Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 11 (7.6.1892)
- Date
- 1892-06-07
- Page
- Seite 107 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Seite 107. Selbst-Emancipation Jlldcnkravalle nur darum hier nicht Vorkommen, weil die preußische Polizei dein kleinsten Kravalle gegenüber keine große Liebenswürdigkeit zeigt. Noch eine andere Schlußfolgerung machten wir, dass nämlich solche Versammlungen unbedingt zum Nation» ljudcnthum führen müssen. Wie glücklich hätten sich die Juden nach dem geschilderten Abende schätzen können,' wenn ihnen die nationale Idee in ihrem vollen Maße bekannt gewesen wäre, wie hätte sie dieselben in ihrem Unmuthe trösten können? Eine bald nach diesem Borfalle gehaltene Rede über das jüdisch-nationale Programm hätte sicherlich eine größere Anzahl von Anfängern der Idee erworben. L. M III. Berlin, 27. Mai. Es ist eine dem Kundigen wohlbekannte Thatsachc, dass die jüdisch fühlenden Israeliten in Deutschland, von wenigen Ausnahmen abgesehen, officiellwenigstens ihr ganzes Interesse bis jetzt nur der religiösen Seite des Judentums zugcwcndct haben. Dieses Factum ist unangenehm, aber eine Thatsache darf nicht übersehen oder vergessen werden, selbst wenn sie unangenehm, ja, gerade dann muss sie erst recht beherzigt werden. Zu unserem Tröste muss allerdings zugestanden werden, dass bei den deutschen Juden in Bezug auf die Begriffe des Nationalen und Religiösen im jüdischen Leben und Wesen eine große Verwirrung herrscht. Wer in Deutschland in dem Sinne conservativ ist, dass ihm jüdische Gebräuche historischen Inhaltes lieb und thcner sind, der Jude, der an jüdisch-nationalen Fasten seine besondere Freude hat, selbst derjenige, welcher mit Begeisterung die fernere Ausbildung der jüdischen nicht kirchlichen Literatur anstrebt und auf die Erhaltung der spezifischen Eigcnthümlichkeiten des jüdischen Geistes ein außerordentliches Gewicht legt — alle diese instiuctiven Gegner der Assimilation verfallen gar häufig in den Jrrthum sich für orthodox oder mindestens für äußerst religiös zu halten. Zwar beruht hier die Selbsttäuschung nur in der äußerlichen Form, aber wenn die falsche Form zur Gewohnheit wird, so nimmt auch das Innere nicht selten einen anderen Charakter an und führt eine Reihe unverbesserlicher Übelstände nach sich. Wenn z. B. in Deutschland dasjüdischc Bewusstsein durch irgend einen Anstoß gehoben wird, so vergrößert sich die kirchliche Macht, es füllt sich die Synagoge, und zwar nicht nur jene, welche dem jüdischen Volke in seiner Noth gewissermaßen ein Heim bietet, sondern auch d i e Synagoge, welche als Abklatsch fremden Wesens uns auf Schritt und Tritt an unsere Nachäffungsmethode mahnt. Während des letzten Jahrzehntes trat diese Erscheinung hier wiederholt zu Tage. Einen sehr traurigen Eindruck machte die jüdische Zeitungsliteratur, welche Dank diesem Umstande einen gewissen Aufschwung zu nehmen vermochte. Was sollten sie von den inneren Vorgängen ini jüdischen Leben schreiben, russische Juden und Antisemitismus waren noch interessante Themata, aber sonst war alles Carricatur; nian verlegte sich deswegen auf Berichte über Synagogencinweihungen, Lehrerjubiläen, Hochzeiten von Cantoren- Töchtern, Ordensverleihungen, gütige Urtheile irgend welcher Christen über Juden :c. Hierin hat sich im verflossenen Winter so manches geändert, da das deutsche Israel sich etwas zu regen begonnen. Zwar ist noch immer das ausschließliche Schlagwort Religion, aber wie viel davon mag sich gerade auf das Nationaljudcntnm beziehen und demselben zu Gute kommen, wenn es auch feststeht, dass speciell die ultraorthodoxen Juden, beispielsweise die Anhänger des fanatischen „Israelit", als die erbittersten Gegner der Nationalidee sich bewährt haben. Wenn jedoch in den letzten Monaten in deutsch-jüdischen Kreisen von Religion häufig die Rede war, so handelte es sich nicht um das Beten, sondern um das Lernen. Es ist schon erfreulich, wenn hier von der Verbesserung des Religionsunterrichtes gesprochen wird. Da darunter der jüdischgeschichtliche verstanden wird, — und wenn es auch versucht wird, diesem letzteren beständig einen kirchlichen Beigeschmack zu verleihen, so ist cs doch nicht möglich, die Thatsachcn zu fälschen. Als am 27. März der sechste Gemeindetag des deutsch-israelitischen Gemeindebundes hier tagte, wurde die Begründung eines Fondcs zur Hebung des Religionsunterrichtes erörtert und folgende Resolution angenommen: „Der Gemeindctag erklärt die Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes als Unterrichtsgegenstand in den Lehrplan der öffentlichen Schulen für eine unerläßliche Forderung und beauftragt den Ausschuss: Die Frage, in welcher Weise dieser Anspruch wirksam zu verfolgen ist, zu prüfen und über das Ergebniß dem Gemeindetage zu berichten." Es ist übrigens charakteristisch, dass die liberale „Voffischc Zeitung" damals über diesen Beschluss in ganz häßlicher Form hcrficl, während die „Kreuz-Zeitung" neuerdings denselben in einer längeren Besprechung mit Freuden begrüßte. Diese sah in der erwähnten Begebenheit nur eine Folge antisemitischer Forderungen, also einen Sieg der judenfeindlichen Partei, wogegen die liberale Zeitung, welche nicht das geringste Verständnis für den Unterschied zwischen dem jüdischen und christlichen Religionsunterrichte offenbarte, sich einsach zu schweren Ausfällen auf hochstehende jüdische Personen, besonders Tr. H. Hildesheimer gegenüber herbeiließ. Da hieß es: „Herr Stöcker und Herr Hildesheimer sind gelegentlich bereit, berserkerhast auf einander loszufahren; aber sie sind noch bereiter. Arm in Arm mit der katholischen Klerisei die Bildung des Jahrhunderts in die Schranken zu fordern." Antisemitisch klang sogar folgende Stelle: „Von wem soll die Befähigung zur Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichtes bezeugt werden? Etwa von irgend einem Wunderrabi oder von der Bildungsanstalt des Herrn Hildesheimer, die für den geistigen Fortschritt des Judentums ungefähr dieselbe Bedeutung hat?" Diese Aufregung war durch das energische Auftreten von Dr. Hildesheimer hervorgerufen, welcher in mancher Hinsicht auf die damalige Conferenz einen bestimmenden Einfluss ausgeübt hatte. Damit jedoch hatte es sich herausgestellt, dass die orthodoxe jüdische Richtung auch von den freisinnigen Blättern arg befehdet wurde und also vollkommen auf sich selbst angewiesen sei, obzwar der Liberalismus es nicht verschmäht sich in nötigen Fällen der Hilfe orthodoxer Juden zu bedienen. Alan sieht also, ein wie geringes Recht ein Theil der Judenheit hat, sich mit der liberalen Partei zu identifiziren; ohne jedoch politische Reife zu besitzen, ohne vor allem bestimmte Ansprüche zu machen, unterstützen hier die glaubenseistigsten Israeliten die freisinnige Partei mit dem ganzen Aufgebote ihrer Kräfte, was dann nicht selten zu Mißverständnissen führt. Würden die Juden als Juden der liberalen Fraktion sich anschließen, dann würden sie eine viel angesehenere Rolle spielen, ohne dass sie ihre eigenen inneren Prinzipien zu verleugnen brauchten. Als das bekannte, vielbesprochene und gefürchtete Volksschulgesetz, welches die obligatorische Einführung des Religionsunterrichtes bezweckte, scheiterte, da zeigte sich in hervorragendem Maße der Unterschied zwischen der Stimmung der jüdischen Bevölkerung und derjenigen der liberalen Klassen. Sticht nur hatte die Einreichung einer Petition an das Abgeordnetenhaus in welchem nach dem Muster der vvraugegangenen massenhaften Kundgebungen gegen das neue Schulgesetz Protest erhoben werden sollte, beim deutsch-jüdischen Gemeindebund keinen Anklang gcsilnden, sondern der größere Theil der jüdischen Presse beklagte ausdrücklich den Sturz der neuen Vorlage, und während der leiseste Liberalismus mit unbegrenztem Jubel das Scheitern des Schulgesetzes aufnahm, empfanden sogar freiere Elemente des Judentums dieses Resultat niit einem gewissen Mißmuthe. Der bekannte