Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 12 (21.6.1892)
- Date
- 1892-06-21
- Page
- Seite 116 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 116. Selbst-Emancipation Nr. 12. jüngst erschienene polnische Broschüre die Aufmerksamkeit der jüdischen und nichtjüdischen Intelligenz Galiziens auf die .nationaljüdische Bewegung gelenkt und dortzulande eine allgemeine Discussion über das von ihm verkündete Parteiproramm angeregt. Gerade in dieser Beziehung ist der Erfolg des Vereines „Zion“ der erste dieser Art seitens unserer Gesinnungsgenossenschaft, wiewohl er nicht auf das Conto der allerdings ausgezeichnet geschriebenen Broschüre zu setzen, sondern dem Umstande zuzuschreiben ist, dass die polnische Presse durchgängig in polnischen Händen liegt und daher nicht das Interesse der in jüdischen Händen liegenden Presse anderer Länder hat, den Zionismus todtzuschweigen. Wie dem auch immer sei, die Thatsache, dass man in weiteren Kreisen von unserer Sache Notiz nimmt, ist nun einmal vorhanden. Zum erstenmale besitzt und benützt die Oeffentlichkeit die Gelegenheit, ein jüdisch-nationales Programm zu discutiren, und darum erscheint die Action des Leinberger Vereines wohl als die wichtigste unter den angeführten Lebensäußerungen unserer Partei; das bringt uns aber auch in Erinnerung, dass wir noch immer kein allgemein angenommenes, in großen Zügen verfasstes, für die Nationaljuden aller Länder geltendes Parteiprogramm haben, dem sich die individuali- ,sirenden Programme der Gesinnungsgenossen in den verschiedenen Staaten anschmiegen könnten. Der Verein „Zion“ ist der gcsammten Zionsbewegung znvorgekommen: es gibt eine, „galizische nationaljüdische Partei", bevor eine allgemeine nationaljüdische Partei in dem Sinne existirt, dass sie der Außenwelt gegenüber als solche erschiene.. Das Recht der galizischen Gesinnungsgenossen, sich noch vor der allgemeinen 'Partei-Organisation als Landespartei zu konstituiren, kann nicht bestritten werden. Die Verhältnisse liegen in Galizien so, dass dies an der Zeit und möglich ist. Einweiteres Zögern hieße der internationalen Sozialdemokratie das Feld räumen, das gerade jetzt, nach dem endgiltigen Bankerott der polnisch-nationalen Assimilation, zur Beackernng mit unseren Grundsätzen besonders geeignet ist. Die galizischen Gesinnungsgenossen hatten aber auch das Recht, dein jetzt so nothweiidsgen Parteigebilde die Structur zu geben, welche sie in dem veröffentlichten Parteiprogramm thatsächlich gewählt haben. Sie haben hierin eine glückliche Hand gezeigt, sie haben sich ün Voraus den allgemeinen Parteiprincipien so ziemlich angepasst; sie werden in dem Augenblicke, wo eine allgemeine nallonaljüdische Parteiorganisation mit. einem dem Character eines Grundgesetzes tragenden officiellen Programm auftreten wird, an ihrem Landesprogramm nur wenig zu bessern haben, — indem sie etwa manches werden lebhafter betonen und Einiges an zweite Stelle werden rücken müssen, was jetzt seinen Platz in erster Reihe erhalten hat. Es besteht auch kein ' Zweifel, dass sie, um nicht den Zusammenhang mit der Gesammtpartei zu verlieren, sich im gegebenen Augenblicke zu iolchen kleinen Aendernngen gerne verstehen werden. In diese Angelegenheit spielt der Gegensatz zwischen centralistischer und f ö r d e r a l is ti sch e r Parteigestaltung hinein; hier zeigt sich auch, , wie wenig es angeht, sich das eine oder das andere dieser Schlagwörter schablonenniäßig anzueignen. Eine Partei, welche in verschiedenen Ländern wirken will, muss eine Centralstelle haben, in welcher alle Fäden der Bewegung zusammenlaufen, welche verhüten soll, dass der einheitliche Geist derselben in ungebührlich sich aiisdehneiidcu Sonderbestrebungen verloren gehe, welche über die höchsten Parteizwecke zu wachen hat. Eine solche Partei muss aber auch territorielle Organisallonen besitzen, damit sie den heimischen Verhältnissen Rechnung tragen, damit der landsmännischc Kennerblick immer an Ort und Stelle und unmittelbar die Gelegenheiten ausfindig mache, welche am geeignetesten sind, um durch sie die Parteigrundsätze populär zu machen. Programmpunkte, welche z.'B. in. Galizien vermöge des culturellen Zustandes dieses Landes, des Characters des in demselben herrschenden Volksstammes, der jüdischen Bevölkerungsziffer nothwendig sein mögen, hätten in anderen Gegenden, wo der Culturzustand eiu weit höherer oder weit niedrigerer, der Volkscharacter ein wesentlicher an-> derer ist und das numerische Verhältnis der jüdischen Einwohnerschaft zur nichtjüdischen eiu weit geringeres oder weit größeres ist, als in Galizien, keinen Sinn und umgekehrt. Freilich aber müsste die Centrale, in der ja alle engeren Parteigebiete vertteten sein sollen, auch ein gewisses Controlerecht über die territoriellen Verfügungen und Beschlüsse zustehen. Aber diese Centrale, wann wird sie endlich gebildet sein, wann wird sich endlich der Zionismus zu einer interteritoriellen Partei, die er sein muss, gestaltet haben? Ein Wiener Comito hat bekanntlich dieses ungemein schwierige Werk in die Hand genommen und arbeitet an demselben, wie es unlängst öffentlich erklärte, unentwegt fort. Da die Zionistengruppen anderer Länder die Jnillative nicht ergreifen, ja sogar den Gedanken der allgemeinen Parteiorganisation nicht einmal psiegen wollen, so ist derselbe einzig und allein auf die Gesinnungsgenossen der österreichischen Monarchie angewiesen. Diese aber werden wol erst dann mit der zur Durchführung ihres Vorhabens nötigen Autorität ausgestattet sein, wenn sie sich zuvor in ihrer Heimat, diesem Europa im Kleinen," eine Organisation gegeben haben werden, welche ihnen die Macht verleihen wird, nach außen mit Nachdruck aufzutreten. Hoffentlich wird nun das jüngst begonnene Unternehmen der Verbindung aller österreichischen Vereine, welche sich dem practischen Colonisationswerk in Paläsllna, sowie der agitatorischen Wirksamkeit für dieselbe widmen, der erste Schritt sein zur Schaffung einer österreichischen nationaljüdischen Partei, die wieder ihrerseits die Bildung einer allgemeinen nationaljüdischen Partei anzuregen die Aufgabe'haben wird. Bis zu dem Zeitpunkt jedoch, wo dieser große organisatorische Enderfolg entweder ans dem erwähnten Stufenwege oder auf einem anderen Wege erlangt sein wird, dürste noch eine geraume Zeit verstreichen. Es ist selbstverständlich, dass bis dahin unsere Thätigkeit nicht ruhen darf, vielmehr jede einzelne Gruppe unserer Gesinnungsgenossenschaft bestrebt sein muss, möglichst viel für unsere große Sache zu thun und der organisirtcn Partei nach Kräften vorzuarbeiten. Zu wünschen wäre aber auch, dass hiebei jede dieser Gruppen von dem richtigen Gefühl für das große Ganze unserer Bewegung geleitet werde, und möglichst wenig Verstöße gegen die Grundprinzipien des Zionismus gemacht werden. Es wird daher gut sein, immer und immer wieder auf diese Grundprinzipien zu verweisen, die ja, wenn auch noch nicht in einem Autorität gewordenen Programm festgehalten, so doch dem Inhalt nach bekannt sind. Stets muss das, was den Hauptinhalt und die erlösende Bedeutung unserer Bewegung ausmacht, die Z i o n s i d e e, in den Vordergrund gestellt sein. Die nationaljüdische Bewegung kann sich leicht bis auf das Niveau assimilatorischer Kurpfuschereien oder das der nationalen Charlatanerien anderer Völker versiachen, wenn sie nicht das Um und Auf des nallonalen Gedankens, die Rehabilitirung Israels in Palästina, zum Ausgangspunkt ihrer Bestrebungen macht. Ausgangspunkt und nicht blos „letzte Consequenz", wie der beliebte Ausdruck lautet. Wenn niemand von der „letzten Consequenz" spricht, dann können auch die leitenden Geister des Volkes und der Partei an sie vergessen und dann wird sie nimmer gezogen werden. Das jüdische Volk ist imglücklich, weil und insolange es keinen seiner Eigenart und seinen Bedürfnissen entsprechenden territoriellen Mittelpunkt hat; alles, was ohne Ausblick auf dieses Ziel zur Verbesserung der Lage der Juden gethan wird, kann unter Umständen nöthig und ersprießlich sein, ist aber allenfalls nur Stückwerk und von flüchtigem Werthe. Es gibt für Israel keine andere „soziale