Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1892-06-21 · Heft 12 (21.6.1892) · p. Seite 124

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 12 (21.6.1892)
Date
1892-06-21
Page
Seite 124 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3092672-3092717-3092728--0944-3093945
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 124. Selbst-Emancipation Nr. 12. anderen Vorwürfen auch der gemacht, dass sie „deutsche Juden" sind. „Nieder mit den deutschen Juden, Frankreich den Franzosen," so schloss Drumont seine Vertheidigungsrede in dem Ehrenbeleidigungsprocessc des von ihm verdächtigten Bürdeau. Dieser Process schloss übrigens für ihn in höchst unangenhmer Weise. Er wurde am 15. d. Mts. zu dreimonatlichem Gefängnis, zu achtnialiger Publicirung des Urtheils in seinem Blatte, sowie zur Jnserirung desselben in achtzig französischen Zeitungen verurtheilt. Die Lection war ihm zu wünschen, aber wir schütteln schon jetzt mitleidig die Köpfe, in Voraussicht des unvernünftigen Jubelgcschreis, welches sich allerorten in Israel erheben wird. Man wird sich nicht blos Schönerers erinnern, sondern bis auf die Tage Hamans zurückgchcn. Jedes solche Urthcil ist leider gleichzeitig ein Sieg jüdischer Leichtfertigkeit und Sorglosigkeit, ein Schritt zurück von der Erkenntnis der Notwendigkeit gründlicher Erlösung. Das Gejohle von Drumonts Anhängern während und nach der Verhandlung sollte den Juden zeigen, wie sie in Wahrheit daran sind. Wir haben die Erfahrung von uns, wenn wir sagen, dass durch Drumonts Verurtheiluna der französische Antisemitismus nur gestärkt hervorgehen wird. Ans Griechenland werden neuerliche Ausschreitungen gegen die Juden gemeldet, welche auf die beendete Wahlbewegung zurückzufiihrcn sind. Namentlich war die thcssalischc Stadt Trikkala der Schauplatz ernsterer Unruhen, welchen einige jüdische Häuser zum Opfer fielen. An» Rußland. Den „Daily News" wird aus Odessa berichtet, dass die russische Regierung jetzt einen Unterschied zwischen Juden mache, die mit einigen Mitteln versehen auswandern, und solchen, welche das Land mit den ihnen von dem jüdischen Answandcrungs-Comite zur Verfügung gestellten Freibillets verlassen. Die Ersteren hatten das Recht, nach Rußland zurückzukchren, während den Letzteren die Rückkehr verboten sei. — Wie polnischen Blättern aus Kiew berichtet wird, hat der Gouverneur von Volhynien den Leitern der Polizei Behörde in einem Circular anfs eindringlichste eingeschärft, mit größerer Energie als bisher die Enteignung der in den Landstädten ansässigen Juden zu betreiben; die säumigen oder lässigen Beamten sollen mit Dienstesentlassung bestraft werden. — Aus Petersburg wird der „ N. Fr. Pr." gemeldet, der Plan des Baron Hirsch, binnen 25 Jahren 3.500,000 Juden aus Russland in eine neue Heimat auswandern zu lassen, sei von der Regierung genehmigt worden. Im Jahre 1892 sollen zunächst 25000 Juden auswandern. Im roeiteren Verlaufe soll dann jährlich die Anzahl der Auswanderer gesteigert werden. In Petersburg nimmt ein Hirsch'scher Centralausschuss die Hauptleitung, in einigen anderen russischen Städten werden Local-Comites errichtet. Die auswandernden Juden treten vollkommen aus dem russischen Unterthanen- Verbande aus, erhalten, wie bereits gemeldet, unentgeltlich die nöthigen Papiere und sind von der Wehrpflicht entbunden, ohne dass die zurückbleibendeu Glaubensgenossen zur Zahlung von Strafgeldern verpflichtet sind. Um der Rückkehr der Ausgewanderten vorzübeugen und zur Deckung von Unkosten, muss die Association 100.000 Rubel bei der Regierung hinterlegen, die stets wieder voll zu ergänzen sind, sobald sie bis auf 25,000 verausgabt worden. Das Ministerium des Innern übernimmt die Ueberwachung der gesummten Angelegenheit. Aus Argeutinie«. Wir bringen oben in einer Correspondenz aus London den Inhalt eines Erlasses des neuen Generaldircctors der Baron Hirsch'schcu Colonicn, QbcrstlieutenantGoldsmid. Der „Hameliz" veröffentlicht wiederum eine am 14. Nissan (11. April) von Goldsmid an die Colonisten in jüdisch-deutscher Mundart erlassene Proclamation in hebräischer Uebersetzung. Im Nachstehenden geben wir eine deutsche Uebertragung der Proclamation: , „Michael aus dem Volke Israel, genannt Oberstlicutcnaut Albert Eduard Wilhelmsohn Goldsmid, entbietet den Kindeni Israels, welche in den Colonicn des Baron Hirsch in Argentinien Hilfe suchen und zu finden hoffen, seinen Gruss. — Es hat dem Gotte Israels gefallen, über den Ucberrest Israels seinen Grimm auszuschüttcn, weil viele gegen ihn gesündigt haben, nicht blos im heiligen Lande; sic cntweihcten seinen heiligen Namen und wurden unter die Völker gejagt, wo ■ sie ruhelos umhcrirren. Darum ist cs unsere Pflicht, von unserem Volke die Schmach zu nehmen, welche uns in den Augen der Nationen erniedrigt, und uns oorzubcrcitcn, dass wir geeignet werden, zurückzukehren, und uns anzusiedeln in dem Lande, welches Gott unseren Vätern und ihren Nachkommen zu geben verheißen hat. Deshalb entfernet von Euch jedes Unrecht und jede Hartnäckigkeit, schauet auf diejenigen, die krumme Wege gehen und Zank stiften, >vic auf Störer und Entweihcr einer heiligen Sache! Seid nicht hartnäckig und widerspenstig wie unsere Ahnen in der Wüste, damit Ihr Euer Loos nicht verschlechtert und Gott Euch nicht mehr mit seinen Plagen heimsuche. Er, in seiner großen Gnade, hat Euch einen Weg gebahnt, er hat das. Herz des Baron Hirsch, erweckt, Euch sammt Euren Weibern und Kindern eine Zufluchtsstätte zu schaffen. Schenket diesem Wunder Beachtung und staunet über dasselbe, denn Gott hat es gefügt, dass er Euch, Flüchtlinge Israels, wählte, um die Ehre seines Namens und des Namens seines auserwähltcn Volkes zu befestige». Darum sind die Augen nicht blos aller Juden, sondern die aller Völker auf Euch gerichtet. Wen» Ihr brav seit, mit ganzer Seele arbeiten, jeder Mühe ohne Murren Euch unterziehen, freudigen Herzens Euren Vorgesetzten gehorchen werdet, dann wird Euch der Ewige seinen Segen schicken, jedem Einzelnen von Euch, seinem Weibe und seinen Kindern; er wird Eurer Hände Werk segnen. Ihr werdet ein freies und geachtetes Volk lvcrdcu, gute Bürger des Landes, in welchem Ihr eine Ruhestätte gefunden habt. Jeder Einzelne von Euch tvird sich des Ertrages seiner Feldarbeit erfreuen, und Ihr werdet von Israel den Vorwurf nehmen, dass cs ein Volk sei, welches Brot suche, aber den Ackerbau nicht betreiben könne. Ihr werdet in. Eurer Mitte die Lieder Zions hören und Eure Kinder werde» die Worte der Lehre ycrnehnicn, Ihr werdet den Segen Gottes über ganz Israel bringen. Aber, wenn Ihr zaghaft oder hartnäckig sein, wenn Ihr bösen Rathschlägcn Gehör schenken werdet, dann wird Euch der allmächtige Gott verlaßen, wie er Eure Väter verlaßen hat, tvclche ohne Speise und Unterhalt blieben, als sic seinem Bunde untreu wurden; Ihr werdet dann zur Schande für ganz Israel werden, welches Eure Schmach tragen tvird. Wählet also zwischen denr Wege des Lebens und dem Wege des Todes, zwischen vollkommener Rettung und vollständigem Goltts. Erew-Peßach, 14. Mßan, Buenos Ayrcs. Michael." Inzwischen sind die Nachrichten über die Bcrhältniffe in den argentinischen Colonicn noch immer die widersprechendsten. Dem „Hameliz" schreibt ein gewiffcr Abraham Vermonck aus Buenos Ayrcs, dass Oberst Goldsmid über die bisherige Wirtschaft geradezu entsetzt sei. Acht Millionen Francs seien bisher aufgcgangen, ohne dass noch ein einziger Jude ein Grundstück, ein Haus, Vieh und Ackcrgeräthe hätte. Colonel Goldsmid sei entschloffen, alle Aufseher mit Ausnahme des hochachtbare» Briten Charles C u l l e n wegen ihrer rohen und gcwiffcnloscn Amtsführung zu entlassen und habe es zum Thcile schon, gcthan. Besonders befinde sich die Colonie Mauricio in einem geradezu bcjammcrnswcrthcn Zustande. Im Gegensätze dazu tveiss der Brief eines gcwiffen Dow Beer Spira an die „Hazefizah" nur Gutes zu berichten. Die Colonien gedeihen und die Beamten seien auch vor der Ankunft des Obersten Goldsmid die humansten und besten gewesen. Der „Woschod" wieder erzählt, dass ihm ein Bericht zngckommen sei, wonach die Enttäuschung über den mit Sehnsucht erwarteten Oberst Goldsmid nun, nachdem er angckommcn sei, und die Colonisten durch sein strenges Auftreten abstoßc, allgemein eine sehr große sei, dass z. B. aus Mauricio allein 400 Colonisten auszuwandern^ gedenken. „Woschod", der denr Oberst Goldsmid wegen seiner zionistischen Gesinnung nicht hold ist, ist aber dennoch so vorsichtig, die Bürgschaft für diese Nachricht nicht zu übcrnehnicu und so gerecht, einzugestchen, dass Strenge in den argentinischen Colonien jetzt am Platze und bisher noch keine einzige tadelnswerte Handlung Goldsmids zu verzeichnen sei - Allgemein verlautet, dass Baron §irf cfj selbst demnächst die argentinischen Colonien besuchen werde». Irr Uow-U»rk wurde von den Vereinen „Bnej Zion“, „Independent Bnej Zion“ und „Bnot.Ii Zion“ eine nationale Bibliothek und Lesehalle eingerichtet, mit dem Zwecke die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur und die Liebe zu unserem heiligen Lande zu verbreiten.. Eingesendrt. Gesinnungsgenossen in Galizien und der Bukowina! Für die unserem Delegirten, Herrn Dr. Nathan Birnbaum, gelegentlich seiner Agitationsreise durch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.