M a y e r gehörte eben zu den weitest vorgeschobenen Posten der Assimilation. In dieser Eigenschaft hatcrdennoch gezeigt, dass das jüdische Herz noch in ihm lebte, dass der gewaltige Einfluss der genossenen Erziehung das Gefühl der Solidarität mit seinem Stamme nicht auszulöschen vermocht hatte. Mayer hat sein Herzblut für die Ehre Israels verspritzt; ist er auch eines nichtjndischeii Todes gestorben, so ivar sein Tod dennoch ein kirltiiiscli haschem. M a y.e r kann mit Fug und Recht ein Märtyrer Israels genannt werden. Das Märtyrerthum ist leider eine Specialität der jüdischen Nation. Mayer ist nicht der erste ihrer Märtyrer. Millionen giengcn ihm voraus. Tausende, ja Hunderttausende Bas Tand Mlead, mit Ausflügen in'den Libanon, von Ittrcnj ßlipljaui. *) Aus dem Englischen übersetzt von Siegfried Glaser, und mit Anmerkungen versehen von Dr. Moritz Grünwald, Rabbiner beide in Jungbunzla». Vorrrdr: Die nn Folgenden geschilderten Reisen wurden in Folge einer kurz nach Beendigung des Berliner') Vertrages mir cinfallenden Idee unternommen, als es klar wurde, dass die Orientalische Frage in eine neue Phase zu treten beginne. Es war offenbar, dass die unmittelbare Wirkung jenes Vertrages eine auslvärtigc Einmischung in die inncreil Angelegenheiten der Türkei zur Folge haben würde, die deutlichere Formen annchmcn würde, als cs je zuvor geschah, und dass diese Einmischung voraussichtftch früher oder später die ernsttesten Verwickelungen hcrvorbringen musste, wenn sic nicht durch, aus des Sultans Jntiativc entspringenden Administrations-Reformen abgcwendet würden, wenn er solch' gewaltsame auslvärtigc Eingriffe voraussehen würde. Während der Vertrag von 1856, der sich aus einer Kundmachung des Haiti Hoinnayoim ergab, sorgfältig gegen jede Intervention von Seiten auswärtiger Mächte sich vorsah, um das Zustandekommen dieser oder jener reformatorischen Maßregel zu erzwingen, kam der Berliner Vertrag ausdrücklich in Bezug auf solche Einmengungen überein, für den Fall, dass die Erwartungen der Mächte unerfüllt bleiben sollten^ und durch die Cyprus-Conventioir -) entstanden der Regierung des Sultans besondere Verbindlichkeiten mit Rücksicht auf ganz Kleinasien. Nachdem ich die Türkei gelegentlich früher schon *) Edinburgh und London 1880. ') Vom Jahre 1878. M. G. H In Folgedessen -LMni unter-die Botmäßigkeit Englands stet. M. G. opfern sich gleichzeitig mit ihm; dass letztere die Welt mit Namen nicht kennt, ist gleichgiltig. Mayer hat' ja die Popularität seines Märtyrertodes, auf die er gelviß nicht angestanden ist, auch nur der arisch-interessanten Art seines.' Sterbens und dem Umstande zu danken, dass die gedruckte öffentliche Meinung, wie wir sehen werden, Gründe hat, über die Affaire genau zu berichten. Hat aber das Blut und der Schweifs seiner Märtyrer dem jüdischen Volke genützt? Haben alle diese ungezählten Leiden des Körpers und der Seele von Millionen Juden unsere Lage verbessert? Nein, Märtyrer schaffen i in m e r nur neue M ä r t y r e r. Der Kampf aber für die angegriffene Ehre des jüdischen Volkes gegen die antisemitischen Ehrabschneider ist eine Anstalt aus der ganze Heere von Märtyrern hervorgehen. M ayer's Duell ist ein Miniaturbild des großen Kampfes gegen den Antisemitismus — ein Stoss zuerst ins Leere, dann ein gegnerischer in die eigene Brust. Der Nutzen des Mayer'schen Duells wird gerade so ein blos vorübergehender sein, als derjenige, der überhaupt aus dem Gefechte mit dem Antisemitismus entsteht. Diese Kämpfe sind wohl auf Ehrgefühl zurückzuführe», jedoch auf ein solches, das sich des geeigneten Angriffspunktes für seine Reaction nicht bewusst und auf falscher Fährte ist. Die Tagespresse aber unterstützt diesen Jrrthum im Volke — nicht etwa noch vom Ehrgefühle, sondern nur mehr von ihren politischen Leidenschaften und Interessen geleitet. Als D r u in o n t verurtheilt wurde, hat ein Wiener Blatt verkündet, dieses Urtheil habe den französischen Antisemitismus „vernichtet", obwohl es wissen sollte, vielleicht auch weiß, wie solche „Vernichtungen" des Antisemitismus aussehen. M a y e r's tragisches Ende aber hat nachträglich wirkdreimal besucht, — in den Jahren 1855, 1860 und 18)2 — und das Land ziemlich gründlich bereist hatte, kam ich zu demselben Factum wie alle, die deren Administration kennen gelernt, dass jede Reform, um wirksam zu sein, mit deni officiellen System zu Konstantinopel beginnen müsse, und dass — wenn dies nicht möglich wäre — die einzige Möglichkeit einer Reform schließlich durch einen Prozess der Deccntralisation geboten wäre, die mehr oder weniger, die der Reform bedürftigen Provinzen mit administrativer Autonomie versehen würde, und den regierenden Herrn mit einer sicheren Stellung für eine Reihe von Jahren. Da es jedoch kaum zu erwarten war, dass die türkische Regierung solch' gründliche Maßregeln acceptiren, und sie in ihren weit ausgedehnten asiatischen Ländereien anwenden würde, siel mir ein, es könnte ein Versuch in kleinem Maßstabc gemacht werden, auf dass der Pforte ein Beweis erbracht werde von den Vortheilcn, die die Entwickelung einer wenn auch kleinen Provinz begleiten, unter Umständen, die das Einkommey des Herrschers steigern, die Bevölkerung und Hilfsmittel vermehren, die Sicherheit des Lebens und Eigentums verbürgen und die Sympathien Europas verschaffen sollte, ohne irgendwie die Herrschcrrechte des Sultans zu schmälern. Da allen Reformen der Einwand entgcgengcstellt wurde, dass sic erhöhte Ausgaben erheischen, denen die türkischen Finanzen nicht gewachsen seien, schien es wahrscheinlich, dass ein Plan, der ausländisches Kapital zur Verwirklichung dessen mit sich bringen würde, in Konstantinopel freundliche Beachtung finden würde, sofern cs nicht von der verfassten Vorkehrung in Bezug auf ausländische Oberaufficht begleitet wäre, — ein Punkt, worin der Sultan und seine Minister nicht übermätzig empfindlich sind. Es schien mir, dass dieser Gegenstand durch eine Ansiedlungs-Gesellschaft erreicht werden könnte, und dass einer jener reichen, unbewohnten Bezirke, deren cs in der Türkei die Menge, gibt, erlangt und eröffnet werden könnte, durch das Dazuthun einer Handelsunternehmung, die