Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 11 (7.6.1892)
- Date
- 1892-06-07
- Page
- Seite 111 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Selbst-Emancipation Seite 111. alle Localvereine, damit auch unser „Admath Jeschurun" ihre Statuten identificiren. Es wurde daher eine Commission ernannt, welche in Verbindung mit den übrigen Localvereinen, einen neuen Statuten-Entwurf ausarbeiten soll. — Schließlich wählte die Versammlung ein Agitations-Comitä für Wien, dessen Obmann Herr Ad. Mauthner eine energische und hoffentlich fruchtbringende Thätigkeit in Aussicht stellt. Wien, den 23. Mai 1892. Wie von uns seinerzeit gemeldet wurde, hatten die scandalösen antisemitischen Sccnen, welche bei Gelegenheit der 1. constituirenden Versammlung des „Medicinischen Unterstützungsvereincs" sich abspiclten, dazu geführt, dass der akad. Verein „Kadimah" am 30. Jänner d. I. eine Versammlung einberief, in welcher die Griindung eines „Unterstiitzungsvcreines jüdischer Mediciner" beschlosien wurde. Dies bewirkte, dass der Rector Hofrath Exner, die Gründung des „Medic. 11. B." selbst in die Hand nahm. Da aber nach § 21. der von ihm aus earbeiteten und von der Statthalterei bereits bestätigten Statuten, Ausländer — id est ungarische und russische Juden — erst in zweiter Reihe berücksichtigt werden sollen, so war die „Kadimah" entschlossen, gleich bei der ersten Volksversammlung des „Medic. 11. V." diesbezüglich den Antrag auf Statutenänderung zu stellen. Volt diesem Entschlüsse kam man jedoch ab, da von massgebendster und zugleich befreundeter Seite an den Verein die Atittheilung crgieng, dass ein Antrag auf Statutenänderung die sofortige Auslösung des medic. Unterstützungsvereiucs nach sich ziehen würde, und man beschloss daher, alles auszubiete», damit bei der Wahl des Ausschusses, dem durch zahlreiche Unvollkommenheiten der Statuten ein großes Feld für seine Thätigkeit gelasicn ist, nicht die antisemitischen Candidaten durchdringen. Diesen Standpunkt legte nun Herr Med Dr. Sigm. Werner, in der vom akad. Vereine „Kadimah" am 22. Mai in Robitscheks Restaurant einberufcnen Versammlung dar, indem er sagte, dass der Verein mit Außerachtlassung seiner speciellen Ziele, diesmal für die Interessen der gesaminten jüdischen Studentenschaft eintrete, hiemit den glänzendsten Beweis liefernd, dass man in diesem Falle der Einigkeit zu Liebe alle Parteiunterschiede und Meinungsdiperenzen unberücksichtigt lassen müsse. Redner forderte hierauf die Versammlung auf, sich nicht etwa durch deutsch-nationale Schreier einschüchtern zu lagen, sondern vollzählig und geeint bei der Wahl zu erscheinen. Jene aber, welche nicht die Mittel besitzen, sich selbst eine Mitgliedskarte zu verschaffen, mögen sich am Tage der Wahl im Bereinslocalc der „Kadimah" einfinden, woselbst ihnen so viel Karten als nötig unentgeltlich zur Verfügung gestellt würden. Zum Schlüsse der Versammlung wurde eine Resolution angenommen, in welcher dem Herrn Hofrath Nothnagel die vollsten und unentwegten Syinpathien der fortschrittlichen Studentenschaft der Wiener Universität ausgedrückl werden, zugleich aber auch die tiefste Entrüstung und Missbilligung über die scandalösen und turbulenten Scenen ausgesprochen wird, die anläßlich seiner im Vereine zur Abwehr des Antisemitismus gehaltenen Rede, von antisemitischer Seite in seinem Hörsaale provociert wurden.^ Wien, den 24. Mai. Heute begab sich eine Deputation des Akademischen Vereines „Kadimah", bestehend ans H. H. sind. med. Karl Pollak und Dr. med. Sigmund Werner zum Herrn Prof. Hofrath Nothnagel, um die in der Versaimnlung vom 22. d. M. gefasste Resolution zu seiner Kenntnis zu bringen. Herr Hofr. Nothnagel empsing beide Herren aufs Freundlichste und versicherte sie, dass er für jedes Wort seiner im Vereine zur Abwehr des Antisenlitismus gehaltenen Rede mit seiner Ueberzeugung cinstehe, und diese seine Ueberzeugung nie ändern würde. Zugleich ermächtigte er genannte Herren, diese seine Worte und seinen Dank zur Kenntnis der freisinnigen Studentenschaft zu bringen. — Dank den Bemühungen des Akad. Vereines „Kadimah" fielen die Wahlen im „Medicin. llnterstützungsvereine" günstig aus, indem die ganze Liste der liberalen Candidaten durchdrang; unter den Gewählten befindet fich nebst mehreren anderen Mitgliedern der „Kadimah" auch der Präses des Vereines Herr stud. med. K. Pollak. Budapest» den 26. Mai 1892. Anläßlich des Krönungsjubiläums Sr. Majestät ivird von den hiesigen Magnaten ein Banderium veranstaltet, zu welchem auch an den jüdischen Großgrundbesitzer Albert Karsai, welcher diesen Nanien erst kürzlich stir den zu wenig magyarisch klingenden Karpeles eintauschte, eine Einladung ergieng. Dieser betraute seinen Sohn Juris Dr. und Reservelieutenant Sündor Karsai, welcher seinem Vater noch etwas voraus, nämlich getauft ist, mit seiner Vertretung. Den blaublütigen Aristokraten scheint aber der Jude Karpeles trotz magyarisirtcn Namens und Taufe derselbe geblieben zu sein, denn der Arrangeur des Banderiums Reichstagsabgeordneter Bela Atzöl strich Dr. Karsai ohne weitere Umstände aus der Liste, was natürlich ein Duell zur Folge hatte. Dr. Karsai büst die Sünde seines Vaters — ein Jude zu sein mit schwerem Siechtum, zu welchem ihm eine Kugel Atzels verhalf. “ Bukarest, den 17. Mai 1892. Aus der oberen Moldau laufen wahre Jammerberichte über die Lage der im benachbarten russischen Grenzgebiete sich zusammendrängenden Juden ein. Da nämlich die den ansgewiesenen Juden eingeräumte Gnadenfrist, nach deren Ablauf sie eventuell zwangsweise über die russische Grenze gebracht werden sollen, bereits zu Ende geht, so werden sie schon jetzt in großen Schaaren gegen die Grenze hin gedrängt, um sie im gegebenen Momente ohne Zeitverlust aus dem Lande schaffen zu können, und da jene Juden, welche noch über einige Mittel verfügten, mit ihrer erzwungenen Abreise aus Russland nicht bis zu diesem Zeitpunkte warten wollten, so ist es leicht begreiflich, dass es gerade die Ärmsten unter den Ausgewiesenen sind, welche jenseits des Pruth ihrer Abschiebung harren. Von allen Geldmitteln entblößt und ohne jeglichen Erwerb, befinden sich diese Unglücklichen in einer wahrhaft erbarmungswürdigen Nothläge, deren Druck noch überdies durch den Umstand vermehrt wird, dass es gerade den Juden am schwersten ist, anderwärts eine Zufluchtsstätte zu finden. Angesichts der Ansammlung zahlreicher ausgewiesener Israeliten in den russischen Grenzgebieten hat sich auch die rumänische Regierung veranlaßt gesehen, ihre Consulate anzuweisen, den heimatsundsnbsistenzlos gewordenen Juden die zur Überschreitung der rumänischen Grenze nöthigen Paßvisa zu verweigern und sind außerdem die rumänischen Grenzbehörden strengstens beauftragt worden, keinem nicht mit einem ordnungsmäßig vidirten Passe versehenen Fremden den Eintritt nach Rumänien zu gestatten. Dass Rumänien zu solchen Mitteln der Abwehr greift, wird hier damit begründet, dass jede Vermehrung des in der Moldau ohnedies schon überaus zahlreichen jüdischen Handwerker-Proletariates dessen erbärmliche Existenz-Bedingungen nur noch inehr erschweren würde, und dass sogar die bereits im Lande ansässigen, aber noch nicht als heimatsberechtigt ailgesehenen Israeliten in einer Masseneinwanderung erwerbsloser russischer Glaubensgenossen ein neues Hinderniß für die Regelung ihrer rechtlichen Regelung znm rumänischen Staate, ja selbst eine Gefahr für ihre eigene Duldung erblicken würden. Mit dieser Motivirung des ablehnenden Verhaltens der rumänischen Regierung ist aber die Frage nicht beantwortet, was mit den unglücklichen Juden geschehen soll, welche über den Pruth gejagt, auf dem jenseitigen rumänischen Ufer nicht landen dürfen. Soll sich etwa jene Scene in großem Maßstabe wiederholen, welche sich vor nunmehr fast drei Jahrzehnten auf der Donau in der Nähe von Galatz abgespielt hat, wo man mehrere aus Rumänien zwangsweise abgeschaffte, von der türkisch-bulgarischen Grenzwache aber am Landen gehinderte Juden einfach in's Wasser geworfen hat? Jedenfalls werden sich an der russisch-rumänischen Pruth« grenze in den nächsten Tagen Bilder der Verzweiflung und des Jammers entrollen, welche neuerdings beweisen werden, wie unvollkommen und unzureichend der gegenwärtige Unterstützungsmodus ist. Saffed, Rosch Chodesch Jjar 5652. Der Director der Colonie Mischmar Hajarden bekam dieser Tage einen Brief vom Central-Comitü des Vereines „Esra" in Berlin, worin folgende Fragen gestellt sind: 1. Wie viel Colonisten gibt es in Mischmar Hajarden? 2. Wie viel Colonisten brauchen daselbst Stütze? 3. Wie groß ist der gegenwärtige Viehstand der Colonie? 4. Hat die Colonie auch guten Weideboden? 5. Wie lässt sich die Colonie vollkommen installiren und selbstständig machen? 6. Welche Summe wird zur vollständigen Installation benötigt? Alle diese Fragen wurden von dem Director seinen großen Erfahrungen gemäß genau beantwortet. Er berichtet, dass sich große Weideplätze in der Umgebung des Jordan, wie dies auch die heilige Schrift rühmt, befinden. Empfehlen würde sich die Einführung von Weinbau