Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 11 (7.6.1892)
- Date
- 1892-06-07
- Page
- Seite 108 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 108. Selbst-Emancipatioir Nr. 11. assimilatorische Rabbiner Dr. Maybaum hatte cs am Bcfrciungstagc von der Kanzel herab ausgesprochen, dass er diesmal mit Stöcker und Hildesheimer gehe und die freiheitliche, rcformatorischc „Jsr. Wvch." schrieb am 6. Mai: „Unsererseits ist nichts dergleichen geschehen, was als ernste Bekämpfung des Schulgesetzes hätte ausgcsasst werden können. So sehr man auch als Bürger des deutschen Reiches und des zur Neige gehenden 19. Jahrhunderts über den Fall des Schulgesetzes eine freudige Gcnugthuung empfinden dürfte, unter dem besonderen Gesichtswinkel, den dasselbe, mit der Stellung des Judentums zu bilden berufen schien, betrachtet, hatten wir durchaus keine Veranlassung, in das Bcifallsbrauscn, das der endliche Verlauf der Vorlage erregte, mit cinzustimmen. Das Schulgesetz barg für uns den Keim staatlicher Anerkennung in sich, der jetzt mit dem Volksschnlgcsetz vielleicht auf immer verschwunden sein dürfte. In diesem Atom von Zugeständnis ging uns die Hoffnung auf, unser sehnsüchtiges Verlangen nach einer einheitlichen Gestaltung unseres Religionsschulwcsens endlich erfüllt zu fchcn. Es gehört zu den Unbegreiflichkeiten einer nur durch unverbesserliche Partcileidcnschaft cingcgcbcnen Anschauung, die Notwendigkeit einer allgemeinen Regelung dieser Verhältnisse bezweifeln zu wollen. Wer durch seinen Beruf gczwnngcn ist, Zeuge des immer mehr zunehmenden traurigen Verfalles des Religionsunterrichtes zu sein, der wird sich der Forderung, mit wohlthätiger Macht in den bisherigen, versumpfenden Laus der Dinge belebend einzugrcifen, nicht widersctzcn können." Später spricht die „I. 28." direkt die Ansicht aus, dass nur die Staatsgewalt im Stande sei, einer solchen Institution, nämlich der allgemeinen Einführung des Religionsunterrichtes diejenige Autorität zu leihen, deren sie zur ordnungsmäßigen Leitung, zu aufstcigcnden Erfolgen und zu neuem gesichertem Bestände bedürfe. Den unverbesserlichen Optimisten müsse gesagt werden, dass sich nicht eines für alle schicke und was dort gut sein möge, das brauche stir unsere Verhältnisse noch nicht zutreffend zu sein. Die Überzeugung, dass cs so in Deutschland nicht weiter gehen kann, bricht sich mit gewaltiger Macht durch und dringt selbst in die vornehmsten Kreise ein. In einem klassischen Artikel: „Schämen wir uns!" gab Steinthal der berühmte Professor der Philologie und Philosophie, seinem Schmerze über den jetzigen Zustand im jüdischen Lager lebhaften Ausdruck. „Dahin also ist cs in unserer Gleichgiltigkeit gegen Religion gekommen, dass uns von heiliger Stätte zugcrufcn werden muss, der Bestand des Judentums erfordere Hilfe „von Staatswcgcn." Während einige jüdische Eltern ihre Kinder den christlichen Religionsunterricht mitnehmcn lassen machen es sich andere bekanntlich bequemer, und das seien wohl die meisten, indem sic ihre Kinder völlig vom Religionsunterrichte befreien. Wozu auch? Es habe ja doch „keinen Zweck." „Unsere Gymnasiasten", sagt Steinthal weiter, „und unsere Studenten" studieren fleißig (manchmal auch unfleißigl nach Brod. Wer wird leugnen, dass Brod Zweck hat? Indessen Brod ist ein veralteter Ausdruck; man setze Geld, und man wird das Rechte treffen. Geld hat Zweck; denn cs ist der Zweck der Zwecke. Was aber hat Religion mit Geld zu thun? — wenn cs nicht von Staatswegen der Fall ist! Dann läßt man die Kinder laufen. Das hat Zweck. Ich schäme mich und bin zerknirscht. Das also find die Juden! Das ist das Volk des Studiums! Wir lassen fahren, was unser „Erbthcil" ist. Wir lassen fahren, worauf unser Anrecht an die Geschichte beruht, unser Recht auf das Dasein. Das Buch, das wir der Welt gegeben haben, das die Welt schon zweimal verjüngt hat, das den Edelsten der edlen Völker ein Schatz der Weisheit und Schönheit scheint, wir werfen cs von uns. Der Zuchtmcistcr Staat muss kommen, um uns vor solchem Selbstmorde zu schützen. Habt ihr schon einmal gehört, dass alle Juden stir einander Bürger sind? vielleicht ja, vielleicht nicht; aber in neuerer Zeit habt ihr cs wahrscheinlich thatsächlich an euch erfahren. All' euer Taufen, all' euere Unrcligion wird von den Germanen verlacht — „weiter hat cs keinen Zweck", denn ihr bleibt Semiten, ihr werdet uns nicht abgenommcn. — Wir lernen unsere Kinder an fremde Thür klopfen, und indem wir sie dem Spotte entziehen wollen, geben wir sie dem Spotte preis. Wir schicken sie unseren Gegnern zu, damit sie denselben helfen, Schmach auf uns zu häufen; denn anderes, als uns, ihre Väter schmähen, werden sic doch nicht lernen. Das ist die Sclbstverachtung, zu der wir sie erziehen." In anderer Form und znm Thcil in anderem Sinne verkünden die Nationaljuden bereits seit einem Deccnnium diese Wahrheit, ohne dass die Lehrer und Führer in Israel ihre Pflichten cinzuschcn lernten und den Abgrund erkannten, vor dem das assimilirte Judentum steht. Es regt sich jedoch nicht bloß in religiösen Leben, wodurch die Kenntnis des Judentums zum Vorthcil der nationalen Idee vermehrt wird, nein, ganz unabhängig davon zeigt sich ein mächtiger Drang nach jüdischem Wissen in den vielen Gründungen jüdischer Litcraturvcreine. Während in Köln, Magdeburg und Berlin bereits etwa seit der Mitte des verflossenen Winters solche Vereine bestehen, sind zwei neue erst in den letzten Tagen gegründet worden, nämlich in Hamburg und Leipzig! sehr erfreulich und kennzeichnend für unsere Aussichten in Betreff der Zukunft ist die Thatsache, dass alle Vereine im wahren Sinne des Wortes blühen, indem sic überall eine gewaltige Menge von Anhängern finden. Der Kölner Verein hatte es bereits am Ende des Winters dahin gebracht, dass er 325 Mitglieder zählte, und dass seine Versammlungen von 500—600 Personen besucht wurden, während er andererseits eine Lesehalle mit jüdischen Zeitschriften und Zeitungen für das große Publikum eingerichtet hatte. Der Berliner Verein hatte mehrere Vortragsabende, welche zum größten Theil in glänzender Weise verliefen. Folgende Borträge sind im Verlaufe des Winters bis zum 3. Mai dort abgehalten worden: „Das jüdische Schrifttum" von Dr. Karpeles, „Mikroorganismen im Talmud" von Dr. R o w u i t z ki, „Bibelübersetzungen" von Dr. D. Cassel, „Die Blutbeschuldiguug" von Dr. I. Müller, „Das Gebet in der Bibel" von Frau N a h i d a Rem y, und schließlich „Das Gebet im Talmud" von derselben. Der glänzendste Abend ivar der letzte, der für den Verein in gewisser Beziehung ein historischer war. <>00—700 Personen aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung, darunter die vornemsteu, reichsten, gebildetsten und angesehensten, hatten sich am 3. Mai in einem eleganten Saale versammelt, uni auf die Worte einer vom Judenthuine begeisterten Christin zu lauschen. Mit einer staunenswerten Sachkenntnis, überzeugt und überzeugend erläuterte sie den Geist des jüdischen Gebetes, wie es im Talmud zu finden ist. Sie vertrat vor allem den Standpunkt, dass das talniudische Gebet keinen Egoismus kenne, indem im Talmud eingcschärft tverde, bei besonders freudigen, oder schmerzreichen Ereignissen kein Flehen an Gott zu richten. Wie Perlen reihten sich die Erzählungen aus der hagadischen Literatur an einander, wunderbare Sagen, bunte, Märchen schöne Traditionen, psychologische Momente; aus jeder Erzählung zog sie einen Schluss, der das Judentum in seiner Erhabenheit und Herrlichkeit zeigte. Mochte an diesem Abend jedes Wort aus dem Munde der vortrefflichen Rednerin für die anwesenden Töchter Israels tief beschämend sein, so zündete es doch andererseits und entflammte so manches empfängliche, noch nicht ganz von den Vorurtheilen der Gegenwart verzehrte Gemüth. Das war doch kein bezahlter Rabbiner, der da sprach, es war doch keilt Fanatiker — nein, eine Frau mit den Anschauungen und der Bildung der jetzigen Gesellschaft, ja, eine Fremde war es, welche mit so glühendem Interesse von den Schicksalen des jüdischen Volkes sprach, wie sollte