Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 12 (21.6.1892)
- Date
- 1892-06-21
- Page
- Seite 117 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 12. Selbst-Emaneipation Seite 117. Reform", als die Cvlonisation Palästinas. Daher sind Nationaljudentum und Zionismus identische Begriffe. Die Erkenntnis, dass'Zion das Wesen des Nationaljudentums, nicht seine „letzte Consequenz" ist, steht aber andererseits nicht im Widerspruche mit der Einsicht, dass einer intersiven praktischen Cvlonisation erst ein längeres Vorbereitungsstadium vorhergehen müsse. An dieser Stelle ist oft betont worden, dass sich die Cvlonisation selbst gegenwärtig nur in den engen Grenzen, welche ihr der nationale, zum Theil auch der ethische - und kulturelle Tiefstand unseres Volkes setzt, bewegt, dass sie jedoch andererseits mit Rücksicht auf den propagandistischen und erziehlichen Wert der Colonien selbst nicht vernachläßigt werden dürfe. Die Hauptkraft muss freilich in die Agitation und in die Erziehung des Volkes verlegt werden; hin wiederum müssen diese Agitation und diese Erziehung zu Zionszwecken, nicht als Selbstzweck, sie müssen auch im Namen Zions geübt werden. Denn nur der Zauber dieses Namens d. h. die Sehnsucht nach einer Volksheimat, kann jenen kleinen Theil der sittlichen Reinigung bewirken, der als Anlauf nötig ist, um sicher zum Zionsziele, an welcheni erst die volle sittliche und daher auch materielle Wiedergeburt Israels erfolgen kann, zu gelangen. Es ist daher erfreulich, dass die erste zionistische Gruppe, welche sich als politische Partei in ihrem Lande etablirt hat, die galizische, das Wesen des Nationaljudentnms im Allgemeinen nicht verkannt hat, dass sie vielmehr in Uebereinstimmung geblieben mit dem bisher noch nicht in Worte gefass- - ten, und dennoch im zweideutigen Programme der gesaminten Gesinnungsgenossenschaft der Erde, der künftigen allgemeinen nationaljüdischen Partei, mit' jenem Programm, welches sich in das Wort „Zion" zusammenfassen lässt. Der Verein „Zion" hat seinen Namen Ehre gemacht B. Nus dem nationaljüdischen Lager in Galizien?) Eine entschiedene That, die der nationalen Sache einen bedeutenden Stoß nach Vorwärts zu geben im Stande ist, ist die von Seiten des Vereines „Zion" in Lemberg unternommene und ins Werk gesetzte Herausgabe von Flugschriften, deren erste unter dem Titel „Welches soll das Programm der jüdischen Jugend sein?" in polnischer Sprache soeben erschienen ist. „Unser Programm" ist hier klar, deutlich und auf wissenschaftlicher Grundlage präeisirt und verdient eine eingehende und gründliche Auseinandersetzung. Bevor ich aber an diese gehe, scheint es mir von Nutzen, einige Streiflichter, auf die jüdisch-nationale Bewegung und deren Wirkungen in Galizien zu werfen, um nachzuweisen, wie sehr einerseits der Fortschritt und die Verbreitung der Idee unter dem Mangel eines einheitlichen und festgefügten Programmes gelitten haben, wie die Idee selbst durch ebendenselben Umstand vielfach verunstaltet und mißverstanden wurde, und^von wie großer actueller Bedeutung andererseits die Einleitung des in obiger Broschüre vertretenen Programmes für die galizische Judenschaft sei. Der erste Ruf zur Autoemaneipation der seinerzeit an. das Gesammtjudentum ergangen war, brachte speciell in Galizien eine ziemlich rege Thätigkeit hervor. In größeren und kleineren Städten wurden sogenannte jüdisch-nationale Vereine gegründet, welche eine *) Wie wohl wir mit obigem Aufsätze nicht in Allem und Jedem einverstanden sein können, und auch keine Verantwortung für die thatsächlichen Anführungen desselben übernehmen, glauben wir ihn doch nicht unseren Lesern vorenthalten zu dürfen, mit besonderer Rücksicht auch auf die besprochene Brochüre, deren Bedeutung für unsere Sache eine wahrhaft große ist und aut die wir hoffentlich noch öfter zurückkommen werden. Die Red. recht lebhafte Agitation entwickeln sollten, und auch entwickelten. Da aber bekanntlich unsere Intelligenz zu der Bewegung einen ziemlich indifferenten Standpunkt einnahm und die Leitung jener Vereine zumeist jungen unerfahrenen Kräften anvertraut war, schlossen sich in der Folge die verschiedenartigsten Elemente an. Viele, die sich vom Ernste der Sache niemals Rechenschaft zu geben vermochten, viele, die nur die Aussicht auf eventuelle Ehrenstellen in unser Lager trieb, betrieben den „Nationalismus" als Sport und erlangten auch wirklich durch geschickte Phrasendrescherei leitende Stellringen in den Vereinen. Anderen wieder genügte es, Mitglieder eines solchen Vereines genannt zu werden und sie glaubten damit alles gethan zu haben, wozu die nationale Pflicht sie anhielt, und die vereinzelten Ernstmeinenden gingen in diesem allgemeinen Trubel rath- und thatlos umher. Zwar wurden die Makkabäer unter Musikklänge» und Tanz gefeiert, zwar wurde über Perez Smolensky und Leo Pinsker gelesen, aber nicht neunzig von Hundert der Hunderte, die da gekommen waren, sich ungezwungen zu unterhalten, haben es der Mühe werth gefunden, sich über die Provenienz dieser ihnen völlig unbekannten Persönlichkeiten Rechenschaft zu geben, wenn nur nach Schluß der ihnen langweiligen Vorträge recht flott getanzt oder bankettirt worden ist. Durch diese und ähnliche Umstünde verflachte sich die Idee zur allgemeinen mißverstandenen Phraseologie. Die Idee wurde dadurch in den Augen ernster Menschen disereditirt, die Vereine gelangten dadurch unter die stillschweigende Dictatur einiger Unberufener, einiger Krakehler, verloren alle Fühlung mit den Schwestervereinen, und geriethen — da sie kein geineinsames geistiges Interesse mehr verband — allmählich in Verfall. Ich sagte: allgemeine, mißverstandene Phraseologie! Es sei mir gestattet, mich näher darüber zu erklären. Die wichtigthnenden Retter des Vaterlandes nahmen den Mund voll und posaunten „Zion", „Palästina", „Colonisation", ohne zu wissen, dass wir nicht mit der Colonisation — als letzter Consequenz der Idee — beginnen können, ohne zu wissen, dass bevor wir nicht im Innern der jüdischen Gemeinden, eine gründliche fortschrittliche Reform angebahnt.haben, wir nicht die mindeste Aussicht, jemals auch nur verstanden zu werden, geschweige auch Erfolg zu haben. Sie begriffen nicht, dass bei uns in Galizien die Sachen ' anders als irgendwo anders liegen, dass bei uns die sociale Rerorm,— bei einem speeifisch jüdischen Proletariat — auf den ersten Plan gesetzt werden müsse, dass wir unseren Proletariern keine Phrasen statt Brod geben können und dass wir endlich angesichts einer obseurantistischen Orthodoxie, angesichts eines versumpften servilistischen Assimikantentums, keine bessere Waffen als Aufklärung und^Lissenschaft haben können. Abe^der von den Ernstmeinenden längst sehnsüchtig herbeigewünschte Umschwung zuin Besseren ist endlich eingetreteu! Unsere Jugend ist es nun, welche sich durch ernste wissenschaftliche Arbeit emporgerungen hat, welche von ernstem Wollen durchdrungen in die vordersten Reihen sich stellt inr Kampfe für unsere edelsten Güter. In den Einzelheiten tief durchdacht und im Ganzen vollkommen ist ein Programm aufgestellt, welches würdig ist von den edelsten und besten Kämpfern für Recht und Humanität verfochten zu werden. In politischer, materieller, geistiger und ethischer Beziehung wollen wir auf unsere Brüder in iinserenr Sinne einwirken und die ihnen gebührenden Rechte erkämpfen. Aber statt mich weiter darüber auszulassen, will, ich „ unser Programm" selbst reden lassen: 1. Wir wollen also in politischer Beziehung: a) in den jüdischen Gemeinden die größte Anzahl der Repräsentanten unserer Idee haben. b) die Gründung von coufessiouelleu Verbänden jüdischer Gemeinden, zur Ermöglichung einer einheitlichen Aetion.