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Selbst-Emancipation · 1892-06-07 · Heft 11 (7.6.1892) · p. Seite 106

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 11 (7.6.1892)
Date
1892-06-07
Page
Seite 106 (sequence 4)
Language
German
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Seite 106. - Selbst-Emancipation Nr. 11. nicht vor dem Gefühl der Fremdheit und Ungleichheit, mit welchem auch heute noch der christliche Deutsche dem jüdischen vielfach gegenübcrstehc, und das, wie der gegenwärtige Augenblick einmal wieder zeige, allerdings eine Gefahr in sich trage, für sie wie für uns. „Der Bürgerkrieg einer Majorität gegen eine Minorität auch nur als Möglichkeit, ist eine nationale Kalamität. Die Schuld daran liegt allerdings zum Theile bei den Juden." — „Wem sein Gewissen", heißt cs weiter, „sei cs positiv oder negativ, cs verbietet, dem Judcntumc abzusagcn und sich zum Christentume zu bekennen, der wird den: entsprechend handeln und die Folgen auf sich nehmen; Betrachtungen dieser Art gehören in das Känmicrlcin, nicht in die' öffentliche Discussion. Aber cs ist eine notorische Thatsache, dass eine große Anzahl von Juden nicht von Gewisscnsbcdcnken vom Uebertritt abgchalten würden, sondern lediglich durch ganz andere Gefühle, die ich begreifen,abernicht billigen kann.*)Auchdiczahlreichen specifisch-jüdischen Wohlthätigkeitsvercinc seien entschieden von Ucbel; bei aller Achtung von dem Streben und Leisten dieser Vereine könne er in ihrer Sonderexistenz nur eine Nachwirkung der Schutzjudenhcit erkennen. Der Eintritt in eine große Nation koste seinen Preis, das man dem gemeinsamen Vatcrlande geben müsse. Außerhalb der Schranken der Christenheit zu bleiben und innerhalb der Nation zu stehen, sei möglich, aber schwer und gefahrvoll. Dies ist die Ansicht nicht etwa allein von Mommsen, sondern aller freiheitlich gesinnten Gegner der Judcnhctze, und wer cs in Deutschland mit seinem Deutschtum ehrlich meint, muss chatsächlich darnach handeln, um die Zufriedenheit von Hartmann, Virchow, Mommsen, möglicherweise sogar von Stöcker, Trcitschka etc. zu erreichen. Erst als getaufte Juden werden die deutschen Israeliten wirkliche-Unterstützung von Seiten ihrer Freunde ihren Feinden gegenüber finden, ja, die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, dass sie dann nach Jahrhunderten tiefster Erniedrigung in dem großen deutschen Volke aufgehen würden. Dass nicht wenige dieses Princip befolgen, beweist die jüngste Statistik der Uebertritte von Juden zun: Christentume; dennoch hätte die Zahl der jüdischen Convertiten in den Jahren 1877 und 1878 in Deutschland auf 50 und 57, dagegen 1887 und 1888 auf 240 und 348 sich belaufen. Wir Nationaljudcn brauchen wahrlich um die Vorväter nicht zu trauern, um sie, die die Zahl der Verfolgten vermindern und die der Verfolger vernichrcn, — mögen sic Weggehen, unsere edelsten Elemente waren sic doch nicht, — aber manche Lehre könnten die nur etwas jüdisch Fühlenden daraus ziehen. Die ineisten Juden übrigens sehen, wie schon hcrvorgehoben, nicht in der Taufe ihr Heil, sondern in der regulären Bekämpfung des Judenhasses, aber nicht in der Weise, dass man in: Schmutz der Vergangenheit irgend eines feindlichen Apostels hermnwühlt, ja den kleinsten Flecken in der Ehre irgend eines Antisemitenhäuptlings aufdcckt, eine Kampfmethode, die in: verflossenen Jahrzehnte gang und gäbe war. Jetzt reisen ei:dlich mehrere Redner herum, un: agitatorisch gegen die Judenhetze aufzutreten, so vornehmlich Lirent, Gräbner, der Sekretär des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus", so Dr. Winter in Hessen, ebenso Professor Stengel,Küchenmeister u. A. Diese Versammlungen pflegen dann gewöhnlich einen antisemitischen Charakter anzunchinen, um dem Philosemitismus fortwährende Stöße zu versetzen. Neulich hatten wir das Vergnügen, einer solchen Versammlung der „Vereinigung zur Bekämpfung der Raccnhetze" beizuwohnen und hatten die besondere Freude mit heilen Gliedern davonzukommen. Der Referent an diesem Abend war ein jüdischer Schriftsteller Blankenburg, wel- *) Die Armierungen Mommsen sind der Allg. Zeitung des Judentums entnommen. eher mit scharfen Worten sein Judentum verfocht, ohne es sedoch verineidcn zu können, dass er durch seine Widersprüche der Lächerlichkeit anhcimfiel. Er berief sich darauf, dass die Deutschen den Juden einen Theil ihrer Cultur zu verdanken haben, indem sie von ihnen den Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" gelernt, er sagte der tansendköpfigen Menge, dass die Juden nur deswegen gehaßt werden, weil sie ihre Mitbürger an Geist überragen, er führte mit einem gewissen Stolze die jüdische Wohlthätigkcit an, wobei er hinzufügte, dass die Israeliten nur einen Herrscher besitzen, nämlich ihr jüdisches Herz. Dann aber stellte er die lächerliche und falsche Behauptung auf, dass die Deutschen nur Dank den: jüdischen Einflüsse national geworden, nur von den Juden den Begriff des Nationalbewusstseins gelernt haben. Bei diesen Worten erhob sich ein fürchterlicher Lärn: seitens der in großer Menge anwesenden Antisemiten, und die Versammlung wäre gewiß gesprengt worden, wenn nicht der Vorsitzende, der Antisemit war, seinen Freunden Ruhe geboten hätte, un: die Ehre des Antisemitismus zu wahren. Nach der langen Rede des Neercnten, welche mit beständigen Zischen und Toben begleitet war, kamen mehrere Antisciniten zu Worte, zuerst B o d a ck, welcher provisorisch als Präses der Versammlung gewählt war, weil die Antisemiten gleich beim Beginne derselben gedroht hatten, sic zu sprengen; im Anfänge führte er den höchst ondcrbaren Grundsatz durch, dass die Juden eine Nation nlden, die ihre Sonderintcressen besitze, dann aber gab er es nicht zu, dass die Juden den Satz der Nächstenliebe aufgetellt, wodurch cs einen Heidenlärm unter den Juden erregte. Da — was geht int <Saaic vor? Nun, alles rennt an die Thüre, .während' in der Luft Stühle, Stöcke und andere Geräthe Herumflicgei:, mindestens hundert Personen prügelten einander mehrere Minuten lang, so dass es nachher mehrere Verwundete gab, während auf den: Fußboden zerbrochene Stühle dalagen. Diese Szene wiederholte sich am selben Abende in kleineren: Maße mchrinals, so oft nämlich die Haltung der Juden den Antisemiten mißfiel. Doch auch uns gefiel das Benehnren der Anwesenden Juden nicht sonderlich. Abgesehen davon, dass dieselben nur in geringem Maße sich zur Wehr setztet: — natürlich gab cs mehrere Ausnahmen, — fühltet: wir uns hauptsächlich beschämt, als die Juden einen: bekannten Antiscmitci: nur darum rauschenden Beifall zollten, weil er sagte, er gehöre nicht zur Ahlwardt'schcn Sorte, ja, er verklage diesen des Landesverrathes, weil er der Welt die Schwäche Deutschlands, welche allerdings vorhan- ' den sei, offenbart habe; das wehrlose Vaterland köi:i:e jetzt leicht in schwere und verhängnisvolle Vcrwickl::t:gcn gerathen. Die Juden verlangtet: sogar ausdrücklich, dass er weiter sprechen solle, als die Antisemiten ihn au: Reden verhindern wolltet:. Nachdem jetzt von neuem die gegenseitige Bekämpfung in einfacherer Weise vor sich ging, besonders als am Vorstandstische sich mehrere Herren in den Haaren lagen, da sah offenbar der aiuvesendc Polizeilieutenant ein, dass für die weiteren Verhandlungen weder der Vorstaitdtisch noch der Saal nothwcndig sei, und löste die Versammlung auf; draußen sorgte eine größere Anzahl von Schutzleuten dafür, dass die Schlacht nicht wiederum beginnen sollte. Die wcggehenden Israeliten aber empfanden tief den ihnen augethancn Schimpf, sie lächelten wahrlich nicht über die theilweise ko,nischen Vorfälle; an diesem Abende hatten sie einmal das Naturalcment des Judenhasses gesehen. Was sollten denn sonst die drohenden Blicke, die geballten Fäuste, das grinsende Lachen der wütenden Judenfeinde bedeuten? Hier musste sich jeder sagen, dass der Antisemitismus doch wohl schwerlich ein künstlicher Gewächs sein könne, dass er wohl eine Idee in sich verkörpern müsse, dass diese Verirrung noch furchtbar werden, und dass schließlich dieselbe weder durch Geld noch durch über- - zeugende Reden ausgcrotict werden könne. Wir wollen nicht schwarzseherisch sprechen, aber wir sind fest überzeugt, dass

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