Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 12 (21.6.1892)
- Date
- 1892-06-21
- Page
- Seite 123 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Selbst-Emancipation Seite 123. denkt! Oder sollte doch kein Deutscher oder Jude, sondern ein Mitglied der von den „Internationalen" so ungerechterweise vcrfehintcn „tschechisch-nationalen socialdemokratischen Partei" die betreffende 'Notiz in die sonst so stramm „internationale Arbeiter-Zeitung" eingerückt haben? — Ja, die Tschechen haben ein fein entwickeltes nationales Gefühl, auch wenn sie zufällig Socialisten sind und einem socialistischen Parteitage, den ein „internationaler" Jude leitet, beiwohnen. Da hat sich der „Genosse" Korowsky beleidigt gefühlt, weil er eine Aeußerung des reichsdeutschen Genossen Auer mißverständlich dahin auslegte, als hätte letzterer die österreichischen Parteigenossen insgesa.nmt als deutsche Stammesbrüder begrüßt. Am Ende erleben wir noch.Discussionen über das „böhmische Staatsrccht" auf Socialistencongressen, was übrigens nicht schaden könnte, — denn das ewige Wetten unserer officiellen Socialdemokratie gegen politische und nationale Ideale, Rechte und Pflichten, wird nachgerade ebenso dumm täppisch und langweilig wie das verständnislose Zettern der europäischen Bourgoisie gegen die socialistischen Ideen auf der anderen Seite. — Auf dem letzten Parteicongresse haben sic auch darüber gestritten, ob eine „centralistische" oder eine „förderalistische" Parteiorganisation besser sei. Keiner hatte den Muth für ein unbedingt centralistisches System einzutreten; aber es gab auch ausgesprochene „Förderalisten" und diese wenigstens sollten bedenken, dass auch die Menschheit nur als Föderation von Nationen ihre kulturellen und socialen Ziele erreichen könne. Man wird uns antworten, „international" bedeute ja nichts anderes. Richtig, aber nur in der Theorie, in der Wirklichkeit wird von unseren heutigen Socialisten die Idee der Nationalität, das Nationalgefühl und Nationalbewusstsein auf das bitterste verhöhnt; ihr „Internationalismus" ist direct „Antinationalismus." Achim", der Assimilationsverein in Galizien hat. sich aufgelöst, und dessen Organ die „Gczyzna" wird nicht 'mehr erscheinen. Die Assimilation hat eben in Galizien ausgespielt. lieber das Muchergesetz hat, wie der Lemberger „Israelit" berichtet, der Advocaturscaiididat Herr Dr. Leopold Caro im Lemberger „Juristenvereine" eine Vorlesung gehalten. Das genannte Blatt sagt darüber: „Das Wuchergesetz vom Jahre 1877 und 1861 genügt Herrn Dr. Caro nicht mehr, er will noch ein anderes, verschärftes. Wenn wir nicht irren, war Herr Dr. Caro Functionär des Vereines „Agudas Achim“. Dieser Umstand genügt zur Empfehlung." Der „Israelit" ist ein Gegner der Assimilation, wie sie der nunmehr aufgelöste „Agudas Achirn“-Vercin predigte; er ist aber and) ein Gegner der jüdischen Nationalidcn; am fernsten steht ihin der Socialismus. Es ist daher eigentlich schwör zu sagen, welche Tendenz der „Israelit" verfolgt. Am nächsten käme man der Wahrheit, wenn man das Wort „alt-assimilatorisch" erfände, worunter dann eine Mischung von spießbürgerlichem, nicht etwa socialistisd)em Kosmopolitismns, deutsch-liberalen Traditionen, polnisch - nationalen Aspirationen, jüdisch - nationalen ’ Anwandlungen, gcsammt-österreichischem Patriotismus und gemäßigter religiöser Reform zu verstehen wäre. So vielseitig dieses Programm and) ist, so wollen es seine Anhänger doch sicherlich als ein ethisches hingestellt wissen. Wir wissen nun zwar nicht, ob nicht Herr Dr. Caro in seiner Vorlesung ein bisd)en tactlos gewesen ist, wie das manchmal im Verein „Agudas Achim“ Sitte war, aber der „Israelit" braucht nicht um etwaige jüdische Wucherer besorgt zu sein. Ein Blatt, das von der materiellen und sittlichen Aufrichtung Israels im heiligen Lande nichts hören will, sondern das wirthschaftliche und nwralische Gedeihen der Juden in Galizien erwartet und erstrebt, darf auch den Schein nicht auf sich laden, als ob es mit den jüdischen Wucherern Mitleid habe. Jüdische Presse. Im Leitartikel der „Menorah" vom 29. April 1892, betitelt „Das jüdische Publikum und die jüdische Presse" findet sich folgende Stelle: „Schaut um euch und lernt aus der Geschichte eures Vaterlandes" (Deutschland.) Erbittert stehen sich die Parteien gegenüber, ärger denn je wüthet der Klassenkampf, aber wer ist stark, wer zwingt die herrschende Klasse zur Anerkennung ihrer Forderungen. Es ist eine Partei, die kein Mittel scheut, um ihre Presse frei, stark und muthig zu gestalten, die wie Zündstoff das geschriebene Wort in die Massen wirft und dadurch ihre Ideen immer weiter verbreitet, immer mehr Zugeständnisse der Gesellschaft abringt. Und nur wir Juden, die wir wähnen, auf der Höhe der Cultur zu stehen, wo ist unsere starke Presse?" — Wir möchten diese mahnende Fragen besonders an unsere Gesinnungsgenossen, die Zionisten, gerichtet sehen. Wie treffend ist doch in der angeführten Zeitungsstelle der Hinweis auf die Agitation der Socialisten. Wenn sich in unserer Partei nur ein Zehntel der politischen Schulung fände, wie sie innerhalb der Socialdemokratie besteht, wir wollten froh sein. Weil uns selbst dieses Zehntel mangelt, spielt die Propaganda die kleinste Rolle bei uns, während sie die größte spielen sollte. Der »Krrei« für jüdische Geschichte rrr»d Kiteratnr" in Kerlin beabsichtigt Anfang August eine Gedenkfeier des Jahrestages der Vertreibung der Juden aus Spanien zu veranstalten.") Istdore Koek. der Secretär der „Alliance Israelite Universelle“, ist' am zweiten 8cli'bbuotb-Tage (2. Juni) nach längerem Leiden, aber doch unerwartet, im 53. Lebensjahre in Paris verschieden. Zu Sulzmatt geboren, studirte er zuerst in Metz, dann in Paris und wurde 1863 Rabbiner von St. Etienne, 1869 Secretär der „Alliance". Er theilte von da ab seine Zeit zwischen den Agenden dieses Vereines und ernster wissenschaftlicher Arbeit. 1876 wurde er auch Professor der Geschichte an dem Rabbiner- und Lehrer- Seminar in Paris. Im Jahre 1879 schuf er im Vereine mit anderen Gelehrten die „Locietü des etudes juives“ und 1880 bereit wissenschaftliches Organ, die „Revue des etudes juives“. Seine rastlose wissenschaftlich-literarische Thätigkeit einerseits, welcher wir eine große Anzal von Abhandlungen und Monographien verdanken — speciell seine bibliographischen Schriften haben gerechtes Aufsehen erregt — und seine durch die russischen Judenverfolgungen gesteigerten Anstrengungen als Secretär der „Alliance“, legten den Keim zu dem Leiden, dem er endlich erlag. Hervorgehoben zu werden verdient noch, dass : nicht nur die Hilfswerke des Baron Hirsch zum großen Theile seiner Einflussnahme zu verdanken sind, sondern, dass er auch stets rückhalrslos für die Ansiedlung russischer Juden im türkischen Asien, speciell auch im transjordanischen Palästina, eintrat. Ehre seinem Andenken! In Frankreich, dem gelobten Lande der Assimilation, fängt es an, sehr ungemüthlich zu werden. Bei der gestern in Paris stattgehabten Trauung der Tochter des Barons Gustav Rothschild haben sich vor der Synagoge antisemitische Ausschreitungen ereignet. In der Rue de la Victoire bewarfen vor der Synagoge einige Bursche; die Kleider der Damen mit Asafoetida-Kugeln; eine derselben fiel sogar in den Brautwagen auf das Kleid der Braut. Zahlreiche Ausrufer schrien judenfeindliche Blätter und ein neues, gegen Rothschild gerichtetes Pamphlet aus. Vierzehn Bursche wurden verhaftet, wovon einer vor Gericht gezogen wird, weil er beim Tempelcingang schimpfte und Trauungsgäste mit dem Stock bedrohte. Auf der Gasse, wo die pöbelhaften Excesse sich abspielten, bemerkte man den Antisemiten Marquis Mores. — Ueberhaupt steigert sich die antisemitische Bewegung von Tag zu Tag. An einer jüngst stattgchabten antisemitischen Versammlung nahmen einige hundert Studenten Theil, worauf hundert von Ihnen vor der Redaction der antisemitischen „Libre parole" eine Kundgebung veranstalteten. Man sieht, ganz wie bei uns zu Lande. — Die französischen Antisemiten haben übrigens die ftanzösische Sprache um ein Wort bereichert: „ä bas les yontres“ schreien sie, indem sie das deutsche „Juden" französiren, statt „ü bas lesjuils." Den Juden wird nämlich von den französischen Antisemiten nebst *) Die erste Feier dieser Art wurde wie unseren Lesern aus Nr. S der „S. E." bekannt sein dürfte, am 24. April d. I. von den Studenten in Lemberg mit außerordentlichem Erfolge abgehalten. (Anmerkung der Redaction.