Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 11 (7.6.1892)
- Date
- 1892-06-07
- Page
- Seite 109 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Selbst-Emancipation Seite 109. inan sich diese Begebenheit erklären?, lind warum gab sie eine solche Verachtung gegenüber der jetzt herrschenden Denkungsart der Inden knnd, warum vertheidigte sie mit solchen: Eifer den Jndividnalismns des Judentums? Der Stolz der Judenheit wurde gerade dadurch erweckt. Hingerissen brachen die Anwesenden in einen förmlichen Beifallssturm aus, so dass die Versammlung einen politischen Anstrich gewann. Wir empfanden darum vollkvinme» den Dank mit, welchen der Vorsitzende der Christin für ihre Rede zollte, indem er sagte, dass eine solche Erscheinung seit den Zeiten der Renaissance in der jüdischen Geschichte nicht vorgekommen. Hier durfte der Jude der Christin für ihre Gesinnung danken. Denn an dem ganzen Abende befand sich nur das Römerthnm auf der Anklagebank der Geschichte, während das Judentum von dem christlichen Munde nicht etwa vertheidigt, sondern vielmehr idealisirt und verherrlicht wurde. Damit hat der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" sein erstes Halbjahr geschlossen. Während des Sommers soll nur eine Sitzung abgehalten werden, indem an dem Jahrestag der Vertreibung der Juden aus Spanien eine Gedenkfeier veranstaltet werden soll. In der großen Pause soll die Vereinsthätigkeit über ganz Deutschland ceutralisirt, eine Lesehalle eingerichtet werden, ferner sollen mehrere Schriften pnblizirt werden, wobei die erste Publikation über das Thema der Judenvertreibnng aus Spanien handeln wird, und in der zweiten die Dichtungen eines der größten neuhebräischen Dichter in deutscher Übersetzung vorgeführt werden sollen. Die ersten Schritte zur Ausbreitung derartiger Vereine sind bereits von Karpcles und A. Katz unternommen worden; am 16. Mai gelang es denselben in Hamburg etwa 100 Personen für einen neu zu gründenden Verein zu gewinnen. An diesem Abende fand die konstituirende Versammlung statt, in ivelcher Rechtsanwalt L e w y den Vorsitz führte und K a r p e l e s einein Vortrag über die Zwecke eines solchen Vereines und die Bedeutung der jüdischen Literatur hielt. Schon an diesein Abende wurde der Vorstand gewählt, in welchem sich u. A. Rechtsanwalt L e v y, AmtsrichterDr. Lio n, Professor Dr. Fels und Dr. P i z a, Vorsitzender des neugegründeten „bik-ra" Zweigvereines, befinden. Nachdem nun in den letzen Tagen auch in Leipzig ein „Verein für jüdische Geschichte uitd Literatur" gegründet worden ist, dein sich bereits mehrere hundert Personen, welche einen Verein „Gesellschaft der Freunde" angehören, angeschlossen haben sollen, so wird die Verwirklichung eines Centralverbandes nicht lange auf sich ivarten lassen. Daraus tvird sich dann die Möglichkeit ergeben, das Vortragswesen zu organisiren. kleinere Vereinigungen zu unterstützen und gemeinschaftliche Publikationen herauszugeben. Nicht ohne Berechtigung kann man darum einige Hoffnungen an die Zukunft knüpfen; noch wissen die Gründer solcher Vereine selber nicht, was sie thnn, sie ahnen nicht, dass sie gegen ihre Prinzipien handeln, ich meine natürlich nicht, die eigentlichen Gründer, welche meistentheils aus nationaljüdischen Kreisen hervorgingen, sondern die officiell an der Spitze Stehenden. Dieselben werden sich jedoch wundern, wenn sie bald merken werden, welcher Strömung sie die Pfade ebnen. Halbheit, Unbestimmtheit ist noch in allen diesen Schöpfungen, aber der Anstoß ist damit gegeben, denn jüdische Geschichte muss eliropäisch denkende Männer zum Nationaljudentum führen. L. M. fÜte und Neues» Verschiedenes von Interesse. In den „Jllust. Monatshefte für die ges. Interessen des Judentums" ist eine Rede von Dr. Ad. Jellinek abgedruckt, wovon folgende Stelle auch für uns ein mehr als gewöhnliches Interesse hat. Dr. Jellinek sagt darin: „Und wer dennoch int Namen des Judentums, ans kleinlicher Sorge um dessen Bestand und Fortdauer, ans Furcht, es könnte der kräftige Odem der Freiheit irgend ein welkes Blatt wegwehen, für das „Golus" schwärmt, dafür, dass die Völker frei sein mögen, wir aber das Opferlamm bleiben, das Joch der Knechtschaft ans Frömmigkeit forttragen müssen, dessen Judentum ist nimmermehr das am Sinai geoffenbarte, ist nicht unter dem Schall der Posaune, unter Donner und Bliv, sondern unter Klagen, Seufzen und Jammern verkündet worden, ist nicht Gottesgeist, sondern Menschenwerk, nicht Wahrheit, sondern Selbsttäuschung." „Tempora nmtantur" können wir hier mit voller Berechtigung ausrufen. Herr Dr. Jellinek sagt vor Jahren etwas, was damals und in jenem Sinne in welchem es gemeint war, vollkommen berechtigt war, und wir sagen heute dasselbe, jedoch in anderem Sinne, weil die hoffnungsvollen Zeiten der 60er Jahre sich geändert haben. Herr Dr. Jellinek ist trotz seiner Reformbestrebung, trotz seines Liberalismus ein echter Conservativer geworden, trotz der geänderten Zeit, steht er ans dem alten Jugendstandpunkte mit unerschütterlicher Ausdauer. In dem angeführten Journal findet sich noch eine hübsche Behauptung, die ich der Curiosität wegen hier anführe, sowie man veraltete Begriffe anführt, die jedenfalls ein Lächeln wert sind. „Im Centralsitze des deutschen Judenhasses, in Frankfurt a. M. nämlich, hört man das Wort „Jude" kaum m ehr noch und vom äußersten deutschen Norden, bis zum äußersten deutschen Süden, etwa das feudale Meklenburg ausgenommen, ist der Jude, wo nicht schon völlig emancipirt, doch auf dem Wege es in kürzester Zeit zu sein, und,, selbst da, wo eine reaktionäre Gesetzgebung den Juden von Ämtern und Würden noch fern hält, selbst da ist es eben „nur" das reaktionäre Gesetz, nicht aber die Gesinnung des Volkes, die den ersten Juden noch heute so tief unter den letzten Christen stellt, wie ehedem. Deutsche Bildung verträgt sich nicht mit Judenhaß. Der Judenhaß blüht nur noch unter jenen Völkern, die sich vorsätzlich der deutschen Cultur und dem Fortschritt des Zeitgeistes verschließen. Unter den Tschechen allerdings ist das Wort „Jude" noch heutzutage in Verbindung mit deni Adjectiv „stinkend" vielfach zu hören; unter den Tschechen allerdings ist der Jude noch heutzutage, was er vielleicht vor 400 Jahren war." Eine ebenso veraltete Anschauung ist die des Dr. Saalfeld, die er im „Xavers Conversations-Lexikoii“ dritte Auflage bei Besprechung des Judentums und dessen Geschichte zum Ausdrucke bringt, indem er mit Rücksicht auf das „Morgenroth der Freiheit" sagt, dass die „letzte" Blutbeschuldigung gegen die Juden im Jahre 1840 (Damaskus) erhoben wurde — — dass das Judentum allmälig sein nationales Gewand abstreife und sich in die Nationalitäten auslöse." Dieser Standpunkt wird im Ergänzungsbande 1891—92 desselben Werkes nicht mehr innegehalten, im Gegentheile beschäftigt sich ein ganzer Artikel mit der Blutbeschuldigung, in welchem sogar die jüngsten Fälle von Tisza-Eszla, Corfu und Xanten erwähnt werden. Wie sich dieser Band zur Frage des jüdischen Nationalismus stellt, ist bei der bekannten Gesinnung des Werkes leicht zu errathen. Dem so „national" gesinnten Abgeordneten Professor Dr. Lucker ist ein kleines Malheur passirt. Er wurde nämlich von der Prager Handelskammer in der Voraussetzung in das Abgeordnetenhaus geschickt, dass er natürlich von den Conservativen — den Alliirten der Alttschechen — in den permanenten Strafgesetzausschuss entsendet werden wird. Die Conservativen nominirten jedoch statt seiner den—Dr. Pattai. Ein Prager deutsches Tagesjournal bespricht in einer Serie von Artikeln die Entwickelung Prags und seinerVororte in den letzten 100 Jahren. „3miebov" sagt es, verdankt seinen